Jahrgang 
1865
Seite
219
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Neckerei und Lied auf Lied. Dennunbeſungen würde, nach der allgemeinen Anſicht, der Flachs ſonſt nichts taugen.

An vielen Orten im Vogelsberg wird bei dieſer Beſchäftigung unter den ſchützenden Fittigen der Nacht ein ganz artigesLäſter⸗ gericht, gewiſſermaßen eine Sittenprobe öffentlich aufgeführt und alle Anzeichen ſind dafür vorhanden, daß auch heute ein ſolches vor ſich gehen wird.(S. das Bild S. 217).

Junge Burſchen oder Andre, die nicht in der Tenne ſind, ſchleichen ſich, vom Dunkel begünſtigt, unvermerkt herzu und ver⸗ bergen ſich hinter demBitzelhaufen, vor dem Eingange der Scheuer. Gewöhnlich haben ſie durch das Umwenden der Wämſe oder ſonſt eine Mummerei ſich vor dem Erkennen geſchützt. Sobald ſie ge⸗ merkt haben, wer unter denRäffern ſich befindet, beginnen ſie, wenn der Geſang ſchweigt, indem ſie ihre Stimme noch dazuver⸗ wenden, d. h. verſtellen, das Gericht, und ziehen die ganze Geſell ſchaft drinnen mit aller Derbheit und Schonungsloſigkeit in Worten durch die Hechel.

Da wird dem Manne ſein Geiz, ſeine Faulheit, ſein Wirths hausleben, der Frau ihreSchlamperei undSchnäckelei, ihr Prachtieren und Stolzieren mit Kleidern, kurz, jedem Einzelnen irgend etwas Wahres oder Halbwahres, zumeiſt aber bis dahin Ver borgenes und Geheimgehaltenes, in der lächerlichſten Weiſe von der

Welt vorgehalten. Manchmal geſtaltet ſich dieſes Poſſenſpiel zu einer dramatiſchen Wechſelrede der Spottvögel mit den Geläſterten, und ſetzt ſo die ganze Scheuer in Allarm. Sind Mädchen darin anweſend, ſo müſſen ſie von verſchmähten oder eiferſüchtigen Lieb habern manche bittere Pillen dahinnehmen, und oftmals, wenn keine Gegenrede der Gereizten etwasbatten will und der neckiſche Vor halt des Läſtergerichts immer unerträglicher wird, ereignen ſich ſolche Scenen, wie ſie der Künſtler, der Wahrheit entſprechend dargeſtellt hat, wo eine zu hart getroffene ländliche Schöne mit einem, den Spöttern unvermuthet und kraftvoll auf den Kopf geworfenenBitzel das loſe Maul ſtopft, oder die Männer, des Vexierens müde, dieſe in haſtige Flucht ſchlagen.

Dieſes Läſtergericht iſt von Einzelnen ſo gefürchtet, daß ſie vor her, wie gelegentlich, den angeſehenſten Burſchen etwas ſpendieren, damit es ihnen nichtzu arg gemacht werde. Vieles aber, was ſonſt nie ins Geſicht geſagt werde könnte, kommt auf die geſchilderte Weiſe ganz nachdrücklich vor die Ohren aller, und manches ſtolze Herz zur Schamröthe und Beſtrafung, bis dieRäffſcheuer endlich mit einemſüßen Kaffee beſchloſſen wird. Wir entfernen uns vorher ſtill wie wir gekommen ſind und der Maler trägt in ſein Skizzenbuch das Bild der intereſſanten Scene nach Hauſe.

Schluß folgt.)

V Line unheimliche Nacht im Gebirge.

Ab Ein Erlebniß von Joh. Ernſt. erſten) Von Hallein aus, deſſen eigenthümliche Bergwerke mein Inte⸗ Weg ein ächter Gebirgsſaumpfad, ſteil, ſchmal und ſteinig. Die ünſtiges reeſſe mehrere Tage lang gefeſſelt hatten, war ich zu Fuß der grünen Scenerie trägt bald völlig den Charakter der Alpenwelt; die grauen ſich der Salza nachgegangen, immer thalaufwärts. Ich ſparte meine Kräfte V Felſen werden ſenkrechter und ſchauerlicher, die Vegetation ſpärlicher. hie und gelangte daher erſt nach zwei Tagen an jene Biegung, welche Hier umgeſtürzte Baumſtämme, dort mächtige Felstrümmer, hüben d, d der Fluß nach Weſten hin nimmt. Von hier aus ging ich eines der und drüben deutlich erkennbare Lawinenſtraßen. Kleine Wäſſerchen 3, h vielen Seitenthäler hinauf, die nach Süden führen, um an geeigneter rieſeln über den Weg. Große Haufenwolken bedecken den Himmel Hekuſß Stelle den mächtigen Gebirgszug zu überſteigen, der gleich einer und machen die Phyſiognomie der Umgebung noch ſchauerlicher. den ungeheuern Barre mit wenigen Einſchnitten das Salzburgiſche von Kaum vermag ich auf dem engen Stege, unter überhängender Fels⸗ eſtbare Oberkärnthen und Südweſttyrol ſcheidet. wand, rechts den klüftenden Abgrund, einer jungen Engländerin An einem prächtigen Septembermorgen verließ ich das hübſche auszuweichen, die mit Vater, Maulthier, Eßkörben und Führer hoch⸗

Kirchdorf, in welchem ich genächtigt hatte. Das breite üppige Thal geſchürzt von einer kühnen Tour ins Gebirge zurückkehrt.

