Jahrgang 
1865
Seite
267
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Ihrem Alter ſich ſchon ſo gräßliche Dinge vormalen könnten. Ich wohnte mit meinen Eltern in le Mans, als wir 1793 ſchrieben. Von der Schreckenszeit in Paris haben Sie gewiß ſchon gehört, daß Sie den Aufſtand der Vendéer auch kennen werden, ſetze ich ebenfalls voraus; alſo nur die Geſchichte, die ich in le Mans erlebte.

Als wir den 13. December 1793 anbrechen ſahen, ahnte uns allen ein ſchweres Unheil. Schon früh Morgens, noch ehe es Licht ward, hörten wir das Musketenfeuer und dann kamen große Trupps unſrer Armee, lauter flüchtige Vendéer in die Stadt. Es war eine blutige, entſetzliche Jagd geweſen. Das Wild waren die Vendéer, die vier Jäger hießen: Kleber, Weſtermann, Chabot und Marceau.

Die Meute das waren die Soldaten der Republik oder: die Blauen,

wie man ſie damals nannte; während die Soldaten der royaliſtiſchen Armeedie Weißen betitelt wurden. Nun hatte der General la Rochejaquelin noch Gelegenheit gefunden, vor dem Feinde ſich in die Stadt zu werfen.

Welch ein Anblick! Da lagen auf den Gaſſen die Weiber, Greiſe, Kinder, die Zerſchoſſenen, Verwundeten und Leichen durch⸗ einander. Ein furchtbarer Schrecken hatte ſich der Unſrigen be⸗ meiſtert und dieſer Schrecken war zur Verzweiflung geworden, dieſe Verzweiflung hatte ſie zu Scheuſalen gemacht und in der Verthierung gingen ſie unter.

Kaum war la Rochejaquelin angekommen, den verfolgenden Feind dicht hinter ſich, da raſſelte der Generalmarſch durch die Straßen, die Lärmſchüſſe krachten, die Sturmglocken heulten, die Hörner der Schützen riefen in ſchauerlichen Tönen die Streiter zu⸗ ſammen, dazwiſchen Toben, Fluchen, Schreien, Jammern und Winſeln. Was geſchah! die Vendéer hatten ſich über die großen Weinlager der Stadt hergemacht, ſie waren erſchöpft von der Flucht nach ihrer Nieder⸗ lage von Angers in le Mans angekommen. Als la Rochejaquelin ſie aufruft zur Vertheidigung, als der Schall der Trommel, das Ge⸗ töne der Glocken und Hörner in ihr Ohr dringt, raffen ſie ſich mechaniſch auf, aber aus den Gaſſen, den Häuſern hervor wanken gedunſene, taumelnde Geſtalten. Tauſende von Betrunkenen, das Gewehr in der Hand, ſtieren Auges in die Lüfte blickend, nicht fähig die Nähe der Gefahr zu begreifen, mit der Munition ſpielend wie Blödſinnige oder Kinder, zu keiner geſchloſſenen Stellung verwendbar, trotzig und meuteriſch das iſt die Armee la Rochejaquelins.

Draußen aber vor den Thoren iſt der Feind, der blutgierige, unver⸗

ſöhnliche, republikaniſche Feind. Weſtermann vor allen: der Schläch⸗

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ter der Vendée, das blutige Meſſer des entſetzlichen Wohlfahrtsaus⸗ ſchuſſes. Endlich hatten ſie die ganze Maſſe der Royaliſten an einer Stelle beiſammen, endlich ſollte die große Schlachtbank eröffnet werden. Alle Führer, alle Anhänger. Ich habe ſie alle geſehen, mein Herr: Stofflet, Sapinaud, la Rochejaquelin, ſeine heldenmüthige Frau, die Marquiſe, mit Piſtolen bewaffnet, den Prinzen Talnont, da ich vergeſſe es nie krachte es rings um die Stadt und mit gräßlichem Geſchrei:Es lebe die Nation fielen die Republikaner von allen Seiten über die Stadt her. Nur 10,000 Mann konnte la Roche⸗ jaquelin entgegenſtellen. Gleich beim erſten Anlauf nahmen die Blauen die Barrikaden. Nun begann der Kampf in den Straßen. Die Vendéer, durch die Gefahr ernüchtert, hatten ſich zuſammenrottirt. Wild wogte das Gemetzel durcheinander. Es war kein Kampf zwiſchen Menſchen, es war ein große Herde raſender Stiere, welche mit tauſenden von Schlächtern kämpfte, Meſſer, Gewehre, Säbel, Stock, Beil, Stein alles diente zur Waffe. In den Goſſen floß das Blut, die Erdgeſchoſſe der Wohnhäuſer waren damit beſpritzt, aus den arbeitenden Lungen ſtiegen heiße Dämpfe empor, dann krachten furchtbare Artillerieſalven, hunderte von Kartätſchen ſchleu⸗ dernd, ihr Verderben in die dichteſten Haufen tragend. Dann herz⸗ zerreißendes Geſchrei, dann wieder Stille, nur unterbrochen durch Stampfen und Aechzen der wahnſinnig⸗wüthend Ringenden, welche ſich untereinander würgten. Allmälig avancirten die von vier Seiten herandringenden Republikaner. Jetzt ertönte regelmäßiges Gewehr⸗ feuer von beiden Parteien. Nach jeder Charge heulte es durch die Lüfte aus tauſenden von Kehlen:Es lebe die Republik. Neues Knattern der Schüſſe, dann der donnernde Ruf:Es lebe der König. Die Fenſter klirrten; man ſah nur erhobene, mit blitzenden Waffen bewehrte Arme; Blaue und Weiße lagen ſterbend oder todt auf⸗ einander. Durch die Straße Dorée ordnete la Rochejaquelin den Rückzug. Hier griffen ſich die Vendéer und Weſtermanns Grenadiere mit dem Bayonnette an, hier war eine blutige, entſetzliche Orgie, mitten im Kampfe ſah man ſchaudererregende Dinge vorgehen. Die Strickerinnen der Guillotine von le Mans, ſataniſche, den Wöl finnen ähnliche Weiber, mordeten die Verwundeten, ſchändeten die Todten und würgten die Lebenden, welche in ihre Hände fielen. Die Sanseulotten vereinigten ſich mit dieſen Megären, es iſt kaum über die Zunge zu bringen: Die Frauen ermordeten ſiebenundzwanzig Mütter mit ihren Kindern welche die Säbel und Bayonnette der Soldaten verſchont hatten.(Schluß folgt.)

