meinen Büchern, oder an andern Stellen, wo er wußte, daß ich ſie finden würde. Und doch ſchien etwas zwiſchen uns zu ſtehen. Je inniger wir uns zu einander gezogen fühlten, deſto ſcheuer, ſchroffer, zurückgezogener wurde ſein Weſen. Es war faſt, als erwarte er, von mir das erſte Wort zu hören. Ich weiß nicht, was ſich in mir regte, war es Stolz, oder war es das dunkle Gefühl, daß Eiferſucht ihn aus ſeiner Verſchloſſenheit heraustreiben werde; genug ich fing an, mich gleichgültiger gegen ihn zu ſtellen, und als ein junger hübſcher Doctor begann, vielleicht meinetwegen unſer Haus öfter zu beſuchen, ſo zog ich mich keineswegs zurück, wenn mir derſelbe artig und liebens würdig entgegenkam. Als ich wahrnehmen mußte, daß Panting da⸗ durch nur noch ſcheuer und finſterer wurde, ſo wollte ich ſchon ver⸗ ſuchen, dieſem Verhältniſſe auf gute Art ein Ende zu machen, als unerwartet meine gute Pflegemutter erkrankte und ſtarb. Natürlich konnte ich mit Panting allein in dem Hauſe nicht bleiben. Ich zog zu einer befreundeten Familie. Ich hatte gehofft, er würde mich dort aufſuchen, aber es geſchah nicht. Erſt bei der Teſtamentseröffnung ſah ich ihn wieder.
Und hier muß ich des Teſtamentes gedenken. Es war ganz zu Pantings, nach ihm aber zu meinen Gunſten abgefaßt. Bei der Vorleſung verſtand ich dies nicht recht, aber ſpäter, nach Pantings Verſchwinden, ſetzten es meine Freunde mit Hilfe der Advocaten durch, daß zwar der ganze Vermögensbeſtand für den Abweſenden gerichtlich verwaltet und die Hälfte der Einkünfte während ſeiner Abweſenheit für ihn zurückgelegt werden, die andere Hälfte der Reve nüen aber bis zu ſeiner Rückkehr auf Grund des Teſtaments an mich ausgezahlt wird. Da man mich überzeugt hat, daß dies mit dem Willen unſerer ſeligen Pflegeeltern übereinſtimme, ſo habe ich mich gegen dieſe Anordnung nicht geſträubt.
Bei der Teſtamentseröffnung, ſagte ich, ſah ich Panting wieder. Er ſchien an dem Vorgehenden kaum Theil zu nehmen, und ſeine tiefen ſchwarzen Augen waren fortwährend auf mich geheftet, ſo daß ich in die größte Verlegenheit gerieth. Seine Blicke fühlte ich mehr, als ich ſie ſah, denn ich wagte kaum aufzuſchauen. Sein Benehmen war ſo auffallend geweſen, daß ich erwarten mußte, es werde in den allernächſten Tagen zu einer Erklärung kommen. Jedermann hatte es erwartet. Ich war in der größten Aufregung. Da hieß es auf einmal, er ſei verſchwunden, und ein verwirrender Schrecken überkam mich, ein peinigendes Gefühl, als ſei ich Schuld an einem Unglück, das ihn ergriffen habe, und der Schmerz, ihn verloren zu haben, überwältigte mich. Anfangs durchlief die Stadt das Gerücht von einem Selbſtmorde, bald aber erſchien es jedem höchſt unwahrſchein lich, daß ein junger Mann das Leben wie eine Laſt abgeworfen habe, der ſo eben erſt mehr als eine Viertelmillion geerbt, und nun wollten alle wiſſen, er ſei entweder verunglückt oder durch geheime Feinde über Seite geſchafft worden. Da ſich aber ungeachtet aller Nachfor ſchungen nicht die geringſte Spur von ihm fand und da man endlich entdeckte, daß mit ihm zugleich ſeine