Karl Immermann und ſein„Münchhauſen“.
Von Friedr. Wilh. Grimme.
Wenn uns der Perſonenzug der weſtfäliſchen Eiſenbahn an der altehrwürdigen Stadt Soeſt vorüberträgt, ſo reden von ihren halb⸗ verfallenen Mauern und verſchütteten Wallgräben, von ihrem hoch⸗ ragenden Sct. Patroclidom und den ſchlanken, himmelanblühenden gothiſchen Gebilden von„Maria zur Wieſe“ und andern Reſten der Vorzeit die mannigfachſten geſchichtlichen Erinnerungen zu uns her⸗ über. Die alten Sachſen und ihr Bezwinger Karl der Große, die Hanſa, in deren Bunde das„große Dorf in Weſtfalen“ eins der wichtigſten Glieder war, das Soeſter Stadtrecht, das ſelbſt den ſtolzen Lübeckern zum Vorbilde gedient, die Zeiten der„Soeſter Fehde“, wo aus dieſen Thoren ſechszigtauſend ſtreitbarer Männer auszogen, den dem„tollen Chriſtian“ von Braunſchweig— alles dieſes und noch viel mehr weiß unſre Gedanken zu beſchäftigen; ja, Beziehungen zu König Etzel und der Nibelungenſage, ſogar zu Suſa, der Königsſtadt des Oſtens, fehlen nicht. Der Kenner der deutſchen Literaturge⸗ ſchichte aber ſagt: dies ungefähr iſt die Gegend, wo zur Zeit Ludwigs des Frommen jener ſächſiſche Bauer in hoher Begeiſterung das er⸗ habene Lied von der Erlöſung, den„Heliand“, geſungen, die erſte und beſte aller Meſſiaden. Oder er gedenkt, wenn ihm das ſeitab liegende ehemalige Nonnenkloſter Paradies gezeigt wird, des„aben⸗ teuerlichen Simpliciſſimus“, dieſes grobkörnigen und doch ſo herzge⸗ ſunden Spießgeſellen der marodirenden Scharen des dreißigjährigen Krieges, und des tollen Weſens, das er unter dem Namen des Jägers von Soeſt in dieſem Kloſter und in Soeſt ſelbſt, ſowie in den beiden Nachbarſtädten Werl und Lippſtadt getrieben und demnächſt ſelbſt ſo treuherzig zu erzählen weiß. Richtet er aber ſeinen Blick zu den zahlreichen Meierhöfen, die hier rings aus dem Flachlande auftauchen oder von dem Abhang des kaum meilenweit entfernten Haarſtranges herniederſehen, ſo gedenkt er eines andern Meiſter⸗ werkes, das die Neuzeit geſchaffen, und macht ſeine Begleiter auf⸗ merkſam auf den Schauplatz von Immermanns Münchhauſen. Da aber iſt niemand unter dieſen Begleitern, der nicht neugierig aufſchaute; denn Immermanns Münchhauſen kennen und lieben ſie alle, oder haben wenigſtens davon gehört. Gar zu gern möchten ſie nun aus der Zahl der Einhöfe, welche jenſeits der Stadt die Haar hinanſteigen, den„Oberhof“ ausfindig machen, wo der„Hofſchulze“ hauſete, wo die„blonde Lisbeth“ wandelte, wo der„Jäger Oswald“ die fremde Blume fand und das Mädchen, das ſelber die lieblichſte Blume war; wo der alte gewiſſenhafte Sammler, der ſalbungsvolle Küſter, der feilſchende Roßhändler und andere uns liebwerthe Geſtalten einſprachen und der„Patriotenkaſpar“ umging mit ſeinem Leierkaſten und ſeinem ſchuldigen Gewiſſen. Dagegen werden ſie unter der Zahl der wenigen Edelhöfe, die aus der Ebene aufſteigen, nicht vergebens ſpähen wollen nach dem Schloſſe Schnick⸗Schnack⸗Schnurr, wo der edle Freiherr von Münchhauſen, der ergrünte, wenn andere Menſchen⸗ kinder errötheten, dem alten„Baron von Schnuck⸗Puckelig⸗Erbſen⸗ ſcheucher in der Boccage zum Warzentroſt“ und ſeiner gefühlvollen Tochter Emerentia und dem Schulmeiſter Ageſilaus ſeine ſeltſamen Abenteuer und dreifarbigen Wunder erzählte; denn beſagtes Schloß, ſo hat der Dichter ſelbſt verſichert, iſt am Ende ſeiner Geſchichte wegen langjähriger Baufälligkeit zuſammengeſtürzt, und ſeitdem wird auch wohl der Schutt abgetragen ſein.
Der Eiſenbahnzug rollt weiter, und aus den allmälig ver⸗ ſchwindenden Häuſerreihen der alten Stadt vermag keiner der Paſſa⸗ giere mehr die Wohnung des würdigen Diaconus herauszufinden, der den ſchönen Bund von Oswald und Lisbeth eingeſegnet und un⸗ auflöslich gemacht. Wir aber wollen noch länger bleiben und mit Erinnerungen an den„Münchhauſen“ die Gegend durchſtreifen, wo auch der Dichter gewandert und, wenn auch kein Landeskind, doch mit Land und Leuten genaue Bekanntſchaft geſchloſſen hatte.