el au ward bald enger, ſchmaler wurden die Felder, die ſich an den Rän⸗ Der Pfad erfordert alle Aufmerkſamkeit und Umſicht. Der Hbarn dern der Berge hinzogen, ſchattiger die Wege, welche langſam empor⸗ ſchmelzende Schnee hat ihn an vielen Stellen faſt ganz unter Waſſer und ſtiegen. Gegen Mittag hatte ich eine kleine Ortſchaft erreicht, die geſetzt und der Fuß muß die ſchlüpfrigen Steine ſuchen, um nicht har auf ſich ungemein maleriſch, in amphitheatraliſchen Windungen an dem auszugleiten und in den gähnenden Abgrund zur Rechten, in welchem

Bergrücken emporbaut, welcher das Thal hier abzuſchließen ſcheint. Der kleine Bach, der bisher ſo ſanft dahinfloß, ſtürzt hier als muth⸗ williges Gebirgskind ſchäumend über ſteile Felſen und läßt ſein

der Gebirgsbach in toſenden Fällen dahinbrauſt, hinabzuſtürzen.

Bald betrat ich indeß die weite Grasebene, welche heute das Ziel meiner Wanderung ſein ſollte. Ein einſam ſtilles Hochalpenthal, wenn ich es ſo nennen darf, wohl eine gute Stunde lang und eine

dur Toſen weithin vernehmen. In dem kleinen Gaſthauſe mit Gallerien chen, und zahlloſen Fenſtern, wo ich Mittagsraſt machte, erkundigte ich Viertelſtunde breit, liegt vor mir, an vielen Stellen ſehr ſumpfig, t hält. mich über den weiteren Weg. In drei bis vier Stunden würde ich, durchſchnitten von unzähligen größeren und kleineren Gießbächen, ück ins hieß es, auf nicht zu verfehlender Straße auf eine große Alme ge⸗ deren Betten viel Geröll mit ſich führen. Es iſt rings umſtanden en und langen, auf welcher ſich zwei gute Sennhütten binden, die Eishütte von rieſigen Felſen, deren Gipfel noch bis tief herab mit mächtigen und die Moorhütte, jene am Anfange, dieſe am Ende der wohl eine Schneemaſſen bedeckt ſind; die höheren Spitzen ſind von herab⸗ nae⸗ gute Stunde langen Alp. In der letzteren könnte ich ein gutes hangenden Wolken verhüllt. Kalt, ſchauerlich und feucht weht die

Heulager und frugales Abendeſſen erhalten. Ja, ich würde da einen Reiſenden treffen, der kurz zuvor fortgegangen, mit der Abſicht, in der Moorhütte zu nächtigen und Tags darauf den bisweilen etwas bedenklichen und unwegſamen Paß, deſſen Namen ich abſichtlich ver⸗ ſchweigen will, zu überſteigen.

Dicht hinter dem Wirthshauſe ſchlängelt ſich ein Fußweg an dem Bache vorbei, mitten durch üppiges, dichtſchattendes Laubholz. Natürliche Durchhaue gewähren einen Rückblick auf das liebliche Thal, das in wunderbar ſchöner Beleuchtung zu den Füßen ſich aus⸗

Alpenluft über die Ebene dahin.

Auf dieſer Fläche gewahrt man zerſtreut liegende einzelne Senn⸗ hütten, die nur hie und da zu kleinen Gruppen zuſammentreten. Eine größere, die Eishütte, liegt am Anfange des Feldes, und bietet, wie ich früher vernommen, für gute Bezahlung Kaffee, Milch, Brod, Käſe. Die Moorhütte liegt am entgegengeſetzten Ende und gewährt außer dieſen Erfriſchungen ein Heulager zur Nachtruhe. Bleibt man hier zu Nacht, ſo kann man am folgenden Tage mit friſchen Kräften die Paßhöhe überſteigen, wie es auch meine Abſicht war.

Stall⸗ breitet. Eine Wendung führt nach kurzer Zeit auf eine Fahrſtraße, Ich folge genau den Angaben des Reiſebuches, überſchreite den rab, welche in großem Bogen eine höher liegende Thalterraſſe umzieht Bach auf einer kleinen Brücke, und eile der nächſten Sennhütte zu.

jen von eine liebliche Keſſelebene, umſtanden von ſchneehäuptigen Bergrieſen. Dies war ein verhängnißvoller, wenn auch unverſchuldeter Irrthum. zur Am Ende der Ebene ſchmiegt ſich an den Fuß der Berge ein arm⸗ Der richtige Weg führte auf dem rechten Ufer des Baches hin und ſeinen ſeliges Gebirgsdörfchen, dieſſeits der Gebirgslinie die letzte Gruppe war dann freilich leicht zu finden. Jene Sennhütte, in der i0 bald kleine menſchlicher Anſiedlungen. Um ſo mehr überraſcht die ſchöne Kuppel die Eishütte erkannte, lag unfern vor mir; indeß war der Weg zu unze does freundlichen Kirchleins, das ſich in den Ausſchnitt einer Fels⸗ ihr nicht leicht. Die Gießbäche hatten den Pfad unkenntlich gemacht unen wand hineinlehnt, wie ein Heiligenbild in ſeine Niſche. und ich mußte viel hin und her gehen, um geeignete Uebergänge zu

Kaum hat man das letzte Häuschen hinter ſich, ſo wird der finden. Nach einer kleinen Viertelſtunde trat ich in die Eishütte ein,

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