Jahrgang 
1865
Seite
264
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Naturkraft und kennen keine Schranken. Bewundern wir mit ſtiller Ehrfurcht des Hofſchulzen ſonnenhellen Verſtand, ſeine Einſicht in den Kern aller Dinge; ſehen wir, mit welcher Ruhe er in die äußern Verhältniſſe, wie in ſein eigenes Innere zu ſchauen weiß, wie er Herr ſeines Empfindens iſt und ſich auf der Stelle darüber ſelbſt zur Rechenſchaft zu ziehen weiß: ebenſo bewundern wir, aber mit ſtillem Grauen, ſeine losbrechende Leidenſchaft, ſeinen entfeſſelten Zorn, der nur um ſo erhabener iſt, als er ſich äußerlich noch mit grauſiger Ruhe paart, wie die Wetterwolke, ehe ſie den zündenden Strahl entſendet; ja, wenn ſeine phyſiſche Natur darunter zuſammenbricht, unſere Theil⸗ nahme können wir ihm nicht verſagen. Wie der weſtfäliſche Bauer überhaupt noch ein Kind der Natur iſt, ſo iſt ſein ganzes inneres und äußeres Leben mit ihr verſchwiſtert: er iſt milde wie ſie, treu wie ſie, aber auch furchtbar wie ſie wahr in ſeinem ganzen Weſen, der Schminke fremd. Naturwahr iſt ſein ganzes Sein, Denken und Empfinden; ſein Wort iſt noch deutſches Manneswort, worauf Verlaß iſt. Schwer iſt es, ſeinem Herzen nahe zu kommen; aber was ihm einmal nahe gekommen iſt, das bleibt ihm auch nahe für alle Zeiten. Die raſche Vertraulichkeit, welche uns andere deutſche Stämme ent⸗ gegentragen, finden wir nicht bei ihm; aber haben wir ſein Vertrauen erworben, ſo beſitzen wir es als ein verbrieftes Eigenthum, es zer⸗ fliegt uns nicht unter den Händen, wie die ſchnell aufgequollene Freund⸗ lichkeit jener. So kann er es ſich denn ſchon gefallen laſſen, wenn der Fremde bei ſeiner flüchtig gemachten Bekanntſchaft über die Kälte und das Mißtrauen des weſtfäliſchen Bauers Klage führt. Der Fremde hat nicht Unrecht: mißtrauiſch iſt er, kalt und ſtörriſch iſt er, ja ſtolz bauernſtolz; und der ſächſiſche Receptor trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er ſagt:Anderwärts wohnen die Leute beiſammen und deshalb müſſen ſie ſchon höflich und nachgiebig und bethulich mit ein⸗ ander ſein; aber hier ſitzt ein jeder auf ſeinem Kampe, hat ſein Holz, ſein Feld, ſeinen Wieſenwachs um ſich, als gäbe es ſonſt nichts in der Welt. Aber der Herr Receptor hätte hinzufügen ſollen:Man ſei ehrlich gegen ihn, ſuche ihm nicht mit Ränken und Kniffen beizu⸗ kommen, zeige ihm, daß er uns vertrauen könne, und er wird uns vertrauen und uns willfährig ſein, wo er nur kann. Derſelbe edle Herr meint einen gewaltigen Tadel über die weſtfäliſchen Bauern auszuſprechen, wenn er ſagt:Darum halten ſie auch auf ihre alten Schnurren und Faxen ſo ſteif, die anderwärts überall abgekommen ſind; aber ohne zu wollen, ſpricht er ihnen damit das höchſte Lob zu. Der weſtfäliſche Bauer iſt noch nicht geſonnen, ſich ſelbſt aufzugeben; darum hält er feſt an dem Hergebrachten, an dem Alten, das er und ſeine Väter durch Jahrtauſende erprobt haben; er ehrt und übt die überkommene Sitte, ſelbſt wenn ſie ihm unbequem iſt, ſogar noch, wenn ſie ihm, wie dem alten Hofſchulzen, einen Hochzeitstag zur Qual macht.

