Jahrgang 
1865
Seite
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es etwas Beſonderes, wenn man ein Stück Dörrfleiſch und Sauer⸗ kraut haben kann, oder ein wenig Wurſt und geräucherten Speck. Butter zum Brote kommt ſelten vor, höchſtens bei anſtrengenden Arbeiten, dem Holz⸗ und Heumachen, oder wennSpillegänger, d. h. Beſucher, ins Haus gekommen ſind. Aus Butter, Käſen, Eiern wird meiſtentheils die Steuer beſtritten und die kleineren Ausgaben für die Woche. Iſt derMondsmann, d. h. der Steuereinnehmer, befriedigt, dann darf man auch an ſich ſelber denken. Am erſten zieht man noch Gewinn, und Reichthum aus dem Mäſten der Schweine und der Aufzucht des Jungviehes, obſchon die Ausfuhr in Getreide aus den tiefer liegenden Thälern keineswegs eine unbeträchtliche ge⸗ nannt werden kann.

Wer noch etwas von Tracht im hohen Vogelsberg ſehen will, der muß nach Herbſtein gehen. Dieſes ehemals Fuldiſche, und im evangeliſchen Vogelsberg einzig katholiſche Städtchen, hat noch ziemlich treu, gerade durch die religiöſe Iſolirung, ſich ſeinen alten Typus gewahrt. Bemerkenswerth iſt's aber überall, wo ſich ſonſthin noch nationale Anzüge erhalten haben, daß die Weiber länger dabei halten, wie die Männer, die katholiſchen Orte mehr, wie die evan⸗ geliſchen, und daß auch den kleidſamſten Trachten am Fuße des Ge⸗ birges ſchon die Axt an die Wurzel gelegt iſt, indem die lebhafteren Farben der eintönig ſchwarzen oder dunkelbraunen zu weichen beginnen.

Doch wollen wir auch den intereſſanten Punkt nicht mit Still⸗ ſchweigen übergehen, daß an etlichen Orten der Oſtſeite des Vogels⸗ berges noch heute nach 1800 Jahren die Weiber und Mädchen ihr blondes Haar tragen genau nach Tacitus Berichte, zuſammengebunden am Wirbel, dann rund in den Zöpfen um den Kopf gelegt und mit einem hölzernen Pfeile zum Feſthalten durchſtochen.

Iſt nun nicht überall das Alte ſo treu und zäh geblieben, wie hier, ſo dürfen wir nicht vergeſſen, daß auch die heutigen Volks⸗ trachten zu ihrer Zeit einmal andere verdrängt haben, und daß auf dieſem Gebiete ein Wechſel immer geweſen iſt.

Wie vieles ließe ſich hier noch ſagen, wie manches erzählen aus dem Vogelsberg! Doch wir legen die Feder nieder. Vor der Hand ſei das Gegebene dem Leſer genug aus dieſemverr ufene n Strich deutſchen Landes. Vielleicht findet er jetzt das Lied nicht ganz unberechtigt, deſſen Ende alſo lautet:

Der Vuggelsbährk, der Vuggelsbährk Jäm läiwe Heäſſe⸗Lahnde,

Bärs den näiti lobt zau jirrer? Schdondé, Doas ias ä Schlächtkopp auſſem Grond- Der dutts aus Uhverſchdahnds!

1) Im lieben. 2) Heſſenland. 3) Wer. 4) nicht. 5) jeder. 6) Stunde. 7) Ein⸗

faltspinſel. 8) Unverſtand.

Am Janilientiſche.

Ein höchſt origineller Küchenzettele war es, der die Gerichte enthielt, welche Kaiſer Karl V. bei ſeiner Anweſenheit in Schwäbiſch Hall dem von ihm geladenen Rathe und den Bürgern der Stadt vorſetzte. Ein Zeitgenoſſe und Augenzeuge ſchildert dieſe Collation folgendermaßen:

