Jahrgang 
1865
Seite
259
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Benito gab ſich Mühe, ſchlau und zuſtimmend zu lächeln und ging guten Muthes zu Francisca, allein dort fand gerade das Gegentheil ſtatt von allem dem, was ihm bisher begegnet war.

Die Sennorita war über ſeine unverhoffte Zurückkunft außer⸗ ordentlich erſtaunt, ja, wie es ihm vorkam, faſt mehr erſtaunt als erfreut, und hierauf begann ſie ihn mit einer Anzahl von Fragen zu beſtürmen, die ihn in Verlegenheit ſetzten und endlich faſt zur Ver zweiflung brachten.

Als er, wie er ſich vorgenommen hatte, von der Dienſtpflicht ſprach, fragte ihn Francisca, ob er ſie nicht höher ſtelle als ſolche langweilige Dinge, und als er hierauf zu ſcherzen verſuchte, begann die Sennorita zu maulen.

Endlich wurde indeſſen der Friede dadurch hergeſtellt, daß Benito ſich eine Friſt von vierzehn Tagen ausbat, nach Verlauf welcher er Francisca die merkwürdigſten Enthüllungen zu machen verſprach; trotz der großen Neugierde, welche die junge Dame gezeigt hatte, war ſie ihm dennoch bei dieſem Wiederſehen liebenswürdiger vorgekommen als je. Da er indeſſen nichtsdeſtoweniger nach Tupa ſehen mußte, welche Joſé in einem beſcheidenen Häuschen auf der Cerro de Caretas untergebracht hatte, einem der Hügel hinter der eigentlichen Stadt, welcher meiſt von den alleranſpruchsloſeſten Leuten bewohnt wird, ſo begab er ſich dorthin, indem er unterwegs bei ſich überlegte, ob er die Rolle eines Beſchützers oder die eines Vaters bei der jungen Indianerin ſpielen ſolle.

Er geſtand ſich indeſſen, als er Tupa ſpäter verließ, daß beide Rollen ziemlich ſchwierig durchzuführen ſein dürften, denn das junge Mädchen war ihm mit ungeheuchelter Freude entgegengekommen, daß er nur mit Mühe Vergleichungen niederkämpfen konnte zwiſchen ihr und der reichen Sennorita.

Als er einige Tage darauf Francisca beſuchte, kam ihm dieſe mit ſolch außerordentlicher Liebenswürdigkeit entgegen, daß Benito anfäuglich faſt ſtutzte, dann aber in ein ſchwärmeriſches Entzücken verſetzt wurde, und ſie endlich nach ſtürmiſchen Liebesbetheuerungen um ihre Hand bat.

Die Sennorita war ein Weſen, welches mit trefflichen und ebenſo ſeltenen Eigenſchaften begabt war.

Da wir uns vorgenommen haben, nie mehr das Aeußere einer hübſchen Frau zu ſchildern, ſo gehn wir ſogleich zu den übrigen Vor⸗ zügen Franciscas über und ſagen, daß ſie eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe war, welche ein beträchtliches Vermögen beſaß und nebenher mehrere bejahrte Verwandte, gegen welche ſie keine weitern Verpflich⸗ tungen hatte, als ſie über kurz oder lang zu beerben. 3

Es ging aber erſichtlich eine merkwürdige Veränderung mit Francisca vor, als Benito ſeine Anträge vorgebracht hatte.

Zuerſt blickte ſie ihn ernſt an, dann brach ſie in Thränen aus, und hierauf überhäufte ſie ihn mit Vorwürfen.

Sie lieben mich alſo, rief ſie,Sie lieben mich oder haben wenigſtens die Keckheit, mir dies zu ſagen, ja ſelbſt um meine Hand zu bitten und betreiben zu gleicher Zeit hinter meinem Rücken die abſcheulichſten Intriguen.

Benito erſchrak auf den Tod, aber Francisca rief, obgleich er kein Wort geſprochen hatte, mit Heftigkeit:

Schweigen Sie! Ich weiß, was Sie ſagen wollen. Ich weiß auch den Zweck Ihrer geheimnißvollen Reiſe, alle Welt weiß ihn und ich bin dadurch zum Geſpött geworden bei allen meinen Freundinnen und Bekannten, und was noch mehr iſt, bei denen, die mich haſſen! Und mit welcher Frechheit gingen und kamen Sie! Sie ſprachen von einem halben Jahre, nach welcher Zeit Sie wiederkehren und etwas mit ſich bringen würden, was mir unendliches Vergnügen be⸗ reiten würde, und Sie kommen nach einigen Wochen zurück und bringen eine kleine, alte, abſcheuliche Indianerin mit ſich, ein braunes, häßliches, unreinliches Weſen, einen Affen, und dieſes verächtliche Geſchöpf iſt nun meine Nebenbuhlerin geworden.

Häufig folgt auf ein heftiges Unwetter bald wieder ein ver⸗ ſöhnender Sonnenſtrahl, als aber Benito endlich die Sennorita Fran⸗ cisca verließ, ſchien der Himmel ſtets noch mit drohendem Gewölke bezogen, und mit Noth und Mühe hatte er die Erlaubniß erhalten, ſie wieder beſuchen zu dürfen, wenn ſie die Gewißheit habe, daß er das Geſchöpf entfernt hätte. 3

Als er einige Stunden ſpäter zu Tupa kam, warf ſich dieſe weh⸗ klagend vor ihm auf die Erde:

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O, ſchlage mich, wenn ich gefehlt habe aber verſtoße mich nicht, verkaufe mich nicht, laß mich nicht von Dir!

