Jahrgang 
1865
Seite
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lich. Sie entgegnet:Was ich damals geſagt, iſt gegen die Wahrheit geſagt, nur aus Furcht vor dem Feuer. Aber ich will meine Buße lieber auf einmal leiden, als länger erdulden, was ich hier im Gefäng⸗ niß erduldet. Was in dem Abſchwörungszettel ſtand, habe ich nicht verſtanden und ich habe nur in der Vorausſetzung widerrufen, daß es Gott gefiele. Ihr habt mir Schuld gegeben, geſagt und gethan zu haben, was ich nie geſagt und gethan habe. Wenn Ihr wollt, will ich Frauenkleider anlegen, weiter thue ich nichts.

Johanna hatte ſich wieder gefunden, der alte Muth war zurück⸗ gekehrt, es ſtand nicht mehr das durch die geiſtige Tortur des Proceſſes geknickte, vor dem Feuer zitternde Mädchen vor dem Biſchof, die helden müthige, gottbegeiſterte Jungfrau trat ihm gegenüber, ſie nahm den ihr mit ſo vieler Mühe abgepreßten Widerruf zurück und klagte ſich ſelbſt an wegen der von ihr bewieſenen Schwäche. Sie ſagte:Gott hat mir durch die heilige Katharine und Margarethe ſein großes Mit⸗ leid kund gethan, daß ich an jenem Tage in die Abſchwörung willigte, um mein Leben zu retten. Ich würde mich ſelbſt verdammen, wenn ich leugnete, daß Gott mich geſandt hat. Als der Biſchof aus dem Gefängniß trat, wandte er ſich zu den dort verſammelten Engländern und ſprach:Farewell! Es iſt um ſie geſchehen, thut Euch gütlich!

Die mittelalterliche Kirche war unerbittlich gegen rückfällige Ketzer. Das Gericht ward von neuem berufen und Johanna von neuem angeklagt. Ohne eine weitere Unterſuchung, wie es ſich mit dem Kleiderwechſel verhalten, und ob nicht die Angeſchuldigte dazu genöthigt worden, ohne die Jungfrau nur zu verhören über die ihr beigemeſſenen Verbrechen, fällten die Richter, um die ſie bedrohenden, nach dem Blut ihrer Feindin dürſtenden Engländer zufrieden zu ſtellen, in der formloſeſten Weiſe und in der höchſten Eile das Todes urtheil. Es ſollte der Jungfrau die Abſchwörungsformel vorgeleſen, ihr das Wort Gottes verkündigt und ſie dann der weltlichen Gerech⸗ tigkeit, das hieß dem Feuertod, übergeben werden.

Am Morgen des 30. Mai 1431 kam ihr Beichtvater zu ihr ins Gefängniß. Er hörte ihre Beichte, reichte ihr auf ihr Verlangen den Leib des Herrn und bereitete ſie zum Sterben. Als er ihr ankündigte, daß ſie noch heute die ihr zuerkannte Strafe erleiden müſſe, ſchrie ſie auf:Weh mir! es iſt entſetzlich, daß mein friſcher, junger Leib, der nie befleckt ward, zur Aſche gebrannt werden ſoll! Ach, eher wollte ich ſiebenmal enthauptet werden, als einmal ver brannt! Dem Biſchof von Beauvais ſagte ſie:Biſchof, ich ſterbe durch Euch! Er erwiderte:Johanna, Du mußt es in Geduld hinnehmen, denn Du haſt Dein Verſprechen nicht gehalten und biſt zu Deiner frühern Uebelthat zurückgekehrt.Ach, entgegnete ſie, hättet Ihr mich in ein geiſtliches Gefängniß geführt und anſtän⸗ digen und würdigen Wächtern übergeben, ſo wäre das alles nicht geſchehen. Ich berufe mich von Euch auf Gott, den Rächer alles Unrechts, das Ihr mir anthut.

