Jahrgang 
1865
Seite
207
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trügeriſch aus den Acten gezogen, das ganze Verfahren im Ver⸗ dammungsproceſſe ſei wegen vielfacher enormer Rechtsverletzungen null und nichtig, das Andenken Johannas der Jungfrau ſei alles Schimpfes frei und ihre Verurtheilung in allen Städten des König reichs durch öffentliche Bekanntmachung als ein Werk der Gewalt⸗ that und Bosheit zu erklären.

In Rouen ward an der Stelle, wo ſie geſtorben, eine feierliche Proceſſion gehalten, der erſte Spruch als betrügeriſch, argliſtig, bos⸗ haft und ſchändlich caſſirt, vieles zu ihrem Lobe geſprochen und ein Crucifix aufgerichtet.

Wir ſind am Ende, denn wir beabſichtigen nicht, eine Er⸗ klärung der himmliſchen Stimmen und Offenbarungen zu verſuchen, oder unſere Anſicht darüber auseinander zu ſetzen. Wie man auch in dieſem Punkte urtheilen, ob man ſie als wirkliche Geiſterer⸗

ſcheinungen, oder als die Gebilde einer reichbegabten Phantaſie auf faſſen mag, darin ſind alle Kritiker und unparteiiſchen Forſcher einig, daß an einen Betrug, an ein Lügengewebe der Jungfrau, oder des königlichen Hofes, in deſſen Dienſten ſie ſtand, nicht zu denken iſt. Johanna ſelbſt hat an die Realität ihrer himmliſchen Führer geglaubt und in Dingen, die ihre Sendung betrafen, prophetiſche Blicke in die Zukunft gethan, das beides iſt unzweifelhaft gewiß. Die Jungfrau von Orleans gehört zu den edelſten und ſeltenſten Geſtalten, welche durch das volle Licht der geſchichtlichen Wahrheit nicht verlieren, ſondern in jeder Beziehung gewinnen. Sie iſt ein glänzender Beweis für die Wahrheit des Gedankens, daß wahre Frömmigkeit im Bunde mit begeiſterter Vaterlandsliebe von unwider⸗ ſtehlicher Wirkung iſt und ſelbſt die ſchlimmſten Verhängniſſe der Völker zu wenden vermag.

Der brennende Kohlenberg bei Planitz.

Wohlthätig iſt des Feuers Macht, Wenn ſie der Menſch bezähmt, bewacht.

Unwillkürlich drängen ſich uns bei dem unterirdiſchen Brande des Steinkohlenlagers bei Planitz(bei Zwickau in Sachſen) dieſe Worte aus SchillersGlocke auf. Seit Jahrhunderten wüthet dort das Feuer, große Steinkohlenſchätze vernichtend. Vergebens ſind dort die verſchiedenartigſten Verſuche gemacht, der Gewalt dieſes Brandes Einhalt zu thun, das Feuer zu löſchen. Ohnmächtig ſteht der Menſch einer ſolchen gewaltigen Macht gegenüber. Was vielleicht durch eigene Schuld hervorgerufen iſt, vernichtet nun die Schätze, welche in der Erde für ihn dort aufgeſpeichert liegen, ein ſchwer zu berechnender Verluſt für die dortige Gegend. Und doch hat der Menſch auch dieſe verheerende Kraft ſich dienſtbar gemacht und zieht Nutzen aus ihr. Wir meinen G. Geitners großartige Treibgärtuerei und Pflanzenzucht, welche ſich unmittelbar über dem brennenden Kohlenlager befinden, und deren Warmhäuſer durch die unterirdiſche Glut das ganze Jahr hindurch die hinreichende Wärme erhalten.

Ein Stück Tropenwelt und Tropenleben ſtellt ſich in dieſen Warmhäuſern unſeren Blicken dar. Ueppiger als hier können die Palmen in ihrem Heimatlande nicht wachſen, wo die Natur ihnen alles, was ſie bedürfen, bietet, wo die Sonne des Aequators ihre Früchte reift; in reicherer Fülle können die verſchiedenartigſten Farrn⸗ kräuter nicht wuchern, prächtiger die Orichideen ihre wunderbar ge⸗ ſtalteten Blüthen nicht entfalten. Auf engem Raum iſt das ſchönſte und ſeltenſte Pflanzenleben hier zuſammengedrängt, nicht wie in ſo vielen Treibhäuſern kümmerlich ſein Daſein friſtend, halb ver⸗ kommen und halb verkrüppelt, unähnlich den Schöpfungen, welche die freie Natur hervorbringt, ſondern alles in natürlichſter Kraft und Fülle wachſend und blühend. Das verleiht dieſem Pflanzenleben erſt den echten Reiz.

So weit auch der Ruf der Geitnerſchen Gärtnerei ſeit einem Jahrzehnt gedrungen, ſo bekannt es auch iſt, daß ſie über dem unter⸗ irdiſchen Kohlenbrande gelegen, durch ihn die zu ihrem Gedeihen erforderliche Wärme erhält, ſo ſind doch über dieſen Brand ſelbſt und ſeine Wirkungen die eigenthümlichſten und oft verkehrteſten Vor⸗ ſtellungen verbreitet. Es wird deshalb für die Leſer des Daheim ſicherlich nicht ohne Intereſſe ſein, wenn wir ſie ſelbſt nach Planitz führen und ihnen ein getreues Bild dieſes Brandes und der Geitner⸗ ſchen Treibgärtnerei geben, ſo weit Feder und Stift daſſelbe zu ver⸗ anſchaulichen im Stande ſind. 3

