Jahrgang 
1865
Seite
274
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Cazikin gerettet worden ſei. Dem ſei aber wie ihm wolle, die Spanier hatten uns bald unterjocht, und jetzt wiſſen wir, deren Ur⸗ eltern im Lande geboren, ſelbſt nicht, ob wir Copiapoer, Spanier oder Chilenen ſind..

Nachdem man das Dorf Ramadilla hinter ſich hatte, begann die Gegend wieder öde und unfruchtbar zu werden, und jetzt erklärte der Aufſeher, daß die alten Incas während ihres Eroberungszuges gegen Chile hier bedeutende Feſtungswerke aufgerichtet hätten, von welchen noch einiges zu ſehen wäre, als aber Benito über die kleinen Steinhaufen lachte, welche er ihm zeigte, ſagte der Aufſeher, indem er gegen Norden zeigte:

Lacht nur; wenn Ihr ſehen würdet, was dort liegt, würdet Ihr nicht mehr lachen. Dort liegt unſere Wüſte, il Desierto de Copiapo, an welche ſich die von Atacama anſchließt, und dort iſt es ſchlimmer als ſchlimm, und ſelbſt der Teufel hält ſich dort nur während der Weihnachtszeit auf, da er in dieſen Tagen die Menſchen nicht beläſtigen darf.

Die Reiſenden erreichten in der Nacht den Hafen, und zur un⸗ gemeinen Verwunderung Benitos ſchickte man ſich an, in einer Höhle zu übernachten, welche dicht am Landungsplatze gelegen war. Er beſann ſich indeſſen nicht lange über dieſen eigenthümlichen Aufent⸗ halt, ſondern pflegte der lange entbehrten Ruhe auf den Pelzdecken ſeines Sattels, nachdem er den mitgebrachten Vorräthen zuvor alle Ehre angethan hatte.

Noch mehr ſtaunte er, als er am andern Morgen aus der, übrigens ziemlich geräumigen Höhle trat, und über deren Eingang in franzöſiſcher Sprache die Aufſchrift fand:Gaſthaus für alle Nationen. Ohne Zweifel verdankten dieſe Worte franzöſiſchem Witze ihren Urſprung, während auf der andern Seite in der That die Nothwendigkeit Jedermann zwingt, dort eine Zuflucht zu ſuchen, da außer einer Bretterhütte und einigen ärmlichen, von Fiſchern bewohnten Lehmhütten nirgend eine Spur von menſchlichen Woh⸗ nungen zu erblicken war.

Der Aufſeher ſagte indeſſen, daß oben, auf der Höhe des Hafens, ſich das Haus eines Zollbeamten befände, zu welchem er ſich jetzt in Geſchäften begeben würde. Ihm aber, der ſelbſt eine Art geſchmuggelter Waare, empfahl er, bis zu ſeiner Rückkunft ſich nicht weit von der Höhle zu entfernen,aus Gründen!

Unſer Freund hatte nun hinlängliche Muße, die reizende Um⸗ gebung zu betrachten, in welche er, eigentlich wider ſeinen Willen, ver⸗ ſetzt worden war.

Das Becken des Hafens, beſtehend aus ſteilen, ſechszig bis acht⸗ zig Fuß hohen Felswänden, war gegen außen durch eine Unzahl von ſpitzen Felſen bewacht, gegen welche fortwährend eine furchtbare Brandung anſtürmte, und ohnweit dieſer Wächter, welche übrigens die Einfahrt ſelbſt gefährlich machen, lag ein kleiner, ſchwarz ange⸗ ſtrichener Schooner, das einzige Schiff im Hafen, und ohne Zweifel dasjenige, welches ihn nach Cobija bringen ſollte, und mit Ausnahme eines, jenem unſichtbaren Zollbedienten angehörigen Bootes, war auch kein kleineres Fahrzeug zu erblicken.

Eine herrliche Gegend, ein reizender, belebter Hafen, dachte Benito, und dann ſann er darüber nach, welcher Art die Geſchäfte wohl wären, welche der Aufſeher im Auftrage ſeines Herrn bei dem Zollbedienten zu beſorgen habe, und er kam der Wahrheit ziemlich nahe, indem er eine Sendung von Erzen nach Cobija vermuthete, bei welcher ſein Freund und der Zollbediente einen größeren Vortheil hätten, als die Regierung und die Mauth, und endlich beſchäftigte er ſich mit ſeinen eigenen Angelegenheiten und fragte ſich, was er in Cobija beginnen werde.

Der Gebrauch, der allenthalben an der Weſtküſte herrſcht, ſtets eine nach unſeren Begriffen ziemlich große Summe Geldes bei ſich zu tragen, war ihm bisher trefflich zu ſtatten gekommen, und die Goldſtücke, welche er zufällig in ſeiner Börſe trug, als er zu fliehen genöthigt war, hatten ihn in den Stand geſetzt, die Koſten der Reiſe beſtreiten und mehrmals friſche Pferde kaufen zu können. In Co⸗ bija aber konnte ſein Geld nicht lange mehr ausreichen.

Was dann?

Daß einer ſeiner Kameraden daran gedacht haben würde, ſein in Valparaiſo zurückgelaſſenes baares Geld und einige ihm gehörige Koſtbarkeiten zu retten, war nicht wohl zu denken. Die meiſten waren wohl allzu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, und diejenigen, welche nicht gefangen genommen wurden, irrten, ohne Zweifel, gleich ihm

flüchtig umher. Dann griff auch die Regierung raſch zu, ſein Ver⸗ mögen wurde konfiscirt, und bis er vielleicht ſpäter begnadigt würde, konnte er längſt verhungert ſein.

