Jahrgang 
1865
Seite
271
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Kus meiner Aeſter-SHammlung. Von Dr. E. Baldamus.

Von Kindheit an habe ich eine beſondere Vorliebe für die Vögel gehabt. Sie iſt ein mütterliches Erbſtück. Einen größern Natur⸗ genuß habe ich nie gekannt, als die Beobachtung der geliebten Vögel in ihrem Leben und Treiben, in ihren Sitten und Eigenthümlichkeiten, beſonders beim Neſtbau. Und in der That beim Neſtbau und allem damit Zuſammenhängenden gipfeln ſich die bewunderns⸗ und liebens⸗ würdigen Kunſtfertigkeiten der lieben Geſchöpfe. Freilich ſind auch in der Vogelwelt Gaben und Fähigkeiten gar verſchieden ausgetheilt: es gibt Geſang⸗ und Baukünſtler erſten Ranges neben ausgemachten Stümpern; neben potenzirten Sanguinikern, ächten Künſtlerna⸗ turen die platteſten Phlegmatiker, die nichts kennen und können als Eſſen und Verdauen. Aber ſelbſt bei dieſen wirkt die Lisbe zur Nachkommenſchaft Wunder; ſie werden in derMaienzeit wenigſtens halbe Sanguiniker. Intereſſanter ſind jedoch jene echten Künſtler, und wenn wir ſchon ihre Werke bewundern, ſo iſt es noch anziehender, ſolche Künſtler erſten Ranges in ihrem großartigen Atelier bei der Arbeit zu belauſchen. Ich wähle für diesmal vier Neſter aus meiner Sammlung. Sie gehören ſämmtlich den beiden Kunſtzünften an, die man Korbflechter und Weber genannt hat. Das erſte gehört einem Europäer, dem altbekannten Pirol, Vogel Bülow oder Pfingſtvogel Oriolus salbula an, dem ſchwarzgelben Zugvogel, der einer der letzten Ankömmlinge nach Beginn des Mai das ſchon vielſtimmige Waldconcert durch ſeine ſonore Flötenſtimme bereichert. Es iſt ein gar niedliches, glattes und doch ſehr feſtes Körbchen, das an dieſer fingerſtarken, horizontalen Aſtgabel geflochten iſt! Wie macht's nur der Vogel, daß dieſe hundert Stückchen von Baumbaſt, Bindfaden, Wurzel⸗ und Baſtfaſern ſo feſt und in ſo gleichem Abſtande von den beiden Zweigen um dieſe gewickelt ſind, daß man eher die Zweige zer⸗ brechen, als die Anheftung zerreißen kann, und daß andererſeits alle Fäden ſo genau zwiſchen und unter den beiden Zweigen übereinander gehen, daß ſie die ſchöne runde Ausfütterung des Neſtes allſeitig ſtützen und tragen? Ei nun allein bringt er oder richtiger bringt Sie es auch nicht zu Stande denn die eigentlichen Baumeiſter unter den Vögeln ſind die Weibchen und will mir der freundliche Leſer auf ein halb Stündchen in den ſchönen friſchen Maienwald fol⸗ gen, ſo ſoll er's ſehen, wie es zugeht. Für dies halbe Stündchen können wir nun freilich die mancherlei Vorbereitungen zur Gründung des ſchwebenden Häusleins nicht in unſern Beobachtungskreis ziehen. Sie haben bereits tagelang gedauert. Mancher ſchöne Baum, mancher ſcheinbar paſſende Gabelzweig wurden gewählt und verworfen. End⸗ lich hat das Weibchen die rechte Baumſſtelle ausfindig gemacht. Jeden⸗ falls ein mehr oder weniger horizontaler Aſt, der eine nicht allzu ſpitzen Winkel bildende Gabel hat. Ob der Aſt nicht allzu lang und ſchlank iſt, um vom Winde gar zu arg geſchaukelt zu werden? Es ſcheint nicht ſo! Nun denn luſtig ans Werk, unter hellem Sang und Klang! Das helle, markigeBülow oderBierholen des muntern Gatten ſchallt nun wo möglich noch kräftiger durch Wald und Garten, da es zum Einführen des erſten Baumaterials geht. Fort ſind ſie weit nur noch ſchwach erklingt das fröhliche wenn auch monotone Lied. Sie bleiben ziemlich lange aus ob ſie wieder⸗ kommen? Doch da ſind ſie ja ſchon voran das Weibchen mit einem mehr als fußlangen Baſtfaden im Schnabel. Noch einmal ſchnelle Umſchau, ob kein unberufener Lauſcher in der Nähe. Doch wir haben uns gut verſteckt und rühren uns nicht. Nun ein Wink des Weib⸗ chens und der Gatte ſitzt auf dem Gabelzweige, auf den erſteres das eine Ende des Fadens aufgelegt hat. Er greift verſtändnißvoll zu, hält das aufgelegte Ende feſt und o des wunderbaren Geſchickes, mit welchem das Weibchen durch die enge Gabelung einmal, zweimal um den einen Zweig herumfliegt und den Faden feſtwickelt. Nun geht es nach dem andern Zweige der Gabel. Das andere Ende des Materials wird mit dem Schnabel gefaßt die Tiefe des Neſtkörb⸗ chens iſt ſchon abgemeſſen und auf gleiche Weiſe aber unter noch ſchwierigern Umſtänden denn der an dieſer Seite umzuwickelnde Faden hängt zwiſchen den Gabelzweigen herab und darf nicht berührt werden an dieſer Seite der Gabel befeſtigt. So geht es munter fort. Ein Faden nach dem andern wird in gleicher aber ſtets ſchwie⸗ riger werdender Weiſe an beiden Gabelzweigen umgewickelt. Jetzt wird's auch Zeit nachzuſehen und zu prüfen, ob die zwiſchen denſelben