Im Gebete und in der feſten Zuverſicht, daß ſie noch dieſen Tag im Paradieſe ſein werde, fand die Jungfrau Faſſung und Troſt, ihrem furchtbaren Geſchick ſtandhaft entgegenzugehen. Sie ließ ſich in Frauen⸗ gewänder kleiden und beſtieg um neun Uhr Morgens den Wagen,

der ſie unter ſtarker Bedeckung engliſcher Soldaten auf den alten Markt von Rouen brachte.

Hier waren wieder zwei Gerüſte aufge ſchlagen, das eine für die Richter, das andere für ihr Opfer, gegen über auf einem hochgemauerten Unterbau der Scheiterhaufen. Der Verfaſſer der zwölf Artikel hielt eine wüthende Predigt über 1 Korin⸗ ther 12, Vers 26:So ein Glied leidet, ſo leiden alle Glieder mit, ein Text, der ſich ſo leicht für die Jungfrau deuten ließ. Er ſchloß mit den wie die bitterſte Ironie klingenden Worten:Ziehe hin in Frieden! Hierauf erhob ſich der Biſchof und verlas folgendes Urtheil:Im Namen des Herrn. Amen. Nachdem wir zu Recht beſtehende Richter Dich, Johanna, genannt die Jungfrau, bereits des Abfalls, des Götzendienſtes, der Anrufung der Teufel und verſchiedener anderer Verbrechen ſchuldig erkannt, aber weil die Kirche den Reuigen niemals ihre Arme verſchließt, Dich zur Buße zugelaſſen haben, indem wir glaubten, daß Du aufrichtig widerrufen und gelobt, nicht in dieſe Irrthümer zurückzufallen, ſondern in der katholiſchen Einheit mit der Kirche zu verharren: iſt dennoch Dein Herz verführt worden vom Fürſten der Lüge und Du biſt zurückgefallen in Deine Lüge wie ein Hund zum Ausgeſpienen zurückkommt. Du haſt erklärt, daß Du mit falſchem Herzen und nicht in gutem Glauben auf Deine Irr⸗ thümer verzichtet haſt: derohalb erklären wir durch gegenwärtige Sentenz Dich für rückfällig, ketzeriſch und für ein verfaultes Glied.

Auf daß Du nicht die andern anſteckeſt, ſtoßen wir Dich aus dem Schoße der Kirche und übergeben Dich der weltlichen Gewalt, indem wir ſie bitten, Dich mild und menſchlich zu behandeln, mit dem Tode oder Verſtümmlung der Glieder Dich verſchonend.

Der Schluß iſt nur die übliche heuchleriſche Formel kirchlicher Todesurtheile. Das weltliche Gericht war bei Strafe, ſelbſt für ketzeriſch gehalten zu werden, verpflichtet, eine ihm mit dieſer Formel übergebene Perſon ſofort verbrennen zu laſſen.

Jetzt wurde das Haupt Johannas mit einer papiernen Mütze bedeckt, welche die Inſchrift trug:Ketzerin, rückfällig, abtrünnig, götzendieneriſch. Auf einer Tafel, ihr zur Seite, ſtand geſchrieben: Johanna, welche ſich die Jungfrau nennen läßt, iſt eine Lügnerin, des Volkes Betrügerin, gefährlich, abergläubiſch, Gott läſternd, irr⸗ gläubig, götzendieneriſch, grauſam, liederlich, des Teufels Verbündete, ſchismatiſch und ketzeriſch.

