Jahrgang 
1865
Seite
224
Einzelbild herunterladen

ſchlang damit den Käfer und zog ihn mit ſich fort, und wahrhaftig! mir noch näher, ohne mich zu bemerken; denn ich rührte mich nicht, und da mochte mich der kleine Kerl wohl für einen Baumſtamm halten. So war er mir bis auf höchſtens drei Schritte herange⸗ kommen, wo ein mächtiger Fliegenpilz ſtand. Unter den ſetzte ſich der winzige Hirſchtödter, legte ſeine Beute neben ſich hin und ſchlief ſanft ein. Jetzt hättet Ihr das ſchnurrige Puſſel ſitzen ſehen ſollen! Die Händchen hatte es über das Bäuchelchen gefaltet; das Köpfchen ſank ihm auf die Bruſt, ſo daß der lange Bart faſt ſeine ganze Geſtalt zudeckte. Es dauerte nicht lange, da kam durch das Farrenkraut, das drum»rum ſtand, ein goldiggrünes Eidechſel geſchlüpft, huſch auf den Pilz hinauf, und beſah ſich von hier aus mit ſeinen klaren Perlenäugelchen das ſonderbare Geſchöpfchen da trat mein Hirſch heraus! Jetzt hatte ich keine Zeit mehr zum Gucken, ſondern nahm meinen Patron aufs Korn krach! ging's, der Hirſch flog zu⸗ ſammen und das Koboldchen war weg! Nur der Hirſchkäfer lag noch da. Ich nahm ihn mit, und das iſt der, den der Paul draußen in ſeiner Käferſammlung ſtecken hat. 3

Nun gab's ein Fragen, weshalb er das Männchen ſich nicht ge⸗ haſcht und es mit nach Hauſe gebracht habe und dergleichen mehr. Für heute aber wurden ſie mit der Antwort auf ein andermal ver⸗ tröſtet, da bei dem jüngſten Kinde bereits derSandmann ſich meldete. Auch die anderen waren trotz der Erzählung allmälig ſchläfrig geworden. Sie wurden deshalb ausgezogen, und nachdem jedes dem Vater eine gute Nacht gewünſcht und ihn geküßt hatte, brachte die Mutter ſie in die Betten. Als ſie zurückgekehrt, rückte ſie den Tiſch an den Ofen vor den Stuhl, auf dem der Förſter ſaß,

und nahm ſelbſt neben dem Gatten Platz. Dieſer aber holte ſich Schnitzer und Holz, ſetzte den Leimtopf warm, und fing an zu ſchnitzeln; denn das Weihnachtsfeſt nahte heran, und da mußte ein jedes Kind unter anderem doch auch etwas vom Vater ſelbſt Ge⸗ fertigtes haben. Daſſelbe galt nicht minder von der Mutter. So ſaßen die beiden Eheleute traulich beiſammen. Er baute Wildfütte⸗ rungen, Hundehüttchen und Förſterhäuschen, während ſie Ruprechte von Haſen⸗ und Kaninchenbälgen nähte und andere Puppen machte. Wie heimlich war's jetzt im Stübchen! Das Feuer kniſterte im Ofen, die Lampe verbreitete ein ſanftes Licht umher, in welchem die an den Wänden umher befindlichen Geweihe mächtige Schlagſchatten bis zur Decke hinauf warfen, ſo daß es ausſah, als wären es Rieſen⸗ hirſchgeweihe. Freundlich beſprach das traulich beianderſitzende Paar ſeine häuslichen Freuden und Leiden, ohne welche letztere es ja auch in den glücklichſten Verhältuiſſen nicht abgeht; aber frohen Muthes ſetzten ſie ſich über das Unvermeidliche hinweg waren ſie und ihre Kinder doch geſund! Dazu ein heiteres Gemüth und geſchützt vor Nahrungsmangel was wollten ſie auch mehr? Jetzt rief die alte große Kuckucksuhr, ein Erbſtück vom Vater des Förſters, zehn Uhr. Da ſtellte der Vater das Werkzeug an Ort und Stelle, und verſchloß ſeine Arbeit. Auch die Mutter räumte auf. Dann gingen beide, nachdem ſie die Lampe ausgelöſcht, ihren ſchlafenden Kindern nach in die Kammer, die im oberen Stock lag. Dort küßten Vater und Mutter jedem noch einegute Nacht auf die harmloſen freundlichen Mündchen, und nachdem ſie ſich ſelbſt einander mit einem herzlichen Kuß wohl zu ruhen gewünſcht, überließen ſie ſich glücklich dem ſüßen Schlummer.