Durch die Pußta.

Von Frank Lorenz.

Im Jahre 1847, ehe die Eiſenbahn nach Czegléd eröffnet war, hatte ich ſchon Luſt gehabt, die Pußten auf jenen zweirädrigen Karren

zu beſuchen; aber eine kurze Probefahrt ſchreckte mich damals zurück,

indem ich nur halbwegs bis Vetſcheſch gelangte(wo wir den Eiſen⸗ bahnbau beſichtigen wollten), mein Gefährte und mein Reiſeſack kamen

einige hundert Schritt weiter, und fanden ſich dann, gleich mir, ſeit⸗

wärts der Straße im hohen Graſe wieder; wir hinkten zuſammen mit kläglichen Grimaſſen, und wußten erſt nicht, ſollten wir fluchen

oder lachen über den tollen Kutſcher, der mit hochgeſchwungener Peitſche

dahintobte und auch nicht einmal zurückblickte. Unſer Martergeſchrei konnte er freilich über dem Gerumpel des Karrens nicht hören. Nach einer Stunde wurden wir von unſern Freunden eingeholt und mußten nun, wohl oder übel, für den Tag das Scherzbudget liefern. Ich war auch vollſtändig verſöhnt, als der Kutſcher mit ganz zufriedener Miene umTrinkgeld bat, und auf meine Frage: was er denn ge⸗ dacht, als er ohne uns angekommen, ganz kühl zur Antwort gab: Sind ausgeſtiegen!. In den Sturm von Gelächter hätten ſelbſt die Pferde mit eingeſtimmt; ich rieb meine Hüften, zog den Beutel und verſchwor die Pußtenfahrten!

Heuer ging das Vergnügen bequemer zu.

Baktſchy war ſchon um 4 Uhr mit dem jungen Moſchary im Tiger, und da der Zug nach Czegléd erſt gegen 6 Uhr abging, promenirten wir nochmals nach der ſchönen Brücke. Die Frühſonne vergoldete die hohen Zinnen der alten Budaveſte und glitzerte in blut⸗ rothem Schein auf den hohen, feuchten Mauern und den hundert

Fenſtern, während in den Schluchten des Blocksberges blaue Nebel

zogen und ſich ballten. Ueber der endloſen Pußta, die wie das Meer V ſich in abwechſelungsloſer Einförmigkeit gen Oſten und Süden aus⸗

breitet, lag ein geheimnißvoller Duft, wie ein Schleier, der uns die Ferne verhüllte. Da kam der Wagen langſam über den Platz gefahren, Moſcharys Leibhuſar vornauf, und mahnte an die Abfahrt. Mit dem V Hinblick auf die Pußta vor uns warf ich den letzten Scheidegruß der bekannten Welt hin, denn es kam mir vor, als ſchiffte ich mich auf einem neuen Ocean ein.

Die Pußten Ungarns, wogende Grasmeere gleich den Pampas

V des Südens und den Prärien des Nordens von Amerika, liegen wie eine ſchweigende Region zwiſchen dem Weſten und Oſten Europas ein⸗ gelagert. Der Reiſende hat ein Buch der Civiliſation zugeſchlagen, und die Einförmigkeit der Scenerie umher gewährt ihm Muße, ehe

er den zweiten Band der unbekannten Wunder öffnet, ſeine Phantaſie V walten zu laſſen. Welche Verſprechungen blicken ihm von jeder Seite entgegen, welche prachtvollen Illuſtrationen ſoll ſein geblendetes Auge erſchauen?!Station Vetſcheſch, 3 Minuten!

Ach Vetſcheſch! Noch ſehe ich mich am Wege liegen mit ſchmer⸗ zenden Hüften und einer Reiſetaſche, auf meiner erſten Pußtenfahrt von der Teleje prompt ausgeſetzt! Jetzt ſuche ich vergeblich nach dem Oertchen; nichts zu ſehen alsJejend, wie der Berliner ſagt; eine endloſe Steppe, aus der in der Ferne niedrige Rohrdächer ſich kaum erheben; kein Baum, kein Strauch; nur ein Dorfbrunnen ſteht mit langem Halſe wie ein Storch im Salat und ſcheint dem neuen Wunder der Eiſenbahn nachzuſtaunen; und wie wir dahinbrauſen,