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Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen. Erſcheint wöchentlich und iſt durch alle Buchhandlungen und Poſtämter vierteljährlich für 15 Sgr. zu beziehen. Kann im Wege des Buchhandels auch in Monatsheften bezogen werden.
1865.
Ausgegeben im Februar 1865. Der Jahrgang läuft vom October 1864 bis dahin 1865.
Nö 20.
Tupa, das Indianermädchen..
Von Ernſt von Bibra. (Fortſetzung.)
Es dauerte indeſſen ziemlich lange bis er wieder erſchien und
Benito ins Innere des Hauſes und zum Geſchäftsfreunde ſeines Herrn führte, einem ältlichen Manne, welcher Benito mit mehr Neu⸗
gierde als Höflichkeit einige Augenblicke lang ſchweigend betrachtete,
und dann ſagte:
„Da es Euer Wunſch iſt, Sennor, ſo bald als möglich das Land zu verlaſſen, ſo habe ich Anſtalt getroffen, daß Ihr bereits in einer Viertelſtunde Copiapo verlaſſen und Euch zum Hafen begeben könnt.“
„Mein Wunſch iſt,“ erwiderte Benito ärgerlich,„einige Stunden wenigſtens zu ſchlafen, ehe ich irgend etwas anderes unternehme, und ich ſchwöre Euch, daß ich das thun will, und zwar jetzt ſogleich, und auf der Stelle.“
Er hatte bei dieſen Worten ſeinen Poncho abgenommen und blickte in der Stube umher, als ſuche er eine Ecke, um ſeinen Vorſatz ausführen zu können.
„Da könnte es ſich treffen, daß Ihr als Gefangener erwachen würdet,“ ſagte der Herr des Hauſes.
„Meinethalben.“
Der Hausherr wechſelte mit dem Aufſeher einen Blick, dieſer
zog die Schulter und machte eine unſchlüſſige Miene, und jetzt ſagte
der erſtere:
„Ich glaube, eine Stunde früher oder ſpäter wird wenig auf ſich haben, ich will Euch ſo lange Zeit gönnen.“
„Zwei Stunden,“ ſagte Benito.
„In Gottes Namen!“ Er öffnete eine in ein Nebengemach führende Thüre, und zeigte auf ein dort ſtehendes Bett, auf welches
ſich der junge Mann alsbald warf und einige Augenblicke ſpäter
bereits im tiefſten Schlafe lag.
Man hielt Wort, ja man ließ ihn noch einige Minuten länger
ſchlafen und ſetzte ihm, nachdem man ihn wachgerüttelt, ein derbes
Frühſtück vor, dann aber war kein Zögern mehr, und, nach nicht ganz
drei Stunden Aufenthalt, befand er ſich bereits auf dem Wege zum Hafen, abermals begleitet von dem Aufſeher und den Bergleuten.
So kurz die Raſt auch geweſen, ſo hatte ſie den Flüchtling doch bedeutend erquickt, und er blickte wohlgefällig auf die reiche Vegeta⸗ tion, welche ihn jetzt allenthalben umgab, und welche namentlich an den Ufern des Rio de Copiapo faſt üppig zu nennen, fehlten gleich⸗ V wohl die Bäume, ja ſelbſt faſt alles Geſträuche, ſo daß das Brenn⸗
holz, welches man in Ramadilla, einem von Bergleuten bewohnten kleinen Orte, bedarf, um Kupfer auszuſchmelzen, von der Cordillera geholt werden muß.
Der Aufſeher wurde jetzt etwas liebenswürdiger, denn während er bisher keine Sylbe geſprochen hatte, begann er, ſeiner Vaterſtadt Copiapo eine Lobrede zu halten.
„In den alten Zeiten,“ ſagte er,„ehe die Spanier ins Land gekommen, war unſere Gegend die fruchtbarſte in ganz Chile. Unſere Vorfahren, denn ich ſtamme von dem alten Volke von Copayapo ab, bauten Früchte, deren Namen jetzt ſelbſt in Vergeſſenheit gekommen ſind, Gemüſe und Hülſenfrüchte von der größten Schönheit, und, wie die Spanier ſelbſt berichteten, Mais von ſolcher Größe, daß deſſen Halme mit Lanzenſchäften verglichen wurden. Man nahm von allem dem, was man eben bedurfte, und ließ das Uebrige auf dem Felde, welches dann von den Guanacos verzehrt wurde, von denen man große Herden beſaß.
„Ganz ähnlich verfuhr man mit Gold und Silber, und mit dem Kupfer. Die Minen ſtanden offen, und zu aller Gebrauch, wer ein Gefäß bedurfte oder einen Schmuck, ging, ſo viel er eben nöthig hatte, ſich holen und fertigte ſich ſelbſt das Gewünſchte aus dem edlen Metalle. Das Kupfer, von dem man jetzt ſo großes Aufhebens macht, wurde nur zu gemeinem Geräthe benutzt, doch verachteten es unſere Väter nicht, da ihnen bekannt war, daß es ſich mit der Zeit in Silber verwandelt, ſo wie dieſes wieder endlich zu Gold wird.
„Der Adelantado, Don Diego de Almayro, kam, nachdem er die Cordillera überſchritten, zuerſt in unſer Land und wurde, ſammt ſeinen Soldaten, von uns auf das beſte aufgenommen, ebenſo wie ſpäter Don Pedro de Valdivia, obgleich einige behaupten wollen, daß wir uns als Verräther benommen, und Valdivia nur durch eine