Am Familientiſche.

Die geheimnißvolle Kiſte.

Es iſt bekannt, daß Richard Cromwell, der Sohn des berühmten Protectors Oliver Cromwell, ſeiner Stellung als Oberhaupt des Staates enthoben, in ländlicher Zurückgezogenheit auf ſeinem Landgute Cheshunt unter dem Namen Clark lebte. Er erreichte ein hohes Alter und ritt noch, als 80 jähriger Greis, jeden Tage einige Meilen im Galopp ſpazieren. Sehr ſchwer war es, zu den kleinen Abendgeſellſchaften, die er auf ſeinem Herrenſitze veranſtaltete, Zutritt zu erhalten. Nur auf beſondere Empfehlungen öffneten ſich die Thüren der Wohnung Richards einem neuen Gaſte. War man aber bei ihm eingeführt, ſo erwartete jeden, zum erſten Male anweſenden, neuen Tiſchgenoſſen eine ſonder⸗ bare Ceremonie. Nach der Tafel, die zwei Stunden lang dauerte, nahm der Exr⸗Protector ein Licht und erhob ſich von ſeinem Seſſel. Die ganze Geſell⸗ ſchaft folgte ihm, von der Abſicht wohl unterrichtet. Nur dem Neuangekom⸗ menen war die Sache ein Geheimniß. Man hatte ſich mit Gläſern und Flaſchen verſehen und alles ſchritt hinter Richard lautlos, ſtill einher. Endlich machte man in einem Saale unter dem Dache Halt, in welchem keine Möbel zu erblicken waren. Nur eine kleine, viereckige Kiſte ſtand in der Mitte des großen Raumes. Auf dieſe Kiſte ſetzte ſich Richard rittlings und trank ein Glas Wein auf das Wohl Alt⸗Englands. Die ganze Geſellſchaft leerte mit demſelben Toaſte die Gläſer. Dann rief man den Neuangekommenen herbei, der es ebenſo wie der Hausherr machen mußte.Setzen Sie ſich behutſam auf die Kiſte, pflegte der Ex⸗Protector zu rufen.Sie haben Leben und Glück des engliſchen Volkes unter ſich. Später ward die Kiſte geöffnet und Richard zog unter Scherzen und Witzworten die Originale von Petitionen hervor, die ihm in ſeiner Eigenſchaft als Protector überreicht worden waren. Auf ſolche Art pflegte er jeden neuen Gaſt in ſeine Geſellſchaft einzuweihen. V.

Ein gebändigter Student.

Dem bekannten Menageriebeſitzer Kreutzberg ſoll neulich auf der Eiſenbahn zwiſchen Braunſchweig und Hannover ein hübſches Stückchen paſſirt ſein. Er ſteigt mit der Cigarre in ein Rauchcoupé, wo er eine Dame findet, deren Aus⸗ ſehen ziemlich leidend iſt. Höflich fragt er, ob ihr das Rauchen unangenehm ſei und legt dann auf ihren Wunſch die Cigarre fort. Kurz darauf ſteigt ein Student ein, qualmend wie ein Schornſtein. Kreutzberg macht ihn darauf aufmerkſam, daß die Dame unwohl ſei, daß er ſelbſt ſchon auf das Recht des Rauchens verzichtet habe und fordert ihn auf, es ebenfalls zu laſſen. Der Student aber ſtellt ſich auf den Rechtsboden, und meint, man könne nicht auf alle kranken Damen Rückſicht nehmen, dafür gebe es Coupés für Nichtraucher. Kreutzberg, hierüber höchlich entrüſtet, antwortet mit einer Aeußerung, die un⸗ gefähr gelautet haben ſoll:von einem Ochſen kann man nicht mehr verlangen, als ein Stück Rindfleiſch. Der Student ſteckt das vorläufig ein. Beim Ausſteigen aber zieht er eine Karte hervor, die er Kreutzberg mit den Worten überreicht:das weitere wird ſich finden, ich bitte um Ihre Karte. Kreutzberg

eine ungeheure Ohrfeige und ſagt:da haben Sie meine Karte, mein Name iſt Kreutzberg, ich bin Thierbändiger. O. K.