Er ſtieß ſie von ſich:

Närrin! Wir ſind keine Wilden, die Handel treiben mit Frauen, aber Du mußt fort! Ich will Dich nie mehr wieder ſehen. Seit ich Dich zum erſtenmale erblickte, begann mein Unglück!

Er mochte wohl fühlen, daß er ihr Unrecht that, aber Francisca! Indeſſen gab er Joſé den Auftrag, Tupa an einen andern Ort zu bringen und für ſie zu ſorgen, bis ſie auf irgend eine Art gänzlich zu entfernen wäre. Den Ort ihres Aufenthalts wolle er nicht wiſſen.

Schon nach einigen Tagen hatte er Gelegenheit zu bemerken, daß Francisca gute Späher haben mußte, denn als er ſchüchtern bei ihr erſchien, ſagte ſie:

Ich bin zufrieden mit Ihnen, Sennor Laveaga. weiter ſehen!

Trotzdem daß Benito, wie wir geſehen haben, mit Herzensange⸗ legenheiten bedeutend beſchäftigt war, nahmen ihn dennoch andere Dinge ebenfalls ſtark in Anſpruch, und er hatte gleichzeitig erfahren, was die Urſache des eigenthümlichen Empfanges war, der ihm von Seite ſeines Oberſten und ſeiner Kameraden zu Theil geworden, als er von Araucanien zurückkehrte.

Valparaiſo, die Hafenſtadt von Santjago, der Hauptſtadt Chiles, war zur Zeit, als die erſten Spanier die Küſte betraten, ein arm⸗ ſeliges Fiſcherdorf. Gegenwärtig, und wohl ſchon ſeit Decennien, hat ſie in vielen Beziehungen eine größere Bedeutung als Santjago ſelbſt, und iſt unbedingt einer der wichtigſten Häfen der Weſtküſte.

Auf einem ſchmalen Streifen Land, vor welchem der große, ſichere und nur den Nordwinden etwas zugängliche Hafen ſich aus⸗ dehnt, und hinter welchem eine Reihe kahler und wenig Vegetation bietender Hügel anſteigen, hatten jene armen Fiſcher ihre ärmlichen Hütten erbaut. Jetzt prangen dort ſtolze, palaſtähnliche Häuſer, welche die Speculation wieder aufbaut, wenn ein Erdbeben ſie zerſtört hat, und dieſe Gebäude erſtrecken ſich bis in die Almendale, eine ziemlich große, nördlich von der alten Stadt gelegene Ebene und bilden dort

Wir werden

eine große und prachtvolle Neuſtadt, während die kahlen Hügel, die ſie umgürten, mit reizenden Villen bedeckt ſind, und die Ouebradas, die Schluchten, welche die Hügel durchfurchen, an ihren Abhängen beſcheidenere Wohnungen zeigen, großentheils von Unbemittelten oder Armen bewohnt.

Von der Höhe jener Hügel aus blickt Ihr auf das große unend⸗ liche Meer, daß die Folie des Landes Euch noch größer, noch unendlicher erſcheinen läßt, und wendet Ihr jetzt Eure Blicke auf dieſes Land ſelbſt, ſo ſeht Ihr, während Ihr auf unfruchtbarem und ſterilem Boden ſteht, Chile ſich vor Euren Augen entfalten, Chile mit ſeinen goldenen Fruchtfeldern, mit ſeinen grünenden Wäldern, ſeinen Dörfern und Hacienden, mit ſeinen kleinen Landſeen in Mitte tiefgrüner Triften, ähnlich funkelnden Juwelen auf glänzendem Sammet, mit ſeinen ver⸗ einzelt ſtehenden ſchlanken Palmen, die, wenn gleich ſpärlich vorkommend, Euch doch die Vegetation der Tropen ahnen laſſen, wenn Ihr ſie noch nicht kennt, oder im andern Falle Euch reizende Erinnerungen ins Gedächtniß zurück rufen, und endlich mit ſeiner Cordillera, der er⸗ habenen Kette der Anden, deren Größe Ihr kaum ahnen könnt, und die, wenn Ihr ſie vielleicht ſpäter zu erſteigen verſucht, Euch keine Erinnerungen ins Gedächtniß zurück ruft, da Gott nichts Aehnliches geſchaffen hat, nichts was größer, phantaſtiſcher, nichts was er⸗ habener iſt.

In jenem heranblühenden Valparaiſo aber wüthete der Bürger⸗ krieg, man hatte ſich auf ſeinen offenen Plätzen geſchlagen, man hatte ſich gegenſeitig ermordet in ſeinen Schluchten, erwürgt in ſeinen Straßen, und jetzt, nachdem die eine Partei geſiegt hatte, ſehen wir einen einzelnen Reiter, blutend und in haſtiger Eile durch das Land dahin fliehen, welches wir ſoeben mit einigen Federſtrichen zu ſchildern verſuchten.

Die Zeit, während welcher dies geſchah, war etwa acht Tage ſpäter, nachdem die Sennorita Francisca Benito ihre Zufriedenheit zu erkennen gegeben hatte, und jener verwundete, flüchtige Reiter war niemand anders als Benito ſelbſt.

Mit wenigen Worten läßt es ſich ſagen, wie das gekommen.

Wenn man in Chile, wohl auch in Peru, zu einer neuen Präſi⸗ dentenwahl ſchreitet, bilden ſich meiſtens zwei Parteien, und ebenſo will gewöhnlich die Bürgerſchaft einen aus ihrer Mitte, meiſt einen Rechtskundigen zum Beiſpiel, der ſchon höhere Staatsämter verwaltet