Jahrgang 
1865
Seite
212
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Der erſchrockne Diener entgegnete: Man erzähle es allgemein So wiſſen die Leute mehr als ich, ſagte der Prinz mit verbiſſenem Aerger und ſchwieg. Sobald das Geſchäft des Friſirens vorüber war, befahl er den jungen Secretär zu rufen⸗ Der Indiscrete erſchien zitternd, denn der Kammerdiener hatte ihm ſchon eine leiſe Andeutung ge⸗ geben. Mit drohenden Blicken kam Prinz Heinrich auf ihn zu und fragte: Iſt Er mein Schreiber? Die Sprache verſagte dem Gefragten.Antwort! iſt Er mein Schreiber?Ja! Hoheit.Geweſen! rief Prinz Heinrich. Weiß Er wohl, was vor allen Dingen zum Amte eines Secretarius gehört? Verſchwiegenheit. Warum hat er geplaudert? Der Mann fiel dem Prinzen zu Füßen und geſtand ſeinen Fehler. In demſelben Augenblicke meldete der Kammerdiener, eine junge Bürgerstochter bitte dringend um Andienz. Prinz Heinrich beéfahl ſie herein kommen zu laſſen und gebot dem Knieenden aufzu ſtehen, an die Thüre zu treten und dort das Weitere abzuwarten.

Ein ſehr hübſches, zwanzigjähriges Mädchen trat ein. bat den Prinzen um Entſchuldigung, daß ſie es gewagt habe, um Audienz zu bitten, und ſprach den Wunſch aus: der Prinz möge ſie und ihren Liebſten bei dem bevorſtehenden Marſche doch mit nach Sachſen nehmen. Prinz Heinrich, dem die Sache bereits unterhaltend ſchien, antwortete ſehr gütig: ſoll ich denn Sie und ihren Liebſten hin thun? ich habe ja ſchon ſo genug Gepäck. Oh, Hoheit, wir tragen unſern ganzen Schatz auf dem Buckel. Wir bitten nur um Ihren Schutz.Was wollt Ihr denn in Sachſen?Ich habe einen ſehr böſen Stiefvater, den Glaſermeiſter Richter, und mein Liebſter, Chriſtian Herrling, iſt bei ihm als Geſelle. Es iſt ein ſehr hübſcher, fleißiger Mann. Nun möchten wir gerne heirathen. Meine Mutter hat nichts da gegen und ſieht es gern, wenn ich verſorgt werde und aus dem Hauſe komme, aber der Alte iſt immer dagegen, denn er muß dann mein väterliches Erbtheil

unwillig auf. in der Stadt.

Sie

Wo

herausrücken und fürchtet auch, Chriſtian werde ihm ſchaden, wenn er Meiſter wird. Mein Liebſter hat ſo viel von Haus aus, um hier Bürger und Meiſter zu werden, da er ſich aber verlauten ließ, nach Sachſen zu reiſen, um ſein Geld zu holen, ſo iſt mein Stiefvater zuvorgekommen und hat nach Sachſen geſchrieben, ihm das Geld nicht auszuzahlen, ſondern wenn er dort hinkäme, ihn als Deſerteur zu beſtrafen und zum Soldaten zu machen.Was kann ich denn aber dabei thun?I! ſehen Sie, mein Chriſtian der grault ſiche nach Sachſen zu gehen und da hat er mir geſagt: wenn er doch einmal Sol dat werden müſſe, dann wollte er lieber unter Friedrich dem Großen dienen und lieber ſein Erbtheil fahren laſſen als mich.

Na, das iſt brav von Chriſtlan.Und dann, meinte die Mutter, wenn Chriſtan man erſt preußiſcher Soldat waͤre und mit Ihnen nach Sachſen käme, dann würde man ihm ſein Erbtheil ſchon heraus geben müſſen.Meint ſie das? na! die Sache läßt ſich hören. Iſt denn Ihr Liebſter groß genug? dann will ich Euch beide mitnehmen.Er iſt einen Kopf größer als Sie und viel beſſer gewachſen.Schick' Sie ihn zu mir.

Er wartet ſchon draußen, rief das Mädchen Chriſtian, rief ſie,komm herein. Ein ſehr langer, wohlgewachſener junger Kerl trat ins Zimmer. Er beſtätigte alle Angaben ſeiner Braut. Bald war der dienſtthuende Adjutant herbeigerufen und der Glaſergeſelle er hielt ein Handgeld mit dem Bemerken, daß er bei des Prinzen Leibeompagnie eintreten ſolle.

Wenn Hoheit nun doch gleich den Prediger wollten kommen laſſen, ſagte das Mädchen.Das ſoll auch geſchehen, ſagte lachend Prinz Heinrich. Nun könnt Ihr beide gehen. Ich werde für Euch ſorgen. Die jungen Leute wollten ſich entfernen.Heda, rief der Prinz.Von wem habt Ihr denn eigentlich erfahren, daß ich nach Sachſen marſchiren will?Ach Gott, das haben wir ſchon lange gewußt. Das wiſſen ja die Kinder auf der Straße.