Garibaldi bei den Arabern.

Im Jahre 1860 beſuchte Freiherr von Maltzan als frommer muhame⸗ daniſcher Pilger verkleidet die heilige Stadt Mekka und hörte bei dieſer Ge⸗ legenheit am Lagerfeuer den Abenderzählungen der Araber zu. Es ward vor⸗ zugsweiſe Politik getrieben und zwar in der haarſträubendſten Art. Eine Hauptrolle in den Erzählungen der Beduinen ſpielte ein gewiſſerKawalli, von dem die wunderbarſten und ſchauerlichſten Dinge berichtet wurden. Der Reiſende war zunächſt der Meinung, es ſei etwa von irgend einem Beduinenchef im Innern des Landes die Rede, als er endlich fragte: wo denn das beſprochene Ungethüm hauſe, erhielt er zur Antwort:In Europa! Zuletzt ward es ihm bei weiterem Nachfragen klar, daß von Niemand anderem die Rede ſei als von Garibaldi. Beinahe hätte er ſich durch ſeinen Verſuch, den richtigen Namen herzuſtellen, verrathen, er beſann ſich jedoch raſch und ließ ſich willig die Beleh⸗ rung gefallen, daß jenes Weſen durchaus Kaliwalli heiße und nicht anders. Was man von dem Schrecklichen erzählte, ſtreifte ganz an die Märchen der 1001 Nacht. Beſonders ward mitgetheilt, daß er kürzlich eine große Inſel erobert habe, die ringsum mit Kanonen geſpickt geweſen ſei. Er ganz allein habe das Heer der Feinde in die Flucht geſchlagen und die ſämmtlichen Kanonen genom⸗ men. Um dieſe übermenſchliche Macht zu erklären, behauptete einer der Er⸗ zähler: Kaliwalli ſei eigentlich gar kein Sterblicher, ſondern ein fürchterlicher Dſchinn d. i. ein böſer Dämon, der nur zu Zeiten zur Erreichung irgend eines unbekannten großen Zweckes menſchliche Geſtalt annehme. Ein andrer Araber widerſpricht dieſem jedoch und theilt dem ſtaunenden Kreis der Gläubigen mit daß er in Alexandrien einen Rais geſprochen, welcher das Scheuſal mit eignen Augen geſehen habe. Kaliwalli ſei zwar ein Menſch, aber ein ſolches Miß⸗ gebilde, wie noch nie vorhanden. Er ſei ſo groß, daß ein gewöhnlicher Menſch es nicht vermöchte, mit dem Säbel bis an ſeinen Kopf zu reichen. Sein bloßer Anblick ſei ſo fürchterlich, daß die Feinde davon liefen, ſo wie er ſich nur blicken ließ. Ein rother Bart reiche bis auf den Boden herab. Sein Mund reiche gleich einem Rachen von einem Ohre bis zum andern und ſei mit Zähnen be⸗ waffnet, die jene des Ebers noch an Länge überträfen. Seine Augenbrauen glichen den Borſten eines Wildſchweins und die Augen darunter glühten roth gleich verzehrenden Flammen. Zum Frühſtück verſpeiſe er kleine Kinder und laſſe überhaupt nichts Gräßliches ungeſchehen. Am meiſten flöße er ſeinen Feinden Schrecken ein durch ſein rothes Hemd, dieſes werde täglich in das Blut abgeſchlachteter Feinde getaucht, ſo daß jeder auf den erſten Blick ſähe welches Schickſal ihm bevorſtünde und nur in der ſchnellſten Flucht Heil finden könne.. H. W.

die Redaction desDaheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2.

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Lripzig. Verlag der Daheim-Expedition von Velhagen* Klaſing in Bielefeld und Berlin. Druck von Liſcher« Wittig in Leipzig