Jahrgang 
1865
Seite
260
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hat, während das Militär ſeinerſeits, oder wenigſtens ein Theil des⸗ ſelben, einen General wünſcht.

Beſtimmen nicht die außergewöhnlich guten Eigenſchaften des von einer Partei zur Wahl Vorgeſchlagenen die andere zur Nach⸗ giebigkeit, oder iſt eine oder die andere Partei offenbar zu ſchwach, um mit Gewalt ihren Willen durchzuſetzen, ſo ſchlägt man ſich, indem man die Gegner genau ſo, wie man es an anderen Oertern zu machen pflegt, irgend einer Ungeſetzlichkeit beſchuldigt und hierauf zu den Waffen greift.

Bisweilen ſind dieſe Aufſtände oder Kämpfe local, das heißt ſie werden in einer einzigen größeren Stadt ausgefochten, zu anderen Zeiten bricht verabredeter Maßen gleichzeitig an verſchiedenen Orten der Widerſtand los. Durchſchnittlich aber iſt alles raſch zu Ende.

Man nennt hierauf die Sieger Patrioten, die Beſiegten Ver⸗ räther, und während die erſteren ihre Wahl durchſetzen und der größeren Maſſe ihrer Geguer, da es nicht anders zu machen iſt, durch die Finger ſehen, verfolgt man ihre Anführer, erſchießt ſie, wird man im erſten Augenblicke ihrer habhaft, verbannt ſie, wenn ſie entkommen ſind, und begnadigt ſie wohl auch ſpäter, wenn einige Zeit vorübergegangen oder wenn vielleicht eine neue Präſidentenwahl die politiſchen An⸗ ſichten in etwas geändert hat.

Im vorliegenden Falle war das Regiment Benitos vorzugs⸗ weiſe bei dem Aufſtaude betheiligt, und das war der Grund, warum man ſeiner verunglückten Fahrt nach Araucanien ſo geringe Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte. Man hatte an wichtigere Dinge zu denken. Aber da ſich nicht alle Regimenter bei dem Kampfe betheiligten, ſo waren die Freunde Benitos in allzu geringer Minderzahl, und nachdem der Oberſt und ein großer Theil der Offiziere getödtet waren, ſtanden die Soldaten von weiterem Kampfe ab und die Sache war entſchieden.

Benito, wenngleich nur leicht verwundet, war dennoch als einer der entſchloſſenſten Kämpfer geächtet und ſein Leben war verfallen, wurde man ſeiner im erſten Augenblicke habhaft.

Er floh zu Francisca.

Ich will nichts mit Verräthern zu ſchaffen haben, ſagte dieſe, entfernen Sie ſich ſchleunigſt und zwingen Sie mich nicht, die Geſetze gegen einen Feind des Vaterlandes anrufen zu müſſen.

Er bat einen alten Freund ſeines Vaters, ihn auf einige Tage zu verbergen, bis er weitere Mittel zur Flucht gefunden haben würde.

Ich erkenne einen Empörer nicht als den Sohn meines unver⸗ geßlichen Freundes an, gab ihm dieſer zur Antwort.

Hierauf eilte er in das Haus eines jungen Mannes, mit welchem er in freundſchaftlichen Verhältniſſen geſtanden war.

Gegend hatte er mit Mühe das Landhaus erfragt und gefunden, und trug ſich jetzt mit der Hoffnung, einige Tage wenigſtens dort ruhen zu können.

Der Herr der Hacienda, ein Minenbeſitzer, empfing ihn auch auf das Freundlichſte, und nachdem er ihn zärtlich umarmt hatte, ſagte er:

Ich bin entzückt, mein lieber Laveaga, Ihnen meine Freund⸗ ſchaft durch die That beweiſen zu können. Noch heute in der Nacht geht einer meiner Aufſeher mit einigen Bergleuten nach Copiapo, da können Sie mit.

Mein Gott, rief Benito,ich bin acht Tage lang kaum einige Stunden aus dem Sattel gekommen, und habe fünf Pferde zu Schanden geritten

Eben darum, ſagte ſein Freund,eben darum. Sie gehen in Copiapo an Bord, und ſegeln nach Cobija. Dort ſind Sie ſicher und können ſich ausruhen. Hier nicht. Schon ſeit einigen Tagen ſtreifen Bewaffnete in der Gegend, welche nach flüchtigen Rebellen ſuchen. Wie könnte ich Sie ſchützen, im Falle man Sie greifen wollte. Ich habe keine Knechte im Hauſe, da wir keinen Ackerbau treiben, und meine Bergleute ſind ſtundenweit von hier in der Mine. Ich gäbe mein Herzblut*

Benito unterbrach ihn und ſagte ihm, daß er nichts weniger als dieſes verlange, daß er ſich aber glücklich ſchätzen würde, wenig⸗ ſtens in Copiapo einen Tag zu raſten, ehe er einen neuen Kampf mit der Seekrankheit, welcher er ſtark unterworfen ſei, beginnen müſſe.

