268
ſtiebt eine langhornige Viehherde vor dem ſchrillen Pfiff der Loco⸗ motive auseinander und blickt ſcheu auf den unheimlichen Wurm zurück, der ſeinen langen Leib auf eigner Bahn mit Getöſe durch ihre friedliche Einſamkeit ſchleppt.
Das einförmige Klappern der Wagen, der eigenthümlich gleich⸗ mäßige Rhythmus des Magyariſchen um mich her, und das Schweifen des Auges wie über die Meeresfläche nahmen meine Sinne gefangen. Mein Blick kehrte ſich nach innen, die Außenwelt ſchwand, und vor der Phantaſie erſchloſſen ſich in halbem Traumwachen all die Bilder des fernen Orients: ſchwankende Palmen, gipfelnde Cypreſſen, üppig ſtrotzendes Laubwerk, prachtvolle Farben und buntes Gewühl von Erlebtem und Geträumtem. Wer, der zum erſten Male den Orient beſucht, iſt nicht befangen in den Bildern, die tauſend und eine Nacht ſeit ſeiner Kindheit in ihm aufgebaut?—⸗Goldne Gitter, phantaſtiſche Bauwerke, von goldnem Sonnenſchein durchzitterte Smaragdlauben, in denen koſige Geheimniſſe verſchleiert lauſchen,— blauer Himmel und ſchwarze Augen— und vielleicht genug von einem Turban und einem eiferſüchtig gezückten Dolch im Hintergrunde, um der Scene ein ſchauerlich ſüßes, pikantes und romantiſches Intereſſe zu ver⸗ leihen— wer hat nicht ſolche und ähnliche Bilder in ſeinem Geiſte aufgeſpeichert?
Meine Phantaſie war voll jener Bilder, ob ich gleich den Schleier ſchon einmal gelüftet, die goldenen Gitter als hölzernes Sparrenwerk, die ſmaragdenen Büſche als trocknes Geſtrüpp, und die geheimuiß⸗ vollen ſchwarzen Augen als die ausdrucksloſen Sehwerkzeuge der phan⸗ taſieärmſten Geſchöpfe kennen gelernt hatte. Weit, weit ab ſchweifte mein Geiſt, als er durch zwei Zauberworte in die Wirklichkeit zurück⸗ gerufen wurde.
—„Czegléd! Ausſteigen!“—
Es war eine rechte Wohlthat, ſich einmal wieder ausſtrecken zu können, und die zwanzig Minuten Aufenthalt promenirten wir auf dem breiten, freundlichen Perron. Meine Freunde bereiteten mich auf eine gleich langweilige Scenerie während des Reſtes unſerer Fahrt. Gewiß, äußerlich Intereſſantes bietet dieſelbe durchaus nichts! Die Pußten ſind oft durch Ackerland unterbrochen, recht fruchtbar be⸗ ſtanden; das Vieh iſt kräftig und ſchön, und die Bevölkerung ziemlich wild ausſehend. Die Tracht der Leute beſtand meiſt aus einem groben Leinwandſtoff: die Männer— alle mit ſchwarzem Schnauzbart—⸗ trugen weite Beinkleider, unten ausgefranzt, und einen langen Kittel darüber, mit Huſarenſchnüren beſetzt; oder eine kurze, blaue Tuchjacke, ebenſo verziert. Die Kopfbedeckung bildete ein kleiner runder Filzhut. Frauen und Mädchen hatten in ihrem Anzuge nichts durchgehend Charakteriſtiſches; hin und wieder hatte eine ihr Mieder mit Schnüren beſetzt; viele trugen rothgeſtreifte wollene Röcke und kurze Männer⸗ ſtiefel, und die meiſten den ſchwarzen runden Filzhut der Männer. Nur einen allgemeinen Zug fand ich bei der ganzen Bevölkerung— eine ſchauerliche Unſauberkeit!
