reſolutes Leben und Fühlen und einen Quell heller Poeſie, der in der Erde ſchlummerte und nur der Wünſchelruthe des Dichters harrte, um aufgefunden zu werden und lebendig hervor ans Licht zu brechen. Dort hat er ſich wohl gefühlt, aus jenem Quell hat er mit durſtigen Zügen getrunken und ſich erquickt im Grunde ſeines Herzens— ſeine Dichtung hat nun erſt Boden gefunden und die grüne Erde unter ihrem Fuße. Das wonnige Gefühl, die Heimat gefunden zu haben, Befriedigung und Freude blickt uns aus jeder Zeile ſeiner Dichtung traulich entgegen; und wie oft Wolken ſich tief unten am Saume des Himmels ablagern, um ſeine Bläue nur deſto reiner und tiefer er⸗ ſcheinen zu laſſen, ſo lagert im„Münchhauſen“ gleichſam nur am fernen Horizonte das graue Gewölk der alten Unzufriedenheit, der Ironie und Unwahrheit— Münchhauſen, der Baron, Emerenz und Ageſel, Halbtürken und„Unbefriedigte“ ſtehen draußen, und ihre Blaſirtheit und Verrücktheit trübt nicht den blauen Himmel, der über dem Oberhofe leuchtet, ſondern hebt ihn nur um ſo klarer ab. Der Oberhof im„Münchhauſen“ iſt Immermanns poetiſche That, nur ſie hat ihn zum Dichter gemacht, den das deutſche Volk in ſein Herz geſchloſſen, um ihn dort in Liebe feſtzuhalten für alle Zeit, während ſeine Luſt⸗ und Trauerſpiele und ſonſtige Dichtungen kaum zu deſſen Kenntniß gelangt, ja, ſelbſt den Gelehrten ſchon abhanden gekommen ſind, die faſt nur noch deren Namen in den Tafeln der Literatur⸗ geſchichte regiſtriren. Und wie er in ſeinem frühern Dichten Nachahmer vieler geweſen, hier iſt er leuchtendes Vorbild vieler: er iſt der Be⸗ gründer der„Dorfgeſchichten“ geworden, eines neuen und lebens⸗ kräftigen Zweiges am Baume der deutſchen Poeſie, der ſeitdem ſchon manche herrliche Blüthe getrieben, Blüthen wie„Moni und Broſi“, oder„Ivo“, oder„das Barfüßle“, duftig alle und lieblich wie das Roth des Apfelbaumes. Hätte Graf von Platen das Erſcheinen des „Münchhauſen“ erlebt, wir müßten ihm zürnen und es ihm nicht blos zur poetiſchen, ſondern zur wirklichen Sünde anrechnen, daß er in ſeinem„romantiſchen Oedipus“ unſern Dichter unter dem Namen„Nimmermann“ in Seene bringt und mit der ganzen Salz⸗ lauge ſeines Witzes und Spottes übergießt. Fürwahr! der Verfaſſer des„Münchhauſen“ iſt doch ein Mann, und ſchon in jenem litera⸗ riſchen Streite hat er ſich männlicher und edler bewieſen, als ſein ſtolzer, in ſeinen eigenen Genius verliebter Gegner, und hat ſchließ⸗ lich erreicht, was jenem unerreichbar geblieben, ein Mann des Volkes, ein Liebling ſeiner Nation zu werden. Er hats erreicht in der letzten Stunde denn nicht ein Jahr war ſeit der Vollendung ſeines Meiſter⸗ werkes entſchwunden, als ganz Deutſchland überraſcht wurde durch die Nachricht von ſeinem Tode(1840). und wird leben; und wer nur den Fuß über den Hellweg ſetzt oder vom brauſenden Dampfwagen aus zu den Thürmen des altehrwür⸗ digen Soeſt und zu dem nahen Zuge des Haarſtrangs aufſchaut, der gedenkt auch des Hofſchulzen und der blonden Lisbeth und ihres Dichters.
