Jahrgang 
1865
Seite
280
Einzelbild herunterladen

280

ſagen mag, ſo trat hier die Sorge für die Familie, die Liebe zu ihren Kleinen doch zu ſichtbar hervor, und obwohl die Körperbildung dieſer Thiere eine Aehnlichkeit mit uns nicht eben begünſtigte, ſo hatte die Todesangſt, die Verzweiflung, der verſuchte Widerſtand und die Flucht doch ſo viel Menſchliches, daß ich ſeltſam davon ergriffen war.

Und wirklich iſt es mehr die geiſtige Beſchaffenheit, welche den Affen über alle anderen Thiere erhebt, ihn gleichſam als vermittelndes Glied zwiſchen Menſch und Thier ſtellt. Bei keinem anderen Thiere, den intelligenteſten Hund nicht ausgenommen, liegt im Auge ſo klar der Ausdruck innerer Seelenſtimmung, bei keinem anderen iſt Ver⸗

ſtand und Gefühl mehrſeitiger ausgebildet. Mit welcher Zärtlichkeit verhätſchelt die Aeffin ihr Kleines, wie grundverſchieden von den Ge⸗ fühlsäußerungen anderer Thiere iſt das Mitleid, der Schmerz beim Tode eines Angehörigen bei ihnen ausgebildet, der Geſchmack, bei allen ſeinen Mitgeſchöpfen ein niederer Sinn, wird beim Affen zu einem behaglichen Schwelgen, und was vielleicht am ſchlagendſten für die hervorragende Stellung zeugt, die Liebe tritt beim Affen zuerſt, wenn auch unendlich verzerrt, ja grauenvoll, dennoch als eine Leiden⸗ ſchaft hervor, die mit ihren Neigungen wähleriſch, und nicht bloß in die eigne Sippe hineingreift.

Der Öchreckenstag von Le Mans.

Epiſode aus dem Vendéerkriege von George Hiltl. Schluß.)

Der edle General Marceau war mittlerweile auf dem Kampf⸗ platze erſchienen. Ihm gelang es endlich, dem Morden Einhalt zu thun, denn ohne Aufhören hatte das Eiſen der blutdürſtigen Scharen gewüthet. Wie Löwen fochten die Vendéer, aber es war ein Kampf der Verzweiflung, ſchon ſank der Abend hernieder, man hieb, ſtach und feuerte auf einander, Freund zuletzt gegen Freund. Der General⸗ marſch rief die republikaniſche Armee zuſammen; während deſſen ord⸗ nete ſich die Flucht der Vendéer.

auf den Armen, Mütter die Säuglinge an der Bruſt, hinter und neben ſich die wimmernden Kinder, kletterten über Hügel von Leichen. Hier traf man auf eine ſterbende Mutter, in deren Armen ein ſchreiendes Kindchen lag, dort verendete ein junger Mann neben ſeinem ohn⸗ mächtigen Vater, den er nicht weiter ſchleppen konnte, denn eine Kugel hatte das Bein des Jünglings zerſchmettert. Von Haus zu Haus, von Gaſſe zu Gaſſe hetzte und jagte man ſich, bis endlich ein Theil zerhauen, blutend und durchſtochen das Freie gewann. Von Le Mans bis jenſeit Laval wirbelte alles durcheinander in wilder Flucht und keine fünf Schritte konnte man gehen, ohne auf Todte oder Verwun⸗ dete zu ſtoßen.

Ich ſah gegen vier Uhr Nachmittags die Gattin des gebliebenen Generals Lescure mit ihrem Kinde durch die Straßen irren, ein treuer Diener: Bontemps riß ihr das Kind hinweg mit dem Rufe:Ich rette den Sohn meines Herrn.

Wer davon kam, rettete ſich in die halb mit Waſſer gefüllten Gräben. Alles ſtob nach verſchiedenen Richtungen aus einander. Von der Finſterniß begünſtigt, ſuchte der damalige Abbé Jagault ſechszig Frauen, welche von den wüthenden Soldaten verfolgt wurden, zu retten. Selbſt zu ſchwach, eine Waffe zu führen, erhob der helden⸗ müthige junge Mann das heilige Crucifix.Heran, Ihr Manner der Vendée, im Namen Gottes, rief er,ſchützt die Schwachen. Sterbt für ſie! Schart Euch um mich und haltet die Feinde auf, bis Eure Frauen geflüchtet ſind. Seine Stimme ward gehört. Um den Geiſtlichen ſcharen ſich die Vendéer, ein wüthender Kampf mit den verfolgenden Feinden beginnt. Gleich Geſpenſtern huſchen die Reiter von allen Seiten durch das Feld, Geklirr und Geheul überall, ſie treffen auf einander, die Leute des Abbés ſtehen zuſammen, die Frauen entwiſchen glücklich, aber neunzig Vendéer liegen auf dem Platze. Ein Hieb über den Kopf hat den Abbé zu Boden geworfen. Nach langer Ohnmacht kommt er wieder zum Bewußtſein. Als er den Kopf erhebt, die Augen aufſchlägt, iſt rings um ihn her tiefe Nacht. Nur aus der Ferne ſchallt noch wüſtes Geſchrei, er hört einzelne Schüſſe, zuweilen jagen Reiter vorüber, dann tönen Com⸗ mandorufe endlich tiefe Stille. Die Erinnerung kehrt zurück. Der Abbé taſtet um ſich wohin er fühlt, eine Leiche. Immer weiter fühlt er, und wohin er ſich wendet ein Erſchlagener. Unter Todten hat er den größten Theil der Nacht zugebracht, ſtumm, in ihrem Blute ſchwimmend liegen ſie da. Horch ein leiſes Wimmern, unter dem Hügel der Leichen dringt es hervor. Der Abbé ſchleppt ſich zur Stelle, ein Arm hebt ſich zuckend empor; von all den Ge⸗ fallenen noch Einer lebend! Jagault naht auf den Knieen heran⸗ kriechend. Trotz der Dunkelheit ſcheint der Aechzende den Abbé zu erkennen, denn er hat das Gewand des Geiſtlichen erfaßt, die Hand taſtet nach dem Gürtel Jagaults, wo der Roſenkranz hängt, der Abbé

