Jahrgang 
1865
Seite
258
Einzelbild herunterladen

nach Tupa, welche ihnen gefolgt war und welche die beiden Araucaner, ſeine Begleiter, vollſtändig zu ignoriren ſchienen, während er ſelbſt kaum mehr an ſie gedacht hatte. Jetzt indeſſen hielt er ſein Pferd an mit dem Vorſatze, ſie ſogleich zurück zu ſchicken, aber Tupa, als ſie bemerkte, daß er ſeine Blicke nach ihr gewendet, war mit zwei Sätzen ihres Pferdes bei ihm und eben ſo raſch auf der Erde, dann zog ſie unter den Decken ihres Sattels ein Paar ſilberne Sporen hervor, welche denen, die Benito ihrem Vater hatte geben müſſen, wenig an Größe*) nachgaben und von trefflicher Arbeit ſchienen, und befeſtigte ſie mit großer Gewandtheit raſch an Benitos Füße.

Mädchen, was treibſt Du da, wem gehören diefe Sporen? rief der junge Mann höchlich erſtaunt.

Sie gehören Dir, ſagte Tupa,denn da Du meinem Vater die Deinigen haſt geben müſſen, ſo habe ich die ſeinigen mit⸗ genommen. Wie kann ein Krieger ohne Sporen ſein!

Du haſt ſie geſtohlen?

Freilich, verſetzte Tupa, freundlich lächelnd,freilich, und da Du jetzt mein Herr biſt, werde ich alles ſtehlen, was Du wünſcheſt oder bedarfſt.

Es kam Benito, der trotz ſeines Leichtſinnes ein guter Kerl war, vor, als könne er in dieſem Augenblicke unmöglich das Mädchen zurückſchicken. Dieſes offenbare, wenngleich etwas eigenthümliche Zeichen ihrer Zuneigung rührte ihn, und dann wie würde ſie der Alte behandeln, wenn er den Verluſt ſeiner Sporen bereits bemerkt hätte. Er ſagte indeſſen:Weißt Du denn nicht, daß man nicht ſtehlen darf?

Oh, rief Tupa,man darf auch nicht betrügen, aber dennoch hat Dich mein Vater betrogen, denn ich bin nicht einmal ſo viel werth als Deine Sporen und Du mußteſt ihm noch Gold dazu geben.

Joſé, der ohne Zweifel den Stand der Dinge bereits begriffen hatte und dem die Philoſophie Tupas vollkommen einleuchtete, ſagte jetzt:

Das kleine braune Ding ſcheint mir die einzige brave Perſon unter dieſen Hallunken da drüben zu ſein. Laßt ſie mitlaufen, Sennor, wer weiß, wie wir ſie brauchen können.

Ich kann ſie aber doch wahrhaftig nicht nach Valparaiſo mit⸗ nehmen, ſagte Benito unſchlüſſig.

Joſé machte ein pfiffiges Geſicht.

Die Sennorita Francisca! ſagte er,das hat aber nichts auf ſich. Ich bringe ſie in die Stadt und werde dort für ſie ſorgen; keine Seele ſoll etwas merken.

Tupa aber, welche wohl nur einen Theil von dem errieth, um was es ſich handelte, ſagte mit Thränen in den Augen:

O, verkaufe mich nicht gleich wieder, wenn Du in Dein Haus zurückkommſt. Ich will die Dienerin aller Deiner übrigen Frauen ſein.

Einige Minuten ſpäter ritt Tupa nicht mehr hinter den beiden Männern, ſondern in ihrer Mitte, und Benito dachte:Wenn ich durch meine Liebenswürdigkeit nicht im Stande war, von den arau⸗ caniſchen Damen merkwürdige Staatsgeheimniſſe zu erfahren, ſo rentiren ſich vielleicht die ſechs Goldunzen, welche ich für dieſes kleine Geſchöpf gegeben habe. Wir werden ſehen!

Er erfuhr allerdings einiges, in der That aber nicht viel von Be⸗ deutung. Was zuerſt die Sprache betrifft, ſo erzählte ihm Tupa, daß in den ohnweit der Grenze liegenden Dörfern der Araucaner Jedermann ſpaniſch ſpräche, und er begriff, daß die Häuptlinge ihren Leuten ein⸗ fach den Befehl gegeben hatten, ſich der Sprache unkundig zu ſtellen, um allen Verkehr mit ihm, dem Fremden, abzuſchneiden. Ferner erfuhr er, daß ſeine Begleiter ebenfalls angeſehene Häuptlinge geweſen wären, ſo gut und in gleichem Range wie ſein Gaſtfreund. Aber ſie hatten ſich in ihre Rollen getheilt, um ihn ſelbſt immer in zuverläſſigen Händen zu haben. Was das Zechgelage betraf, ſo ſagte Tupa, daß man es im Nothfalle drei Tage und wohl länger ausgedehnt haben würde, um von Benito und ſeinem Diener vielleicht etwas Erſprießliches zu erfahren.

Der liebenswürdige Vater Tupas aber, der, nachdem man Benito und Joſé bereits vollſtändig betrunken nach Hauſe gebracht, noch bis zum Morgen gezecht hatte, hatte zu Tupa geſagt:Die beiden Fremden tranken wie kleine Kinder und ſchwatzten wie alte Weiber, und dann hatte er hinzugefügt: was man übrigens von

*) Die Araucaner ſowohl als die Chilenen tragen Sporen, welche nicht ſelten eine fabelhafte Größe haben. Ich beſitze ſolche von Eiſen, die über ſechs Pfund wiegen und deren Räder ſi eben Zoll im Durchmeſſer haben. Nicht viel kleinere von Silber kommen häufig vor.

ihnen erfahren habe, ſeien alte Geſchichten geweſen, Dinge, nicht der Mühe und Koſten des Gelags werth, welche man längſt beſſer gekaunt habe als die beiden Thoren ſelbſt.

