Jahrgang 
1865
Seite
248
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liches Heer, ſein Staatsſchatz, ſein zuverläſſiges Volk, ſein armes und für ein Königreich zu kleines Land, alles dies reizte ſeinen Ehrgeiz und dieſer bewog ihn zu jenem Ueberfall. Einſt hatte man davon geſpro⸗ chen, Maria Thereſia ſei als Braut für den Kronprinzen von Preu⸗ ßen beſtimmt, und welche Ausſichten für Deutſchland hätten ſich an eine ſolche Verbindung geknüpft! Nun trat er als der erſte und größte ihrer Feinde auf, und um ſo weniger hatte man dies erwar⸗ tet, da man in Wien wußte, wie einſt Kaiſer Karl ſich für ihn ver⸗ wendet hatte, als der allzuſtrenge Vater den unbeſonnenen Jüngling mit Hinrichtung bedrohte. Noch exiſtirt der Brief, den Karl VI. an Friedrich Wilhelm I. ſchrieb. Der engliſche Geſandte in Wien, Mr. Robinſon, vermaß ſich hoch und theuer, daß Friedrich als Mann von Ehre zu einem Angriff auf die pragmatiſche Sanction nicht fähig ſei. Bei Mollwitz kämpften, am 10. April 1741, zum erſtenmal Preußen und Oeſtreicher gegen einander; da war es, wo der des Kriegs noch unerfahrene Friedrich ſich flüchtete er ritt ins Feenland, ſagt Thomas Carlyle; Graf Schwerin ſiegte für ihn, oder eigent⸗ lich der alte Friedrich Wilhelm, denn deſſen eiſerne Disciplin war es, welche den Preußen den Sieg über das Ungeſtüm der Oeſtreicher verlieh. DiePotsdamer Wachtparade, wie man in Wien ſpottend die wohlgedrillte Armee des Königs von Preußen benannte, voll⸗

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brachte ihre erſte That. Prinz Eugenius der edle Ritter war todt und Oeſtreich hatte damals nur Generale zweiten und dritten Ranges aufzuſtellen.

Nie waren Fürſtenhäuſer inniger verbunden als Habsburg und Wittelsbach im ſiebzehnten Jahrhundert. Maximilian der große Kurfürſt wagte alles und opferte alles für die römiſche Kirche und das Kaiſerhaus. Max Emmannel ſiegte für Oeſtreich über die Türken. Aber dies edle Geſchlecht war inzwiſchen tief geſunken. Karl Albrecht lebte wie Ludwig XV. in Wollüſten und ward in die franzöſiſche Politik verſtrickt. Der Erbfeind des Reichs benützte ihn; Belleisle der franzöſiſche Geſandte ſpielte die Protectorrolle und führte bereits ein häßliches Vorſpiel des Rheinbunds auf. Karl Albrecht, abſtammend von öſtreichiſchen Prinzeſſinnen, wollte die nächſten Anſprüche haben und verlangte von der großen Erbſchaft nicht weniger als alles. Von Franzoſen und Sachſen unterſtützt, zog er in Prag ein und ließ ſich huldigen. Am 24. Januar 1742 wurde er unter Belleisles Leitung in Frankfurt zum Kaiſer erwählt wolhl die traurigſte Kaiſerwahl, welche je in der alten Krönungs⸗ ſtadt geſchehen iſt!

