diner empfahl ich mich— noch im Zweifel, ob die mächtigen Augen der Gräfin Margitha oder die etwas ſchwermüthigen, von langen Wimpern beſchatteten der jüngern Schweſter Katalin den tieferen Eindruck in meiner Seele zurückgelaſſen!— Iſchtvan und der junge Moſchary erſchienen mit einem Male, um mir wieder das Geleit zu geben, und als der Wagen vorfuhr, Moſchary die Zügel ergriff und ſich auf den Bock ſchwang, traten plötzlich die Damen in Hut und Mantille auf den Balkon mit der Frage:„Nehmen uns die Herren vielleicht mit?“
Natürlich, wer war glücklicher als— ich. junge Graf, drohte ſcherzend:„ich werfe Euch um!“
„Denken Sie nur,“ erzählte Katalin, während die Silber⸗ grauen dahinſtoben,„Imre hat uns wirklich ſchon umgeworfen, und merkwürdigerweiſe an derſelben Stelle, wo er vor zwölf Jahren von durchgehenden Pferden aus dem Wagen geſchleudert wurde und ſich die Verletzung zuzog, an welcher er in Gräfenberg kurirte.“
„Das iſt allerdings eigenthümlich,“ verſetzte ich;„denn jenem unglücklichen Fall verdanke ich den Vorzug, mich hier in Ihrer Ge⸗ ſellſchaft zu befinden!“
„ und wenn Sie nur wüßten, Frank,“ fiel Imre ein,„weßhalb die Pferde dort immer ſcheuen— wollen wir den kleinen Umweg machen, Katalin?“
„Imre, ich bitt' Dich, ſei lieb!“
„Szeretlek tegedet, edesch lelkem!“(„Ich liebe Dich, ſüße Seele!“) ſang Imre in offenbarer Nachahmung, ſeine Schweſter neckend, wie er geſtern im Park gethan.
„O, finden Sie ihn nicht abſcheulich!?“ ſchmollte Katalin, während die ältere Schweſter ſich höchlich zu amüſiren ſchien.
„Ich muß Ihnen die Fabel erzählen, Herr Frank,“ wandte ſich nun Margitha zu mir,„denn Katalin iſt immer zu gerührt darüber, und Imre neckt ſie ſchrecklich:— Ein junger Tſchikoſch Läszlé liebte ſeines Herren Tochter Orſchebet—“
„Katalin!“ unterbrach ſie Imre.
Nur einen Feuerblick und ein mir unverſtändliches magya⸗ riſches Wort warf ihm Margitha zu, und er bat demüthig ab. Dann fuhr die Erzählerin fort:
„Das unglückliche Mädchen ſah die Leidenſchaft des ſchönen jungen Burſchen und verlachte ihn. Läszlõö ſiechte in Schmerz und Sehnſucht dahin, und nur am ſtillen Abend ſchlich er unter das Fenſter des Fräuleins und ſang mit ſchmelzender Stimme das ſchöne Lied, deſſen Anfang Imre vorhin monirte. Orſchebet öffnete wohl das Fenſter, und begleitete den Geſang auf der Harfe; in ihrem Herzen aber hatte ſie nur Spott für den armen Verirrten. Da warb der Graf Miklöſch um ſie. Eines Abends ſaßen ſie zuſammen, als Läszlö ſeinen traurigen Schwanengeſang erhob; Örſchebet öffnet das Fenſter und ſtimmt zur Harfe denſelben Geſang an, die Worte an den Grafen richtend. Läszlö, vom Wahnſinn ergriffen, erklimmt das Rebengeländer unter dem Fenſter, und will ſich eben auf die Brüſtung ſchwingen, als ein Fauſtſchlag des Grafen ihn rücklings hinabſtürzt; betäubt, rafft er ſich nach kurzer Zeit auf, und ver⸗ ſchwindet im Gebüſch. Am andern Tage fand man ihn todt, mit einem Meſſer im Herzen; man begrub ihn als Selbſtmörder dort hinten an jener Waldecke, wo dieſer Nebenweg vorbeiführt.
Aber auch Graf Miklöſch ward argwöhniſch gegen ſeine Braut. Sie betheuerte, den wahnſinnigen Menſchen nicht angeſehen, geſchweige denn geliebt zu haben; und als ſie am andern Tage mit ihrem Ver⸗ lobten ſpazieren ritt, vermaß ſie ſich, zur Bekräftigung ihrer Worte, über das einſame Grab des Unglücklichen hinwegzureiten. Sie be⸗ fanden ſich auf jenem Wege, und Orſchebet war eine vorzügliche Reiterin. Sie ſprengt an, auf jene Waldecke los, und lenkt ihr ſchnaubendes Roß auf den friſchen Erdhügel zu; doch es bäumt ſich, i*ſt widerſpenſtig, ſchlägt mit den Vorderhufen in der Luft und ſcheint ganz außer ſich, obgleich ſonſt fromm und folgſam. Graf heran und bittet abzuſtehen; doch Orſchebet ſchlägt auf das Thier, reißt es am Zügel, und wirft es abermals herum zum Sprunge über das Grab. Das Pferd ſteigt, macht eine wüthende Anſtrengung, einen gewaltigen Sprung und fliegt über den friſchen Hügel fort, aber zugleich wird Orſchebet herabgeſchleudert, bleibt mit ihrem Kleide
Nur Imre, der
Nun kommt der
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hängen, und ſchleift unter den zermalmenden Hufen des fliehenden Pferdes auf der Erde dahin, ein blutiger, entſtellter Leichnam!“—
„Und iſt das wirklich jene Waldecke, die wir eben ſahen?“
„Dieſelbe! Orſchebets Vater hatte keinen Sohn; er verkaufte dieſes ſchöne Beſitzthum, und es kam in die Hände meines Groß⸗ vaters.“
„Das iſt eine traurige Geſchichte— von Koketterie und Herz⸗ loſigkeit, nicht wahr?“ fragte Katalin.