—„Ketſchkemet, 5 Minuten!“
Die Reiſe auf der ungariſchen Eiſenbahn hat allerdings nur den Vorzug vor der Donaufahrt, daß man öfter anhält, das Bewußt⸗ ſein hat, durch neue Gegenden zu fahren, in Temeſchvar ausſchlafen zu können, und dennoch die Donau bei Baſiaſch einen Tag vor dem aus Peſth gleichzeitig abgegangenen Dampfer zu erreichen. Damit tröſtete ich mich vollkommen. Doch auch als Nationalöconom konnte ich meine Betrachtungen anſtellen: derſelbe Boden, welcher dieſe üppige Grasvegetation hervorbringt,— die größtentheils unbenutzt wieder in ſich zuſammenfällt und nur der neuen Vegetation als Dünger dient,— würde noch Millionen zu ernähren im Stande ſein. Amerika und Auſtralien ziehen alljährlich Hunderttauſende von Arbeitskräften und Kapital aus Europa an ſich, die hier— recht im Herzen ihrer großen Heimat— vortrefflich zu verwerthen wären. Stundenlang ſcheinen wir durch eine menſchenleere Oede dahinzufahren. Die dünne Bevölkerung vermag den Boden gar nicht auszubeuten; und wo der Fleiß des Landmannes mit Hülfe der Pflugſchar die unerſchloſſenen Schätze der fruchttragenden Erde aufthun könnte, da wühlen träge Schweineherden nach Maſt!
Der junge Moſchary war ganz meiner Anſicht.
Deutſche Koloniſten könnten hier unendlich viel leiſten und ge⸗ winnen. Der Ungar iſt langſamer und unthätiger als der Deutſche; ihm liegt der Soldatenberuf mehr im Blute als der des Landmannes. Das ſind Traditionen aus uralter Zeit. Der Magyar ſtellte das Schwert ſtets höher als die Pflugſchar; aus der aſiatiſchen Heimat
durchzog er erobernd die Länder des Nordoſtens, und in dieſen weiten Ebenen, von denen die römiſchen Legionen ſich zurückzogen, ließ er ſeine Roſſe graſen, und wo er den Sattel zur Erde legte, da baute er ſeine Burg. Es gab nur Ritter und Knappen, Edle und Knechte, Herren und Diener. Es iſt heute noch ſo!
In Felédſchhaſa erwartete uns ein herrliches Viergeſpann, Moſchary nahm ſelbſt die Zügel, und in dem offenen bequemen Wagen lehnten Baktſchy und ich in größtmöglichſter Behaglichkeit. Es war zwar etwas warm und die Sonne meinte es ſehr gut; aber die vier Silbergrauen brauſten auf der ebenen Straße fürder, trotz der Loco⸗ motive, ſo daß die Luft uns angenehm fächelte. Zum erſten Male kamen wir hier in Wald, ſchönen Laubwald, und nach kurzer Fahrt durch den erquickenden Schatten öffnete ſich die Ausſicht auf das wundervolle Schloß Sandör Haza, im engliſchen Miſchgeſchmack, halb Tudor⸗, halb Normann⸗, erbaut, umgeben von den entzückendſten Parkanlagen. Aber auch hier fragte ich mich wieder: wo liegen die Aecker und Felder? und wovon leben die Bewohner der Gegend?
Der alte Graf, mit weißem Schnauzbart, ein echter Huſaren⸗ general, empfing uns auf das Herzlichſte und als ob wir uns ſeit Jahren kannten. Zu meiner Ueberraſchung nannte er mir ſogleich Einzelnheiten von unſerm Aufenthalte aus Gräfenberg(1848), und behauptete aus den Briefen ſeines Sohnes ſeit damaliger Zeit meine Bekanntſchaft gemacht zu haben. Der gütige alte Herr führte uns auf unſre Zimmer, und ich konnte in der That glauben, in Lancaſhire zu ſein, ſo durchaus engliſch war die ganze Einrichtung;— zum Ueber⸗ fluß wurden wir alsbald zum„Luncheon“(engl. zweites Frühſtück) gerufen. Baktſchy ſagte mir, die zwei Schweſtern unſeres jungen Freundes ſollten ſehr ſchön ſein; er ſei ſelbſt neugierig, ſie kennen zu lernen, und rathe mir mein Herz zu wahren. Die Mutter war todt, und die Fräuleins unlängſt erſt aus Wien zurückgekehrt, wo ſie bei den Vetſcheys zum Beſuch geweſen.
