Jahrgang 
1865
Seite
234
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Beiſammenſein mehr Garn auf die Spule zu bekommen; die jungen Burſchen, obgleich ſie dort nichts verloren haben, machen ſich da doch etwas zu ſuchen, die Räder ſchnurren, die Mäulchen noch mehr, man gibt ſich Räthſel auf, erzählt Märchen, Mord⸗ und Spukgeſchichten, man hebt endlich auch eins zu ſingen an, macht neckende Anwendungen paſſender Strophen auf einzelne An⸗ weſende, und je mehr ein ſolcher oder eine ſolche verlegen wird, um ſo größer die Freude der andern, die Reime ſind einmal im Fluß, und immer neue quellen hervor. Dorfgeſchichten ſind paſſirt, eine neue Verlobung iſt da, oder im Blühen, ein Korb iſt ausgetheilt alles Dinge, die am Spinnabend abſolut in Vers und Reim gegoſſen werden müſſen. Die Verſuche, eine neue Melodie zu erlangen, ſind oft geradezu komiſch. Häufig mag auch die Fiedel eines eingeladenen Dorfmuſikus eine Melodie dazu zurecht geſtrichen haben, wie ja ſchon der alte Minneſänger Nithart um das Jahr 1220 ſeine Dorfreihen mit der Fiedel in der Hand componirte und beim Vortrag damit be⸗ gleitete. Oefter aber wird irgend ein ſang⸗ und orgelkundiger Meiſter oder Magiſter die ihm vorgelegten Texte in Muſitk geſetzt haben.

Wie viel unreifes Zeug bei jenem Geſellſchaftsdichten zu Tage gefördert ward und wird, kann man ſich leicht denken; aber es ſind auch verſtreute Perlen darunter, und das Unechte ſcheidet ſich durch die gemeinſam geübte Kritik oft noch an demſelben Abend aus; und dies iſt keine blos wegdiſputirende Kritik, wie die ſchriftliche Kritik der Journale heutzutage, ſondern eine aufbauende, die gleich ſelbſt verbeſſert, was nicht gefiel. Gefühl und Gefallen war ſtets das Prinzip dieſer Kritik, und ohne den Buchſtaben einer Poetik wird das gemeinſame Gefühl vieler naturwüchſiger und ſanges⸗ froher Leute meiſtens ohne Zweifel auf richtigſter Fährte geblie⸗ ben ſein. Lief auch dann noch etwas Unechtes mit unter, ſo ſchied ſich das in folgenden Tagen von ſelbſt aus, denn es gefällt auf die Dauer nicht; das Echte aber ward feſtgehalten, rundete ſich immer mehr ab und erhielt die Geſtaltung, welche ihm die Unvergänglichkeit ſichert.

Bei Kirmeſſen und Schützenfeſten, wo das Jungvolk von Nah und Fern ſich einfindet, werden die neuen Lieder natürlich wieder geſungen und in die Nachbardörfer und Städte mit heim genommen; ſo werden ſie, hier nnd dort vielleicht mit Zuſätzen und Verbeſſe⸗ rungen, in kurzer Zeit Eigenthum eines Gaues, einer Provinz, oft des ganzen Landes.So ging es, und geht es noch heute, doch heute in geringerm Umfange, woran hauptſächlich die überreiche und dominirende Kunſtmuſik Schuld iſt, die nur ſelten noch eine be⸗ ſcheidene Volksweiſe beachtet werden läßt.

Bei weitem der größte Theil der Volkslieder iſt in hochdeutſcher Mundart abgefaßt; doch ſind auch die Provinzialdialecte in einer nicht geringen Anzahl von Liedern vertreten. Denken wir nur an die vielen Tyrolerlieder, andie Würzburger Glöckli mit dem ſchönen Glait, andie Würzburger Maidli, die kreuzbrave Lait, an die vielen andern bairiſchen und ſchwäbiſchen Schnader⸗ hüpfler, und an das weſtfäliſche:

Et wören twee Künigskinner,

Dai hadden enander ſo laif u. ſ. w. eine Perle des Volksgeſanges. Manche dieſer ſind auch in andere Provinzialdialecte übertragen worden, und die hochdeutſche Ueber⸗ ſetzung hat zuweilen die Originalfaſſung ganz verdrängt.

