Jahrgang 
1865
Seite
226
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ihn jemals erfaßt und ſein Inneres durchleuchtet hätte? Keinen Tag hat mich der Kummer hierüber verlaſſen. Aber ich unterlag ihm nicht mehr, er füllte nicht mehr allein mein Inneres aus. Theil⸗ nahme an anderen Menſchen, mannigfache auf ſie gerichtete Thätigkeit, vor allem Hingebung an den Willen Gottes hatten mir allmälig Ruhe und Frieden gegeben.

Nun zeigt ſich plötzlich die Möglichkeit, den Unglücklichen wieder aufzufinden. Halte ich alles zuſammen, was wir von ihm wiſſen, ſo muß ich vermuthen, daß er von ſeiner erſten Anweſenheit in L. her ein heftiges Verlangen nach der Geige des Doctors behalten und viele Jahre hindurch erworben und geſpart hat, um ſie kaufen zu können. Es iſt nicht zu glauben, daß er dies Ziel aus den Augen verlieren wird, nachdem er es einundzwanzig Jahre lang verfolgt. Er wird, wenn er mehr erworben, wiederkehren und mehr bieten. Da ich alſo nicht zweifeln kann, daß er in L. nach einiger Zeit abermals erſcheinen wird, ſo habe ich mich entſchloſſen, meinen hieſigen Aufent⸗ halt, ſo vieles mich auch hält, aufzugeben, und nach L. zu ziehen. Ich werde jemand ſenden, der mir eine paſſende Wohnung ausſucht und werde kommen, ſobald ich mich hier losmachen kann.

Ach, hochverehrter Herr, ich kann nicht mehr ſagen, ich hoffe ihn wiederzuſehen, nein, ich fürchte es, und dennoch kaun ich nicht anders.

Sie werden mir Ihre perſönliche Bekanntſchaft nicht verſagen und ich freue mich auf ſie, aber ich bitte herzlich, laſſen Sie uns gegenſeitig über den Zweck meines Dortſeins ſchweigen und über alles, was damit zuſammenhängt.

Bald hoffe ich Ihnen mündlich bezeugen zu können, mit welch aufrichtiger Hochachtung ich bin

B. den 22. Mai 1822. Ihre ganz ergebenſte

Lodoiska Kronau.

L. den 19. Mai 1840.

Begebenheiten der jüngſten Zeit haben mich veranlaßt, dieſe Acten wieder hervorzuſuchen und ſie abermals durchzuleſen. Sie be⸗ handeln einen ſo merkwürdigen Fall, daß es mir wie eine Art Pflicht vorkommt, ſie nunmehr durch dieſe Aufzeichnungen zu ergänzen und abzuſchließen.

Im Jahre 1822, bald nach Eingang des vorſtehend eingehefteten Briefes, nahm Fräulein Kronau ihren Wohnſitz in hieſiger Stadt. Sie war eine ſtille ernſte Dame mit Spuren ehemaliger großer Schön⸗ heit, aber allerdings vorzeitig gealtert und ſchwächlich. Zwiſchen meinem Hauſe und ihr ſtellte ſich ſehr bald ein freundſchaftliches Verhältniß her, da wir im Ganzen ziemlich gleicher Geſinnung waren, manche Intereſſen theilten, und ſie ſich mit vieler Liebe unſrer Kinder annahm, wofür unſre Dankbarkeit gegen ſie nie erlöſchen kann. Mit einer Geſellſchafterin und einigen Dienſtboten lebte ſie einfach, obgleich nicht ungeſellig, doch vermied ſie alle größeren Geſellſchaften und ſah auch bei ſich immer nur einige Perſonen. Ihre etwas ſtrenge reli giöſe Richtung ſah man ihr nach, da ſie niemand damit lüäſtig fiel, ja man lobte ſie an ihr, da ſie die Urſache vieler Wohlthaten und Liebeswerke wurde, denen ſie den größten Theil ihrer beträchtlichen Einkünfte, und wenn es ihre Geſundheit zuließ, auch ihre Kräfte und ihre Zeit widmete.

