Jahrgang 
1865
Seite
232
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die Kämpfe zwiſchen Labourdonnais und Mac Donnel in einem Epos verherrlicht, und der Herzog war in Paris mit dem Spiele vertraut geworden, da er nebſt dem Grafen Iſouard und Caſabianca manche Conſultationspartien mit Harrwitz geſpielt hatte. der Herzog wie der Dichter, wurden von einem Badeorte am Rhein durch den Telegraphen zur Production des Blindlingskampfes herbei⸗ gerufen und haben ſpäter dem jungen Amerikaner viele ſchmeichel⸗ hafte Aufmerkſamkeiten erwieſen.*)

Man ſpielt auf ſoliden, geräumigen Schachbrettern, welche, zu ſammengeklappt, die Figuren enthalten; dieſe ſind aus gedrechſeltem Holze, gelb und ſchwarz, nach engliſchem Muſter, die ſogenannten Staunton Chessmen. Auf dem erhöhten Rande des Schachbretts ſind, jedem Spieler zur Rechten, einige Löcher angebracht, wo er, ge wöhnlich durch ein eingeſtecktes Zündhölzchen, die Zahl ſeiner Siege bezeichnet, ſo daß der eben ankommende Zuſchauer ſogleich ſieht, welcher Spieler im Vortheil iſt, es müßte denn die erſte Partie noch nicht entſchieden ſein.

Der Zuſchauer des Café de la Régence verdient aber auch, daß man ihm ſein ſchweres Geſchäft durch ſolche kleine Annehmlichkeiten ver ſüße! Wie vortrefflich er zuſieht! Und es iſt bekanntlich nicht leicht, beim Anblick einer intereſſanten Stellung die eigenen guten oder ſchlechten Gedanken niederzukämpfen, und immer dieſelbe unparteiiſche, ruhige, würdige Haltung zu bewahren.

Er gibt dem Spieler keine heimlichen Ellenbogenſtöße und tritt ihm nicht auf den Fuß, um ihn auf eine drohende Gefahr aufmerk⸗ ſam zu machen; würde etwa ein Fremder ſich erlauben, mit guten Rathſchlägen beſchwerlich zu fallen, oder nur irgendwiedreinzu reden, ſo würde ihn das erſte Mal ein allgemeines unwilliges Gemurmel auf ſeine Taktloſigkeit aufmerkſam machen, und bei Wiederholung derſelben ein dem Kellner gegebener Wink genügen, den Herrn anderweitig zu placiren.

Das Bezeichnen der Partien geſchieht übrigens nicht eigentlich für die Zuſchauer, ſondern vorzüglich um die ſchließliche Abrechnung zu erleichtern; denn im Café de la Régence wird allgemein um Geld ge⸗ ſpielt, gewöhnlich die Partie zu 50 Centimes oder zu 1 Fr., doch kom⸗ men auch ſehr hohe Sätze vor. Außerdem bezahlt der Verlierende die frais d. h. 4 Sous an den Wirth, die ſich erneuern, ſobald ein Spieler den Gegner wechſelt.

Durch das Spielen um Geld hat ſich die Nothwendigkeit her ausgeſtellt, die Kräfte zu egaliſiren, indem der Stärkere dem Schwächern Vorgaben macht, und ſo ſind 4 Claſſen entſtanden, deren Vertreter unter ſich mit gleichen Kräften ſpielen. Die Vorgaben beſtehen in: Bauer und Zug, Bauer und zwei Züge, Springer(oder Läufer) und Thurm. Dieſelbe Vorgabe, die ein Spieler von dem eine Claſſe höher ſtehenden empfängt, gewährt er dem eine Stufe unter ihm ſtehenden. Einzelne hervorragende Erſcheinungen ſind noch um einen nicht näher zu beſtimmenden Grad ſtärker als die einmal als Spieler erſten Ranges bezeichneten. Nach Kieſeritzkys Tode(1853 thronte Harrwitz eine geraume Zeit als Unbeſiegter in dieſen Räumen, bis Morphy ſeiner Alleinherrſchaft ein ſchnelles Ende bereitete, dann führte Koliſch das Scepter u. ſ. w.

Die Spieler erſten Ranges haben ſich ſeit einer Reihe von Jahren in ungezählten Partien ihren Ehrenplatz erkämpft, und wir treffen hier die wohlbekannten Namen der Herren Laroche, Arnous de Rivière, Journoud, Lecrivain, A. Delannoy, Budzinsky, Devink ꝛc.

Die Spieler zweiten Ranges ſind auch allenfalls noch zu zählen, dann aber kommen die Legionen der unteren Claſſen, deren Namen kein Sang, kein Heldenbuch meldet. Nur durch das intereſſirte Spiel iſt es möͤglich geworden, ſo genau die Spieler zu klaſſiſiciren,

*) AusPaul Morphy, Skizzen aus der Schachwelt, II. Theil.

Beide Herren,

denn obgleich ſich jeder ſelbſt in eine beliebige Rubrik bringen kaun, ſo hütet er ſich doch ſorgfältig, ſeine Fähigkeiten zu hoch anzuſchlagen, da er bei jeder Niederlage in die Taſche greifen muß. Eine zweite gute Folge iſt das ſtrenge und regelrechte Spiel. Man beſinnt ſich ehe man zieht, dann aber heißt es unerbittlich: pièce touchée pièce jouée! und das kindiſche Zurückgeben von Zügen findet ein für allemal nicht ſtatt.

