Jahrgang 
1865
Seite
266
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er die Strafe der Vehme ſein ganzes Leben hindurch an ſich herum⸗ getragen.

Soviel zur Erklärung des nebenſtehenden Bildes, worin der Maler, wie in einem Brennpunkte, die wichtigſten Intentionen des Dichters zu ſammeln wußte.

Vorſtehende Zeilen aber mögen dazu dienen, in unſern

Leſern die dankbare Erinnerung an den Dichter wachzurufen, der ein Herz hatte für ſein Volk, ein Verſtändniß für deſſen Weſen und Leben, und die ſchöpferiſche Kraft, es poetiſch zu verherrlichen, der ferner ſeinen dichteriſchen Nachkommen in ſeinemOberhof ein Erbe gelaſſen, das, weiter angebaut, ſchon jetzt reichen Ertrag gebracht hat und fernere Spenden verheißt.

Der Schreckenskag von Le Mans.

Epiſode aus dem Vendéerkriege von George Hiltl.

Wenn man im Jahre 1841 mit der Extrapoſt von Paris nach Nantes reiſte, mußten vor der alten Stadt Le Mans in dem kleinen Städtchen La ferté Bernard die Pferde gewechſelt werden. Die Poſtillone liebten, wie noch heute, einen möglichſt langen Aufenthalt im Gaſthauſe zurgoldnen Gans, denn da noch anderthalb Stunden bis Le Mans zurückzulegen waren, ſo durften ſie mit ziemlicher Ge⸗ wißheit auf ein Frühſtück rechnen. Das Wirthshaus zurgoldnen Gans war ein altes, mit allerlei Zierrathen aus gebranntem Thon bedecktes Gebäude, äußerſt reinlich gehalten und einladend wie alle Gaſthäuſer der Perche.

Trat man von dem geräumigen Hausflur in die Gaſtſtube, ſo

gewahrte man in derſelben große, ſchöne Spinden, hinter deren Fenſtern allerlei Geſchirr von merkwürdiger Form und Farbe para⸗ dirte, dazwiſchen ſtanden prächtige, alte Krüge und Gläſer. Rings herum an den Wänden zogen ſich ſauber gebeizte Bänke; große Eichentiſche vor den hölzernen Ruheſitzen waren mit blendendweißen Tüchern bedeckt und der ungeheure Kamin des Zimmers trug als Verzierung eine mächtige alte Uhr; über derſelben erblickte man drei bis vier plumpe, mit altmodiſchen Feuerſchlöſſern verſehene Gewehre, deren breite Bayonnette halb mit Roſt bedeckt waren, daneben hingen einige Infanterie⸗Säbel, welche ſchwere Handkörbe zeigten an grob⸗ ledernen Bandelieren; Patrontaſchen, leere Cartouchen, zwei dicke Filzhüte und mehre roſtige Piſtolen, dies alles bildete eine zwar un⸗ ſcheinbare, in ihrer Art aber doch maleriſche, militairiſche Dekoration des Zimmers.

An den Wänden ſah man verſchiedene Heiligenbilder, in der Ecke ein großes, ſehr altes Crucifix, hinter welchem geweihte Palmen und andre trockne Blumenſträuße ſteckten, darunter ein kleines Weih⸗ becken. Neben den Heiligenbildern aber waren, einen ſehr grellen Contraſt bildend, viele theils grob, theils ſorgfältiger ausgeführte bildliche Darſtellungen von Schlachten und Scenen aus dem Kriege der Vendée ſichtbar:Die letzten Augenblicke des Generals Charette, Henri de la Rochejaquelin,Der Sturm von Saumur,Cathe⸗ lineau, General der Weißen,Cathelineau's Tod,Stofflet,Ein Hinterhalt der Vendéer,Chouans im Lager ꝛc.

Die Bilder der Generäle jener großen Armee von 179394 trugen als Zierden kleine Roſenkränze mit bleiernen Medaillen oder Heiligenbildern.

Der Reiſende befand ſich hier thatſächlich auf geweihtem, hiſto⸗ riſchem Boden. Geweiht duech das Andenken tapfrer, heroiſcher Männer, deren Blut die Erde des Landes gedüngt hatte, und ſo war denn jedem Denkenden die lange Muße willkommen, welche die Poſtillone ſich bis zur Umſpannung der Pferde, reſp. bis nach ge⸗ noſſenem Frühſtücke, wenn auch wider die Reglements der Extrapoſt⸗ Verwaltung, nahmen.

Was mich beſonders anzog, war ein Bild des Generals der royaliſtiſchen Armee: Sapinaud, Sieur de la Gaubretière. Der Chef war in der Uniform der Vendéer, mit hohen Reiterſtiefeln dar⸗ geſtellt. Den Säbel hielt er vor ſich, auf der linken Bruſt trug er das weiße Herz mit dem rothen Kreuze darin. Es war indeſſen nicht allein das Portrait, ſondern vielmehr die unter demſelben be⸗ findliche Auszeichnung oder Beigabe, welche die Aufmerkſamkeit feſſelte. In einem kleinen, einfachen Goldrahmen ſah man nämlich unter einer Glasplatte, auf grünem Schilde in gelb, die Nummer 34, und wer nur ein Mal im Bilde oder gar perſönlich, von Weitem, den ent⸗ ſetzlichen Anblick von Bagnoſträflingen oder ſonſtiger, zur Zwangs⸗ arbeit verurtheilter Verbrecher gehabt hat, der konnte keinen Augen⸗ blick daran zweifeln, daß die Nummer unter Sapinauds Bilde der⸗ einſt an der Mütze eines aus der Geſellſchaft Geſtoßenen befeſtigt geweſen.