Der landſchaftliche Reiz dieſer„Soeſter Börde“, ſowie des ganzen„Hellwegs“ iſt nur ein geringer; und das iſt es ſicher nicht, was hier das Auge des Dichters feſtgehalten hat. Hätte er der⸗ gleichen geſucht, ſo würde er ſeinen Fuß über die Haar geſetzt haben, an deren Jenſeits das weſtfäliſche Bergland, das Sauerland, ſeinen
Anfang nimmt mit ſeiner himmelanſteigenden Welt, mit der Klüf⸗ tung ſeiner Thäler und dem fluthenden Meere ſeiner grünen Wal⸗ dung. Großartig und anfangs faſt überwältigend iſt der An⸗ blick, wenn wir von dort kommen und vom Thale des Möhnefluſſes aus in ſteiler Anſteigung die Haar gewinnen, dieſen langgeſtreckten Höhenzug, der faſt die ganze Breite des mittlern Weſtfalens durch⸗ läuft und die norddeutſche Ebene vom ſüdlichen Berglande abſcheidet, ſowie er in vorſündfluthlicher Zeit den Andrang der nordiſchen Meere gehemmt und gebrochen. Wir beſchäftigen uns noch mit den letzten Bildern des Arnsberger Waldes: langſam aufſteigend, warfen wir einen Blick auf die erſten norddeutſchen Meierhöfe und den intereſ⸗ ſanten Bau des„Heidentempels“ von Drüggelte: ein letzter Schritt, und die Höhe iſt errungen, und— wie geſchaffen durch den Schlag des Zauberers— eine neue Welt iſt da, ſie gießt ſich aus, unbe⸗ grenzt, unabſehbar, kein Auge mißt ſie ab, nur der Himmel iſt weiter, und die Phantaſie weiß kaum den Anker auszuwerfen, worin ſie ihren Kahn aulege, bis alles weithin in blauer Dämmerung vergleitet und verſchwimmt. Nachdem wir jedoch des erſten Erſtaunens Herr ge⸗ worden ſind und uns anſchicken, erſt zaghaft, dann muthiger, das Rieſenbild zu zergliedern: da erweiſt ſich das Detail allerdings bei weitem weniger groß und bedeutſam, doch immerhin vermag auch da noch manches Einzelne dem Blicke des Beſchauers freundlich zu be⸗ gegnen.
Wie im benachbarten Berglande der Wald, ſo ergießt ſich hier endlos das Grün der Saaten, nur im Lenz unterbrochen von dem lichten Golde verſtreueter Rapsfelder, ſpäter von dem Himmelblau des Flachſes. Und das wallt und wogt im Sommer wie die Wellen eines Meeres, wie raſtlos jagende Wolkenſchatten, und ſchaukelt die Träume des Wandrers. Zu dem Kopfe des Reiters hinan ragt das Korn, und der Roßhändler verſichert dem Receptor, er habe gedacht, er werde darin erſaufen. Wie ein Nebelflor, ſo webt am thauigen Morgen der Blüthendampf darüber. Verloren taucht hier und dort ein Pflüger daraus auf, der die glänzend fette Scholle des Brach⸗ ackers aufwirft für die neue Saat im Herbſte. Schweigſame Bäche ſchleichen hindurch, die Ufer geſäumt von gelben Schwertlilien und den Fackeln des blutrothen Weiderichs; ſparſame quellige Grasraine laufen ihnen zu, die ſich vor dem Pfluge des Landmanns retteten und der Eberdiſtel und dunkeln Geranien das letzte Plätzchen gönnen. Der Wald iſt gewichen: an dem Hange der Haar ſelbſt iſt er jetzt ſo licht geworden, daß es keines Jägers Oswald mehr bedarf, um mit knallendem Gewehr die Hirſche zu verſcheuchen, daß ſie das Korn des Schulzen nicht beſchädigen. Nur Eichengruppen ſteigen auf, aus deren dunkelm Grün die rothen oder grauen Dächer der Einhöfe ausſchauen, und blüthenſchimmernde Obſtbäume verdecken ſpärlich zerſtreute, kleine Dorfſchaften, von denen nur der weiße Kirchthurm ſich in freiere Luft hinausgerungen. Außerdem ſteigen vereinzelte Feldbäume, Linden oder Ulmen auf, deren Krone, wenigſtens bis zum„Kres⸗Wege“, der ehemaligen Grenze von Churköln, mitunter ein Heiligenbild überwölbt, oder Schatten den Schnittern ſpendet, wenn ſie Mittagsraſt halten. Ob unter ihrer Zahl noch jene drei Linden wohlerhalten weiter grünen, die herniederſchauten auf die Stätte der„Heimlichkeit, wo das ächte und aufrichtige Schwert Caroli Magni wirkte und ſein Amt vollbrachte“— wer vermag's zu ſagen? der hohle Stamm aber, aus deſſen Moder die rothe Wunderblume aufwuchs, bei welcher Oswald die blonde Lisbeth zum erſten Male erſah, wird heute wohl gänzlich verfallen und verſtäubt ſein. Eine Wallhecke, welche ein Gehöft vom andern ſcheidet, weiß⸗ blättrige Stützweiden, welche einen Acker abgrenzen, Erleneinfriedi⸗ gungen, die das ſchwarzweiße, kernige Weidevieh auf dem grasreichen „Kampe“ umzäunen— das ſind die anderweitigen Reſte der Baum⸗ welt, denen wir begegnen, das die letzten Plätze, die der Pflug nicht in ſein Bereich gezogen. Und nicht umſonſt zieht er ſeine Furchen: den Segen des Ackers vermögen die zahlreichen Wirthſchaftsgebäude, welche ſich auf dem Schulzenhofe zuſammendrängen, oder die Korn⸗ böden der vereinzelten Dorfſchaften nicht zu faſſen; Hunderte und aber Hunderte von„Tretthaufen“—(Getreidehaufen),— wie Häuſer


