Jahrgang 
1865
Seite
253
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keln, ein echter Sohn des Meeres. Er lehnt an einer Flaggenſtange und hält ein Fernrohr in der Hand, das er von Zeit zu Zeit vor das Auge führt und prüfend über die dunkle Waſſerfläche gleiten läßt.

Die Düne liegt nahe am Strande; die Brandung rollt bisweilen bis zu ihrem Gipfel und überſchüttet den einſamen Beobachter mit ihrem Sprühregen; die ſchwanke Spitze des Flaggenſtockes peitſcht in dem Sturme hin und her und die vor dem Unwetter zu Land ge⸗ zogenen Möven miſchen ihre kreiſchende Stimme mit dem Brauſen des Windes und dem Getöſe der Wogen. keinen Eindruck auf den Mann. Unerſchüttert und unbewegt ſteht er da; man würde ihn für eine Statue halten können, wenn das Heben und Senken des Fernrohrs nicht zuweilen Leben verriethe.

Bereits zwei Stunden lehnt er an der Stange und ſpäht; der dämmernde Morgen ſchon fand ihn auf ſeinem Poſten und kein rück⸗

Doch das alles macht

loſes Spiel der Elemente treibt jetzt das Fahrzeug der unheimlichen

Küſte zu. Ein dumpfer Knall ſchlägt an das Ohr; es folgt ein zweiter und dritter! Es ſind Nothſchüſſe, der letzte Hilfſchrei der Unglück⸗ lichen in Todesnoth.

Da ſchnellt die Geſtalt des Wächters auf der Düne empor und ſeine Hände regen ſich geſchäftig. Eine rothe Flagge ſteigt an der Stange auf; ſie kündet den Bewohnern des Fiſcherdorfes, daß ein Schiff in Gefahr iſt und ruft die Beſatzung des Rettungsbootes auf ihren Poſten.

Sie läßt nicht lange auf ſich warten. Nach wenigen Minuten beleben ſich die einſamen Dünen und zehn kräftige Männer mit ſtarken Herzen und nervigen Armen ſcharen ſich um ihren Führer. Dieſer hat den naheliegenden Schuppen geöffnet, unter dem das Rettungsboot auf einem Transportkarren ruht und gibt der Mann⸗

Das Rettungsboot der Inſel Langeroge der Engliſchen Brigg Penſcher zu Hilfe eilend. (7J. November 1864.)

wärts geworfener Blick verräth, daß er auf Ablöſung wartet. Frei⸗ willig iſt er gekommen, Menſchenliebe und Großherzigkeit waren ſeine Motive und weder Sturm noch See vertreiben ihn.

Es iſt der Vormann der Rettungsſtation. Er ſchaut, ob viel⸗ leicht während der Nacht ein Schiff in der Nähe der Inſel geſtrandet i*ſt, dem das Boot Hilfe bringen kann. Bis jetzt hat er nichts ent⸗ decken können; die Luft iſt trübe, der Geſichtskreis klein, und ſo weit das Auge reicht, kocht nur der weiße Schaum des Meeres auf dem gelben Strande.

Doch ſieh! grenzt dort ſich nicht ein dunkler Schatten an der grauen Nebelwand ab? 4

Vergebens würde ein Landbewohner ihn ſuchen, doch das geübte Auge des Seemannes haftet blitzſchnell darauf und das Fernrohr gibt näheren Aufſchluß. Es iſt ein Schiff, das ſteuerlos vor dem Sturme dahin flieht und ſchnell wachſen ſeine Formen am trüben Horizonte empor. Zu ſpät hat es die drohende Gefahr der Küſte erlannt. und ihr zu entfliehen geſucht; der Sturm zerpeitſchte die rettenden Segel, der gewaltige Druck der Wogen ſprengte die ſchweren Ankerketten wie Glas, eine Sturzſee zerſchmetterte das Steuerruder und als willen⸗

ſchaft in ruhigem, ernſtem Tone die nöthigen Befehle, denen ſchnell und ſchweigend Gehorſam geleiſtet wird. Die ſchleunigſt herbeigehol⸗ ten Pferde werden vor den Karren geſpannt und das ſchwere Gefährt ſetzt ſich durch den achstiefen Dünenſand nach einer Stelle des Strandes in Bewegung, wo eine vorſpringende Zunge die Brandung etwas bricht.

Dort angelangt, läßt der Vormann das Boot von dem Karren gleiten und auf die Rollen ſtellen, mit deren Hilfe es zu Waſſer ge bracht wird. Er allein beſteigt das Fahrzeug und ergreift das Steuer; die Ruderer ſtehen fertig zu beiden Seiten, um das Boot auf den ihnen gegebenen Wink hinunter zu ſchieben. 1

Iſt es möglich, daß dieſe Männer es wagen wollen, mit ihrer winzigen Nußſchale durch die tobende Brandung zu dringen, gegen den raſenden Sturm und die Wuth des Meeres anzukämpfen?

Ja! Wohl mag das Vorhaben unmöglich, wohl mag es dem Landbewohner als Wahnſinn erſcheinen! aber ſchaut auf das Geſicht der Braven, ſehet den ruhigen Blick ihres Auges, und Ihr werdet nicht mehr an der Möglichkeit zweifeln.

Wohl droht ihnen grauſe Gefahr, aber ſie ſind ſeit früheſter