Wie aber kam das grauenhafte Abzeichen unter das Bild des Generals? Noch räthſelhafter ward die ſonderbare Zuſammenſtellung durch die über der Sträflingsnummer befindliche Umſchrift:Au Souvenir d'Aimée de Sapinaud. Sapinaud, ein Fräulein von Sapi⸗ naud und eine Bagnomarke!!

Während ich die merkwürdigen Gegenſtände betrachtete, geſellte ſich die Wirthin zu mir. Es war eine wunderhübſche, friſche Greiſin von ſieben- bis achtundſechszig Jahren. Sie trug die hohe Mütze der Vendéerinnen, einen ledernen Bruſtlatz und ſah wirklich aus wie die gute Stunde; trotz ihrer Jahre lagerte auf dem runden Geſichte eine Fülle von jugendlicher Heiterkeit.Ja, ja, begann ſie.Das iſt das Bild, welches allen in die Augen ſticht, die ins Zimmer treten. Ich muß geſtehen, entgegnete ich,daß es mich gleich anzog. Da⸗ zu mag die wunderliche, abſcheuliche Nummer das ihrige thun, denn es iſt.Eine Sträflingsnummer, fiel die Alte ein.Richtig. Und was noch abſcheulicher iſt, man hat dieſe Nummer einſt an die Mitze einer Frau, einer edlen, hochgeſtellten Dame geheftet. Daß heißt: nicht die Nummer dort, unter dem Glaſe, denn die iſt nur nachgemacht, das ſcheußliche Original bewahrt die Familie Sapinaud. Wir aber alle, die jene fürchterliche Zeit mit durchlebten, wir haben die Nummer copiren laſſen als Erinnerung an das große, unver⸗ diente Leiden, an die ſchwere Prüfung, welche Gott über eine edle Familie verhängte, der wir von jeher zugethan waren.Die Familie des Generals Sapinaud?Dieſelbe. Sie kommen heut gerade zu einem wichtigen Tage nach la ferté Bernard und le Mans. Es iſt der zehnte Auguſt. Das iſt der Todestag des Generals Sapinaud und zugleich der ſchreckliche Tag, an welchem das Volk die Tuilerien ſtürmte. An dieſem Tage lieſt in le Mans der Biſchof Jagault die Meſſe für Sapinaud und alle diejenigen, welche für den guten Ludwig XVI. fielen, und dazu kommen die noch lebenden Mit⸗ glieder der Familie Sapinaud aus der Umgegend nach le Mans, namentlich Madame de Joannis mit den Ihrigen. Sie bekränzen dann das Denkmal, welches dem 1829 verſtorbenen General geſetzt wurde und kehren ſtill nach Hauſe zurück. Beſonders iſt Madame de Joannis eine eifrige Verehrerin des Tages. Sie wohnt in la Gau⸗ bretiere und iſt eine geborene de Sapinaud. Der General dort iſt ihr verſtorbener Bruder.

Und wie hängt die Nummer mit der Familie Sapinaud zu⸗ ſammen?

Das kann ich Ihnen ganz genau ſagen, denn ich habe die Schreckenszeit in der Vendée durchgemacht. Ich war damals ſchon 19 Jahre alt und habe die Leiden der Sapinauds zum Theil mit an⸗ geſehen. Meine Brüder, mein Vater und alle meine Angehörigen, bis auf einen, ſind unter den Fahnen Charettes, Sapinauds und Stofflets geweſen. Der eine hatte die Sache der Vendéer verlaſſen. Aber es war doch ein tüchtiger Burſche, leider erſchoſſen ſie ihn bei Savenay. Die Gewehre, Säbel und Hüte dort über dem Kamine gehörten meinen Leuten, wenn Sie den Hut da links oben betrachten, ſo werden Sie vier Kugellöcher daran finden. Wir ſind alle begeiſterte Anhänger der Bourbonen, bis auf die heutige Zeit; aber wir tragen ruhig, was ſich nicht abſchütteln läßt.Aber die Erzählung, ſagte ich, unruhig auf die Poſtillone blickend.Sie haben nicht mehr lange Zeit, meinte die Alte,und gar ſo kurz iſt die Erzählung nicht. Auf meine Bitte ließ mein Vater den Leuten eine neue Flaſche Wein geben und es wurde ihnen bedeutet, daß eben keine Eile nöthig ſei. Die Alte ſetzte ſich zu uns an den Tiſch und begann:

Sie ſind noch jung(ich war damals wirklich erſt 15 Jahre alt) und ein junger Mann kann ſich von den Dingeun gar kein rechtes Bild machen, die wir hier erlebten, und das iſt ein Glück, denn wo⸗ hin ſollte es mit der Heiterkeit der Jugend kommen, wenn Sie in

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