Dies waren für Maria Thereſia die Zeiten der höchſten Be⸗ drängniß; ſie hielt Stand,ich ſteifete mich auf Gott und mein gu⸗ tes Recht, ſagte ſie; ſie zeigte einen Muth, der nur bei dem Ver⸗ trauen auf eine überirdiſch waltende Macht der Gerechtigkeit mög⸗ lich iſt. Unter ſolchen Umſtänden ward ihr Sohn Joſeph geboren. Die Bayern waren in Oeſtreich eingedrungen; Maria Thereſia flüch⸗ tete nach Ungarn. Zu Schiff kam ſie nach Presburg, wo der Land⸗ tag ſie zur Krönung erwartete. Man lieſt in den Geſchichtsbüchern, daß Maria Thereſia mit dem kleinen Erben auf ihren Armen in die Mitte der Magnaten trat, und daß ſie bei dieſem Anblick ihre Schwerter zogen mit dem Rufe: Moriamur pro rege nostro Maria Theresia! Die Forſchungen von Mallath, Hormayr, Ranke, Carlyle und Arneth haben gezeigt, daß dieſer Bericht ganz ungenau iſt und auf einer Vermengung von drei verſchiedenen Momenten beruht. Doch verliert die Geſchichte diesmal durch die Kritik glückli⸗ cherweiſe nichts an ihrer Erhabenheit.

Die Krönung geſchah in derſelben feierlichen Weiſe wie bei den alten Königen Ungarns. Maria Thereſia wurde durch den Primas mit der Krone des heiligen Stephan, mit Mantel, Schwert, Reichs⸗ apfel und Scepter geſchmückt; ſie empfing die Huldigung, ſie leiſtete auf dem Throne unter freiem Himmel den Krönungseid, ſie gab den Ritterſchlag, dann beſtieg ſie das Roß, ritt auf den Königshügel und ſchwang das Schwert nach den vier Himmelsgegenden eine in der damaligen Gefahr zwiefach bedeutſame Handlung. Damals erſcholl der Ruf der Magnaten: Vivat domina nostra et rex Maria Theresia. Der Gemahl, den die Ungarn zum Mitregenten nicht wollten, mußte als Privatmann dieſes Schauſpiels Zeuge ſein.

Später, in einer außerordentlichen Sitzung des Reichstags, er⸗ ſchien ſie mit der Krone; ſie ſtellte den Magnaten in ergreifender lateiniſcher Rede und unter Thränen ihre Lage vor, ſie verlangte die Volksbewaffnung; dieſe wurde beſchloſſen und der Zuruf erſcholl: vitam et sanguinem consecramus!

Nach einigen Tagen erſt kam der kleine Prinz, damals 6 Mo⸗ nate alt, auf der Donau an. Unzähliges Volk erwartete ihn am Ufer.Wie ein Eichhörnchen ſah er neugierig auf dem Arme der Wärterin die Menſchenmenge an. Auch er wurde, getragen von der Wärterin, in die Verſammlung der Magnaten gebracht.

Dies Auftreten der Königin in Ungarn war eine That des Vertrauens, wie der Aufruf Königs Friedrich Wilhelm III. vom 17. März 1813an mein Volk und ähnlich war die Wirkung. Maria Thereſia konnte ſagen:ich bin eine arme Königin aber ich habe das Herz eines Königs. Sie eroberte ſich die Herzen der Ma⸗ gyaren, ſie ſtand an der Spitze des ritterlichſten Volks von Europa und bald trat eine günſtige Wendung ihrer Geſchicke ein. Schleſien zwar blieb verloren, aber alles übrige wurde wiedergenommen und die Erwählung Franz Stephans zum Kaiſer(nach dem Tode des Schattenkaiſers Karls VII.) geſichert. Bei ſeinem Krönungszuge ſah Maria Thereſia von den Fenſtern des Römers aus zu, lachte herzlich über den ſeltſamen Anzug und rief:Vivat Kaiſer Franz! Er war Kaiſer, nicht durch ſeine, ſondern durch ihre Verdienſte, ihren Muth, ihre Hingebung.

III.

