Jahrgang 
1865
Seite
254
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Jugend daran gewöhnt. Sie haben es gelernt, ihr ruhig in das Auge zu ſchauen, ſie zu bekämpfen und zu beſiegen. Sie vertrauen auf ihr gutes Boot, auf ihren Muth, auf ihr ſeemänniſches Geſchick und auf Gott!

Dort auf dem geſtrandeten Schiffe harren zwölf Mitmenſchen auf ihre Hilfe, ohne die ſie verloren ſind. Zwölf Leben ſind einem ſichern Tode zu entreißen ſoll kein Verſuch zu ihrer Rettung ge macht werden und ſoll die Brandung ihre Leichen in dem naſſen Dünenbette zu Grabe läuten? Nein, ſeid unverzagt, Ihr Unglück⸗ lichen, das Boot bringt Euch ſichere Hilfe und nun fort in Gottes Namen!

Aufmerkſam beobachtet der Vormann die furchtbare Brandung. Als Seemann weiß er, daß bei einem Sturme ſtets drei ſchwere Seen auf einander folgen und dann eine kurze Pauſe verhältnißmäßiger Ruhe eintritt. Auf ſie wartet er, um das Boot zu Waſſer zu bringen.

Jetzt rollt die dritte See heran! Brüllend wälzt ſie ſich auf den Strand und ihre ſchäumende Zunge leckt gierig nach dem Boote, deſſen Vordertheil ſich vor ihr hebt, aber von ſeiner kräftigen Mannſchaft feſtgehalten wird, um nicht herumzuſchlagen. Nun läuft ſie zurück, der günſtige Augenblick iſt gekommen;Achtung und Los commandirt der Vormann. Die zehn Männer neigen ſich ziehend vorwärts, das Boot ſetzt ſich auf den Rollen in Bewegung, ſchneller und ſchneller ſchießt es auf dem abſchüſſigen Strande hinab, faſt in gleicher Entfernung von der zurückweichenden Welle. Jetzt hat es ſie erreicht, es iſt flott aber auch die Pauſe iſt vorüber und der Kamm der nächſten ſchweren See zeigt ſich in drohender Nähe.

Herein mit Euch, lautet der Befehl des Vormannes; es gilt, dem anſtürmenden Ungeheuer entgegen zu treten, um es zu bekämpfen. Mit behender Kraft ſchwingen ſich die Männer in das Boot; mit geſchicktem Griffe erfaſſen ſie in demſelben Augenblicke ihre Ruder und geben dem Boote ſo viel Fahrt, um dem Anpralle der Brandungswelle zu widerſtehen. Ihr Auge hängt dabei an dem des ſteuernden Vor⸗ mannes, denn auf der ſchnellen Befolgung ſeiner Winke und Befehle beruht die Sicherheit des Bootes und ihres eigenen Lebens.

Furchtlos erwartet dieſer den Feind, der das Boot in ſeinem weiten Rachen zu verſchlingen droht.

Jetzt iſt er da! Die luftgefüllte Spitze des Fahrzeuges hebt ſich; faſt ſenkrecht ſteigt es an der ſteilen Wand des überbrechenden Wellenkammes empor, der blendende Giſcht ſchäumt von allen Seiten darüber fort und es verſchwindet vor den angſterfüllten Blicken der am Lande zurückgebliebenen Inſelbewohner in dem kochenden Strudel des Waſſerberges. Ein durchdringender Schrei übertönt den Sturm und die donnernde Brandung! Er entringt ſich der Bruſt der Frauen, die ihre Männer in der gähnenden Tiefe verſinken ſehen.

Doch nein! Gott ſchützt die muthige Schar. Dort taucht der ſchwarze Rumpf des Bootes wieder aus der weißen Flut hervor, unverſehrt! Ein ſchneller Blick überzeugt die Zurückgebliebenen, daß auch nicht einer der Ruderer fehlt und ein heißes Dankgebet ſteigt aus den gepreßten Herzen zum Himmel empor.

Muth, Muth, Ihr braven Männer, Gott verläßt die Seinen nicht!

Zum zweiten und dritten Male verſchwinden ſie in dem dam pfenden Schaume und ebenſo oft ſchnürt unnennbare Angſt die Bruſt der Zuſchauer zuſammen, aber immer wieder erſcheint das tapfere Boot ungefährdet auf der Oberfläche und kämpft Schritt für Schritt ſeines gefährlichen Weges den empörten Elementen ab.

Das Schwerſte iſt überwunden; in dem tieferen Waſſer werden die Seen länger und flacher; die geſchickte Hand des Steuermanns weiß die Spitze des Bootes genau auf Wind und See zu halten und dadurch die Hauptgefahr zu beſeitigen, daß das Boot quer geworfen und gekentert wird. Langſam, aber ſtetig vermindert ſich die Entfer⸗ nung bis zu dem geſtrandeten Schiffe, über welches die See bereits wie über eine Klippe brandet und das jeden Augenblick zu zerſchellen droht. Seine geängſtete Mannſchaft hat ſich mit Tauen feſtgebunden, um nicht fortgeſpült zu werden und ihre ſtarren Blicke folgen in tödt⸗ licher Spannung dem langſamen Vordringen ihrer muthigen Retter.

Werden ſie nicht zu ſpät erſcheinen und nur noch die Leichen auffiſchen, um ſie auf dem Kirchhofe der Inſel zur ewigen Ruhe zu betten?

Muth, Muth, Ihr Verzagten, Gott verläßt die Seinen nicht!

Da zeigt ſich am bleifarbigen Himmel ein ſcharf abgegrenzter gelbgrauer Streifen und bei ſeinem Erblicken zuckt es auf den eiſernen

Geſichtszügen des Vormanns, als ob geheime Angſt ſein Herz bewegte. Der Streifen iſt das drohende Zeichen einer Hagelbö, wie ſie der herbſtliche Nordweſtſturm in ſeinem Gefolge führt und der alte See⸗ mann kennt nur zu gut ihre vernichtende Gewalt.