Wir traten in ein freundlich decorirtes Gemach, das ſich durch 3 Glasthüren auf eine Gartenterraſſe öffnete, und wurden durch den ſchmetternden Geſang mehrerer Kanarienvögel empfangen; wir ſahen uns überraſcht an, denn dieſe gelben Sänger, jene Begonientöpfe, den Goldfiſchbehälter und vor allen Dingen auch den Schaukelſtuhl dort auf der Terraſſe kannten wir, es blieb gar kein Zweifel, denn in dem⸗ ſelben Augenblick traten unſre Begleiterinnen vom Dampfboot, dies⸗ mal in Halbtrauer, herein, und waren nicht weniger erſtaunt als wir, denn auch ſie erkannten uns, was unſern anmuthigen Willkommen gewiß nicht ſchmälerte.
Wir gingen zum„Lunch“, nach meinen Begriffen ein vortreff⸗ liches Diner, und die liebenswürdigen Damen hatten ſich's in ihre allerliebſten Köpfchen geſetzt, nur engliſch mit mir zu ſprechen, und wollten recht viel von den„Wilden“ wiſſen, wie die Kinder, wenn ſie den Robinſon leſen.
Glücklicherweiſe wurde nicht politiſirt, wenigſtens brauchte ich nichts vavon zu hören; denn Iſchtvan und die beiden Grafen waren ſtets vertieft, und ſangen„das alte Lied, das alte Leid“. Uebrigens waren meine ſchönen Nachbarinnen ſehr muſikaliſch, und ich bat mir einige ungariſche Nationallieder aus. Fräulein Margitha ſang Kiſch⸗ faludy's berühmtes„Mohacz“, deſſen ſchöne Worte, in erhabene und ergreifende Melodien gekleidet und von ſolcher Stimme vorgetragen (ach! und von ſolchen Augen!), einen gewaltigen Eindruck machen mußten. Unbewußt waren wir dadurch auf die Politik gekommen, und Fräulein Katalin mußte ſchnell ein andres Lied anſtimmen(„no politics, you know“, war unſre Verabredung); und„a mégfagyot eyermek“(der erfrorene Knabe), elegiſch und klagend in einfacher Melodie vorgetragen, ein Anklang von„Hood's song of the shirt“, oder dem bekannten„Chriſtabend“, verſetzte uns eigentlich auf das ſocial⸗politiſche Gebiet.
„Sie ſehen,“ ſagten die Damen endlich,„ohne Politik iſt in heutiger Zeit kein Leben mehr möglich; und wenn Sie auch, wie unſer Bruder erzählt, im Jahre 1848 in Gräfenberg als Einſiedler gelebt und nichts von den Vorgängen in der Welt haben wiſſen wollen, ſo hat eben dieſe Welt ſich ſo verändert, daß Sie ein Fremdling darin ſind. Es iſt eine neue Zeit gekommen; die alte Zeit iſt verrottet und begraben. Geſtern war, heute iſt. Geben⸗Sie zu, daß der größte Phantaſt nicht nur in der Erinnerung leben kann; Sie müſſen auf die Erde blicken, wenn Sie die Füße ſetzen, vorwärts doch nur; verſchließen Sie Ihre Augen, ſo iſt die einfache Folge, daß Sie fallen. Wenn dies nur die Fürſten glauben wollten!“


