klärte er, mich bis zum Hauſe auf der Paßhöhe begleiten zu wollen. Es waren etwa vier Stunden zu gehen und der Rückweg ſehr leicht, da derſelbe nur bergab führte.„Und was wollt Ihr dafür haben?“ fragte ich.
„Fünf Gulden,“ fuhr die trotzige Antwort heraus, gleich als wenn ſeine Unverſchämtheit ihm Mühe mache.
„Ihr ſeid toll! Für einen Weg von ein Paar Stunden fünf Gulden! Dann mögt Ihr hier ſitzen bleiben.“
„Ach was, es iſt viel zu ſteigen. Na, wenn meinetwegen machen's auch vier Gulden.“
„Schon die Hälfte wäre zu viel; Ihr ſeid ein Narr.“
„Sie können doch nicht alleine gehn; wenn ich nicht mitkomme, dann verirren Sie ſich wieder.“
„Oho, Ihr wollt mich ſo zwingen? Da kommt Ihr an den Rechten. Auch keinen Kreuzer über zwei Gulden ſollt Ihr haben. Heute iſt's ja hell; einen Führer bekomme ich auch in der Moor⸗ hütte.“
Sofort wandte ich mich um und ſchritt zur Hütte hinaus. Sowie der Burſche ſah, daß ich Ernſt machte, willigte er ein. Ich trat wieder in die Hütte ein und ſah, wie er einen dicken Rock anzog und einen ſtarken Knotenſtock nahm; unwillig und lauernd ſchielte er dabei zu mir herüber. Da fiel mein Auge auf einen langen Alpenſtock neben der Thüre. Scogleich ergriff ich denſelben und er⸗ klärte, ich würde ihn oben auf dem Paßhauſe abgeben. Plötzlich legte ſich der alte Hirte ins Mittel und behauptete, der Stock gehöre ihm, er gäbe ihn nicht her. Glücklicherweiſe durchſchaute die Sennin den Grund dieſer Kriegsliſt nicht und begann heftig ihr Eigenthums⸗ recht zu behaupten. Während der Alte flüſternd zu ihr herantrat, um ſie zu bedeuten und zu beſchwichtigen, war ich ſchon fort und der Ziegenhirte kam hinter mir her.
An der Stelle, wo das dünne Brett über den Gießbach führte, kamen wir zuſammen. Ich ſtand ſtill.„Gehn Sie vor,“ ſagte der Menſch.„Nein, Ihr müßt mir den Weg weiſen, dafür bezahle ich Euch,“ entgegnete ich mit drohendem Blicke, der ihn von neuem ein ſchüchterte und zum Gehorſam nöthigte. Knurrend fügte er ſich. Ich folgte ihm dicht auf den Ferſen und vereitelte alle ſeine ferneren Verſuche mir in den Rücken zu kommen. Daß er bei jedem Angriffe gegen meinen Alpenſtock den Kürzeren ziehen müſſe, ſah er wohl ſelbſt ein. Meine Reiſetaſche ihm anzuvertrauen hatte ich keine Luſt und trug die kleine Bürde lieber ſelbſt, da ich ohnehin an ſie ſehr ge⸗ wöhnt war.
Jetzt erſt gewahrte ich, wie übel es um den Weg beſtellt war; kein Wunder, daß ich mich im Halbdunkel nicht hatte zurechtfinden können. Mein Führer mußte viel umherſchauen, um ſich in dieſem Wirrſal von Wegen zurechtzufinden, und nicht ſelten mußten wir eine Strecke wieder zurückgehen, um in den rechten Weg zu kommen oder eine gute Uebergangsſtelle zu treffen. Nach anderthalb Stunden hatten wir die Alp durchſchritten und ſtanden an dem Fuße des Paſſes. Da begegnete uns ein alter Schafhirte mit ſchönen, braunen, treuen Augen. Mein Führer wechſelte mit ihm einige Worte und ſtellte mir dann in ihm ſeinen Erſatzmann vor, er müſſe zurückgehen. Ich war mit dem Tauſche ſehr wohl zufrieden, hing dem Alten gleich meine Taſche um und wir ſetzten unſern Weg fort.
Jetzt begann ein mühevolles Steigen auf ſteilem und ſteinigem
Se denn wollen,
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Pfade. Aber je höher wir kamen, um ſo freier konnte das Auge umherſchweifen. Die Nebelwolken hatten ſich allmälig zerſtreut und die Spitzen der Berge enthüllt. Bei jeder Wendung des Pfades hatte man den weiten Thalkeſſel der Alm vor Augen— eine einſame, ſchauerliche Oede trotz aller Sonnenſtrahlen. Nach und nach gelangten wir bis zum Schnee. Der Führer ging voran und ich trat in ſeine Fußtapfen. Neben dem engen Pfade gähnte häufig ein ſchauer⸗ licher Abgrund von vielen hundert Fuß. Ein Fehltritt und ich wäre hier verloren geweſen. Faſt am Ende des Zieles ſtand uns das Mühevollſte bevor. Nur dreißig Schritte mögen es ſein, aber der Weg iſt nur wenige Fuß breit, dabei abſchüſſig und von dem geſchmolzenen Schnee aufgeweicht zur Rechten hohe Fels⸗ wände, zur Linken eine Tiefe, in die das Auge nur ſchwindelnd hinab⸗ ſehen kann. Mein Alpenſtock that mir hier die beſten Dienſte— doch athmete ich freier auf, als ich erſt wieder feſten Boden unter den Füßen und das Tauernhaus auf der Paßhöhe erreicht hatte.
