Jahrgang 
1865
Seite
263
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aufgeſchichtet, nehmen im Herbſte das abgeerntete Feld ein und ſtehen über Winter, bis das Korn des Söllers daheim ausgedroſchen iſt. Sie täuſchen von fern das Auge des Wanderers, der dort ebenſo viele Dörfer zu ſehen vermeint: wenigſtens den Kraal der Südafri⸗ kaner vermöchten ſie getreu darzuſtellen.

So ſpinnt ſich unſre Ausſicht meilen⸗ und wieder meilenweit zur Rechten und zur Linken fort, allerwärtshin gleich. Wechſel nur bringen in das Bild die Mauern und Thürme der drei Städte Soeſt, Werl und Lippſtadt, die tief unten aus der Ebene aufſteigen, während die Ausſicht auf weitere Städte, wie Geſecke, Unna und Hamm ſchon in blauem Nebel verdämmert. Zwei Ciſenbahnen, deren Dampf⸗ roſſe Immermann hier noch nicht brauſen hörte, vermitteln den Ver⸗ kehr dieſer Städte mit einander und mit der großen Welt: bis zur Haar herauf ſchallt ihr ſchrilles Pfeifen, und von dort aus ſehen wir die blauen Züge ihrer Dampfwolken drunten durch die Ebene ſtreichen.

Edelhöfe begegnen unſerm Blicke nur wenige: im Ganzen hat hier, inmitten freier Saſſen, der Adel ſich nicht feſtſetzen und aus⸗ dehnen können. In der Soeſter Börde und allem, was daran grenzt, iſt der Bauer, der rechte weſtfäliſche Bauer zu Hauſe. Zu einem ſolchen wollen wir denn nunmehr, wie ehedem der Dichter, heran⸗ treten und auf ſeinem einſamen Gehöfte uns näher umſehen.

Wir ſchreiten einer Eichengruppe zu. Das ſchwere Milchvieh im Weidekamp zur Seite, an niemand als die Melkerin gewöhnt, ſchnaubt uns über den angelegten Schlagbaum entgegen. Ein Obſt⸗ hof wird ſichtbar, zwiſchen deſſen Stämmen entwöhnte Kälber und Fohlen umſpringen; ein Garten ſodann mit einem Walde von Erbſenruthen und Bohnenſtangen, und überſponnen vom wuchernden Geſchling von Aſtern, Wermuth und Salbei; Laube und Bienen⸗ hütte fehlen nicht. Nun betreten wir den eigentlichen Hof: die grunzende Schar des Eumäus fährt in ihrem Pferche auf: von dem reinlichern Platze heben ſich die Tauben auf und fliegen dem Söller⸗ fenſter zun doch während wir ihnen nachſehen und daſelbſt dem bunten Erntehahn einen Blick gönnen, der uns vom Segen des ver⸗ gangenen Jahrs erzählt, ſtört uns das wüthende Gebell des Hof⸗ hundes auf, der in ſeine Kette ſtößt, ſobald er den Fußtritt des nahenden Fremden hört: Gänſe und Hühner fahren erſchreckt aus⸗ einander, und erſt das Schnalzen des Kleinknechts, der aus dem Pferdeſtall hervortritt, weiſt ihn in ſein Bretterhaus zurück. Wir fragen den Burſchen nach dem Hausherrn oderBaas: doch nur halbe oder keine Antwort wird uns; wie harthörig weicht er nach der Seite ab, guckt uns aber, ſobald wir an ihm vorüber, mit unver⸗ wandter Neugier nach. Nachdem wir draußen noch einen Blick auf Scheune, Backhaus und Brennerei geworfen, treten wir, meiſtens an einem ſorgſam aufgebauten Dunghaufen vorbei, in die hohe, weite Niederthür des Wohnhauſes ein: langhin ſtreckt ſich dieDiele vor uns aus, von deren buntem Steinbeſatze im Winter ſchon früh vor Tage die taktvolle Muſik des Dreſchens luſtig hinausſchallt; vom Stalle zur Rechten her ſchnauben, wofern ſie nicht draußen im Kampe gehen, die Rinder über den Trog und langen mit leckender Zunge nach dem grünen Kleehaufen der Diele; vom Stalle tzur Linken ſtrecken uns glattgeſtriegelte, gliederfeſte Pferde, zwiſchen Raufe und Krippe hindurch, den Kopf entgegen; Sattelzeug, Ketten und Dreſchflegel hangen rings von den Wänden herab. Wofern ſich nicht, wie in einigen der älteſten Häuſer, wo der Kamin noch fehlt, die Küche ohne Zwiſchenwand an die Diele anſchließt, überwölbt von der rußgeſchwärztenAſſe oderHille, ſo führt uns ein ſchmales Pförtchen von der Diele in einen engen Flur, der einerſeits durch dieOberthür draußen nach dem Hofe, andererſeits an der Kammer⸗ treppe vorbei, in die Küche ausmündet. Die Thür in ſeiner jen⸗ ſeitigen Wand würde uns zwar in eine Stube, aber zu keinen Menſchen bringen; denn es iſt diefeine Stube, die ſich nur bei Kindtaufen oder höherem Beſuch zu öffnen pflegt. Das Leben des Alltags iſt nur daheim in der Küche, dem größten Raume des Hauſes nächſt der Diele, nicht in derfeinen Stube, auch nicht in der eigentlichen Wohnſtube zur Seite der Küche. Die Küche ſelbſt iſt Speiſe⸗ und Sprechſaal zugleich. Lange, weißgeſcheuerte Eichen⸗ tiſche, der Herd mit den reinlichen Geſchirren desSchüſſelbretts, ein großer, blitzender Meſſingkeſſel, der eingemauerteBrautopf, gleichfalls vom Ruß freigehalten, ein blankerFeuerriegel von ſchwerem Eiſen, und die ſpiegelnde Hinterwand des Herdes, auf welcher ein weißes, blaubemaltes Porcellangetäfel die rothe Flamme