Von Tuvia Panti war nie die Rede zwiſchen uns. Aber er zeigte ſich auch nicht wieder. Den alten Doctor fragte ich einigemal, ob er nichts von ihm vernommen, aber ein Jahr nach dem andern flog dahin, ohne daß er wieder zum Vorſchein gekommen wäre. Im Jahre 1835 ſtarb der Doctor, und bei dieſem Anlaß zeigte es ſich, daß Fräulein Kronau den Zweck ihres Hierſeins nicht vergeſſen habe. Aus dem Nachlaſſe des Doctors kaufte ſie nicht allein die Stradivari⸗ Geige, ſondern auch den größten Theil ſeiner Möbeln, miethete von den Welpſchen Erben die Wohnung und ſetzte einen alten Diener hinein, den ſie ſchon aus B. mitgebracht hatte. Dieſer hatte die Geige in Verwahrſam und einer unſerer Stadtmuſikanten mußte ſie jeden Tag einmal in Ordnung bringen und ſtimmen. In Bezug auf einen Fremden, der etwa die Geige kaufen wolle, war der Diener mit beſtimmten Weiſungen verſehn. Aber der Fremde kam nicht. Fräulein Kronau wurde indeſſen immer ſchwächlicher und gebrechlicher, ſo daß ſie ſich ſchon im vorigen Jahre veranlaßt fand, eine Commiſſion des Obergerichts zur Aufnahme ihres Teſtaments kommen zu laſſen.

Vor vierzehn Tagen meldete mir der Ortsvorſteher zu S., es ſei dort ein alter, ungewöhnlich gekleideter Mann, der eine Geige in

einem Sacke bei ſich gehabt, im Freien unter einer Hecke Morgens früh erſtarrt und beſinnungslos gefunden worden. Man habe ihn in das nächſte Haus geſchafft, ihm etwas Warmes eingeflößt, und dann auf einem Ackerwagen, auf Stroh liegend, nach dem hieſigen Krankenhauſe gebracht. Dabei ſei nichts weiter vorgefallen, als daß der Kranke beim Einfahren in die Stadt vor dem Welpſchen Hauſe ſich plötzlich aufgerichtet, Halt gerufen und nach dem Doctor Philippi gefragt. Als man ihm geſagt, der Doctor ſei längſt todt, ſei er mit einem tiefen Seufzer wieder zurückgeſunken. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß es Tuvia Panti ſei, den das Verlangen nach der unvergeßlichen Geige trotz ſeines Alters noch einmal hierher gezogen. Ohne Säumen eilte ich nach dem Krankenhauſe. Da ich hierbei an dem Welpſchen Hauſe vorüberging und den alten Diener in der Thür ſtehen ſah, ſo fiel mir ein, dieſem zu ſagen, es ſei ein Mann im Krankenhauſe, der nach des Doctors Geige gefragt habe.Mein Gott, rief der Alte,was ſoll ich nun thun? ſoll ich ihm erſt die Geige geben, oder es erſt Fräulein Kronau ſagen?Wozu haben Sie Anweiſung? fragte ich.Zu beidem! ſagte er. Nach einem Augenblick Ueber⸗ legung ſagte ich zu ihm, es werde das Beſte ſein, daß er zuerſt die Geige hinbringe; dem Fräulein müſſe die Sache mit großer Vorſicht mitgetheilt werden, und das wolle ich demnächſt ſelber beſorgen. Er ſchien ſich zu wundern, daß ich von der Sache wiſſe, nickte mir jedoch Beifall und ging ins Haus.