Violine verſchwunden ſei, ſo be feſtigte ſich allmählich die Anſicht, daß er heimlich auf und davon gegangen ſei, und einige ſuchten die Urſache davon in einer tiefen Melancholie, die ſie ſchon immer an ihm bemerkt haben wollten, während andre der Meinung waren, die reiche Erbſchaft habe ihm den Kopf verwirrt. Es fehlte auch nicht an ſolchen, welche ſeine Leidenſchaft für mich errathen hatten und meinem Benehmen die Schuld an einem ſo unerhörten Schritte beimaßen. Beweis und Widerlegung ihrer Vermuthung konnten dieſe aus den Folgen ſchöpfen, welche dies räthſelhafte Verſchwinden auf mich äußerte. Ich verfiel in eine lange ſchwere Krankheit, in welcher die Zeiten, wo mich die Beſinnung ganz verließ, mir noch zur Erleichterung gereichten. Als ich nach unſäglichen Leiden und ſelbſtgemachten Qualen endlich laug— ſam wieder geneſen war, hatte ſich auch im ſtillen der Beſchluß in mir gebildet, fortan in treuer Hoffnung der Rückkehr des Beweinten zu warten, ein Beſchluß, dem ich bis heute treu geblieben bin.
In Folge der bereits erwähnten Umſtände haben ſich meine Verhältniſſe ſehr reichlich, ja glänzend geſtaltet. Es iſt mir möglich geworden, Pantings Haus, deſſen Handlung längſt geſchloſſen iſt, zu miethen. Mit einer älteren Dame und einigen Dienſtboten habe ich es ganz allein inne und bewohne die Zimmer des Verſchwundenen. Obgleich ich ſeit mehren Jahren wieder Geſellſchaft geſehen und beſucht, und auch Männerumgang nicht vermieden habe, ſo blieb doch mein Be⸗ ſchluß ohne Wanken...
Nach dem allen, geehrter Herr, können Sie ſich vorſtellen, in welche
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Aufregung mich die Nachrichten verſetzt haben, welche ich Ihrer Güte verdanke, obgleich das oder, wenn Sie wollen weil das, was ich nun erfahren, meine ſchlimmſten Befürchtungen übertrifft. Daß ein junger Mann von ſolcher Erziehung und Bildung, von ſolchen Mitteln und Ausſichten alle Vortheile ſeiner Lage, ſeiner Umgebung, ja des ganzen civiliſirten Lebens hinter ſich wirft, um wie ein Wilder im Walde zu hauſen oder in hilfloſer Bedürftigkeit umherzuſchweifen, iſt etwas ſo Unerhörtes, daß ich es nicht glauben würde, wenn ſeine eignen Bekenutniſſe es nicht bezeugten, wenn ſie nicht den Schlüſſel dieſes Räthſels darböten. Ach ſie zeigen mir auch, daß mein Benehmen nicht ohne Einfluß auf jenen ſchrecklichen Entſchluß geweſen iſt. Ich fühle, daß ich nun nicht länger in Ruhe harren und hoffen darf, daß ich etwas thun muß, um ihn aus dieſem Abgrunde wieder emporzu⸗ ziehen. Was? das weiß ich noch nicht. Aber immer wieder kommt mir der Gedauke, ſelbſt auszureiſen, um ihn in Ungarn aufzuſuchen. Noch hoffe ich, daß bei Ihnen eine Nachricht über ihn eintreffen kann. Sie haben mir deren unverweilte Mittheilung ſo freundlich verſprochen, daß ich noch eine Zeitlang warten will, ob ich nichts von Ihnen höre. Sie werden mich vielleicht verſtehen, wenn ich Sie bitte, dieſen Brief nicht eher zu beantworten, als wenn Sie mir Weiteres von ihm mittheilen könnten, und auch dann ſeinen Inhalt, ſofern er mich betrifft, nicht zu berühren.