Rojet, Leute, rojet für Euer Leben, es kommt eine Hagelbö! ſtößt er mit gepreßter Stimme hervor und faſt ſcheint es, als ob die eiſige Ruhe von ihm gewichen iſt, die bisher alle ſeine Bewegungen kennzeichnete.

Die langen eſchenen Riemen biegen ſich unter der Gewalt der kräftigen Arme, als wollten ſie brechen. Das Boot ſchießt ziſchend durch die brandenden Wogen, kaum noch zweihundert Schritt iſt es von dem Wrack entfernt. Schon erhellt ein Hoffnungsſtrahl der nahenden Rettung das bleiche Antlitz der Schiffbrüchigen, noch fünf Minuten und alles iſt gut da bricht auf einmal die Hagelbö herein! Die Luft verfinſtert ſich, die ſcharfen Schloßen raſſeln auf den me⸗ tallenen Luftkaſten des Bootes wie der Wirbel der Todestrommel, der Sturm raſt heulend durch die Lüfte, das Meer wallt auf in kochendem Schaume und alles ſcheint verloren!

Den Anker über Bord,Nieder im Boote! befiehlt der Vormann, Der Anker fällt, die Beſatzung hockt auf dem Boden nieder, um den Windfang zu vermindern und das winzige Fahrzeug liegt am Grunde gefeſſelt, inmitten des Aufruhrs der tobenden Elemente.

Der Vormann allein ſteht aufrecht im Boot. Beſchlich Furcht einen Augenblick ſein Herz, ſo iſt ſie jetzt wieder verſchwunden. Ihn kümmert nicht der Sturm, nicht das brauſende Meer, er fühlt nicht, wie der eiſige Hagel ihm das Geſicht peitſcht; er fürchtet nichts für das Boot, wohl aber für das Schiff. Sein Blick iſt ſtarr nach der Stelle gerichtet, wo er es zuletzt ſah, und was ſein Herz bewegt, iſt nur der Gedanke, daß es jetzt zerſchmettere und die Hilfe zu ſpät komme.

Eine bange Viertelſtunde verſtreicht da klärt ſich die Luft, der Sturm läßt nach und die Formen des Schiffes tauchen wieder aus dem Nebel hervor; es hat den furchtbaren Schlag überſtanden.

Die iſt vorüber, der Sturm ſchöpft einen Augenblick Athem und es tritt eine Pauſe der Ruhe ein. Doch ſie währt nur kurze Zeit, ſchon ſteht das Wahrzeichen einer zweiten am Horizonte und ehe ſie einfällt, muß das Rettungswerk vollbracht ſein. Das Ankertau wird geſchlippt, um mit dem Einwinden keine Zeit zu verlieren, die Mannſchaft wirkt mit verdoppelter Kraft an den Rudern und bald er⸗ reicht das Boot die ſchützende Leeſeite des Wracks. Ein Tau wird ihm zugeworfen, aber es kann nicht längſeit holen. Die kurze See ſchleudert es wie einen Ball bald hoch und dann wieder jäh in ihr tiefſtes Thal. Ein einziger Zuſammenſtoß mit den Seiten des Schiffes würde das Boot vernichten und die Geſchicklichkeit des Vormannes wird mehr als je geprüft, um das Unglück zu verhüten. Doch die Zeit drängt, das heraufſteigende Unwetter duldet keinen Aufſchub und es gibt nur einen Weg, die Schiffbrüchigen zu retten.

Ueber Bord mit Euch, wir werden Euch auffiſchen, ruft der Vormann ihnen zu,aber ſchnell, ſonſt ſeid Ihr verloren! Die Unglücklichen haben keine Wahl; wollen ſie dem ſichern Tode entfliehen, ſo müſſen ſie die Rettung in demſelben Elemente ſuchen, das ſie zu verderben ſcheint. Sie wagen den Sprung, einer nach dem andern, der Kapitain zuletzt. Die tückiſche Woge ſchlägt über ihren Häuptern zuſammen, doch beim Auftauchen erfaßt ſie die rettende Hand und alle werden glücklich geborgen.

Es iſt die höchſte Zeit! Kaum hat das Boot ſeinen Kiel nach

dem Lande gerichtet, da brauſt die wie ein Dämon einher. Aber⸗ mals zuckt es wie ein leiſer Schatten über das Geſicht des Vormannes, aber diesmal iſt es Beſorgniß um das Boot. An ein Ankern iſt nicht zu denken. Er muß die Nähe des Wracks fliehen, um bei dem Auf⸗ brechen deſſelben nicht ſelbſt zerſchellt zu werden. Es bleibt nichts übrig, als vor der dem Strande zuzufliehen.

Wiederum verfinſtert ſich die Luft; wiederum wallt das Meer in kochendem Schaume und raſſelt die Todestrommel. Das Boot fliegt über die Fläche des Meeres wie ein welkes Blatt vor dem Herbſt⸗ ſturme. Nie iſt die Gefahr größer geweſen; die geringſte falſche Be⸗ wegung des Steuerruders läßt es quer Sees ſchlagen und dann iſt Kentern unvermeidlich. Doch das Auge des Vormannes wacht und ſeine geſchickte Hand hält das Fahrzeug in der rettenden Richtung.

Ein grauer Streifen ſchimmert durch den Waſſerdampf Land! Gottlob, es iſt die richtige Stelle! Dort ſteigt die Flaggen⸗ ſtange empor, dort erkennt er die Geſtalten ſeiner Lieben. Ein Stein

wälh mand ſett hino und don hat I hür