widerſcheinen läßt alles das gibt ihr ein gar freundliches Aus⸗ ſehen und empfiehlt durch ſeine Sauberkeit die Speiſen, die der Herd ſogleich auf den nahen Tiſch liefert, um welchen ſich derBaas mit den Knechten, die Hausfrau mit den Kindern und Mägden gemein⸗ ſam reihen und nicht ſelten mit der Hand in dieſelbe Schüſſel langen, nachdem der Kleinknecht dasAller Augen geſprochen und der Groß⸗ knecht das Brot vorgeſchnitten. Der Herd, um deſſen lodernde Flamme ſich Abend alles ſchart, iſt dann auch die Stätte traulicher Unterhaltung, wobei der Baas, wie Immermanns Hofſchulze, mora⸗ liſche Sprüche austheilt, oder die Altmagd in den Schatz der Volks⸗ märchen und Ränbergeſchichten greift und zur Abwechslung Lieder anſtimmt, geiſtliche wie weltliche, echte Volkslieder wie gereimte Mordgeſchichten, die man auf gedruckten Zetteln vom letzten Aller⸗ heiligenmarkte in Soeſt mit heimgebracht. Hier alſo iſt der Herd noch der rechte Mittelpunkt des Hauſes; hier begreift man noch die Verehrung, welche die alten Römer ihrer Veſta zollten. An die Küche ſtößt gewöhnlich auch die Molkenkammer, gleichfalls durch Reinlichkeit ausgezeichnet und, nächſt der Linnenkammer im Oberſtock, die Freude und der Stolz der Hausfrau; ſowie in ältern Bauern⸗ häuſern noch ein Raum, der nichts enthält, als denKülter oder Schlafkaſten, was Juſtus Möſer lobt, weil von dort die Bäuerin ſelbſt noch im Kindbett die Küche und das Geſinde beaufſichtige. Im übrigen ſind alle Schlafräume dem Oberſtock aufbehalten, und die Betten daſelbſt von Pfühlen und Federdecken ſo hoch aufgethürmt, daß man beim Einſteigen ſchier der Leiter bedarf; hier auch blicken uns aus jeder Ecke ſchwere Koffer von Eichenholz und ebenſo ſchwer mit Eiſen beſchlagen, entgegen, worin die Hausfrau ihr Linnen birgt, duftend vom Geruche des zwiſchengelegten Apfels, ſowie ihr Eheherr ſeine Kronthaler; der Hofſchulze auch barg darin den Schatz, der ihm mehr, als ſeine Kronthaler am Herzen lag, dasSchwert Caroli Magni. In dieſen obern Räumen nimmt die Herrſchaft, wie die Kinder und das Geſinde die Nachtruhe, nur nicht der Kleinknecht, welcher neben dem Futterkaſten in derBucht am Pferdeſtalle ſchläft, um Nachts, wenn die Hengſte klopfen, ihnen neues Futter aufzuſchütten. Der Dachraum ſchließlich, Boden oderBalken genannt, ſpeichert nur Korn oder Viehfutter auf.

