Jahrgang 
1865
Seite
216
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246 i, L. Nervenfieber⸗Epidemie und der Vorfall kam mir darüber bald aus ſchon bemerkt, erinnerte ich mich meiner Schuldigkeit, dem Oberamts⸗ kübanh dem Gedächtniß. gerichte hiervon Kenntniß zu geben. mnamm *Morgen ſind es vierzehn Tage, daß er wieder, und zwar um Der Herr Doctor wurde ſodann aufgefordert, im Falle, daß der Krald dieſelbe Abendzeit, bei mir erſchien, und es wiederholte ſich genau Fremde, welcher höchſtwahrſcheinlich Tuvia Panti ſei, ſich wieder bei Uh b

derſelbe Auftritt wie im vergangenen Jahre, nur daß er diesmal 65 ihm blicken laſſe, dem Unterzeichneten davon auf der Stelle Kenntniß zu he

Ducaten bot, und daß ich ihm erlaubte, meinen Straduarius ſelbſt zu verſuchen. Und da muß ich geſtehen, daß er mich durch ſein Spiel

geben, und bis zu deſſen Erſcheinen den Fremden nicht fortgehn zu laſſen; welches zu thun der Herr Doctor ſich verpflichtete.

über eine Stunde lang, nach deren Verlauf ich zu einem Kranken V. G. U. abgerufen ward, wirklich in Erſtaunen geſetzt hat, obgleich es nur F. C. Philippi, Dr. med. pp.

woilde und höchſt ſonderbare Phantaſien waren und er keinen Begriff 5 in fidem

voon klaſſiſcher Muſik zu haben ſchien. Handelseinig wurden wir um Wildung, Oberamtsrichter.

ſo weniger, als ich jetzt erſt den ganzen Werth meiner Geige kennen

gelernt zu haben glaubte. Einige Tage lang konnte ich die Erinne⸗ Von vorſtehendem Protokolle iſt Abſchrift zu nehmen, und die⸗

rung an das Gehörte gar nicht los werden, und dabei fiel mir plötz⸗ ſelbe unter der Adreſſe des Fräulein Lodoiska Kronau zu B. zur Poſt

lich auf, daß dieſer Menſch derſelbe Zigeuner ſein müſſe, der damals zu expediren.

in meiner Wohnung bei der Geige ertappt worden war. L. d. 13. Mai 1822. Wildung. Ich habe ſeitdem nichts von ihm gehört, und erſt geſtern, wie(Schluß folgt.)

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Kus allen deutſchen Gauen.

II. Der Vogelsberg. Von Theodor Bindewald.

Es gibt im deutſchen Vaterlande manchen, theils mit Recht, meiner Schilderung hoffe ich ihn davon zu überzeugen); dafür Qtheils mit Unrecht verrufenen Strich; ſchlimmer aber iſt keiner draußen bin ich ihm natürlich eine Erklärung ſchuldig, woher es kommt, daß im Reich verſchrieen als der Vogelsberg. Er theilt ſein Schick⸗ der eigentliche Vogelsberg überall als eine Gegend,wo ſal mit dem Sauerlande, der Rhön, dem Weſterwalde, der rauhen es drei Vierteljahr Winter und ein Vierteljahr kalt Alp und manchem andern guten Lande, deſſen bloßer Namen ſchon iſt, wo außer Hafer und Kartoffeln nichts w achſen Schreck und Grauſen erregt. Wer aber durch Beruf oder Neigung will und nurder grauſame Schnee geräth, mit einem Wort

näher mit ſolchen Fleckchen deutſcher Erde bekannt geworden iſt, der als einBu chfinkenland undHeſſiſches Sibirien

macht gar häufig die Erfahrung, daß gerade in dieſen verrufenen Strichen ein Schatz von herber, ſpröder Schönheit der Natur, von ungebrochenem, friſch und kräftig pulſirendem Volksthum verborgen liegt, deſſen Originalität und Intereſſe überraſchend iſt, der es reichlich verdient, gehoben und vor unſerem Volke ausgebreitet zu werden.

Wer es wagen will, an der Hand eines Vogelsbergers, der ſein heſſiſches Sibirien und ſein kräftiges Volk liebt, eine Entdeckungs reiſe ſeitab der Eiſenbahn und der großen Landſtraße in ein faſt unbe kanntes, verſchollenes, deutſches Land zu machen, der wird mit dem Gefühl zurückkehren, welches uns bewegt, wenn wir aus der Wald einſamkeit oder aus der Mitte recht guter, tüchtiger Menſchen ſcheiden.

Die wenigen und dürftigen Notizen, welche ſich in geographiſchen oder culturhiſtoriſchen Werken über den Vogelsberg vorfinden, berfthen meiſtens auf gänzlicher Unbekanntſchaft mit Land und Leuten. Von Seiten der Touriſten und Maler wird dem Ge⸗ birge wenig Ehre angethan, wir zweifeln auch, ob ein Durchpaſſi⸗ render viel Wahres und Bedeutendes erhaſchen würde. W. H. Riehl inLand und Leuten macht übrigens davon eine ehrenvolle Ausnahme, und ſeinen Schilderungen darf man Glauben ſchenken.

gründlich in Verruf gebracht iſt.