Wie an der alten Sitte, ſo hält er auch feſt am alten Recht. Nicht blos, daß er Herr in ſeinem Hauſe ſein und an ſeinem Haus⸗ recht kein Haar krümmen laſſen will; nicht blos, daß er ein Patriarch ſein will mit unumſchränkter Gerichtsbarkeit über ſeine Familie und ſeineVölker, wie er ſein Geſinde nennt; auch der bürgerlichen Verwaltung gegenüber ſteift er ſich auf ſeine alten Gerechtſame und ſucht ſie zu retten, ſelbſt wenn die Neuerung zu ſeinem Vortheile wäre. Seinen König liebt er in tiefſter Ehrfurcht;ja, ja, ſagt der Hof⸗ ſchulze,das Herze ſchlägt mir in meinem Leibe, da ich ſeinen Namen ausſpreche; denn der König, der König muß ſein, und nicht ein Buch⸗ ſtabe darf abgenommen werden von ſeiner Macht und von ſeinem Anſehen und von ſeiner Majeſtät; aberdie Herren von der Schreiberei mag er nicht, und wenn dieſe ihm mäkeln wollen an ſeinen alten Rechten, ſo ſteht er ihnen entgegen mit der ganzen Hals⸗ ſtarrigkeit, deren ein weſtfäliſcher Bauer fähig iſt, und hält feſt an jedem Jota und Titelchen ſeiner ererbten Berechtigung. So iſt es denn auch keine Erfindung des Dichters, ſondern die volle Wahrheit, daß ein Reſt des alten Freigerichts, worin der Bauer ſelbſt ſeine Streitigkeiten ſchlichtete, um ſie nicht vordie Herren von der Schreiberei zu bringen, ſich bis in die jüngſte Vergangenheit hin⸗ überretten konnte. War dasheimliche Ding der alten Freigrafen auf weſtfäliſchem Boden, aufder rothen Erde längſt eingegangen; wurde zu Arnsbergim Bauerhof vor der Olry⸗Pforte und unter der Linde zu Dortmund nicht mehr getagt und kein Verbrecher mehr verfehmt: ſo war unter den Bauern derrothen Erde die alte LoſungStock, Stein, Gras, Grain noch nicht verklungen, und das Schwert Karls des Großen übte ſein Gericht weiter, und dieSchreiber

mochten ſich wundern, daß von dort durchaus nichts unter ihre Federn gebracht wurde. Maßte ſich der Bauer auch den Blutbann nicht mehr an, ſo wahrte er doch Recht und Gerechtigkeit, und der Verurtheilte, der aus den Reihen der Ehrlichen und der freien Bauern ausgeſtoßen worden, war kaum weniger übel daran, als ehedem der Verfehmte, den das Meſſer mit den heiligen Zeichen verfolgte. DerOrgel⸗ mann weiß davon nachzuſagen.

Wenngleich aber dieſe bezeichneten Grundzüge mehr oder minder bei allen Bauern der Soeſter Börde wiederkehren, ſo beſteht dabei, daß ſich trotzdem, ebenſo wie anderswärts, die verſchiedenartigſten Charaktere herausbilden; und ſo vermochte auch der Dichter uns deren eine reiche Ausſtellung zu bringen. Bei weitem weniger mannigfaltig ſind die weiblichen Charaktere, wie natürlich: die Frau theilt großen⸗ theils die Sorgen und Arbeiten des Mannes, die Tochter die der Söhne und Knechte, ſo daß ſie ein Eigenartiges in ihrem Weſen nicht entfalten kann, wie dies in den Kreiſen feinerer Bildung und geſtei⸗ gerten Seelenlebens möglich iſt. Und ſo unterſcheidet ſich die Tochter des Schulzen in ihrem Geiſtes⸗ und Gemüthsleben nicht von der des Kötters, ja kaum von der des Tagelöhners: keine führt ein Leben, das der andern zu hoch ſtände; ſie verſtehen und begreifen einander in ihrem ganzen Denken und Empfinden: die blauen Augen der einen ſagen das Gleiche, was die blauen Augen der andern ſagen. Eine

blonde Lisbeth iſt unter ihnen ſelbſt die rothe Wunderblume, die ſich

unter den ſchlichten Ritterſporen und Hederich des Ackers verirrt hat; aber auch ſie, obgleich in anderer Umgebung aufgewachſen, blüht an⸗ fangs unſcheinbar, wie ihre Schweſtern, und entfaltet erſt dann ihre reiche Blüthe, als eine neue Sonne darüber aufgegangen.

