Jahrgang 
1865
Seite
252
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zur Verzweiflung treiben, gehören eben nur in das allerdings dunkle Gebiet der Reizungen des Rückenmarks, ohne irgendwie mit jener organiſchen Krankheit deſſelben im Zuſammenhange zu ſtehen. Dem⸗ ungeachtet iſt es freilich nicht zu leugnen, daß dieſe bei Hypochondern öfters vorkommende Neuralgie eine meiſt langwierige Krankheit iſt, deren Zeitverhältniß zu finden für den Arzt mitunter eine ſchwierige Aufgabe bleibt. Wie dieſelbe zu löſen iſt, das gehört nicht hieher; wohl aber, was der Kranke zu vermeiden hat. Vor allem ſind es eingreifende Kurverſuche, zu denen ihn die Leidenſchaftlichkeit ſeiner Befürchtungen beſonders geneigt macht, und bei denen er am liebſten ſich der Leitung der eben berühmten Charlatane des Tages anvertraut. Den einen Sommer begibt er ſich in die Kur einer berühmten

Kräuterfrau, den andern in die eines noch berühmteren Kräuter⸗

mannes, den dritten läßt er ſich von einem Magnetiſeur elektriſiren und magnetiſiren, und die ganze Zeit über peinigt er ſich mit ſeinen Befürchtungen und Selbſtvorwürfen. Und ſo geht er auch noch des Guten verluſtig, was ſeine Leiden ihm bringen könnten. Auf ihn paßt nicht jener erhabene Beweis, daß der Menſch zum Leiden be⸗ ſtimmt ſei, weil er durch Leiden, je größer, deſto ſicherer, geläutert wird, denn er zerwühlt und verdirbt die ſeinigen.

Glücklicherweiſe aber ſind dergleichen Rückenmarcks⸗Reizungen

ſchon tauſendfältig geheilt, oder auch von ſelbſt beſſer geworden; und auch damals ſchon, ehe man noch ihren eigentlichen Sitz ahnte. Auch hier aber hat der Kranke zu ſeiner Heilung weſentlich mitzuwirken. Damit er die Energie ſeines Geiſtes durch ſtete Hingebung an ſeine körper⸗

lichen Empfindungen nicht ganz einbüße, muß er eine Beſchäftigung

aufſuchen, zu der er Neigung hat, und die ſeine geiſtigen Kräfte durch aus in Anſpruch nimmt. Aber hier gilt es einen muthigen Ent⸗ ſchluß zu faſſen. Denn wenn auch der Anfang gemacht iſt, ſo er⸗ müden Kraft und Luſt gar leicht bei den Mühen der Ausführung. Doch Ausdauer und Geduld machte ihn allmälig zum Herrn über ſeine krankhaften Empfindungen, und oft iſt der erſte Sieg über dieſelben ſchon entſcheidend. Ein Kranker dieſer Art zeigte bei Ge⸗ legenheit eines Geſprächs über einen Gegenſtand, der ihm beſonders nahe lag, eine ſolche Lebendigkeit der Emfindung, Wärme und Kraft des

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Ausdrucks, daß man leicht erkennen konnte, wie gründlich er denſelben durchdacht, und wie ſehr er von ſeiner Wichtigkeit durchdrungen war. Ich rieth ihm, dieſen Gegenſtand, deſſen Intereſſe ich wetteifernd mit ihm erhob, in abgerundeter Form zu bearbeiten, und was er darüber gedacht, zum Gemeingute zu machen. Anfangs erſchrak er darüber; bald aber fand er ſich in die Sache, und machte ſich ernſtlich an die Arbeit. Je weiter er darin kam, deſto lebendiger wurde ſein Inte⸗ reſſe, deſto mehr traten die Plagen, die ihn bis dahin in ihren Kreis gebannt hielten, zurück. Kant erzählt von ſich, daß er wegen ſeiner flachen und engen Bruſt, die für die Bewegung der Lungen und des Herzens wenig Spielraum ließ, eine natürliche Anlage zur Hypo⸗ chondrie gehabt habe, welche ſich in früheren Jahren bis zum völligen Lebensüberdruß ſteigerte. Aber die Ueberlegung, daß die Urſache dieſer Herzbeklemmung eben blos mechaniſch und nicht zu heben ſei, brachte es bald dahin, daß er ſich gar nicht an ſie kehrte, und daß,

während er ſich in der Bruſt beklommen fühlte, im Kopfe Ruhe und

Heiterkeit herrſchte.Und da man des Lebens mehr froh wird durch das, was man thut, als was man genießt, fährt er fort,ſo können Geiſtesarbeiten eine andere Art von befördertem Lebensgefühl den Hemmungen entgegenſetzen, welche blos den Körper angehen. Die Beklemmung iſt mir geblieben, denn ihre Urſache liegt in meinem körperlichen Bau. Aber über ihren Einfluß auf meine Gedanken und Handlungen bin ich Meiſter geworden durch Abwendung der Aufmerkſamkeit von dieſem Gefühle, als ob es mich gar nicht an⸗ ginge.

Und nun nehme ich Abſchied von den Hypochondern. Aber jetzt, nachdem ſie ſich entfernt haben, noch ein Wörtchen an die Zurück⸗ bleibenden. Es iſt wahr, die Hypochondriſten ſind unbequeme, ver⸗ drießliche Geſellen; aber ihre Umgebung muß Nachſicht mit ihnen haben. Sie leiden wirklich viel, und werden oft genug durch Ver⸗ kennung ihres Zuſtandes ungerecht behandelt. Bei ihrer krankhaften Reizbarkeit fühlen ſie dies tiefer und werden verbittert. Suchet bei ihnen vielmehr dasjenige auf, was ſie an das Leben und die Außen⸗

welt feſſelt, und ziehet ſie an dieſen Fäden aus dem finſtern Kreiſe

ihrer peinlichen Gedanken ſanft und allmälig heraus.