Oh, rief der Minenbeſitzer,waren Sie noch nicht in dem reizenden Copiapo? Valga me Dios! Es wird Ihnen gefallen. Ich werde Sorge tragen, daß mein Schiff, welches im Hafen liegt, einen Tag ſpäter die Anker lichtet, und Sie haben dann Zeit, ſich nach Gefallen allenthalben umzuſehen.

Ich möchte blos ſchlafen, ſagte Benito, und ſein Freund ver⸗ ſicherte ihn, daß er dort Betten finden würde, ſo trefflich wie nirgends auf der Welt, und nach einigen Stunden befand ſich Benito wieder im Sattel, halb ſchlafend und von den ausgezeichneten Betten träu⸗ mend, welche ihn in Copiapo erwarteten. 3

Man zog während der Nacht durch eine Gegend, welche ſo öde und kahl war, wie alle andern, welche unſer Freund während der letzten Tage bereiſt hatte, und in welcher nicht einmal der dornige Espino ſich getraut hatte ſeine Wurzeln zu ſchlagen. Nur der nächtliche Himmel entfaltete ſeine ganze Pracht, mondleer zwar, aber dafür prangend mit ſeiner vollen Sternenpracht, mit ſeinen Myriaden

voon glänzenden, ſtrahlenden Zeugen der Unendlichkeit, der Ewigkeit.

Aber die Mutter deſſelben empfing ihn mit Verwünſchungen

und Wehklagen und der Vater jagte ihn drohend von ſeiner Schwelle,

denn ſein Sohn war im Straßenkampfe von den Leuten Benitos

getödtet worden, dieſer aber eilte, auf die Gefahr hin, jeden Augenblick erkannt und ergriffen zu werden, in die Kaſerne, warf ſich auf das erſte beſte Pferd und entkam vorläufig glücklich, da die Verwirrung noch groß und allgemein war.

Es ging dem jungen Mann auf dieſer Flucht durch ſein Vater land kaum um viel beſſer, als es ihm vorher in Valparaiſo gegangen war, denn jagte man ihn auch nicht geradezu von der Schwelle, ſo gab man ihm doch faſt aller Orten unverkennbar zu verſtehen, daß man über ſeine Abreiſe mehr als über ſeine Ankunft entzückt ſei.

Verrath hatte er übrigens nicht zu befürchten, ſelbſt nicht von denen, welche entſchiedene Gegner ſeiner Partei waren.

Der Chilene iſt heftig, leidenſchaftlich, er beſitzt eine enorme Doſis eines, je nach Umſtänden, mehr oder weniger liebenswürdigen Leichtſinnes, aber ein gewiſſer chevaleresker Sinn, ein Erbtheil aus dem Mutterlande, iſt ihm nicht abzuſprechen.

So floh Benito raſtlos von Gehöfte zu Gehöfte, von Hacienda zu Hacienda, bis er endlich in die öden und unfruchtbaren Diſtrikte Chiles gelangte, in welchen kein Saatkorn mehr keimt, und in denen man die Ernte aus den Tiefen der Erde zu Tage fördert, in die Bergbaudiſtrikte. Anhaltendes Reiten iſt dort doppelt beſchwerlich, denn nirgends iſt Schatten geboten, und Benito, todtmüde und er⸗ ſchöpft, kam eines Abends auf der Hacienda eines jungen Mannes an, dem er früher mehrfache Gefälligkeit erzeigt, und welcher ihn dringend eingeladen hatte, ihn zu beſuchen. Unbekannt in jener

Aber dieſe funkelnden Sterne blickten nieder auf dunkle Fels⸗ blöcke, auf ſandige Flächen und verwittertes Geſtein, und als die kleine Caravane endlich gegen Morgen Copiapo erreicht hatte, blickte Benito theilnahmlos auf die dort wieder beginnenden Zeichen von Vegetation und Fruchtbarkeit.

Er hatte endlich die reizende Stadt erreicht, von der ihm ſein Freund geſagt, in welcher er einen Tag raſten und vor allem ſchlafen ſollte.

Was das Reizende betraf, ſo fand indeſſen Benito daſſelbe nicht ſonderlich vertreten.

Die Häuſer, beſtehend aus einem Erdgeſchoſſe, auf welchem ſogleich das patriarchaliſche Strohdach Platz genommen hatte, waren von Lehm erbaut, und die einzige Abwechslung, welche dieſelben boten, war der weiße Anſtrich einiger derſelben. Die Straßen waren zwar gerade und breit, aber ungepflaſtert und menſchenleer, und die Vegetation ſchien abermals verſchwunden zu ſein, und ſich in irgend eine unbekannte, ferne Gegend zurückgezogen zu haben.

Aber Benito dachte in dieſem Augenblicke an nichts weniger als an Palmen und Bananen, ſondern betrachtete mit ſehnſüchtigen Blicken die braunen und die weiß angeſtrichenen Lehmwände, hinter welchen ſich jene trefflichen Betten befanden, und als man endlich vor einem Hauſe ſtille hielt, wollte er nach dem Beiſpiele ſeines Be⸗ gleiters, des Aufſehers, ſogleich abſteigen und dieſem folgen, aber dieſer ſagte:

Wartet einen Augenblick, Sennor, ich bin gleich wieder da, und verſchwand mit dieſen Worten im Hauſe.

(Fortſetzung folgt.)