„Ja gewiß,“ betheuerte ich;„der arme, arme Läszlö.“
„Gottlob werden die Örſchebets ſelten, nicht wahr, Katalin,“ neckte ſie der unartige Imre.
Das ſüße Mädchen erröthete ſo wundervoll, daß man ſich wirk⸗ lich nicht ſatt daran ſehen konnte, und Margitha mußte mich erſt durch ihre Bemerkung aufmerkſam machen:„Wenn Sie ſie anſehen, wird es immer böſer,“ wie indiscret ich unabſichtlich geweſen war.
„Gottlob!“ mußte ich ſagen, als ich das Stationshaus von Féledſchhäſä erblickte, denn ich fing an ungemeine Sympathie für den armen Läaszlö zu fühlen.
Die Sonne ſank eben in die Pußta hinab, als mitten aus ihrem Gluthenball der Eiſenbahnzug ſchon herangebrauſt kam. Daher war nun der Abſchied kurz, mit dem herzlich ausgeſprochenen Hoffnungs⸗ wunſch:„Auf Wiederſehn!“— Ja, Wiederſehn!—
Eigentlich hatte ich ſowohl in Szegedin als auch in Temeſchvar bleiben wollen. Mit einem Male fühlte ich aber, daß ich das Inte⸗ reſſanteſte von Ungarn geſehen hatte, und entſchloß mich zu der eilf⸗ ſtündigen Fahrt bis Baſchiaſch(38 Meilen) in einer Tour!
Als der Pfiff der Locomotive ertönte, die lieben kleinen Hände mir den letzten Abſchied zuwinkten, und der ruhige Iſchtvan ſein trocknes„jöl éjzäkät!“(„Gute Nacht!“) herüberrief, da war es wirklich Nacht geworden. Ich lehnte mich zurück, gerüttelt und ge⸗ ſchüttelt von einem Wagen alter Conſtruction.
Ein Reiſender, der auf ſeinen Comfort hält, muß nie empfind⸗ ſam ſein! Mir aber iſt es leider mit dem„Abſchiednehmen“ oft ſo gegangen, daß der klare Reiſeblick darüber getrübt wurde.
Darum liebe ich auch im Grunde gar nicht dieſe„letzte Ehre“ der Begleitung an das Coupé. Wie oft iſt es mir da paſſirt, daß ich in der Verwirrung der Gefühle den ſchlechteſten Platz hinnehmen mußte, mit der Sonne im Geſicht, oder einem halben Dutzend ſchreien⸗ der Kinder um mich her, oder mit eben ſo viel dampfenden Cigarren bei verſchloſſenen Fenſtern!
Das Gute haben dieſe großen klapprigen Wagen(in ganz Süd⸗ deutſchland ebenfalls), daß man ſeinen Platz einigermaßen wechſeln kann; ſonſt aber ziehe ich die norddeutſchen Coupé⸗Einrichtungen vor.
Ich traf es glücklich, daß ich auf dieſer Tour die Nachtfahrt ge⸗ nommen; denn die Sumpſgegenden der Theiß, Maroſch und Aranka, von Szatymäz bis Mokrin, eine Strecke von nahe an 12 Meilen, bei Tage zu durchfahren, muß eine Strafe ſein!
Die Erinnerung der letztverlebten beiden Tage gab mir Be⸗ ſchäftigung vollauf zum Nachdenken; das eintönige Raſſeln der Wagen ſang ſein Schlummerlied dazu, bald in dem epiſchen Rhyth⸗ mus der begeiſternden Worte Kiſchfaludy's, bald in den ſchmelzenden Tönen Katalin's, die zur Harfe ſang:„Szeretlek tegedet, edesch lelkem!“ Dann ertönte wieder der gellende Schrei des Tſchikoſch, und mit donnerndem Hufſchlag jagte die wilde Herde der ſchnauben⸗ den Roſſe vorbei; aber nicht der Tſchikoſch ritt dahinter, ſondern Margitha mit fliegendem Gewande, und ſchwang neckend die Peitſche über mir.„No politics!“ rief ich ausweichend und erwachte. Der Morgen graute eben, in der Ferne glaubte ich Hügel zu ſehen— es konnten auch Morgennebel und Wolken ſein— aber die Schlaf⸗ nüchternheit hatte meinen Geiſt umfangen, und Traumbilder der
bunteſten Art tummelten ſich zwiſchen Schlafen und Wachen vor meinem inneren Geſicht herum.
„Station Temeſchwar!“
Es war zwei Uhr vorbei, und der Himmel im Oſten begann ſich zu färben: es waren in der That Berge, wenigſtens Hügel, die vor der aufgehenden Sonne lagen! Gottlob, das Meer iſt durch⸗ ſchifft, dort winkt die Küſte!
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