Die Jungfrau behielt auch in dieſer ſchrecklichen Stunde ihre Würde und ihre Faſſung, ſie kniete nieder und betete ſo inbrünſtig, die Umſtehenden ohne Ausnahme ergriffen und vieler Augen naß wurden. Allen ihren Feinden vergab ſie, von allen, denen ſie wehgethan, erbat ſie Verzeihung. Sie zeigte weder ſtoiſche Gleich⸗ giltigkeit, noch haltungsloſe Verzweiflung, ſondern edles Gefühl und hohen Muth. Für ihren letzten Gang gab man ihr auf ihre Bitten ein Kreuz in die Hand, ein andres wurde auf ihren Wunſch aus der nahen Kirche geholt und ihr vorangetragen. Dem Predigermönch, der ihre letzten Geheimniſſe bewahrte, erklärte ſie nochmals feierlich, ihre Erſcheinungen ſeien keine Einbildungen geweſen, was ſie gethan, habe ſie auf Gottes Gebot gethan. Mit den Worten:Rouen, Rouen, ſollſt Du nun meine letzte Stätte ſein! ich fürchte, Du wirſt viel leiden müſſen wegen meines Todes, ſchickte ſie ſich an, den letzten Gang zu gehen. Das Volk, welches zugegen war, wurde unruhig, es ward von einer Ahnung erfaßt, daß die unfehlbare Kirche im Begriffe ſei, ein ungeheures Verbrechen zu begehen. Die Sol⸗ daten trieben die Prieſter zur Eile an. Da rief der Stadtrichter von Rouen ohne weitern Urtheilsſpruch dem Henker zu:Thue Deine Pflicht! Johanna wird ergriffen, auf den Scheiterhaufen geführt und hier an einem hervorragenden Pfahle feſtgebunden. Ihr Beichtvater geleitet ſie, ſchon züngeln die Flammen von unten herauf, ſie ermahnt ihn, ſich eiligſt zu retten. Noch einmal hört man den Namen des Erlöſers aus ihrem Munde, dann umhüllt ſie die Lohe und die keuſche Lilie Frankreichs hat ihr Martyrium über⸗ ſtanden. Auch hier übte der Tod ſeine verſöhnende Macht. Alle waren aufs tiefſte erſchüttert. Viele Engländer von Auszeichnung erklärten laut: Man habe eine Heilige verbrannt. Einer ihrer Feinde, der ſelbſt Holz zum Scheiterhaufen getragen, behauptete, eine weiße Taube ſei aus den Flammen emporgeſtiegen. Der Henker ſelbſt kam, von Gewiſſensbiſſen gepeinigt, zu dem Beichtvater und frug: Ob Gott ihm wohl den Frevel vergeben könne, den er an einer ſo heiligen Frau begangen? Er hatte beim Aufräumen von Johanna nichts mehr gefunden als ihr mit Blut überfülltes Herz; dieſes war nicht mit verbrannt.

Kurze Zeit darauf erließ der König von England ein Schreiben an Kaiſer, Könige, Fürſten und Kardinäle zur Rechtfertigung des Proceſſes, es machte indeß wenig Eindruck, denn überall durchſchaute man, daß dieſes Gericht kein unparteiiſches, der Spruch kein gerechter geweſen. Johanna war todt, aber die Engländer ernteten keine Frucht von ihrer blutigen That. Die gewaltige Erhebung des Volksgeiſtes, der mächtige Umſchwung der Dinge waren nicht rück⸗ läufig zu machen. Sechs Jahre nach ihrem Ableben zog in Paris ein, 18 Jahre nachher fiel ihre Opferſtätte Rouen an Frankreich zurück, und nach Ablauf von 27 Jahren mußten die Engländer Calais, den letzten Platz auf franzöſiſchem Boden, räumen.

Karl VII. ſaß auf dem Throne ſeiner Väter, und die Volks⸗ ſtimme verlangte gebieteriſch die Herſtellung des Andenkens der Jungfrau. Der König konnte ſich dieſem gerechten Verlangen nicht entziehen, er ſetzte in Rom einen Reviſionsproceß durch. Der Pabſt ernannte einen geiſtlichen Gerichtshof, vor welchem die hochbetagte Mutter Johannas erſchien und Recht forderte für ihr unſchuldig gemordetes Kind. Es wurden 144 Zeugen vernommen, darunter alle diejenigen, welche die ZJungfrau perſönlich gekannt. Nach ſorg⸗ fältiger Prüfung fällte der Reviſionshof das Urtheil: Man ſtelle es Gott, deſſen Geiſt wehe, wohin er wolle, anheim, über die Natur der

Offenbarungen Johannas zu richten, aber die zwölf Artikel ſeien

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