Vor der Mahlzeit ließ der Kaiſer zwo Meß vor der Stuben leſſen, die eine war pro defunctis für ſein abgeſtorben Gemalin geweſen; drauf iſt er zu Tiſch geſeſſen und hab' ich Jerg Widmann Ihn, wie dann vormals auch ohne allen Pomp ſehen tiſchen und nachfolgende(Ge) Richten eſſen: nemlich Weinbeer und Magenſchmalz(?) lauter gebratne Eier doppelt über einander geſtürtzet, zween dünne Eierplätz, gedämpfte Rüblein, gebackne Schnitten, einen Brey mit einer Dorten bedecket, eine Erbisſuppen mit Weck grob ein geſchnitten mit Erbiſſen wohl überſäet und brav geſchmälzet, darauff eine gedörte Forellen, verlorne Eier, Stockfiſch in Schmalz gelb und weiß geſotten, blau geſotten Carpfen danach etwas Anderes dabei wie Pommeranzen; heiß Hecht geſtoßen, Crehm(Crôme) mit Mandeln, gebacken Rogen wie Würſt und Eier gemacht, Birn, Reis in Mandelmilch, Bratwürſt mit Caperen, gebackne Zeltlein, Higgen und Confect. Endlichen war auch Handwaſſer darbei. Der Kaiſer that nur drei Tränk aus einem venediſchen Glas und hielt gar keinen Pracht. Nach eingenommener Mahlzeit ſaß der Kaiſer von Stund an zu Pferd; vor dem Haus, gab er dem Städtemeiſter und etlichen des Rathes die Hand, gegen dem Volk und der gantzen Bürgerſchaft, ſo auf dem Markt geſtanden neigte er ſich mit dem Haubte, darnach zog er von hinnen auf Crailshaim.

Man muß geſtehen, daß dem Kaiſer, nnd wenn er nur etwas von jedem der angezeigten Gänge genoß, neben ſeinen übrigen bedeutenden Eigenſchaften auch die eines guten Magens innewohnte. Indeſſen mag ihm wohl gut ge holfen worden ſein.

An den Küchenzettel möge als Curioſum geknüpft werden, daß man (ein Umſtand, den wohl viele unſrer Leſer nicht wiſſen) bereits im Jahre 1480 Marzipan verfertigte. Es iſt dies dieſelbe Art des Confects, welches in mancherlei Geſtaltungen noch heute die Weinachtsfreude erhöhen hilft. Zuerſt ward es am päpſtlichen Hofe bereitet und genoſſen. Sein Name ſchreibt ſich von ſeinem Erfinder her, derMarzo hieß. Doctor Riff in ſeinem Confect buch(Frankfurt 1549) ſagt:Dieſer Zeit ſeind die Crafftbrod, ſo wir ihrem Urſprung nach, dieweilen ſie erſtlich von den Welſchen erfunden Marzapan nennen auf Welſch, die allergebreuchlichſten; doch dieſer Zeit mehr zur Luſt in Pancketen, dann von den Kranken gebraucht. Marzipan ſcheint alſo auch eine Art Stärkungsmittel geweſen zu ſein. V.

Engliſche Zeitſchriften.

Der Omnibus hielt an der Ecke der Sloane Street. Mit mehreren anderen Herren ſchickte ich mich an, einzuſteigen, um den langen Weg nach der City etwas abzukürzen. Eine Schar junger Burſche ſtürzte auf uns zu, einen Pack noch halbfeuchter Journale in den Händen.Dailv Telegraph, Sir? Times, Sir? Punch, Sir? London Journal, Sir? ſo brüllten ſie uns entgegen. Im Umſehen waren ſie einen großen Theil ihres Vorrathes los; denn in London lieſt Jedermanu in den zahlloſen Fuhrwerken, welche die Straßen unaufhörlich durchkreuzen. An jedem längeren Haltepunkte wieder holte ſich dieſe Scene, und immer mit demſelben Erfolge.