Mit der herzlichſten Dankbarkeit für Ihre gütigen Mittheilungen und der aufrichtigſten Hochachtung
B., d. 14. Juli 1801. Ihre ganz ergebenſte
Lodoiska Kronau.
Geſchehen am Oberamtsgerichte zu L. den 13. Mai 1822.
Erſchien der Herr Doctor Philippi von hier und trug folgendes vor:
„Es wird dem Oberamtsgerichte erinnerlich ſein, daß vor etwa zwanzig Jahren ſich ein Zigeuner hier in Haft befand und entſprang, welcher in meiner Wohnung ergriffen worden, weil er des Diebſtahls meiner Geige verdächtig war, und welcher ſich ſpäter vor Gericht höchſt unangemeſſene Aeußerungen über mein Geigenſpiel erlaubte. Das Oberamtsgericht gab mir damals auf, ſofort Anzeige zu machen, wenn dieſer Mann ſich etwa wieder ſehen oder etwas von ſich hören ließe. Ich geſtehe, daß mir dieſes emtfallen war und daß erſt ein Zufall mich geſtern wieder daran erinnert hat. Jetzt verfehle ich nicht, anzuzeigen, daß ich den Zigeuner ſeitdem zweimal wiedergeſehen habe.
„Vor ungefähr einem Jahre, näher kann ich die Zeit nicht an⸗ geben, erſchien am Abend während der Dämmerung ein Menſch von fremdartigem Ausſehen bei mir, der mich fragte, öb ich nicht etwa eine alte Geige zu verkaufen hätte. Ich bejahte dieſe Frage, denn ich hatte noch ein altes Inſtrument im Winkel liegen, das ich vor dem Erwerb meiner Stradivari⸗Geige geſpielt hatte. Da der Menſch mir aber nicht darnach ausſah, als ob er daſſelbe auch zu bezahlen beabſichtige, ſo nannte ich ihm den unſinnigen Preis von 10 Louisd'or und fragte, ob er dieſen zu entrichten im Stande ſei. Er holte darauf einen Beutel hervor, ſchüttelte dieſen und nach dem Klange mußte ich vermuthen, daß er Gold enthalte. Gefällt mir die Geige, ſagte er dann, ſo werd ich es zahlen. Ich holte die Geige vom Schranke herunter. Er griff ſo gleich mit großer Begier darnach, ſtimmte ſie raſch und that ein Paar Striche darüber. Dann aber gab er ſie mir zurück, indem er erklärte, die könne er nicht brauchen; ob ich keine andre hätte? Ich erwiderte: Ja, lieber Mann, aber die könnt Ihr mir nicht bezahlen. Wenn es die rechte iſt, antwortete er, ſo gehe ich bis 60 Ducaten, und hier ſind ſie.— Ich wunderte mich, daß ein Menſch von ſolchem Aeußern ſo viel Geld habe und beſann mich einen Augenblick, antwortete jedoch: Nein, mein Lieber! Meine Stradivari iſt mir zu viel werth. Viel⸗ leicht würde ich ſie für 100 Ducaten abſtehen, aber auch dann nur, weil ich ſie weit über ihren Preis bezahlt erhielte. Für 60 Ducaten iſt ſie mir nicht feil.— Ungeachtet ſeines Bittens und Drängens blieb ich dabei, zeigte ſie ihm auch nicht, ſo inſtändig, ja leidenſchaft⸗ lich er mich auch darum anging, denn ich mißtraute ihm, und da er mie endlich läſtig wurde, wies ich ihm die Thür. In dem Augen⸗ blicke, als er ſich ſehr niedergeſchlagen, wie es ſchien, entfernen wollte, brachte die Magd das Licht herein, wornach ich ſchon wiederholt ge— klingelt hatte, und da der volle Schein auf ihn fiel, war es mir, als ob ich ihn ſchon einmal geſehen habe, ohne daß ich mir doch erinnern konnte, wann und wo. Er warf mir im Hinausgehen noch einen
finſtern, Blick zu und entfernte ſich. Es war damals die große