Der Prinz richtete ſeine Blicke auf den, an der Thüre gauz verdutzt

und eilte zur Thüre.

ſtehenden Secretär.Das habe ich Dem da zu danken, ſagte er.Aber nun geht und ſagt mir niemandem, was wir hier verhandelt haben.Nee im Gegentheil, rief das Mädchen.Es ſoll alle Welt wiſſen. Es iſt ja

kein Schelmſtück. Das muß Jedermann erfahren.Sie braucht ſich die Mühe nicht zu geben. Der an der Thüre dort wird es ſchon auspoſaunen.

Als die jungen Leute das Zimmer verlaſſen hatten, trat der Prinz auf den Schreiber zu:Ich verzeih' ihm, weil er die Veranlaſſung iſt, daß ich ein Paar Menſchen glücklich machen kann. Er ſoll ſein Gehalt nicht verlieren, aber Strafe muß ſein. Er bleibt in Rheinsberg und ſoll alle Kriegsneuig

keiten, ſie mögen wahr oder falſch ſein, hier an den Straßenecken ausrufen. Damit hatte die Sache ihr Bewenden. V.

Die Runkelrübenzuckerfabrikation in Rußland.

Erſt ſeit 65 Jahren wird die Runkelrübe in Rußland angebaut, um zur Zuckerfabrikation verwandt zu werden. Es waren die Herren Blickennagel, Gerhard und Maetzow, welche die Akklimatiſation dieſer für die Induſtrie ſo höchſt nützlichen Pflanzen unternahmen, deren glänzende Erfolge durch die Stiftung eines Comités von Zuckerfabrikanten zu Moskau im Jahre 1834 für lange Zeit ſicher geſtellt worden ſind. Seit dieſer Zeit hat die neue In duſtrie nicht aufgehört, reißende Fortſchritte zu machen, wie ſolgende Zahlen am beſten beweiſen werden. Im Jahre 1840 beſchäftigte ſie 140 Fabriken, im Jahre 1845 ſtieg dieſe Ziffer bis 217, 1853 bis 395 und 1859 bis 425. Im erſtgenannten Jahre wurden nur 150,000 Pud) Zucker aus Runkel⸗ rüben fabrizirt, im letzten ſchon 2 Millionen Pud, und genaue Berechnungen, die von Seiten des Moskauer Comités angeſtellt worden ſind, haben ergeben, daß während der zwanzig Jahre, von 1842 bis 1862, die Quantität des auf dieſe Weiſe gewonnenen Zuckers nicht weniger als 16 Millionen Pud betrug, die einen Werth von 79 ½ Rubel Silber repräſentiren.

*) Ruſſiſches Gewicht von 40 Pfund.

Briefe und Sendungen ſind

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Unter den adligen Gutsbeſitzern ſowohl als auch unter den Bauern hat dieſe Fabrikation Veranlaſſung zur Anwendung vervollkommneterer Cultur Syſteme gegeben, hervorgerufen durch das Bedürfniß, ſich eine möglichſt große Ernte von Nunkelrüben zu ſichern. Feruer hat ſie unendlich viel dazu beige⸗ tragen, den Wohlſtand der Bevölkerung zu heben und eine profeſſionelle Bil⸗ dung des Bauernſtandes anzubahnen, indem ſie denſelben mit den Geſetzen der Mechanik bekannt macht und an den Gebrauch der Maſchinen gewöhnt.

Trotz dieſer bedeutenden Entwickelung der Zuckerfabrikation in Rußland fehlt doch noch viel daran, daß ſie jetzt ſchon ganz für die Bedürfniſſe des Landes ausreichend wäre. Man fabrizirt hier gegenwärtig 4 Millionen Pud Zucker aus Runkelrüben, während in Frankreich bis ca. 9 Millionen Pud aus demſelben Material gewonnen werden. Der Verbrauch dieſes Artikels, der in England auf 32 Pfund per Kopf, in Holland auf 19 Pfund, in Frankreich auf 12 Pfund berechnet wird, überſteigt in Rußland nicht mehr, als drei Pfund per Kopf. Daß ſehr viel zur Hebung dieſer Induſtrie die Aufhebung der Acciſe beitragen würde, die vom Staate auf die Runkelrüben⸗ Zuckerfabrikation geſetzt iſt und ſich jährlich auf 550,000 R. S. beläuft, iſt unleugbar, und es ſteht zu hoffen, daß die Diskuſſionen der letzten agrono⸗ miſchen Conferenz zu Moskau über dieſen wichtigen Gegenſtand zu einem wünſchenswerthen Reſultate führen werden. A. W.

Ein Plakat aus der Arbeiterſtadt von Mülhauſen. 3

Als ich im vorigen Frühjahr die berühmte Arbeiterſtadt von Mül⸗ hauſen, von der dasDaheim heute eine Darſtellung aus ſachkundiger Feder enthält, beſuchte, fiel mir an den Straßenecken folgender Anſchlag(in franzöſiſcher und franzöſiſch⸗deutſcher Sprache) in die Augen, den ich hier wört lich mittheilen will als ein nachahmungswerthes Beiſpiel liebevollen Intereſſes an den Arbeitern.