Das Rettungsboof.

Von R. Werner.

An unſeren Nordſeeküſten, von der Elbe bis zur holländiſchen Grenze, erſtreckt ſich eine Kette niedriger Inſeln. Einſt mit Deutſch⸗ land zu einem Ganzen verbunden, ſind ſie in vorgeſchichtlicher Zeit durch eines jener gewaltigen Naturereigniſſe, die von Zeit zu Zeit unſere Planeten heimſuchen, vom Mutterlande abgeriſſen und lagern

jetzt als Bollwerke vor ihm, um es gegen die Wuth der Sturmfluten zu ſchützen. Seit Jahrhunderten nagt das Meer an ihnen, Stück für

Stück wird von den gierigen Wogen verſchlungen, aber noch immer bilden ſie eine mächtige Schutzwehr, an der die aufgethürmten Waſſer⸗

berge ihre Gewalt brechen, um unſchädlich weiter an die feſte Küſte

zu rollen.

An einzelne dieſer Inſeln knüpft ſich vielleicht für manche unſerer Leſer eine angenehme Erinnerung und Norderney oder Helgoland iſt von ihnen beſucht. Sie haben dort Heilung für ihre Leiden geſucht, in den Kryſtallwellen der Nordſee Geiſt und Körper erfriſcht, am Strande die ſtärkende, balſamiſche Seeluft geathmet, ihr Auge und Herz an dem Leuchten des Meeres erfreut oder in den rauſchenden Vergnügungen des Badeplatzes Befriedigung gefunden. Doch ſie ſahen die Inſeln nur in den ſchönen Sommermonaten; der heitere Himmel lachte über ihnen, ſie konnten in kleinen Fiſcherbooten ſich ungefährdet auf den grünen Wogen ſchaukeln und nur milde Sommer⸗ lüfte kräuſelten die Meeresfläche, und beſäumten die Köpfe der zier⸗ lichen Wellen mit Perlenſchaum. . Ddas iſt die Lichtſeite der Inſeln, aber ſie wird durch ſchwere Schatten verdunkelt, wenn der Frühjahr⸗ oder Herbſtſturm daherzieht und den dampfenden Giſcht des Meeres über ſie ſprüht. Dann liegen

ſie vergeſſen und verlaſſen in ihrer ganzen traurigen Oede da, und

das Leben ihrer ſparſamen Bewohner iſt ein beſtändiger Kampf, ein Kampf mit dem wilden Ocean um ſeine Beute. Sorge, Entbehrung, Armuth iſt ihr Loos; mit Gefahr und Noth friſten ſie ihr Daſein, ſie wiſſen

nicht, ob nicht die nächſte Sturmflut den Boden mit ſich reißt, auf dem ſie ihre armſelige Hütte gebaut, aber trotzdem wollen ſie ihre geliebten Dünen nicht verlaſſen. Es iſt ihre Heimat, und wie traurig und öde ſie auch ſei, an die Heimat ſind ſie mit Banden gefeſſelt, die nur die bitterſte Nothwendigkeit zu zerreißen vermag.

Es iſt ein Kernvolk, dieſe Inſelfrieſen, und wir Deutſchen dürfen ſtolz darauf ſein, ſie unſre Brüder zu nennen. Muth und Uner⸗ ſchrockenheit, offenes Herz und offene Hand ſind ihr Erbtheil. Vom Meer gewiegt, in ſeinen ſtarken Armen aufgewachſen, iſt Körper und Geiſt kräftig und geſtählt, und wer ſie näher kennen gelernt, dem werden ſie lieb und unvergeßlich. Doch ſie verdienen nicht nur die Liebe und Erinnerung des Einzelnen, ſondern die Achtung und Be⸗ wunderung ganz Deutſchlands, dem ſie die weſentlichſten Dienſte leiſten, wenn ſie auch den Lohn für ihre Thaten nur in der eigenen Bruſt ſuchen und finden.

Willſt Du, geneigter Leſer, mich begleiten, ſo führe ich Dich auf eine der vergeſſenen Inſeln und laſſe Dich einen Blick in das Herz und in das Wirken ihrer Bewohner thun.

Der Nordweſtſturm brauſt ſeit 24 Stunden über die Waſſer⸗ fläche. Seine entfeſſelte Wuth wühlt den Grund des Meeres auf; die Wellenberge wälzen ſich donnernd an den Strand und die kochende Brandung ziſcht weit in die Inſel hinein. Die Farbe des Waſſers ſtrahlt nicht mehr im heitern Grün, ſie iſt in ein fahles Grau ver⸗ wandelt, wie das ſtarre Gewölk, das tief hernieder hängt und unſere Seele bedrückt. Der klare Horizont iſt verſchwunden, Waſſer und Hintmel verſchwimmen ohne ſichtbare Grenze, und das Auge ſucht vergebens, ſie zu trennen.

Auf einer hohen Düne des Nordſtrandes ſteht ein einſamer Mann. Es iſt eine jener kräftigen frieſiſchen Geſtalten, wie wir ſie ſo vielfach auf den Inſeln finden, wettergebräunt, mit eiſernen Mus⸗