Jahrgang 
1865
Seite
235
Einzelbild herunterladen

Rer, eben

miſche um

noch der und ſehen anſchlägt. eutſche nüthsſtim⸗ der Kunſt⸗

8 d

onnte mit chbebt,

Liebe und

Scheiden und Meiden erdacht! Wie oft weint beim Scheiden das Fräulein ſein ſchneeweißes Tüchlein naß, wenn ſie dem Geliebten bis auf diegrüne Heide das Geleit gegeben, und er ſeinapfel⸗ grau Rößlein ſpornt und in der Ferne ſchwindet! Da meint ſie denn wohl, die Heide könne nicht mehr grün bleiben, und die Blumen müßten verwelken und trauern mit ihr:

Saßen einſt zwei Turteltäubchen

Dort auf einem dürren Aſt

Wo ſich zwei Verliebte ſcheiden,

Da verwelket Laub und Gras.

Traurig mag ſie wohl ihres Weges zurückgehen und vereinſamt ſitzen in Vaters Haus, ihre Gedanken gehören nicht ihrer Umgebung an, ſondern nehmen ihren Flug in die Ferne:

Wenn ich ein Vöglein wär, Weil's aber nit kann ſein, Und auch zwei Flüglein hätt', Bleib' ich allhier. Flög' ich zu Dir;

Der nächtliche Traum führt ſie zu ihm, und ſie iſt glücklich; doch der Traum zerrinnt, und:

Wenn ich erwachen thu, bin ich allein.

Aber ſie weint über die Täuſchungen des Traumbildes, dem die Wirklichkeit nicht entſpricht:

Und komm' ich Morgens auf die Gaſſe, Sehen's mir alle Leute an:

Meine Augen ſtehn voll Waſſer,

Weil ich Dich nicht vergeſſen kann.

Und ſo von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag nährt ſie die Gedanken ihrer Liebe und Treue, ſendet Grüße zu ihm mit Wolken und Wind, und alle Waldvögelein fordert ſie auf, zu ihm zu fliegen und Botſchaft zu tragen von ihr zu ihm, und von ihm zu ihr:

Frau Nachtigall, Frau Nachtigall,

Grüß mir mein'n Schatz vieltauſendmal! Grüß ihn ſo hübſch, grüß ihn ſo fein, Sag' ihm, er ſoll mein eigen ſein.

Und wenn der Schatz bis ans Ende der Welt zöge und aus⸗ bliebe, Gott weiß wie lange, ſo heißt es doch:

Sieben Jahr und noch viel mehr Die Liebe nahm kein Ende mehr.

Solche Treue muß natürlich auch gekrönt werden, und fröhliches Wiederſehn verwiſcht in einem Augenblicke die jahrelange Trauer. Davon ſingen manche Lieder. Da aber iſt der Schatz bisweilen ſo grauſam und ſtellt ihre Liebe erſt noch auf die Probe; er begegnet ihr etwa als ſtolzer Reiter am Pfade, wo ſie ſeiner Wiederkehr harrt, ſie kennt ihn nicht wieder, er beginnt ein Geſpräch mit ihr und erzählt:

Geſtern bin ich geritten durch eine Stadt,

Da hat dein Liebſter Hochzeit gemacht. Oder:Er geht auf Irelands Auen

Mit andern ſchönen Jungfrauen.

Nun aber, nicht wahr? nun wird ſie fluchen, ihn verwünſchen bis in die Abgründe der Hölle doch nein! hören wir, was ſie unter Thränen ſagt:

Ich wünſch' ihm all das Beſte, Soviel der Baum hat Aeſte;

Ich wünſch' ihm ſoviel gute Zeit, Als Sterne an dem Himmel ſeind; Ich wünſch' ihm ſo viel Ehre, Soviel als Sand am Meere.

So zeigt ſich ihre Liebe probehaltig, wie ſie ſich aller Selbſt⸗

liebe entäußert hat; und in dieſem Sinne heißt es anderswo: Es hat ein Mädchen einen Knaben lieb, Viel lieber, als ſich ſelber. Woſ ſie ſo die Prüfung beſtanden, da verſteht ſich's von ſelbſt wie folgt: Was zog er von dem Finger ſein? Von rothem Gold ein Ringelein. Was zog er aus ſeiner Taſchen? Ein Tuch ſchneeweiß gewaſchen. Trockn ab, trockn ab Dein Aeugelein, Du ſollſt ja nun mein eigen ſein. Aber gibt es denn gar keine Untreue in der Welt? Ach leider!

der Jüngling findet's bei ſeiner Heimkehr auch wohl ganz anders.