Im Krankenhauſe fand ich einen alten, unbeſchreiblich abge⸗ magerten Mann mit dunkelfarbigem faltigem Geſicht und grauem, faſt weißem langen Haar und Bart, elend und kraftlos in einem Lehnſeſſel ſitzend. Man ſagte mir, er habe ſich gegen das Bett ge⸗ ſträubt. Er hatte die Augen geſchloſſen und ſchien völlig theilnahm⸗ los, antwortete auch nicht, als ich zu ihm trat und ihn nach ſeinem Namen fragte. Als ich aber laut: Tuvia Panti! rief, fuhr er zu⸗ ſammen, öffnete die Augen und ſah mich groß an.So heiße ich, ſagte er dann mit einiger Mühe;wer kennt mich hier?Sie ſind alſo Tuvia Panti oder Tobias Panting? fragte ich.Wie? Was? rief er;auch das weiß man hier?Ja, verſetzte ich.Aber genug für jetzt. Sie ſollen ſogleichmehr erfahren. Damit eilte ich fort und begab mich zu Fräulein Kronau.

Ich traf ſie ſehr ſchwach und hinfällig und wagte kaum den Grund meines Kommens zu berühren. Als ich aber, zum erſten Male nach ſo vielen Jahren, den Gegenſtand nur von fern anregte, ſagte ſie ſogleich:Nicht wahr? Er iſt da. Sagen Sie es offen! Sie ſehen, ich bin ruhig, ich bin vollkommen darauf gefaßt. Wo iſt er? Im Krankenhauſe, gab ich zur Antwort. Sie ſtand auf und wollte ſofort hineilen. Ich bat ſie, ihren Zuſtand zu bedenken, und ſagte ihr, daß ich beim Fortgehen vom Hauſe meinen Wagen hierher beſtellt hätte, der ſogleich kommen und ſie hinfahren würde. Sie drückte mir die Hand, bat mich, ſie in dem anſtoßenden Zimmer zu erwarten und blieb mit ihrer Geſellſchafterin allein. Als der Wagen kam, war auch ſie fertig, wir brachten ſie herunter und ſtiegen mit ihr ein. Unterwegs erzählte ich ihr, was mir mit ihrem Diener begegnet ſei und wie ich Tuvia Panti angetroffen habe..

Im Krankenhauſe empfingen uns die Töne der Geige, bei deren Anhören ſich meine Freundin ſchwer und zitternd auf uns ſtützen mußte, und als wir in das Zimmer traten, ſaß Tuvia Panti aufrecht in dem Seſſel, die wunderſamſten, ſchwermüthig wilden Melodien auf des Doctors Geige ſpielend. Er kam mir viel verfallener vor, als kurz vorher, ſein Geſicht ſah erdfahl aus, aber das Entzücken ſtrahlte aus ſeinen ſchwarzen Augen. Er ſchien uns nicht zu be⸗ merken und ſpielte in ſeiner ſeltſamen, höchſt ergreifenden Weiſe weiter, auch als wir ſchon dicht vor ihm ſtanden. Ich ſetzte einen Stuhl für meine Freundin hin und ſie ließ ſich dicht neben ihm nieder. Während ſie ihre Blicke auf ihn heftete, ſchauderte ſie mehrmals zu⸗ ſammen und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. Plötzlich unter⸗ brach er ſein Spiel und rief mit gebrochener Stimme:Ich ſehe nicht mehr! Alles wird ſchwarz. Wo iſt der Mann, der die Geige brachte? Ich habe wieder fünfzig Ducaten. Das erſte Geld wurde mir geſtohlen. Wo iſt der Mann? Ich ſehe nicht mehr.

Tobias! Tobias Panting! ſagte Fräulein Kronau, indem ſie die Hand auf ſeinen Arm legte.

Was iſt das? rief er, indem ihm ein Beben ſichtbar vom Kopf bis zu den Füßen lief.Die Stimme kenne ich! Lodoiska?

Ja, Lodoiska! antwortete ſie.

So höre, ſo höre! ſagte er und begann wieder zu ſpielen, aber