Von der Art der Kriegführung hingegen, wie jene die Lanze zu führen und von der Beſchaffenheit des Landes wußte Tupa nichts. Sie hatte freilich häufig das Land durchſtreift, konnte Pfade finden und einer Fährte tagelang folgen, von dem aber, was Benito in ſtrategiſcher Hinſicht wichtig war, hatte ſie keine Ahnung, und einer kriegeriſchen Uebung hatte ſie niemals beigewohnt.

Es war klar, man hielt abſichtlich und mit Strenge die Frauen ferne von ſolchen Dingen, und das war zuverläfſig der Grund, warum man das junge Mädchen ſo vollkommen ungehindert mit ihm ziehen ließ.

Im Uebrigen ſah, und das zwar zu ſeiner großen Beruhigung, Benito ein, daß er ſich keine Frau nach den Begriffen ſeines Vater⸗ landes gekauft habe, ſondern bloß eine Dienerin, mit welcher er freilich nicht recht wußte, was er in der Zukunft beginnen ſollte, für welche aber Sorge zu tragen er ſich vornahm.

Benito übereilte ſich nicht auf der Heimreiſe, da ihm jeder Tag Verzögerung ein Gewinn ſchien und er wenigſtens auf ſo lange das Auslachen hinausgeſchoben hatte, welches er nicht ohne Grund be⸗ fürchtete. Auf der andern Seite aber trug Tupa vielleicht ein wenig dazu bei, daß er ſich auf der Reiſe nicht langweilte, und er war gewiß, nie in ſeinem Leben ein weibliches Geſchöpf getroffen zu haben, welches natürlicher, gutmüthiger und zugleich unterwürfiger und ihm ergebener war, als eben dieſe kleine braune Tupa, obgleich ihm ſelbſt nicht voll⸗ kommen klar war, ob das Wohlgefallen, welches er an ihr fand, eine wirkliche Neigung ſei.

Er hatte auch in der That, je mehr man ſich Valparaiſo näherte, weniger Zeit, hierüber Betrachtungen anzuſtellen, und endlich, nachdem man der Stadt bis auf einige Leguas nahe gekommen war und Joſé mit Tupa ihn verlaſſen hatte, um, ſeinem Verſprechen gemäß, die letzte unbemerkt einzuſchmuggeln, wuchſen ſeine Bedenken auf höchſt uner⸗ quickliche Weiſe.

Was würde der Oberſt ſagen, der ſolches Vertrauen in ihn geſetzt hatte?

Was ſeine Kameraden, die ihn ſelbſt dieſes Vertrauens halber

beneidet hatten, wußten ſie gleichwohl den Zweck ſeiner Sendung nicht.

Eine Unwahrheit durfte er nicht ſagen, denn die Wahrheit konnte leicht an den Tag kommen. Aber wie dieſe bemänteln, ohne ſich allzu ſehr bloßzuſtellen, oder lächerlich zu machen?

Mit der Sennorita Francisca hoffte er leichter fertig zu werden. Hinſichtlich Tupas verließ er ſich vorläufig auf Joſé, betreffs ſeiner Sendung aber wollte er dieDienſtpflicht vorſchützen und den Ge⸗ heimnißvollen ſpielen.

Es kam aber, ähnlich wie es in Araucanien gekommen war, ganz anders, als er vermuthete.

Als er am andern Tage ſich bei ſeinem Oberſt meldete und ihm hierauf die von dem Häuptling ausgeſtellte Quittung überreichte, ſchien es ſaſt, als beſänne ſich dieſer einen Augenblick, was dies zu bedeuten habe, dann aber ſagte er:

Ah! ſchön, ſchön! Es iſt gut, daß Sie wieder hier ſind, ſehr gut!

Er legte hierauf die Quittung nachläſſig bei Seite und während er dann den jungen Mann einige Augenblicke anſah, kam es dieſem faſt vor, als denke er an ganz andere Dinge. Benito fand es nicht für nöthig, dieſen Ideengang zu unterbrechen, und der Oberſt ſagte jetzt:

Adieu, lieber Laveaga, Adieu, auf Wiederſehen!

Zuverläſſig, dachte Benito, als er ſich wieder auf der Straße befand,zuverläſſig werde ich ihn wiederſehen, und es ſoll mir außer⸗ ordentlich lieb ſein, wenn er dann alles noch ſo ſchön und gut findet wie heute.

Als er aber hierauf einigen Kameraden begegnete, riefen dieſe:

Ah, hier iſt Benito! Das iſt famos, daß Du hier biſt, aus⸗ gezeichnet!

Andere ſagten ihm, daß er ein Kerl ſei, auf den man ſich ver⸗ laſſen könne, und wieder andere drückten ihm ſchweigend, aber mit vielſagenden Blicken die Hand.

Des Zweckes ſeiner Reiſe erwähnte niemand und niemand wunderte ſich, daß er ſo raſch zurückgekehrt.

Was iſt denn los? ſagte Benito, und ſeine Kameraden er⸗ widerten, daß er auch in dieſem Stücke ein ausgezeichneter Burſche ſei, und ein Schlaukopf, der ſich den Anſchein gebe, als ſei er unwiſſend

wie ein neugebornes Kind.