In einzelnen Nummern, auf der Straße, auf den Eiſenbahnſtationen, in Zeitungsläden, findet der größte Abſatz der zahlreichen Blätter ſtatt, welche

in England herauskommen. Im Jahre 1854 erſchienen 624 Zeitſchriften, darunter 19 tägliche, neben 4 500 Magazinen und Revüen in Großbrittanien und Irland. Im Jahre 1864 war die Zahl auf 1250 Zeitſchriften(72 tägliche) und über 600 Monats⸗ und Vierteljahrsſchriften geſtiegen. In London allein kommen 9 große Blätter täglich heraus, der Expreß und die Sun in ca. 5000, der Daily Telegraph, der durch ſeinen billigen Preis(1 Penny die Nummer) ſelbſt die Times(die das Dreifache koſtet) überflügelt hat, in 100,000 Exem plaren. In noch größerer Anzahl werden die Unterhaltungsblätter verbreitet; Charles Dickens Wochenſchrift: All the year round wird in mehr als 120,000 Exemplaren verkauft; das erſt im ſechsſten Jahre beſtehende Monatsblatt: Good Words hat es bereits auf 160,000 Abnehmer gebracht. Das altbewährte Chambers Journal, das ſich ſeit Jahrzehnten ohne Illuſtrationen gehalten hat, erſcheint in 200,000 Exemplaren. Noch höher nach einigen Angaben bis zu 300,000 ſoll das London Journal, eines der ſchlechteſten Londoner Pennyblätter, ſteigen.

Woher kommt dieſer ungeheure Erfolg? Wie wir es früher, bei Gelegen heit der Times anführten, trägt das Annoncenweſen viel dazu bei. Auch die Aufhebung der Stempeltaxe hat viel dafür gethan. Dazu kommen die un glaublich hohen Honorare, wodurch die Blätter die hervorragendſten und be deutendſten Geiſter in ihre Dienſte ziehen und dadurch ihren Spalten einen dauernden Werth verleihen. Der Verleger von Good Words erzählte mir, daß er einigen ſeiner beſten Mitarbeiter 6 Guineen(42 Thlr.) für die Spalte(Kl. Quart) d. h. 96 Guineen oder 672 Thlr. für einen Bogen bezahle. Die Verfaſſerin des John Halifax, Miſſ Muloch, erhielt von ihm für den einen Roman: Mistress and maid(ein Band der Tauchnitzausgabe) 1000 Pfund und wahrte ſich das Recht der geſonderten Veröffentlichung in Buchform. Die journaliſtiſche Preſſe der Jetztzeit iſt ſo zum Mittel geworden, das die be⸗ deutendſten Männer anwenden, um auf den Haupt⸗ und Nebenſtraßen des Volkes die Erzeugniſſe ihres Genies und die Ergebniſſe ihrer Forſchungen zu verbreiten. Dadurch haben Macaulay, Dickens, Thackeray, Dou⸗ glas Jervold, Hood u. A. den Grund ihres Ruhmes gelegt. Dadurch werden aber auch die beſſeren Blätter ſo feſſelnd und anziehend, daß ihnen die Leſer und Käufer tauſendweiſe zuſtrömen.

Von einigen niedrigeren und zum Theil ſehr unedlen Mitteln und Wegen, die Blätter unter die Leute zu bringen, ſoll ein anderes Mal die Rede ſein. R. K.

Das glücklichſte Geſchöpf der Welt.

Nach der Anſicht der Negerſklaven auf Cuba iſt das Schwein das glücklichſte Geſchöpf der ganzen Welt,denn, ſagen ſie,der arme Neger muß arbeiten, ſelbſt der Herr geht den Geſchäften nach, Pferde und Rinder müſſen tragen und ziehen, der Hund muß wenigſtens Wache halten nur das Schwein hat nichts zu thun als zu freſſen und dann auszuruhen, es iſt der eigentliche Gentleman.

Zur Notiz für den Verfaſſer derWunderlichen Worte in Nr. 14

des Daheim.

Bleu mourante heißtblaßblau, nicht ſchwarzblau. Die Corrumpirung aus dem Franzöſiſchen ſtammt aus Berlin. Ein Regiment der Beſatzung von Berlin vor 1806 hatte bleu mourant Aufſchläge, Kragen und Rabatten, und als Ueberbleibſel der Fridericianiſchen Zeit wurde die Farbe ſtetsbleu mourant genannt, woraus im Namen der Gemeinen des Regiments ſchon längſtblömerant, und dannberliniſchblümerant Rauchplümerant, geworden war. Fra nk Lorenz.

Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction desDaheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2.

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig.

Verlag der Daheim-Expedition von Velhagen a Klaſing in Gieleſeld und Berlin. Druck von iſcher a Wittig in Leipzig.

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