Männer ſah man durch das Feuer der Gewehre und des Geſchützes hindurcheilen, ſie trugen ihre Väter

verſteht die MNahnung des Wimmernden, er nimmt das mit Blut be⸗ fleckte Crucifix und drückt es ſanft auf die Lippen des Sterbenden. Ein tiefer, letzter Seufzer eine ſtumme Beichte unter den Leichen, in den Schauern der Nacht, der Kopf des Mannes ſinkt zurück. Nun iſt es ganz ſtill. Der letzte von den Neunzigen hat geendet.

Die Alte holte tief Athem. Sie blickte die Bilder der Reihe nach an und ſtützte den Kopf in die Hand. Wiſſen Sie, daß der nichtswürdige Cretineau nach Paris ſchrieb:In Le Mans haben wir nichts geſchont, was vor die Klinge kam. Kind, Greis, junger oder alter Mann, Frau oder Mädchen hat uns als Braten gedient, es war ein großes Schlachtfeſt. Das Neſt wird an uns denken. Dem Himmel ſei Dank, es ſind doch manche entkommen. Dahin gehören die Sapinauds. Einige von ihnen haben vielleicht Schlimmeres als den Tod erduldet, aber die Wunden ſind geheilt, der Kummer iſt ver⸗ ſchmerzt. Nun komme ich zu der verhängnißvollen Nummer. Madame de Joannis, von der ich Ihnen ſchon vorhin ſagte, iſt die Schweſter des Generals Sapinaud, der mitten unter den Kämpfern in Le Mans war. Sie ſelbſt, ihre beiden Schweſtern Aimée und Charlotte be⸗ fanden ſich in der Stadt. Sie waren der Armee gefolgt. Warum? weil ſie ihren alten Vater nicht verlaſſen wollten, der von Dorf zu Dorf flüchten mußte. Die Madame de Joannis, damals alſo Fräu⸗ lein Sophie von Sapinaud, hieß nur: die ſchöne Vendéerin. Zu jener Zeit fochten die Frauen mit und waren an ein hartes Leben an Entbehrung aller Art gewöhnt. Die Schweſtern folgten dem Bruder. Sie ſchliefen in ihre Mäntel gewickelt auf harter Erde, ſie durſteten und hungerten. Als das Gemetzel in Le Mans ſeinen Höhepunkt erreicht hatte, ſuchten die Schweſtern mit dem kranken Vater zu flüchten. An der Ecke der Straße Dorée riß eine Menſchenwoge die Flüchtenden von einander.

Fräulein Sophie von Sapinaud irrte jammernd umher zwiſchen Henkern und Schlachtopfern. Im Gewirre des furchtbaren Tages ſtieß ſie auf eine Freundin: Fräulein Roberte de Lezardiere. Die beiden Damen bemächtigten ſich eines hinkenden Pferdes, ſchwangen ſich hinauf und gelangten glücklich, von dem Menſchenſtrome getragen zur Stadt hinaus. In der Pachtwohnung eines treuen, ergebenen Mannes wechſelten ſie die Kleider und in der Tracht der Bäuerinnen jener Gegend eilten beide durch die mit Leichen beſäeten Landſtraßen. Nach kurzer Flucht wurden ſie von einem Trupp Nationalgarden an⸗ gehalten.Wo wollt Ihr hin?Nach Bourg le Brulon. Die zitternden Frauen bemerkten nicht, daß der genannte Ort hinter ihnen lag.Ihr ſeid Verdächtige. Ihr ſeid Feinde der Freiheit. Fort mit Euch. Während des Transportes hörten die Damen ſchon, daß ihnen keine Stunde mehr zu leben geſchenkt ſei. Sie würden ſogleich nach ihrer Ankunft erſchoſſen werden, hieß es. In Bourg le Brulon angekommen, wurden ſie ihrer Friesjacken beraubt. Man ſperrte die vor Angſt und Kälte zitternden Opfer mit noch einigen vierzig Unglücklichen in eine verlaſſene Kapelle. Nach wenigen Stunden erſchien der Friedensrichter. Es war ein junger Mann, Namens Tiſon. Sein Auge verrieth Gefühl. 1 pinaud fand Gelegenheit, ſich ihm zu entdecken.Um Gotteswillen ſtill, flüſterte Tiſon.Laſſen Sie mich machen. Die Damen wurden am folgenden Tage zu ihm geführt. Sie blieben fünf Monat im Hauſe des Richters verborgen, denn die Zahl der Opfer war ſo groß, daß man auf einige mehr oder weniger nicht achtete. Endlich

Fräulein von Sa⸗