Es läßt ſich nicht leugnen, daß der böſe Name, der nun einmal der Gegend anhaftet, von undankbaren Söhnen derſelben auf⸗ gebracht iſt. Da ziehen ſie hinab in das reiche Wetterauer Land, dasJunkerland, die rauhen Vogelsberger, ſonderlich aus etlichen verlüderlichten Orten, wie Sichenhauſen und Geln haar, im Bettlerrock, den ſie als Nationalcoſtüm ausgeben, und treiben profeſſionsmäßig und mit ungemeiner Pfiffigkeit einen höchſt einträglichen Bettel. Und da ihnen eine natürliche Anlage zur Be⸗ redſamkeit von der Natur verliehen iſt, ſo überbieten ſie ſich gegen⸗ ſeitig in haarſträubenden Schilderungen der Ungunſt des Klimas, der ewigen Hagelſchläge, des Wenigen, was vom Lande erzielt werde, der entſetzlichen Armuth, die dort herrſche. Solch armen Leuten gibt der Wohlhabende in der Umgebung des Gebirges mit geheimem Wohl⸗ gefallen, wie viel beſſer er daran ſei, ſein Almoſen, und glaubt auch dieſen Erzählungen um ſo mehr, weil ſie Leute von dem Vogelsberg berichten während dieſe, nicht unzufrieden mit ihrem Kunſtgriffe, und mit geſpickten Taſchen heimkehrend, über die Dummheit der Betrogenen ſich erluſtigen.

Weil der Vogelsberger ſeinen Vogelsberg überall verleugnet, ſo

Der Vogelsberg in ſeiner Abgeſchloſſenheit iſt einem friſchen, kann es leicht einem Fremden, heute noch wie ehedem begegnen, daß geſunden Mägdlein vom Dorfe vergleichbar, das den Typus behalten er in dem Vogelsberg herumreiſet, ohne ihn zu finden. Wer au den hat, den ihm ſeine Heimat gegeben, und neben der ſtolzen, in Sammt Vorhöhen ankommt und fragt:Bin ich nun bald im Vogelsberg? und Seide und allerlei Koſtbarkeit prangenden Städterin in ihrer den weiſt man weiter aufwärts nach den Höhen. Hier angekommen, Ueberfeinerung kann dem unverdorbenen Geſchmack auch das treue werden wiederum andere ſüdliche oder öſtliche Punkte genaunt, bis man zu Auge, die blühende Wange und das naive, neckiſch fröhliche Weſen den Abhängen gelangt, und bei weiterem Forſchen zu nicht geringem Er⸗ ſolch eines Naturkindes gefallen. ſtaunen hören muß, daß man längſt durch den Vogelsberg gekomnien ſei. Bringe ſolch einen Sinn mit zur Beſchauung unſeres Gebirges, Es ſei dem Leſer ſelbſt überlaſſen, ſich durch einen Blick auf die V maeein Leſer, und die langen grünen Bergrücken, die ſchattigen Buch⸗ Karte über Ausdehnung und Lage unſers Waldgebirges zu unter⸗ wälder, die Felspartien, die Weiden und Wieſen, die waſſerdurch- richten ich darf meinen Freund, den Maler, nicht warten laſſen, V rauſchten Thäler deſſelben werden Dich anſprechen und erfreuen. der zur beſtimmten Stunde von Gießen aus eintrifft, um mich auf Trritt mit dem Beſtreben, ein Stück deutſchen Volksthums kennen zu meiner Wanderung zu begleiten und dann fürsDaheim dem Lande lernen, in die Städtchen und ſelbſt in die ärmſten Walddörfer des und Volke einige intereſſante Bilder abzulauſchen. V Vogelsberges, Du wirſt einen feſten und treuen Menſchenſchlag Der Vogelsberg ſtellt in ſeiner Geſammterſcheinung eine flache, ge⸗ V

immer noch antreffen, der ſeine unverwüſtliche Naturkraft derb und wölbte, kuppelförmige Bergmaſſe vor, deren höchſte Erhebung in einem zart, in Schimpf und Ernſt, in Lied und Geſchichte, in Sage und ausgedehnten Plateau beſteht, welches den Namender Oberwald Sprichwort und in eigenartiger Sprache, beharrend am Alten, kund⸗ V führt. Hier treffen wir zahlreiche Buchen⸗, Ahorn und Fichtenwal⸗ Ausd

gibt, wie es ſeine Väter ſchon gewohnt waren. dungen an, die übrigens häufig durch öde Heideflächen oder feuchte Der freundliche Leſer möge es mir einſtweilen auf mein Wort Wieſen unterbrochen werden. Der Umkreis dieſes Plateaus berührt die T glauben, daß der Vogelsberg beſſer iſt als ſein Ruf(im Verlauf die Dörfer Rudingshain, Feldkrücken, Rebgeshain, Engelrod, Eichel⸗ dern 5 und