Jahrgang 
1865
Seite
239
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der Schwank es meldet, Fremde riskiren dann, daß ſie dem Herchen⸗ hainer durch ein Loch des Daches ins Haus brechen, dieweil man Schornſteine dort nicht kennt, und daß ſie die Hühner auf der Dach firſte ſcharren ſehen. Bei demHitze ſpeienden Ofen hört ſich das alles gar behaglich an, und der Kampf mit dem Schnee iſt dem Vogelsberger ſo wichtig, wie dem Frieſen der mit dem ſtür⸗ miſchen Meere.

Im Winter 1785 lag der Schnee zu Herchenhain 12 Fuß und

höher, und zu Pfingſten in den Hohlwegen bei Bernuges noch 6 Fuß hoch. Wenn darum die Landſchaft ſchon ganz grün iſt, kann man doch noch lange im Waldſchatten ſtarke Schneereſte finden, und daß zu Johanni noch alles erfriert dafür hat man auch Beiſpiele. Iſt doch einſt, nach der allgemeinen Sage, auf dem Herchenhainer Johannimarkt ſogar ein Jude er roren!

Im Winter geſtaltet ſich das Leben der Vogelsberger ſtiller. Dann darf er für ſein mühſames Arbeiten erſt etwas Ruhe ſich gönnen. Denn mühſam muß er ſein Brot ſich verdienen. Schon die Kinder von 6 Jahren treiben Sommers das Vieh einzeln zur Weide und machen Bekanntſchaft mit Hitze, Regen, Nebel und Heſſenluft. Die Alten aber placken ſich in der kurzen Zeit der Wärme an den ſteilen und brennenden Bergwänden auf dem Acker herum, während ein großer Theil des jungen Volkes noch in die reiche Wetterau zum Kornſchnitt oder zum Dreſchen wegzieht, ſo daß ſie oftmals, unter heftigem Drange der Arbeit, ſelbſt es nicht ſcheuen dürfen, in mondhellen Nächten noch ganze Stunden lang zu arbeiten.

Ja, ein unverdroſſen fleißiger Arbeiter iſt der Vogelsberger, und kann er etwas erwerben, ſo iſt ihm kein Weg zu weit, kein Wetter zu ſchlecht dazu. Man kann auf ihn mit Recht das alte Wort anwenden:

Wo Heſſen und Holländer verderben

Müſſen alle Menſchen ſterben. Darum läßt er ſich auch ſo gerne zum Soldaten nehmen, und dient nach abgelaufener Zeit nochmals, um mit den Paar hundert Gulden Einſtandsgeld ſich ein eigen Hausweſen zu gründen.

Die beiden Charakter⸗Köpfe, die unſer Maler aus der Mitte dieſes kernigen, verwetterten Volkes herausgehoben hat, ſind ſtattliche und getreue Originale aus dem Dorfe B. im hohen Vogelsberg, und geben eine Anſchauung von einem hübſchen altenAuszüger⸗Paare, wie es nur der Vogelsberg hervorbringen kann.

Der Mann hat ſeiner Zeit, als jugendlich kräftiger Burſche, ſeinesGroßherzogs Rock getragen, und unter den Heſſiſchen Füſi⸗ lieren die Schlachten bei Jena und Wagram mit geſchlagen. In letzterem Kampfe ward er verwundet und gefangen, ſpäter wieder ausgelöſt und entlaſſen. Eine kleine Penſion erhält er noch jetzt. Sein noch dichtes, nicht vollkommen ergrautes Haupthaar trägt er, nach alter Sitte, lang und über die Stirne hangend, aber die achtzig Jahre, die er hinter dem Rücken hat, haben ſeine ehedem aufrechte Geſtalt gebeugt und einen zitternden Greis aus ihm gemacht. Jetzt, wo er außer der Pflege ſeiner Enkel nichts mehr thun kann, und daheim meiſtens einſitzt, ſehnt er ſich mächtig aus der Welt, und heim zu ſeinen Vätern.

Die Frau ſtammt aus Herchenhain, dem höchſten Orte im Vogelsberg und in Heſſen; auch ſie hat ihr Tagewerk ſoweit vollendet. Nachdem ſie als Bauernmagd verſchiedentlich gedient, reichte ſie ihrem Alten die Hand, und hat durch Fleiß und Sparſamkeit ſein Haus zu einer Stätte des Wohlſtands und der Zufriedenheit gemacht.

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Iſt nun der Winter ins Land gezogen, ſo bildet die Spinn⸗ ſtube den Mittelpunkt der Unterhaltung und der Arbeiten.

Es gibt Spinnſtuben zweierlei Art, eine für die Männer, die andere für die Ledigen. Denn auch die Männer gehen, nach dem Abendläuten, mit ihrem Rädlein zu einander, um zu ſpinnen und allenfalls nachher eine Pfeife zu rauchen, ein Lied zu ſingen, ein Kartenſpiel zu machen oder in einem ſchaurigen Ritter⸗ und Räuber⸗ Roman zu leſen.

Die Jugend aber kommt ebenfalls geſondert in dem Wohn⸗ hauſe eines oder mehrerer Kameraden zuſammen. Erſt ſpinnen die Mädchen, ſchön angethan und ſingend, ein Paar Stunden, dann finden ſich allgemach die Burſche ein, es wird gelacht und geſcherzt, geſungen und erzählt, das Getränk macht ſeine Runde und ſchließlich

endet das Ganze für gewöhnlich in einem Tänzchen. In älterer

Zeit geſchah dieſes nach dem Tacte des geſungenen Liedes, jetzt faſt

allerwärts nach der ſ. g.Handorgel oder Harmonika.

