Jahrgang 
1865
Seite
238
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Ohne blaue Mäler und zerſchlagene Köpfe geht's aber ſelten ab. Eine gehörige Balgerei gehört zu einer rechten Kirmes.

Später am Abend tanzen die Männer und Frauen miteinander. Auch da müſſen die Jungen ehrerbietig auf die Seite treten. So hat alles ſeine Ordnung und ſein eigenthümlichgs Leben, namentlich, wenn ſtatt in einem Saale die Kirmes im Freien unter grünen Bäumen des Dorfes Linden abgehalten wird, bis am folgenden Morgen, unter trüben Liedern und einem Trauermarſche der Muſik, ein alter Topf verſcharrt, und alſo die Kirmesbegraben wird.

Zunächſt nach der Kirmes kommt das Marktgehen an die Reihe. Da der Vogelsberger auf Ackerbau und Viehzucht, ſeine faſt ausſchließlichen Erwerbszweige, angewieſen iſt, ſo iſt ihm ein Markt von großer Bedeutung. Einer der Vieh⸗ und Krämermärkte, welche mit dem großen Markte zu Gedern beginnen und dem kalten Markte zu Ortenberg ſchließen, unterbricht in etwas die Einförmigkeit ſeines ländlichen Lebens. Mit ſeinem Vieh macht er ſich ſchon in der Nacht vorher auf den Weg, um feil zu halten, oder um neues einzu⸗ kaufen. Die Bewohner der einzelnen Dörfer haben am betreffenden Marktplatz ihren beſondern Stand, und halten treulich im Handel und Loben ihres Viehes gegen Juden und Metzger zuſammen. Am heiterſten aber iſt doch das Zuſammenſitzen in den Leinwandzelten, wo man entweder Neuigkeiten erzählt, die landläufigen Spottverſe über die Vogelsberger Städte und Dörfer den Fremden aufmutzt, oderWinkuff macht, und neben Bier und Branntwein ſein Stück Fleiſch mit Zwiebelbrühe genießt, das in einem großen Keſſel, unter dem ein munteres Flackerfeuer lodert, gekocht wird. Selbſt die, welche gar nichts auf dem Markte zu thun haben, ziehen doch dieſem ſüßen Vergnügen nach, und während der Hauptmärkte zu Herchenhain, Schotten, Ulrichſtein iſt es darum ſtiller oft in den Dörfern, als am Sonntage.

Auf den Märkten hat man am meiſten Gelegenheit, Land und Leute in ſelbſteigner Natur zu ſehen. Da kommen ſie angezogen Groß und Klein mit ihrer altmodiſchen Tracht, dem ſchwarzen Heſſenhäubchen, flatterndem Band und rothem Mieder, den bunten Röcken und hochrothen Schürzen die mehr am Oſtrande des Vogelsberges wohnenden Leute. Ihnen reihen ſich dieStumpf⸗ röcke des Schwalmgrundes und der Ohmgegend an, und zwiſchenein drängen ſich die weißen hochgethürmten Hauben aus dem Iſenburgiſchen Gebiete des Gebirges, andre Menſchen mit anderer Sprache, und doch alle gleich ſtramme Geſtalten, gleich pfiffige Handelsleute.

Sieh dort einen Sichenhäuſer, wie er ſeine ſelbſtgefertigten Mahnen, ſeine Reibeiſen, ſeine Kleinigkeiten aus Holz, ſeinen zu⸗ bereiteten Feuerſchwamm anpreiſt! Freund, ſolche Sachen, und ſo billig haſt Du all Dein Lebtag nicht gekauft!

Tritt in eine der dunkeln Buden der Schotter Wollweber auf der ganzen Welt bekommſt Du kein beſſer Tuch, wie hier!

Und was die Nagelſchmiede fertigen, an Meſſern,Schuh⸗ zwicken, Senſen und Sicheln wo iſt's anderwärts ſo vortrefflich? Oder höre einem Kenner des Viehes zu, wie er ein Stück, das ihm gefällt, herabſetzt, Fehler entdeckt, wie er ſachkundigen Blickes weggeht und wiederkommt, bietet und wieder bietet, bis der Handel mit ſchallendem Handſchlag endlich und endlich zu Stande gebracht iſt Du haſt dann den Vogelsberger in ſeiner Glorie vor Dir! Er weiß wohl, was das Geld werth iſt und wie ſauer es verdient werden muß, darum verſteht er ſich auf den genauen Handel meiſt beſſer, wie ein Jude, und wenn erz' recht pfiffig anfangen will, einen guten dummenHampelüber den Löffel zu balbieren, ſo pflegt er dumm zu ſchwatzen, um unter dem Scheine der Biederkeit um ſo ſichrer ſeinen Zweck zu erreichen.

Auf den Jahrmärkten verſorgt er ſich auch mit den nöthigen Gegenſtänden fürs Haus, mit Töpfen, Eiſenwaaren, Tüchern, Acker⸗ geräthſchaften, hölzernen Trinkkannen(Gelzen genannt) und hölzer⸗ nen Schuhen, aber auch mit allerlei höchſt entbehrlichen Luxusgegen⸗ ſtänden. Daß in einem großen Theile des Gebirges die alte Tracht bis auf dürftige Reſte verſchwunden iſt, und neumodiſcher Aufputz, welcher zu dem ganzen Auftreten der Leute wie die Fauſt aufs Auge paßt, immer mehr aufkommt, daran trägt das viele Marktgehen großentheils die Schuld.