Das ſind die Menſchen, deren Leben und Treiben der Dichter bis in das Kleinſte belauſcht und angeſchauet und, erſtaunt über ſeine Fülle und reiche Mannigfaltigkeit, mit kühnem Griffe zum erſten Male in das Reich der Dichtung eingeführt hat. ⸗Er hat es gewagt, einmal von Hof⸗ und Commerzienräthen Abſtand zu nehmen und in dem Manne, der im Rocke von Zwillich hinter dem Pfluge geht, mehr als Komik und Grobheit zu ſehen; er hat es gewagt, die hohlen Ge⸗ bilde dervornehmen Poeſie für hohl zu halten und an ihre Stelle Weſen zu ſetzen, die noch Weſen und Mark in ſich tragen; er hat es gewagt, die deutſche Dichtung, die unſtät wanderte nach allen Fremden und Zonen hin, wieder anzuſiedeln auf dem Boden des deutſchen Volkes ſelbſt, auf dem eigentlichſten Boden des eigentlichſten Volkes, das die Fundamente des Staatenlebens auf ſeinen Schultern trägt; ja, er hat es gewagt, mit ſich ſelber zu brechen, aus ſeiner eigenen frühern Dichtung herauszutreten, von vielfachen Irrgängen in der Fremde umzulenken und die Heimat des deutſchen Volkslebens auch ſeiner Poeſie als Heimat zu überweiſen, wo ſie erſt Ruhe, rechten Lebens⸗ odem und wahre Freude finden ſollte. War er doch ſelbſt vordem wie auf uferloſer See umgetrieben, ohne den feſten Grund zu finden, in welchem ſein Anker einſchlagen konnte. Die Geſtade der Romantik hatte er verlaſſen, er plätſcherte mit in dem buntſchillernden Wellenſchaume der Ironie, den Tieck zuerſt heraufgetrieben hatte, er belächelte, wie dieſer, humoriſtiſch die Welt und ſich ſelber; er war verſtimmt, der Vergangenheit der deutſchen Dichtung und den Tendenzen einer früheren Zeit hatte er den Rücken gewandt, aber eine neue Gegenwart noch nicht erobert.Wehe Dir, daß Du ein Enkel biſt dieſes Wort des Altmeiſters war an ihm zur Wahrheit geworden, er fühlte mit Unmuth den Epigonen in ſich, und nicht blos zufällig iſt es, daß er jenen Roman ſchrieb, der unter dem Titel derEpigonen berühmt wurde und ſeine Zeit und ihn ſelbſt abſpiegelte mit aller Zerfahren⸗ heit und Unbefriedigtheit. Mit unruhiger Haſt ferner greift er vom Trauerſpiel zum Luſtſpiel, vom Luſtſpiel zum Roman und zur epiſchen und lyriſchen Dichtung, nicht von innerm Drange getrieben, ſondern überſättigt; vomThal von Ronceval ſpringt er hinüber zu den Prinzen von Syrakus, von da wieder zumTrauerſpiel in Tyrol, ohne zu verſtehen, daß Andreas Hofer ein chriſtlicher Held iſt, von dieſem wieder in das Mittelalter zurück zuKaiſer Friedrich II., ohne das eigentliche Leben des Mittelalters zu lieben und zu würdigen, oder noch weiter zurück zu dem mythiſchen Minnetranke vonTriſtan und Iſolt und bald iſt Shakeſpeare ſein Vorbild, bald Göthe und Tieck, bald der alte Meiſter Gottfried von Straßburg. Doch nichts befriedigte ihn, er gründete ſeiner Dichtung keine feſte, heimat⸗ liche Wohnſtätte, bis er wer ſollte es für möglich halten? unter die Bauern der Soeſter Börde trat und nicht bloß Gerſte und Kar⸗ toffeln bei ihnen fand, ſondern Naturwahrheit und Friſche, kräftiges,

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