im mehr als Halbkreisbogen herabhängenden Faden eben dies richtige Maß haben. Das Weibchen ſpringt hinein, dreht ſich nach allen Seiten, zupft, lupft, verwebt dieſe Grundlage des Neſtes, und iſt alles in Ordnung, ſo wird zum Ausbau geſchritten. Noch wird zwar vor⸗ zugsweiſe Material verwendet, welches ſich um die Gabelzweige und den Boden des Neſtes wickeln und verweben läßt; jedoch wird der letztere dazwiſchen bereits mit größern Füllmaſſen gedichtet: breitere Baſtſtreifen, weiche Linnen⸗- oder Baumwollen⸗Lappen, Papierſtückchen und dergl. werden mit Spinn⸗ und Raupen⸗Geſpinnſten und allerlei Fadenwerk verwoben und verfilzt; nach Bedarf oder Laune wird dieſe Dichtung des Neſtbodens auch von unten her vorgenommen. Erſcheint der Neſtkorb der ſorglichen Mutter dicht und tief genug, ſo geht's an den inneren Ausbau zarte, elaſtiſche Grashalme, zuweilen auch ein⸗ zelne Federn, Wolle und Haare, werden herbeigetragen und in den innern Napf ſo eingelegt, daß die Faden völlig verſteckt ſind; nun wird der Ausfütterung durch Andrücken mit der Bruſt und häufiges Drehen nach allen Seiten die ſchöne, bewunderungswürdig glatte und regelmäßige, tiefe Halbkugelform mit etwas eingebogenem Rande damit Eier und Junge beim Schwanken des Zweiges nicht ſo leicht herausfallen und überhaupt die letzte Verfeſtigung und Vollendung gegeben, und die hübſche Korbwiege iſt fertig.

Alle Vögel ſind bei gutem Wetter überaus fleißig und unſer Vogel Bülow vollendet ſein kleines Meiſterwerk oft ſchon in einigen Tagen, obgleich er das paſſende Neſtmaterial meiſt weit genug her⸗ holen muß.

Zuweilen zeigen übrigens die Vögel eine eigenthümliche Vor⸗ liebe für ungewöhnliche Neſtſtoffe, und ſind, wie alle Sanguiniker, keineswegs frei von allerhand kleinen Launen. So erhielt Dubois in Brüſſel ein Pirolneſt, das nur aus Wollenfäden und Hobelſpänen gebaut war, von welch letztern nochlange Locken herunterhingen; ein anderes, das mit einerMenge Papier und Wolle ausgelegt war, und ich ſelbſt beſitze ein ſolches, zu deſſen Ausfütterung unter andern Papierſtreifen ein Billet-doux vonzarter Hand verwendet worden iſt.

Folge mir, geehrter Leſer, ein wenig über die Alpen, die groß⸗ artige, die erhabene Scheidewand zwiſchen Mittel⸗ und Südeuropa. Dort, ſchon in den ſumpfigen Ebenen der Lombardei, in den baum⸗ und ſtrauchloſen Seggen⸗, Binſen⸗ und Riedgras⸗Wieſen ſchlüpft ein winziges, gelbgraues Vögelchen mit der Geſchwindigkeit einer Maus durch die üppigen, zum Theil ſteifen Gräſer, erhebt ſich dann zwitſchernd einige Fuß über den Graswald, um ſich alsbald wieder in demſelben zu verlieren. Jetzt klettert er an einem ſteifen Binſenhalme empor, ſchaut ſich einen Augenblick um, und verſchwindet wieder im Grasdickicht. Sein ganzes Benehmen zeigt, daß er ſein Neſt in der Nähe hat. Das Weibchen brütet wohl ſchon eifrig über den zucker⸗ erbſengroßen zarten Eierchen, und das Männchen will ihm durch Sang und Tanz die Zeit kürzen. Doch da iſt es ja, das Neſt mein ich. Du ſiehſt es noch nicht? Glaub's wohl; es iſt wie manches andere an ähnlichen Orten verſteckte ſchwer genug aufzufinden. Zumal dies duftig zarte, wie ein durchſichtiger Schleier in die Binſen ver⸗ wobene. Du hältſt es für ein Spinngewebe. Nun, etwas ſolider iſt es doch, und auch ein Vogelneſt; denn ſieh, da ſchimmern zart⸗ grüne, rothgefleckte Eierchen durch die Wandung. Schneiden wir den Binſenbüſchel unterhalb des Neſtchens ab, um dies wundervolle Ge⸗ webe genauer zu beſichtigen.

O wahrlich, wundervoll! Acht bis zwölf Binſenhalme ſind es wohl, an die das Vögelchen Ciſten⸗Rohrſänger, Ci sticola schoenicola heißt es jetzt das Neſtchen verwoben. Aber wie kunſtvoll! Da hat es einige Dutzend mehr als fußlanger Binſen blätter nach allen Seiten herab⸗ und an entgegenſtehender Seite wieder hinaufgebogen, ohne ſie zu knicken; denn unten bilden alle zuſammen eine hübſche, regelmäßige Wölbung. Aber wie werden

die elaſtiſchen Blätter in dieſer Lage erhalten? Dafür weiß der kleine

Künſtler Rath. Jedes der verwendeten Blätter iſt vielfach durchbohrt,

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und vor jeder mit dem ſpitzen, feinen Schnäbelchen gebohrten Oeff⸗ nung ſitzt ein nadelknopfgroßes Knötchen von Raupen⸗ und anderm Inſektengeſpinnſt, deſſen ziemlich feſt gedrehte Fäden nach innen unter⸗ einander, mit den Blättern und den ſteifen, das ganze luftige Gebäude