Als kühl und kalt iſt der Vogelsberg hinlänglich berüchtigt. Doch iſt die Kälte, namentlich im Winter, durchaus nicht ſo intenſiv,

als man gewöhnlich vorausſetzt. Am erſten fühlt ſich der Fremde durch die ſelbſt im Sommer ſehr fühlbaren kalten Luftſtrömungen beläſtigt, welche über die ungeſchützten kahlen Höhenzüge daherbrauſen. Die ſ. g. Heſſenluft, der ſchärfſte Nordoſtſturm, iſt ſprichwörtlich geworden, und ſie wird mit Recht ſehr gefürchtet. Dann braucht man, nach dem Volkswitz, in dem hochgelegenen Dorfe Herchenhain drei Mann zu einer Pelzkappe, nämlich einen, der ſie trägt, und zwei, die ſie ihm halten, von wegen desſölchen Sturmes. Wären die Höhen beſſer mit Wald beſtanden, ſo würden auch die Thäler mehr Schutz haben.

Die ſehr reine und gute Luft, damit das Gebirg geſegnet iſt, und die, wenn man ſich erſt einmal an ihre Schärfe gewöhnt hat, äußerſt wohlthätig auf die Geſundheit einwirkt, macht im Sommer einer oft ſehr ſtarken Hitze Platz, welche drückend auf den Bergen liegt, aber eben dadurch auch die Urſache iſt, daß zartere Gewächſe ſich erhalten laſſen und kräftig gedeihen.

Manchmal vermuthen die Bewohner der Niederungen, eingehüllt in kalten, durchdringenden Nebel im Vogelsberg, eine Temperatur zum Umkommen. Aber dann iſt daſelbſt gerade das ſchönſte Wetter, Sonnenſchein und ungewöhnliche Milde. In dieſer Weiſe wechſelt es häufig in unſerem Hochlande. So liegen oft im Thal in erſtar⸗ render Kälte die kalten Nebel, kommt man auf die Höhen, ſo hauchen die, wie erwärmt, den Wanderer an. Doch iſt dieſen Vorkommniſſen nicht überall und immer zu trauen. Man ſagt nicht umſonſt:Im Vogelsberg hat's den Tag dreierlei Wetter, um die raſche Veränderung der Temperatur zu bezeichnen.

Im Sommer aber iſt's lieblich im Vogelsberg und wer den grünen verborgenen Wald, lebendige, ſprudelnde Waſſer, ſaftige Wieſengelände und ein intereſſantes Thier⸗ und Naturleben ſucht, der wende ihm einmal ſeine Schritte zu, ſtatt der großen Touriſtenſtraße zu folgen.

Zum Beweiſe für den Leſer, daß ihn wenn auch nicht hoch⸗ romantiſche, doch liebliche, anziehende Reize erwarten, präſentirt ſich ihm hier eine Landſchaft unter dem Bilſtein im hohen Vogelsberg. Das iſt jener im Hintergrunde ſichtbare Berg, der auf ſeiner höchſten Spitze mit einer ungeheuren, in die Lüfte ſtarrenden Baſaltklippe ge⸗ krönt iſt, auf welcher, der Sage nach, in den Heidenzeiten ein Götzen⸗ bild geſtanden hat. Heutzutage ſtecken am Vorabend des Pfingſt⸗ feſtes die Burſche von Buſenborn unter Geſang jedesmal nach alter Sitte eine mächtige Maie darauf, womit ſie der Wetterau den Feſt⸗ gruß entbieten. An dem nördlichen Abhang des Bilſtein iſtder Elſe ihr Keller, eine ziemlich anſehnliche Felſenhöhle, in welcher die Elſe, eine geſpenſtige Bergfrau, wohnen ſoll, die man dort kochen, ſpinnen und ihre Wäſche trocknen ſieht. Südlich im Walde bietet ſich eine Art Felſenmeer den erſtaunten Blicken dar. Große Felsblöcke liegen einzeln, oder in wirren Maſſen aufgehäuft, auf dem Berggipfel zerſtreut, oder auf der mit einzelnen Bäumen und Ge⸗ büſch belebten Hutweide unter dem Bilſtein. Im Vordergrunde zeigt ſich unter Bäumen und Häuſern das Kirchlein zu B uſen⸗ born, ein roher, aber bei alledem maleriſcher Bedürfnißbau dieſer Voögelsberger Gemeinde aus dem Jahre 1628, nachdem in den Drangſalen des dreißigjährigen Krieges die Kaiſerlichen das Dorf von Grund aus in Aſche gelegt hatten.

Der Vogelsberger Winter dagegen iſt ein König der Schrecken. Mit treffendem Wort ſagt Riehl in Land und Leuten einmal:Im Schnee liegt wirklich die Poeſie dieſer Gegenden, die der liebe Gott als Winterlandſchaften nun einmalangelegthat. Der Schnee bildet auch eine un⸗ erſchöpfliche Quelle der Unterhaltung für dasSpilllegehen ¹und die Spinnſtube zu jener Zeit. Man muß ſolch ein Wetter ſelbſt erlebt haben, das der Vogelsberger einWüſtenwetter nennt, um Reſpekt zu kriegen vor dem Winter und ſeinen Tücken. Dann jagt bei dichtem, dunklem Nebel der ſchärfſte Wirbelwind tagelang über die Bergrücken und treibt den Schuee dergeſtalt durcheinander, daß alle Kenutniß der Gegend nicht vor Verirren ſchützt, und die kundigſten Leute des geraden Weges verfehlen, oder in den ungeheuerlichen Schneewehen ſtecken bleiben. In Herchenhain und andern Orten kann man das Wunder dann erſehen, daß der Schnee, wie eine breite Mauer, bis zum zweiten Stocke der Häu und die Buben fahren aus den Fenſtern auf der hartgefrornen Eis⸗ kruſte luſtig mit ihren Schlitten herab. Kleinere Hütten ſind dort oft förmlich eingeſchneit und unter dem Schnee vergraben, und, wie

ſer emporragt,