Der Gattung nach ſind die Volkslieder entweder rein lyriſch, alſo Lieder im engſten Sinne des Worts, oder lyriſch⸗ epiſch, Balladen; nicht ſelten auch hebt ein Gedicht rein lyriſch an und geht plötzlich in den Erzählungston über, und umgekehrt Inconſequenzen, welche in der vorhin charakteriſirten Entſtehung der Volkslieder ihre Entſchuldigung finden. Was den Vortrag be⸗ trifft, ſo eignen ſich die meiſten ſowohl zum Chorgeſange, als zum Einzelgeſange, andere theilen ſich ab in Solo und Chor, beſonders wenn für alle Strophen ein gemeinſchaftlicher Refrain da iſt, wenige ſind Wechſelgeſänge zwiſchen zwei Soliſten, z. B. einige Räthſel⸗ oder Frage⸗ und Antwortlieder, und Duette zwiſchen zwei Liebenden. Meiſtens aber iſt die Singart ſo, daß der Vorſänger allein die Strophe ganz durchſingt, der Chor aber die zweite Hälfte derſelben wiederholt. Zuweilen fällt der Chor nach den einzelnen Zeilen mit einem kurzen Zwiſchenruf ein, und ſchließt dann bald die ganze Strophe mit einem längern Refrain. Letzterer paßt ſeinem Sinne nach nicht immer ſtrict zu dem Gedanken aller Strophen, ſondern hauptſächlich zu einer, entſpricht aber der Stimmu ng des ganzen Gedichts, z. B.:

Es wollt' ein Schäfer hüten gehn Chor: Edele Ringele Roſen So fern auf grüner Haide. Refr. Berg und Thal, kalter Schnee, Von Herzlieb ſcheiden und das thut weh.

Wo er auch die Stimmung nicht feſthält, da ſchlägt er, eben weil er gar nicht zu den übrigen Strophen paßt, ins Komiſche um und mag dieſes gerade bezwecken:

Es wollt' ein Fuhrmann ins Elſaß fahren, Und wollte drei Fuder Wein aufladen

Refr.: Altemaralte ein'n ſüßen und ein'n ſauren, ein Schluß, der mit dem folgenden weder dem Gedanken, noch der Stimmung nach etwas gemein hat. Doch laſſen wir dies und ſehen zu, was das Volk in ſeinen Liedern ſingt, welche Töne es anſchlägt.

Es ſpiegelt ſich in den Volksliedern das ganze deutſche Gemüth ab, ſomit kommen auch alle erdenklichen Gemüthsſtim⸗ mungen darin zu Tage, nur nicht die krankhaften, die in der Kunſt⸗ poeſie der Jetztzeit eine ſo große Rolle ſpielen; man könnte mit Uhland ſagen:

Sie ſingen von allem Süßen, was Menſchenbruſt durchbebt, Sie ſingen von allem Hohen, was Menſchenherz erhebt.

Freude, wie Trauer und Wehmuth, Ernſt und Spott, Liebe und Leid, Frömmigkeit und reſolute Weltluſt alles kömmt in ihnen zu ſeinem Rechte, zarte Gefühle, wie derbe Ungenirtheit. Bei weitem die Mehrzahl bilden die Liebeslieder, und es begegnen uns deren manche von ſolcher Innigkeit, ſo ſanftem Hauche, ſo natür⸗ lich ſtarkem Gefühl, wie ſie in der geſammten Kunſtpoeſie ihres Gleichen ſuchen; und die Liebes treue iſt noch nirgends in ſo hellen glockenreinen Tönen beſungen worden, als im deutſchen Volksliede. Statt aller diene eins als Probe:

Soviel Stern' am Himmel ſtehen, An dem blauen, güldnen Zelt; Soviel Schäflein als da gehen

In dem grünen, grünen Feld; Soviel Vöglein als da fliegen,

Als da hin und wieder fliegen, Sovielmal ſeiſt Du gegrüßt!

Soll ich Dich denn nimmer ſehen, Nun ich ewig ferne muß?

Ach, das kann ich nicht verſtehen O du bittrer Scheidensſchluß! Wär'ich lieber ſchon geſtorben,

Eh' ich mir ein Lieb erworben, Wär ich jetzt nicht ſo betrübt. Weiß nicht, ob auf dieſer Erden, Die des ſchweren Jammers voll, Nach viel Trübſal und Beſchwerden Ich Dich wiederſehen ſoll.

Was für Wellen, was für Flammen Schlagen über mir zuſammen,

Ach wie groß iſt meine Noth!

Mit Geduld will ich es tragen, Immer nur den Sinn zu dir;

Alle Morgen will ich ſagen:

O mein Schatz, wann kommſt zu mir? Alle Abend will ich ſprechen,

Wenn mir meine Aeuglein brechen: O mein Schatz, gedenk an mich! Ja, ich will Dich nie vergeſſen, Enden nie die Liebe mein;

Wenn ich ſollte unterdeſſen

Auf dem Todbett ſchlafen ein:

Auf dem Kirchhof will ich liegen, Wie ein Kindlein in der Wiegen, Das die Lieb thut wiegen ein.

Finden wir in dem ganzen Bereich der Kunſtpoeſie ein ſo echtes, ſchönes Liebeslied? Kein modernesMinnelied reicht da hinan. Wie dieſes, ſo haben noch viele andere Lieder das Thema variirt, welches ſchon unſer altdeutſches Nibelungenlied bringt:wie Liebe mit Leide ze jungeſt lohnen kann. Wie oft wird der verwünſcht, der das

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