Das iſt die Erde, der Hof, das Haus, wo der eigentlichſte weſt⸗ fäliſche Bauer wohnt, in ſeinen Grundzügen immer noch derſelbe, der dem alten Römer Tacitus Ehrfurcht einflößte, der dem Auguſtus ſeine Legionen vernichtete und Karl dem Großen und ſeinem Schwerte Arbeit für ſein ganzes Leben gab, der ſchließlich unſerm Dichter bedeutend genug erſchien, um ſeinem Meiſterwerke Grundlage und Mittelpunkt zu ſein. Noch heute lebt in ihm die gleiche ungebrochene Kraft der alten Sachſen, die Kraft der eiſernen Glieder, wie die Kraft des Geiſtes und der Tiefſinn, der vor mehr als tauſend Jahren einem ſeiner Vorfahren das Lied vomHeliand in das Herz gab; und wohl mögen wir, wenn wir den Hoffchulzen unter den drei Feld⸗ linden tagen ſehen, an den alten Sänger gemahnt werden, der ſeinen Landsleuten denwaltenden Kriſt und ſeineWehrmannen in gleicher Weiſe vorführt. Mag ſeitdem auch dieſer Tiefſinn kein Lied mehr, wie jenes, geſungen haben: das tiefe, beſchauliche Sinnen, das innige, poetiſche Mitleben mit der Natur, der träumeriſche Hang iſt den Nachkommen nicht abhanden gekommen, wenn ſich ihnen auch keine weitere Geſichte mehr entfalten ſollten, als dieVorgeſchichten der Zukunft, an die hier noch jedermann glaubt, wie denn der Hofſchulze gewiß nicht lügen will, wenn er behauptet, er habe Napoleons Zug nach Rußland im deutlichen Bilde über die Haar ſchweben ſehen, und diejenigen nicht lügen wollen, welche dengroßen Fürſten der Zu⸗ kunft ſammt ſeinen Kriegsſcharen amBirkenbaume bei Werl ge⸗ ſchauet haben. Wenn aber ein neuerer Dichter die Weſtfalenſenti⸗ mentale Eichen nennt, ſo iſt das gleichwohl nur eine Redensart, die nicht zutrifft, wenigſtens nicht bei dem Bauer der Soeſter Börde; denn Empfindſamkeit und Ueberſchwänglichkeit iſt nicht ſeine ſchwache Seite, im Gegentheil, der praktiſche Verſtand iſt bei ihm ſo vorwiegend, daß das Gefühl ziemlich dadurch in den Hintergrund gedrängt wird, wenigſtens vielſprechen über ſein Fühlen und Empfinden iſt nicht ſeine Sache: für alles, was das thatſächliche Leben angeht, weiß er bald den klaren Gedanken und das verſtändige Wort zu finden, aber für ſein Empfinden nicht, ja er ſchämt ſich ſogar, weiche Stimmungen zu verrathen. So ruhen auch ſeine Leidenſchaften meiſtens unter feſtem Verſchluß, und lange behält ſein nüchterner Verſtand die Herrſchaft über ſie; doch einmal entfeſſelt, brechen ſie hervor mit unbeſiegbarer