Wirklichkeit war ſie Kaiſerin und Königin und alles; er war nur prince consort wie Prinz Albert an Victorias Seite und bedeutete viel weniger als dieſer. Eine ſolche Herrſcherin war in Deutſchland eine neue Erſcheinung. England hatte ſeine Königin Eliſabeth gehabt; in Deutſchland war es nie gehört und es ſtimmte nicht mit den Reichsgeſetzen, daß eine Kurſtimme durch ein Weib⸗ vertreten wurde. Wiewohl es nicht die eigentliche Beſtimmung der Frauen iſt, zu herrſchen, ſind doch ihre Regierungen mehrmals ſo vortrefflich ausgefallen. Ihre Erziehung und Bewahrung in der Jugend iſt beſſer, als bei den Prinzen, und das höhere Maß von Wohlwollen und Gemüth weckt Vertrauen und Liebe bei den Völkern.

Maria Thereſias Walten bewies ſich ſogleich im Häuslichen als wohlthätig. Bis dahin herrſchte in Wien die Pracht und Steif⸗ heit des ſpaniſchen Hofs. Vierzigtauſend Menſchen lebten von der Hofhaltung; welche Unterſchleife, wie viel Schmarotzer muß es da gegeben haben! Jeden Abend wurden als Schlaftrunk zwölf Kannen Wein für jede Prinzeſſin, ſechs Kannen für jede Hofdame aufgeſchrie⸗ ben, und ein Poſten in der Jahresrechnung, den Maria Thereſia nebſt anderen ähnlichen ſtrich, lautete: ſo und ſo viel Eimer Tokaier für die Papageien der Kaiſerin ein edler Trank, von dem wohl mancher Tropfen in andere Kehlen hinabgeſtiegen ſein wird. Anſtatt der tödtlich langweiligen, ſpaniſchen Etikette trat nun ächt deutſche Familienſitte und Gemüthlichkeit ein, denn Maria Thereſia war mit den ſchönſten bürgerlichen Tugenden geſchmückt. Es iſt nicht Thorheit und Schmeichelei, dies hervorzuheben, ſondern man hat gerechte Urſache zur Bewunderung, wenn auf ſchlüpfrigem Boden ſich ſolch ein Charakter aufrecht hält. Die Hofhaltungen waren nie ſo verderbt wie damals, nie war es ſo ſchwer für Herrſcher, ſich un⸗ befleckt zu erhalten. Wenn in ſo ungeſunder Luft dennoch die Pflanze häuslichen Glücks gedeiht, darf man ſich freuen, und wir, die wir in beſcheidener Lebensſtellung vor Verſuchungen geſchützt ſind, dür⸗ fen wohl zweifeln, ob wir die Prüfungen, denen die Großen aus⸗ geſetzt ſind, beſtehen würden.

Bei der Größe ihres Regentenberufes hatte Maria Thereſia keine Stütze an dem Gemahl. Er nahm keinen Antheil an den Staatsſachen, er trieb dafür Alchemie und entdeckte, daß der Dig⸗ mant ſich unter der Gluth des Brennſpiegels verflüchtigt; er trieb Geldgeſchäfte, ja, Friedrich II. ſagte, daß der Kaiſer während des Kriegs ihm, dem Feinde, unter der Hand Pferde für gutes Geld ge⸗ liefert habe. Mit wem ſollte nun Maria Thereſia regieren? Die alten Räthe, unter denen das Reich ſo ſchwach geworden war, taug⸗ ten nicht mehr. Umgeben von den Ränken der Höfe mußte ſie einen in der Diplomatie ihnen gewachſenen Miniſter haben. Sie fand ihn in dem weſtfäliſchen Grafen Kaunitz, dem Metternich jener Zeit.

Kaunitz hatte in Paris gelebt und war ganz Stutzer und Ga⸗ min geworden. Alles, was ihn umgab, mußte aus Paris ſein. Im Herzen war er öde, glaubenslos und ohne Religion wie die franzöſi⸗ ſchen Encyklopädiſten. Mit einem ſolchen Geiſteszuſtand ſtimmte ſeine weitgehende Furcht vor Krankheit und Tod. Das Sterben und die Pocken durfte man in ſeiner Gegenwart nicht erwähnen. War ein

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