Das alles waren keine angenehmen Gedanken, und obgleich dieſelben gewiſſermaßen vortrefflich zu der reizenden Gegend paßten, in welcher er ſich eben befand, ſo ſuchte er ſie ſich dennoch aus dem Sinne zu ſchlagen. Vor allem nahm er ſich vor, in Cobija ordent lich auszuruhen. Einige Wochen reichte ſein Geld wohl aus, und ſchrieb er von dort nach Hauſe, ſo gelang es vielleicht doch, einen Theil ſeiner Habe zu retten.

Noch beſchäftigt mit ſolchen Plänen, ſah er den Aufſeher ſich dem Landungsplatze nahen und ihm winken, und nachdem er mit demſelben an Bord des Schooners gefahren war, erſuchte er ihn, ſo lange auf Deck zu bleiben, bis er mit dem Capitän geſprochen haben würde. Dieſes Geſpräch aber, deſſen Gegenſtand wahrſcheinlich Benito ſelbſt war, währte nur kurze Zeit, und jetzt, nachdem der Aufſeher wieder auf Deck erſchienen war, entwickelte ſich plötzlich eine ganz ungewöhnliche Eile und Thätigkeit an Bord.

Der Capitän, ein kleiner und übel ausſehender Burſche, er⸗ ſchien fluchend und ſcheltend auf Deck, die vier Matroſen, aus welchen die ganze Bemannung des Schooners beſtand, lichteten den Anker und klärten die Segel, und kurze Zeit darauf ſchoß das Schiff zwiſchen Felſen und Klippen hindurch, und über die toſende Brandung hinweg, hinaus in die offene See.

Was den Aufſeher betraf, ſo hatte er, ehe er in ſein Boot ſtieg, Benito flüchtig gegrüßt, etwa wie einen alten Bekannten, den man in einigen Stunden wieder zu ſehen glaubt, und Benito ſeinerſeits nahm ſich nicht einmal die Mühe, ihm nachzublicken, da ihn die Schnelligkeit intereſſirte, mit welcher die wenigen Menſchen das Schiff klar machten, und hierauf die Geſchicklichkeit, mit welcher ſie es aus dem Hafen brachten. Dann warf er einen Blick auf die dunklen, felſigen Ufer, welche, außerhalb des Hafens, die Küſte bildeten, und dann dann kroch er in den Winkel, welchen man ihm überlaſſen hatte und ſeine Koije nannte, und verwünſchte zuerſt die See und den Schooner, endlich aber verwünſchte er nichts mehr, fürchtete und hoffte nichts mehr, und dann verſchwand ihm auch die letzte Spur eines Gedankens, der GedankeLand!

Der arme Burſche war ſeekrank geworden und blieb in dieſem überaus angenehmen Zuſtande, bis acht Tage ſpäter der Schooner im Hafen von Cobija Anker warf.

Da bei vielen Individuen die Seekrankheit faſt noch raſcher verſchwindet als ſie gekommen, ſobald nur das Schwanken des Schiffes aufgehört hat, und Benito glücklicher Weiſe zu dieſen ge⸗ hörte, ſo begab er ſich jetzt auf Deck, und betrachtete, während der Capitän ſich ans Land begeben hatte, die Stadt, in welcher er einige Wochen ausruhen wollte.

Da Benito noch nie eine Stadt mit vollkommen flachen Dächern geſehen hatte, ſo glaubte er anfangs einen Stapelplatz vor ſich zu haben, auf welchen man einige hundert große, hölzerne Kiſten reihenweiſe zuſammengeſtellt habe, ſpäter bemerkte er, daß dieſe Kiſten an vielen Stellen größere und kleinere Löcher hatten, und endlich fand er, daß die Kiſten die Häuſer der Stadt Cobija, und die Löcher in denſelben die Thüren und Fenſter waren.

Dieſe Häuſer, und es gab deren in der That nur drei oder vier, welche neben dem Erdgeſchoſſe noch ein Stockwerk hatten, waren von Lehm erbaut, oder aus Brettern, ſagen wir conſtruirt, um nicht zuſammengenagelt ſagen zu müſſen, und befanden ſich auf einem nicht ſehr breiten gelben, ſonnenverbrannten Erdſtreifen, der auf der einen Seite von der See beſpült wurde, während hinter ihm, ſchroff an⸗ ſteigend, und hin und wieder von tiefen Schluchten durchſchnitten, ſich eine Reihe von dunkelbraunen Bergen erhob.

Was die Vegetation betraf, ſo ſah ſich Benito vergeblich um nach einem einzigen Blatte, nach einem Halme, und die einzige Ab⸗ wechslung, denn man konnte nicht ſagen: das Belebende, war der, auf einem aus Schutt und Gerölle beſtehenden Hügel ſich befindende Friedhof und eine gewiſſe Anzahl ſpitzer, ſchwarzer Baſaltfelſen, welche das Ufer ſäumten, am Fuße der Berge ſich vordrängten und noch an allerlei andern Orten zum Vorſchein kamen, wo man ſie noch weniger brauchen konnte.

Beluſtigen werde ich in dieſem reizenden Cobija mich nicht, ſagte Benito zu ſich ſelbſt,aber ich werde ausruhen, ich werde nach Hauſe ſchreiben, und dies iſt mir vorläufig hinreichend.

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