Eine kleine Raſt und Erquickung that mir dringend noth; wir traten ein. Leider fanden wir kein Feuer und doch war die Luft auf dieſer Höhe von 7600 Fuß ſchneidend kalt. Das fühlte man recht, wenn man eine Viertelſtunde geſeſſen hatte. Auch kein wärmender Trank konnte hier erquicken. Alles, was das Haus und der dumm gefrorene Wirth darboten, beſtand aus Schnaps, ſaurem weißem Wein, hartem Brod und ſchlechtem Käſe. Nach kurzem Mahle wollte ich meinen Führer überreden, mich auch weiter zu geleiten. Allein keine Verſprechungen hatten lockende Kraft genug.
etwa um halb zwölf Uhr. Einzelne Sonnenblicke begünſtigten mich. Ich ſteuerte auf die aufgerichteten Stangen hin, die meinen Weg leiten ſollten. Nach kaum einer halben Stunde erblickte ich auf einer tieferen Gebirgsterraſſe die erſte Weg⸗ ſtation, eine Gruppe von Almhütten. Doch jetzt wuchſen die Schwierig⸗ keiten. Der Stangen wurden immer weniger und fehlten grade an zweifelhaften Stellen; die Hütten entſchwanden oft meinen Blicken. Der Boden war durch die Gebirgswaſſer ſtark zerriſſen und uneben, oft über die Maßen ſteil und ſchlüpfrig. Rechts ſtiegen hohe Bergwände empor und ſenkten ſich in einen Thalgrund nieder, den ein reißender Gebirgsbach durchſchäumte. Leicht erkennbare Pfade verloren ſich in tiefen Einſchnitten, deren lockere Schneemaſſen alle Paſſage unmöglich machten. Als ich keinen Weg fand, entſchloß ich mich, eine Bergwand von gegen 200 Fuß Höhe hinabzugehen. Aber ſie war ſteiler als ich dachte. An aufrechtes Stehen war nicht zu denken. Ich mußte mich niederſetzen und langſam hinabrutſchen auf den Schieferplatten, deren kleine Vorſprünge den Füßen Haltpunkte darboten; ſonſt wäre ich gradeswegs hinuntergerollt. Daß ich nicht die Kleider gänzlich zerriß, iſt mir noch unbegreiflich. Als ich unten war und hinauf⸗ ſchaute, faßte mich ein Schwindel.— Bald kam ich in die Region des Knieholzes. Nach und nach ward der Baumwuchs höher und
ſtärker. An einigen Stellen hatten Lawinen traurige Verödungen angerichtet. Gegen vier Uhr erreichte ich das Dörfchen O* in Ober⸗
kärnthen. Im Wirthshauſe fand ich reichliche Erquickung und konnte mich von den erlebten Anſtrengungen nach Herzensluſt ausruhen.
Weidmanns Daheim.
Von Guido Hammer.
In großen lockeren Maſſen deckte der friſchgefallene Schnee den Boden und laſtete auf Sträuchern und Bäumen, ſowie auf der zwiſchen ihnen liegenden, heimlich traulichen Förſterwohnung mit ihren Hirſchgeweihen an beiden Giebelſeiten. Dem Schornſtein ent⸗ ſtieg blauduftiger Rauch, durch den dann und wann ein Feuerfunke flog, gleichſam um nicht in Zweifel zu laſſen, daß der Herd daheim tüchtig in Anſpruch genommen ſei. Durch die Spalten der ge⸗ ſchloſſenen Fenſterläden ſah man den Schein der Familienlampe, denn es war bereits Abend und zwar ein Decemberabend. Noch ſchneite es in großen Flocken fort, ſo daß die weiße Decke immer ſchwerer wurde und ſich die Zweige der Fichten und Tannen mehr
und mehr ſenkten. Jetzt ſchlugen die Hunde im Hofe des Forſt— hauſes an; ihr ſcharfes„Wer da?“ ging jedoch bald in freundliches Bellen über, denn trotz des Schnees, der bereits ſeit Mittag gefallen war, erkannten ſie den Tritt ihres Herrn, des Förſters, der vom Revier heimkehrte. Seine Schritte hinterließen tiefe Tapfen, in deren Bahn die beiden Dachshunde dicht hinter ihm hertrappelten. Als der Förſter, ein noch junger Mann, durch die Pforte des Gartens, der das Haus umgab, eingetreten, gebot er mit kräftiger Stimme den nun vor Freude überlauten Hunden Ruhe. Eh' er noch an die Hausthür herangekommen war, hörte man den Riegel innen weg⸗ ſchieben und gleich darauf erſchien die Förſterin, welche, ein Licht in
der Han Abend! Nachder kehrende den Ee und M ſic bein von der ſie den wenn wegen ungef deren muſter Minut erlegte lich, die we Kaum