Die Scenen, welche der Dichter aus dem Leben und Weben eines kerngeſunden, naturwüchſigen, grunddeutſchen Volksſtammes heraus⸗ gegriffen und innerhalb des Rahmens künſtleriſcher Einheit zum lieb⸗ lichſten und kräftigſten Geſammtbilde verwoben, ſie mußten auch an den Maler herausfordernd herantreten und ihm ihr Recht auf bild— liche Darſtellung und ſichtbare Geſtaltung entgegenhalten. Und ein Meiſter war es, der dieſe Herausforderung annahm. Vautier, von Jugend auf genährt an der Bruſt des Volkslebens und geſund geblieben an ſeinem friſchen Odem, hat, wenngleich einem andern Stamme entſproſſen, auch den Nachkommen der alten Sachſen auf der
Doch ſein Andenken lebt
wenn es den Dichter ſelbſt im wohlgetroffenen Bilde dem Leſer vor⸗ führte, doch nicht blos im kalten Portrait, ſondern inmitten ſeines Schaffens, inmitten der Menſchen und Scenen, die er auf dem Ober⸗ hofe belauſcht und demnächſt in poetiſcher Verklärung wiedergegeben. Und derſelbe Meiſter, von deſſen Hand wir die Illuſtrationen zum Münchhauſen beſitzen, ließ ſich bereit finden, auch hierzu ſeine Hand zu bieten. Der Oberhof ſelbſt iſt es, auf den uns der Maler ver⸗ ſetzt: das alte weſtfäliſche Bauernhaus, von Eichen umſchattet, ſteigt vor uns auf; unter der Eiche ſitzt Immermann, der Dichter, als Zeuge einer Scene, die er demnächſt in ſeinem Werke ſo plaſtiſch aus⸗ gemeißelt: der Antiquitäten⸗Sammler, der von einer Forſcher⸗ reiſe aus dem Sauerlande kommt, woſelbſt er endlich die wirkliche Stätte der Varus⸗Schlacht aufgefunden zu haben vermeint, iſt vom Hofſchulzen freundlich willkommen geheißen, aber der Aerger iſt ihm ins Geſicht getreten, als dieſer ihm die Beweiskraft der mitge⸗ brachten Alterthümer in ſehr entnüchternder Weiſe angefochten. Um ſo weniger iſt er nun geneigt, jenes Alterthum, welches dem Hofſchulzen ſelbſt faſt mehr am Herzen liegt, als ſein ſtolzer Meierhof, als echt anzu⸗ erkennen und in dem Dinge, das er nur für eine Waffe aus den Zei⸗ ten der Soeſter Fehde halten kann, das„ächte und aufrichtige Schwert Caroli Magni“ zu ſehen,„womit dieſer Kaiſer hier auf dem Oberhofe den Freiſtuhl geſetzet und aufgerichtet“. Der Streit hat die Köpfe er⸗ hitzt.„Und ich ſage und behaupte...“ heißt es von der einen, und „ich ſage und behaupte...“ heißt es von der andern Seite, und die Fäuſte ſchlagen auf den Tiſch. Einer der Knechte ſteht ſchon ge⸗ wärtig des Winkes von ſeinem„Baas“, um aus dem Hauſe die jüngſt in der Kiesgrube aufgefundene römiſche Amphora zu holen, ſo ver⸗ lockend für den Sammler, daß ſie ihn demnächſt zu einer Sünde gegen ſein antiquariſches Gewiſſen zu verführen vermag.— Unmittelbar vor dieſer Scene ließ der Dichter die„blonde Lisbeth“, die im Oberhofe genächtigt hatte, von dort abreiſen. Doch dem Maler ſtand es zu, ihre Gegenwart noch ein Stündchen länger andauern zu laſſen, um uns auf dem Bilde, wo ſie in der Hausthür im Hinter⸗
grunde ſtrickend ſitzt, durch ihre reizende Erſcheinung zu erfreuen