Jede Schachpartie zu intereſſiren(natürlich ſo mäßig, daß das Geld nicht die Hauptrolle dabei ſpielt) kann alſo mit gutem Gewiſſen empfohlen werden, denn leider blühen in unſerm lieben Deutſchland die Mißbräuche desDreinreden undZurückgeben von Zügen in einer Weiſe, die ſelbſt dem Spiele der Beſſeren etwas Dilettanten⸗ haftes gibt. Die einzige üble Folge, die ſich im Café de la Régence be- merklich macht, die aber für deutſche Verhältniſſe eben nicht zu fürchten iſt, beſteht in dem Vorhandenſein einer wenig zahlreichen Species von wie ſoll ich ſagen? von Raubrittern, die wie Spinnen auf ihre Beute, auf Neulinge warten, denen ſie einige Francs abnehmen können. Dies ſind die eigentlichroutinirten Schach⸗ ſpieler(kaum zweiten Ranges), die, da ſiemit allen Hunden gehetzt ſind und ſich ihre Gegner ſelbſt ausſuchen, nicht leicht eine Partie verlieren; kommt es aber dennoch vor, ſo ſind ſie auch leicht getröſtet und geben das Spiel auf, ſobald ſie ihre Stellung als verzweifelt erkennen denn Zeit iſt Geld um mit Gedankenſchnelle die Figuren zu einer neuen Partie aufzuſtellen. Ungleich liebens⸗ würdiger ſind ſie, wenn ſie im raſchen Siegeslaufe ihrem Gegner, unter bewundernder Anerkennung ſeiner geiſtreichen Züge, eine Revanchepartie nach der andern anbieten können, die alle zu ihrem eigenen Vortheil ausſchlagen. Lange Pauſen ſind ihnen verhaßt, und um dieſelben auszufüllen, nehmen ſie mit einer Partie Billard oder Domino fürlieb, worin ſie eine gleiche Virtuoſität beſitzen.

Die jährlich ſtattfindenden Turniere finden eine zahlreiche Be⸗ theiligung, da durch das ausgleichende Syſtem der Vorgaben ſich auch den Schwächeren günſtige Chancen darbieten; dagegen ſchließen ſich die erſten Größen häufig aus, wodurch das Intereſſe dieſer Wett⸗ kämpfe weſentlich geſchmälert wird.

Auffallend iſt es, daß bei einem ſo regen Schachleben der Ver⸗ ſuch, in Frankreich eine Schachzeitung dauernd zu erhalten, unaus⸗ führbar erſcheint; denn wie der Palamède und la Régence unter⸗ gegangen ſind, ſo iſt auch die von Herrn Journoud redigirte, mit trefflichen Beiträgen ausgeſtattete Zeitſchrift la nouvelle Régence ihren Vorgängerinnen nach kurzer Zeit des Beſtehens gefolgt.*) Das iſt wieder ein ſchlagender Beweis dafür, daß die franzöſiſche Centrali⸗ ſation zwar alle Kräfte in das glänzeüdſte Licht ſtellt, aber durch das Imponirende dieſer Erſcheinung über die wahren Zuſtände des Landes täuſcht. Was das Schachleben betrifft, ſo bedeutet das Café de la Régence Frankreich, wie es im allgemeinen Sinn heißt: Paris iſt Frankreich.

Werfen wir hiernach einen vergleichenden Blick auf Deutſch⸗ land, ſo ſinden wir das Intereſſe für das Schachſpiel in ungleich größerem Maße verbreitet und bis in die entlegenſten Winkel ver⸗ theilt, das beſtätigt die ſeit einer Reihe von Jahren in Deutſchland erſcheinende Schachzeitung, der ſich neuerdings ſogar eine zweite bei⸗ geſellt hat, außerdem bringt die Leipziger Illuſtr. Zeitung ſeit 1843 wöchentlich ihren Leſern eine Schachgabe, und verſchiedene andere Blätter ſind ſeitdem ibrem Beiſpiele gefolgt. Was uns fehlt, iſt nur ein Culminationspunkt wie das Café de la Règence, deſſen Reiz durch eine Fülle von hiſtoriſchen Erinnerungen noch erhöht wird.

*) Seit dem 1. Okt. 1864 erſcheint nun wieder eine neue Schachzeitung: le Palaméde Français, die aber zugleich andere Spiele, Whiſt, Billard ꝛc. mit berückſichtigt.

Das deutſche Volkslied.

Von Friedr. Wilh. Grimme.

Sehr oft finden wir zwei Begriffe verwechſelt: Volkslieder, und volksthümliche Lieder. Volksthümliche Lieder ſind aller⸗ dings gleichfalls Eigenthum des Volkes, aber ſie ſind nicht aus dem Volke hervorgegangen, ſondern an das Volkübergegangen, Dichter und Componiſt ſind bekannt. Weil ſolche Lieder in Wort und Melodie ſich dem Volkstone eng anſchloſſen, ſo hat

das Volk ſie, als etwas ihm Verwandtes, angenommen, ſingt ſie und vererbt ſie. So z. B. iſt die echt deutſche Operder Freiſchütz von Fr. Kind großentheils gut volksthümlich gedichtet und von C. M. von Weber in noch vollendeterem Volkstone componirt, und nicht ein Jahr ſeit ihrem erſten Erſcheinen(1821) war verfloſſen, ſo hatte ſich das ganze deutſche Volk der hervorſtechendſten Lieder

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