Faſt der ganze nördliche Rand des Erzgebirges wird von mächtigen Steinkohlenflötzen eingeſäumt. Einen Theil dieſer Um⸗ ſäumung bildet Zwickau mit ſeinen Steinkohlenlagern, welche durch die Mulde in zwei Theile geſchieden werden. Auf dem links von der Mulde gelegenen Theile beſinden ſich, ungefähr eine Stunde von Zwickau entfernt, die Planitzer Flötze. Das tiefſte dieſer Flötze iſt das brennende. Es befindet ſich in einer ungefähren Tiefe von 50 Lachtern und hat eine Mächtigkeit von 20 bis 26 Fuß, die indeß von einer 4 Fuß mächtigen Lage von Schieferthon durchſetzt iſt und dadurch in zwei faſt gleiche Schichten getheilt wird.

Das brennende Kohleuflötz lagert auf einer ſandigen und faſt ſchwarzen Schicht Schieferthon. Ueber ihm befindet ſich wieder eine bis 20 Fuß mächtige Schicht von demſelben Geſtein, auf ſie folgt eine

faſt gleich ſtarke Schicht Sandſtein, dann kommt wieder eine ſchwächere Lage Schieferthon und darauf lagert ein 20 bis 32 Fuß mächtiges Flötz von Rußkohlen. Dieſe Kohle iſt wieder durch eine ſtarke Schicht Schieferthon überdeckt, auf der dann das dritte Kohlenflötz, die Schichtkohle, folgt, über welchem ſich noch zwei Schichten von grauem und rothem Conglomerat befinden.

Der brennende Theil des tiefen Flötzes nimmt einen Raum von ungefähr 400 Lachtern Länge und 130 Lachtern Breite ein, alſo ungefähr 50,000 Quadrat⸗Lachter.

Durch die gewaltige Glut dieſes unterirdiſchen Brandes, deren Einwirkung natürlich nach der Oberfläche hin mehr und mehr ab⸗ nimmt, iſt die ganze Natur der ſie umgebenden Geſteinmaſſen eine veränderte geworden. Der Schieferthon iſt in Brandſchiefer umge⸗ ſtaltet, ſeine urſprünglich graue Farbe in eine röthlichgraue ver⸗ wandelt, oder in eine gelbrothe oder röthlichweiße, durchzogen von geſtreiften Zeichnungen von ziegelrother, brauner, ſelbſt ſchwarz⸗ brauner Farbe. Während der Thonſchiefer urſprünglich eine erdige und weiche Maſſe bildete, iſt der Braudſchiefer hart und zuſammen⸗ hängend, gleichſam zuſammengeſchmolzen worden. Hin und wieder iſt der Schieferthon ſogar durch die Stärke der Glut in Porzellanjaspis umgewandelt, der roth und ſelbſt violet eine außerordentliche Härte beſitzt.

Wie der Schieferthon, iſt auch die Sandſteinlage völlig durch⸗ brannt und wo die theils lehmige, theils aus ſandigem Geröll beſtehende Dammerde beginnt, iſt ſie durch den Einfluß der Hitze roth gefärbt und ſtellenweis bis zur Feſtigkeit der gewöhnlichen Ziegel durchglüht.

Nach und nach hat das Feuer die Kohlen verzehrt und ebenſo allmälig haben ſich auch die darüber gelagerten Geſteinſchichten und Kohlenflötze geſenkt. Die einzelnen Schichten ſind zum großen Theil verſchoben, eine Menge Riſſe und Klüftungen ſind entſtanden, aus denen die Wärme des unterirdiſchen Feuers emporſteigt, jedoch je nach der Größe der Klüftungen in ſtärkerem oder geringerem Grade.

Irrig iſt indeß die Vorſtellung, daß die ganze Erdoberfläche über dieſem brennenden Kohlenflötze gleichmäßig und in außerordent⸗ licher Weiſe erwärmt oder erhitzt ſei. Die Wärme der oberen Erd⸗ ſchicht beträgt im allgemeinen je nach der Jahreszeit und den ver⸗

ſchiedenen Witterungsverhältniſſen ungefähr+ 5 bis 16 Grad R.

Wo die heißen Dämpfe des unterirdiſchen Feuers durch die Klüf⸗ tungen emporſteigen, haben ſie allerdings eine Temperatur von 60 bis 70 Grad R., ſo daß Cier in ihnen geſotten werden können, allein die Hauptklüftungen liegen oft 40 bis 80 Fuß auseinander, und wo die heißen Dämpfe aus den Klüftungen emporſteigen, theilen ſie den Wärmegrad von 60 Grad R. der Erde höchſtens in einem Umkreiſe von 4 Fuß mit.

Wann dieſer Brand des Steinkohlenflötzes entſtanden, iſt nicht genau bekannt. Jedenfalls iſt er ſchon Jahrhunderte alt.

Der Zwickauer Steinkohlenbau iſt der älteſte, den man kennt. Schon im zehnten Jahrhundert wurde er betrieben. Freilich mochte er in ſeinen erſten Anfängen wenig Aehnlichkeit mit der jetzigen Art des Baues haben und nur da betrieben werden, wo die Kohlen ganz oder doch faſt ganz zu Tage lagen. Peter Albinus erzählt in ſeiner 1589 gedrucktenMeißniſchen Bergchronika, daß der Brand ſchon 1479 entſtanden ſei und ſich 1505 neu entzündet habe. Nach ihm ſoll der Brand dadurch entſtanden ſein, daß ein Jäger auf einer Fuchsjagd in den