Es fällt ein Reif in der Frühlingsnacht, und zerſtört die Blau⸗ blumen ſeines Liebesmaien; und wie er mit vollem Herzensgruße zu ihr tritt: Gott grüße Dich Hübſche, Dich Feine! Von Herzen gefalleſt Du mir, da erfolgt die ſchnöde Antwort: Was brauch' ich Dir denn zu gefallen? Ich habe ſchon längſt einen Mann, Dazu einen hübſchen und reichen, Ja ja einen reichen, Der mich wohl ernähren kann. Was wird das geben?! Mord und Todtſchlag: Was zog er aus ſeiner Taſche? Ein Meſſer, war ſcharf und ſpitz Er ſtach es Feinsliebchen ins Herze, Ja ja ins Herze Das rothe Blut gegen ihn ſpritzt. Oder, wenn der Liebhaber nicht ſo raſchen Temperaments iſt, ſo zieht er durchs Gäſſeli abe Und weinet und truret ſo ſehr. Was ſött i nit weine und trure? J ha ja kei Schätzeli mehr.

Nun aber gibt es keine Lieder, die da klagen und winſeln über todte oder gebrochene Herzen; kein dumpfes Hinbrüten und Verzagen an Gott und der Welt, kein Liebäugeln mit dem eignen Schmerze, kein Prunken mit innerer Zerriſſenheit, wie bei den Weltſchmerz⸗ poeten der neuern Zeit, die aus den Fetzen ihres Herzens Gedichte zuſammenflicken und ſich mit ihren Blaßheinrichswangen wohlgefällig im Spiegel betrachten und ſich ſo ungemein romantiſch vorkommen

nein! hier gibt ſich die innere Geſundheit auch im Schmerze kund, der Schmerz bleibt wahr, natürlich und ungeſchminkt, er wird zu ſanfter, inniger Wehmuth, die ja ein Hauptzug im deutſchen Nationalcharakter ſein ſoll. Lieder der Art finden ſich wunderſchöne. Bald auch ermannt ſich einjung friſch Herz, rafft ſich aus dem Schmerze auf, und ein löblicher Leichtſinn vollendet die Heilung, und der kecke Uebermuth ſingt: Geh Du nur immer hin, wo Du geweſen haſt, Und binde Deinen Gaul an einen grunen Aſt!

Die Welt bleibt doch ſchön, der Wirth hat kühlen Wein, der

auch die Herzenswunden kühlt, und unſer Herrgott ſchuf Der Maidli und Roſen allſo viel, Kann man brechen, wo man will.

Lieder der zuletzt angedeuteten Art gibt es in Menge, in ihrer kecken Weiſe höchſt anziehend.

Wir ſehen hieraus, in allen Tonarten ſpielt das Volkslied, in Dur und Moll, im Adagio wie im Allegro und Scherzo. Aber Du wirſt da mancherlei vermiſſen ſublime Gefühle, wie ſie uns viel⸗ geleſene Poeten der Neuzeit aufoctroyiren wollten: es werden davon der weißen Hand keine Thränen aufgetrunken, unddie Seele ſtirbt nicht vor Sehnen, und keineunſelige Weiber vergiften mit ihren Thränen.

Auch die mannigfachſten andern Lebenslagen finden im Volksliede ihren poetiſchen Ausdruck, und die Stände ſind faſt alle darin vertreten, ſofern ſie nur irgend eine poetiſche Seite darbieten. So gibt es namentlich viele Jäger-, Hirten-, Bergmanns⸗ und Handwerksburſchenlieder, die letztern meiſtens komiſch, ſo daß der Ton der Geſellenherberge daraus widerklingt; am zahlreichſten aber ſind die Soldatenlieder, theils allgemein gehalten, theils mit hiſtoriſcher Grundla ge, welche letztere Hofmann von Fallers leben zum Muſter genommen hat für ſeine ſehr gelungenenLieder der Landsknechte unter Georg Frundsberg. Aber auch die komiſchen Seiten mancher Gewerbe ſind aufgegriffen und zu Spottliedern verwandt worden; je mehr ſich die dabei Intereſſirten darüber ärgerten, um ſo lieber ſcheint es den Spöttern geweſen zu ſein, wie folgende Strophe beweiſen mag:

Der Müller gäb' einen Batzen drum, Wenn man dies Liedlein nimmer ſung; Drum wollen wir's nicht laſſen;

Und ſingen wir's in der Mühl' nicht mehr, So ſingen wir's auf der Straßen.