und zu dem Ernſte und Zorne der Männer den freundlichen Gegenſatz zu bringen; zudem iſt ſie ja neben dem Hofſchulzen, eine der Hauptfiguren in dem ganzen Idyll vom Oberhofe. Doch dies iſt es nicht allein, was den Maler beſtimmte. Der Mittel⸗ punkt der ganzen Scene iſt in gewiſſem Sinne das Schwert Karls des Großen und zu dieſem hat der Dichter auch die Lisbeth in Be⸗ ziehung geſetzt. Sie iſt ausgegangen, um für ihren Pflegevater, den alten Baron, bei den Bauern der Umgegend die ſeit Jahren rückſtän⸗ digen Zinſen einzutreiben: allein— ſchlechte Bezahler dieſe Bauern. Nun aber weiß das verſtändige Mädchen ſich an den rechten Mann zu wenden: der Einfluß des Hofſchulzen auf alle Bewohner der Soeſter Börde iſt ihr nicht unbekannt geblieben; und ſie hat die Freude, von ihm zu hören:„Die Bauern, die in unſerer Gemarke wohnen, gegen die werde ich Ihnen zu Ihrem Rechte helfen, dazu haben wir noch Mittel.“ Und dieſes Mittel, dieſen Einfluß hat er eben als Inhaber des Schwertes Caroli Magni, als oberſter Stuhlherr oder„Graf“ am Freigerichte.— Aus einem gleichen Grunde fand eine andere Figur Platz auf unſerm Bilde, die der Dichter erſt bei weitem ſpäter auftreten läßt. Wie das Schwert Karls des Großen der blonden Lisbeth oder ihrem Pflegevater zu ihrem Rechte verhilft, ebenſo tritt es gegen den Veobrecher auf in ſeiner ſtrafenden Gewalt; und der verlumpte Orgelmann oder Patrioten⸗Caſpar, ehedem ein freier Bauer auf freiem Erbe, hat es bitter erfahren, was es
„rothen Erde“ ſeine Liebe zugewandt, ihren Dichter und die Geſtalten, heißt, am Freiſtuhle verfehmt und aus der Gemeinſchaft der Ehrlichen
den die er geſchaffen, in ſein Herz geſchrieben, und ſodann dem deutſchen und ſeiner Standesgenoſſen ausgeſchloſſen zu ſein. Das Schwert * Volk aus kunſtgewandter Hand eine Gabe dargereicht, die es freudig hat ihn, den Mörder, zwar nicht vom Leben zum Tode gebracht, aber B und dankbar annahm: die Illuſtrationen zum Münchhauſen. Vautier er iſt todt in der Geſellſchaft der Lebenden,„echtlos, rechtlos, friede⸗
4 iſt der Interpret des Dichters geworden, der deſſen kräftige und lebens- los, ehrlos, ſicherlos, mißthätig“. Wohl mag er ſich für berechtigt Tyrol“, warme Bilder erſt in das volle Leben emporgehoben hat, ſo daß er halten, den Hofſchulzen, als den Mittelpunkt jenes furchtbaren Gerichtes, ſt/ ven ihm daſſelbe ward, was ein Kaulbach oder Seibertz unſerm Alt⸗ aus Grund ſeiner Seele zu haſſen und ihm ſpäter durch die Ent⸗
* meiſter Göthe. wendung gerade deſſelben Schwertes einen herzbrechenden Gram zu igen, Wenn das„Daheim“ ſeinem Namen Ehre machen wollte, ſo bereiten. Auf unſerm Bilde richtet er ſeinen Schritt zu dem Dichter V Triſtan durfte es nicht unterlaſſen, ſeine Leſer an den Dichter zu gemahnen, Immermann, gleich als wenn er dieſem, wie ſpäter dem Oberamtmann Gulhe der mit ganzer Liebe der deutſchen Heimat zugethan war, dort die Ernſt, die Bitte vortragen wollte, ihm ein„Protokoll“ aufzuſetzen, Doch— ſchönſte Blume ſeiner Dichtung pflückte und uns Geſtalten vorführte, die worin„Mord und Todtſchlag“ ſtehen ſoll; denn„ich habe einen mak⸗ uns heimatlich grüßen und entgegen lachen, und unſere eigene Liebe Menſchen todtgeſchlagen und keiner will mir ein Protokoll darüber unter zu unſerm deutſchen Daheim nähren und beleben. Das„Daheim“ machen, auf daß ich mein Recht und meine Strafe empfange, wie ſich nd Kar glaubte dies in keiner würdigeren Weiſe ermöglichen zu können, als gebührt.“ Von ordentlicher Obrigkeit will er dieſe Strafe, nachdem ftiger/ I. 19.