Der Verwaltungsrath Nachfolgendes beſchloſſen:

1. Jedes Jahr wird ein Konkurs eröffnet werden zwiſchen den Arbeiter⸗ Familien, welche ſich in der Ordnung, in der Reinlichkeit und überhaupt in der guten Unterhaltung ihrer Wohnungen, ſowie auch im beſten Anbau ihres Gärtchens, welches davon abhängt, ausgezeichnet haben.

2. Geld⸗Prämien und ehrenvolle Zeugniſſe ſollen den ertheilt werden.

3. Werden nicht an den Konkurs zugelaſſen diejenigen Familien, welche ihre 7⸗ bis 12jährigen Kinder nicht fortwährend in die Schule geſchickt haben.

4. Es wird ſich eine Kommiſſion bilden, welche zu wiederholtenmalen und unbeſtimmten Zeitpunkten den Familien Beſuche abſtattet, welche an dem Konkurs Theil nehmen.

Jeder iſt erſucht, den Mitgliedern der Kommiſſion die nothwendigen Nachweiſungen zu ertheilen, um ſie in ihrem Auftrage zu leiten.

5. Die Nachforſchungen dieſer Kommiſſion bei den Beſuchen umfaßt:

Den innern und äußern Zuſtand der Bewohnung und des Gartens;

Den Zuſtand der Mobilien; ie Ordnung und die Sparſamkeit in ihrer Haushaltung;

Kleidung der Kinder und den Erfolg ihrer Beſuchung der Schule; 1 Betrag des Verdienſtes der Familien⸗Glieder.

6. Die Kommiſſion wird ein Regiſter halten, in welches ſie die aufge⸗ nommenen Anmerkungen einführen wird.

Demzufolge können alle Familien, welche die Häuſer der beſagten Ge⸗ ſellſchaft bewohnen, und an dieſem friedfertigen und ehrenvollen Wettkampfe der Ordnung und der Reinlichkeit, gegen die Ausſchweifung und Unreinlichkeit Antheilzu nehmen wünſchen, ſich im Bureau der Verwaltung einſchreiben laſſen.

7. Die Einſchreibungen werden bis den 1. Juni ſtattfinden und jedes Jahr, den Q

der Mülhauſer Arbeiterquartiere⸗Geſellſchaft hat

Verdienſtvollſten

)

1. Oktober, wird ſich der Verwaltungsrath der Arbeiter⸗Quartiere ver⸗ ſammeln, um die Prämien und ehrenvollen Zeugniſſe feſtzuſetzen und ſie der Reihe des Verdienſtes nach, welche beſchloſſen wurden, zu ertheilen.

8. Für dieſes Jahr werden 10 Prämien ertheilt: drei zu 60 Fr.; drei zu

10 Fr. und vier zu 20 Fr.; ferner: 10 ehrenvolle Zeugniſſe.

Geſchehen in Mülhauſen, den 31. März 1864.

Die Mitglieder des Ausſchuſſes: Johannes Dollfus, Präſident; Johannes Mantz;

Ludwig Hugnenin; Friederich Zuber. Von dem Erfolge ſolcher Aufrufe, die freilich in beſſerem Deutſch abgefaßt

ſein könnten, iſt bereits oben(S. 210) die Rede geweſen. R. K.

Wozu derböſe Blick gut ſein kann. Wer in der Türkei ein Ding lobt, muß ſtets hinzuſetzen:Maſch allah

d. h. wie Gott will. Wer dies unterläßt, kommt in Verdacht, dem in Rede

ſtehenden Dinge durch ſein Lob und durch denböſen Blick zu ſchaden

Manche Leute ſtehen in ganz beſonderem Rufe, durch ihren Blick Srhaden an⸗

richten zu können und es iſt intereſſant, wie gelegentlich ſogar aus einem

ſolchen Aberglauben noch ein Nutzen gezogen werden kann wenigſtens als homöopathiſches Mittel gegen andern, noch größern Aberglauben Als

Sultan Suleiman in Konſtantinopel ſeine berühmte Moſchee bauen ließ

ſtand ihm ein alter ſchöner Platanenbaum im Wege. Leider war dieſer B num

dem Volke ein Heiligthum und ihn fällen zu laſſen, würde als Sünde ge⸗ golten haben. Der Sultan wußte ſich zu helfen; er ließ einen Mann herbli⸗ ſchaffen, der mit demböſen Blick behaftet war. Dieſer mußte ſich dem

Baum gegenüber ſtellen, ihn unverwandt anſehen und dabei loben Binnen

drei Monaten war der Baum verfault und Suleiman in den Augen des

H. W.

Volks außer aller Verantwortlichkeit.

zu richten au die Redaction desDaheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 2.

Uuter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bieleſeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig.

Verlag der Daheim-Expedition von DVelhagen* Klaſing in Gieleſeld und Berlin. Druck von Liſcher« Wittig in Leipzig

Nacht i und M den 10 hier he behörde im Bet au das weiſun