Wie ſich doch die Zeiten ändern! Mir denkt's noch aus meiner Jugend, daß im ganzen Vogelsberg zur Erſparung des Oels im Winter Späne gebrannt wurden. Man behaut nämlich die beſten Buchenſpalten ganz gleich, in der Dicke eines Mittelfingers, und hobelt mit dem Spanhobel ſie ½ Zoll breit ab. Dieſer Buchen⸗ ſpan gab ein kurzes, aber helles Licht und erheiſchte einen beſondern Spanwärter, welcher dieIſel oder die verkohlte Seite in den drunter ſtehenden Zuber mit Waſſer fallen ließ, und immer neue Späne auf die zweizinkige Gabel aufſteckte. Auch jetzt i*ſt dieſe Poeſie ſchon im allgemeinen verſchwunden und nur die ärmern und ganz entlegenen Walddörfer bedienen ſich noch des Spans gerade ſo wie ihre Altvodern.

Auch die Spinnſtube, nun von einer Petroleum-Lampe erhellt und nicht ſo düſter, wie früher bei der genannten Beleuchtung, droht eine ganz andere zu werden, wie ſie ehedem war. Schon drängt ſich das Vergnügen mehr in den Vordergrund, und die Rohheit macht ſich mehr denn ſonſt darin breit, ſo daß die Regierung und die Kirche nicht umſonſt Schranken zieht.

Zwar an dem gewohnten Jubiliren und Singen fehlt's auch ſonſt nicht. Darin ſuchen die Vogelsberger ihres Gleichen, ſie ſingen

Zzu allem, bei der Arbeit und zu Hauſe, dem Weidefahren und über

Feld gehen, beſonders aber beim Bearbeiten des Flachſes, weil, was man beſingt, vortrefflich gerathen ſoll. Aber die alten Erzählungen, die launigen Worte, das Räthſelaufgeben, treten in der Spinnſtube mehr in den Hintergrund. Noch eine Reihe von Jahren, ſo ſind

mit ein Paar alten Augen in jedem Dorfe tiefe Quellen alter Volks⸗

luſt und Volkserinnerung unrettbar verſunken!

Und wie mit der alten Spinnſtube, ſo geht es mit mancher ſchönen Sitte des religiöſen Lebens.

Zwar gibt es noch Gemeinden, wo es eine Wahrheit iſt, das umlaufende Sprichwort:Der Sonntag macht die Woche, und: Wer nicht zur Kirche geht, iſt nicht beſſer, denn das andre Vieh auch oder:Ein ſchlechter Bauer, dem Sonntags das Sauerkraut

ſchmeckt, ohne Predigt, aber im Großen und Gaͤnzen zahlt auch der zen z

Vogelsberg dem Zuge der Zeit ſeinen Zoll, der auf materiellen Er⸗ werb, als auf das Höchſte, hinausſteuert. Und ſolcher Exemplare

gibt's genug aller Orten, auf die Luthers derbes Wort zutrifft:

Hauſe oft von den Jungengekocht wird.

Ein Bauer ohne Gottesfurcht iſt nicht beſſer, wie ſein Gevatter: der Ochs!

Man kann dies recht ſehen an der Art, wie es den Alten im Gewöhnlich geſchehen die Heirathen ſehr frühe, ſo daß den ebenfalls verheiratheten Sohn, der längſt die Dreißig hinter dem Rücken hat, der Vater noch ſeinen Bub heißt, aber, wenn nun zwei oder gar drei alte Leute im Hauſe ſind, das gibt den Jungen denn doch der Laſt zu viel. Da leben ſie zu lange, derEllerknänn und dieEller, oder ſie laſſen ſich beſtimmen, ihren Altentheil unter die Kinder wegzugeben, und dann ſind ihre guten Tage dahin, kaum gönnt man ihnen den Platz am Tiſch und Ofen oder das Bette mit der froſtigen armen Laubdecke für die zitternden Greiſentage. Ja, es iſt etwas an der Vogels⸗ berger Rohheit die Alten könnten ein ſchaurig Lied davon er

zählen. Die Vogelsberger Rohheit charakteriſire ein wahres Stücklein. In Brenugeshain ſtarb vor Zeiten eine Hausmutter, um

deren Tod die Kinder bitterlich weinten, während der Vater keine Thräne vergoß. Als ihm ſeine Kinder entrüſtet dies vorhielten, ſagte er:Flennt nur, Ihr Kinder, Ihr habt's auch noth, es iſt ja immer Eure Mutter geweſen, aber wir zwei waren fremd zuſammenge⸗ kommen. Das Weinen konnte alſo ſeine Sache nicht ſein!

Für gewöhnlich lebt der Vogelsberger ſehr einfach. Die Milch⸗ und Haferſuppe Morgens und Abends iſt zwar nicht mehr vorhanden, ſondern Kartoffeln, Kaffee und Brot an ihre Stelle getreten, übrigens kommt doch wenig Fleiſch an alle. Auf Milch und Mehl, nebſt den Eiern ſehen ſie ſich bei der Nahrung beſchränkt. Darum ſagt auch im Volkswitz die Sichenhäuſer Frau:Wißt ihr, was ich thäte, wenn ich Großherzog von Heſſen wäre? Ich äße

nichts, wie Weck und Milch, und hernach legte ich mich aufs Heu! Nationalgerichte ſind Kartoffelbrei, Kartoffelklöſe, Kar⸗ der Zierrath des Sonntags iſt

toffelpfannkuchen, und die feſtlichſte Gelegenheit, Winters die Metzelſuppe oder der Stichbraten.