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geſtickten Waffenrock, auf dem Haupte den Helm und gegürtet mit einem auf ihr Geheiß aus der St. Katharinenkirche zu Fierbois ge⸗ holten Schwert, ſo ging ſie in den Streit, gefolgt von einem Stall⸗
meiſter, zwei Pagen, zwei Herolden und einem Caplan. Auf ihrer Fahne war zwiſchen zwei anbetenden Engeln der Erlöſer abgebildet, in der einen Hand die Weltkugel haltend, mit der andern die Lilien Frankreichs ſegnend, darunter die Worte: Jeſus Maria. Die heilige Katharine hatte ihr die Fahne in einer Viſion gezeigt und zu ihr ge ſagt:„Nimm dieſes Banner vom Könige des Himmels und trage es kühn!“
Johanna verlangte, man ſolle auf dem kürzeſten Wege, das rechte Ufer der Loire entlang, nach Orleans ziehen und das Be⸗ lagerungsheer durchbrechen, allein die Kriegsoberſten fanden dies zu gewagt, ſie hintergingen die Jungfrau und führten die Mann— ſchaft auf dem linken Ufer. Die Strafe folgte ihrem Mangel an Vertrauen in die Kriegskunſt des von den Heiligen unter⸗ wieſenen Mädchens auf dem Fuße. Als man der Stadt gegenüber ankam, ſah man, daß der Feind neue Werke, die man an dieſem Punkte nicht vermuthet, aufgeworfen hatte, es waren nicht Kähne genug da, um überzuſetzen, man mußte daher nach Blois zurück, daſelbſt über die Brücke gehen und nun doch auf dem rechten Ufer Orleans zu erreichen ſuchen.
Johanna war nicht dazu zu bewegen, mit dem Heere umzukehren, ſie beſtieg einen Kahn, und ſchiffte mit 200 Mann über die Loire nach Orleans. Hier war nach dem noch jetzt vorhandenen Tagebuche eines Bürgers ſo große Freude über die Ankunft der Jungfrau,„als ob Gott ſelbſt vom Himmel herniedergekommen wäre. Das Volk folgte ihr wie einem heiligen Engel.“ Am 4. Mai kam auch das Entſatzheer von Blois glücklich in der Stadt an und nun begannen die Bera thungen. Es ging merkwürdig zu im Kriegsrathe. Die Männer ſtimmten für halbe, vorſichtige Maßregeln, das Mädchen für kühne, geniale Streiche.
Am Tage nach dem Einzug der franzöſiſchen Hilfstruppen ſchläft die Jungfrau um die Mittagszeit. Plötzlich fährt ſie auf, verlangt nach ihren Waffen, ihrem Pferde und ruft dem herbeieilenden Pagen zu:„Ha, blutiger Knabe, warum ſagſt Du mir nicht, daß franzöſiſches Blut vergoſſen wird?“ Sie nimmt die Fahne und ſtürmt nach dem Burgunderthore. Es kommen ihr verwundete Krieger entgegen, die eine Schanze angegriffen haben, aber mit blutigen Köpfen zurückge⸗ trieben worden ſind. Johanna ſammelt die Fliehenden, ſie ſtellt ſich an ihre Spitze, erobert die Schanze und pflanzt dort ſiegreich ihr Banner auf.
Am folgenden Tage iſt Himmelfahrtsfeſt, da wird geraſtet, am Freitag ſetzt ſie mit 4000 Streitern auf das linke Stromufer über, um die Befeſtigungen der Engländer zu zerſtören. Zwei Werke werden genommen, das feſteſte, das auf der Brücke ſtehende Schloß der Thürme, widerſteht. Da der Abend hereinbricht, befiehlt die Jungfrau, für heute abzulaſſen, aber morgen den Angriff zu erneuern. Allein das Schloß iſt durch zahlreiche Schanzen gedeckt, die kundigſten Hauptleute erklären, man brauche doppelt ſo viele Truppen, als man zur Hand habe und einen Monat Zeit. Der Kriegsrath beſchließt, den Kampf zu verhindern und meldet dieſen Beſchluß der ſchon in ihrem Quartier weilenden Jungfrau. Sie fertigt den Geſandten, einen hohen Officier, mit den Worten ab:„Ihr ſeid in Eurem Nathe geweſen, ich in dem meinen. Seid überzeugt, der Rath meines Herrn wird vollbracht, der Rath der Menſchen zu nichte werden.“ Zu ihrem Caplan gewendet, fährt ſie fort:„Steht morgen früh auf, haltet Euch in meiner Nähe, denn ich werde morgen viel Arbeit haben, mehr als je, und mein Blut wird fließen hier über meiner Bruſt.“ ⸗
Am Morgen des 7. Mai ging es heiß her in der Stadt. D Oberſten wollten diesmal durchaus nicht nachgeben. Johanna ritt unbekümmert um ihren Widerſpruch von ihrer Wohnung ab und ver⸗ ſicherte ihrem Hauswirth, daß ſie am Abend über die befreite Brück. zurückkehren würde. T
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Sie erzwingt, daß das Thor geöffnet wird, die Bürgerſchaft tritt einmüthig auf die Seite des heldenmüthigen Mäde chens und die Heerführer werden genöthigt, die Schanzen anzugreifen⸗ Der Kampf iſt blutig, die Franzoſen erleiden ſchwere Verluſte, ſchon iſt Mittag vorüber und ermüdet weichen ſie zurück. Da ſpringt die Jungfrau ſelbſt in den Graben, ſetzt die Leiter an und klimmt in die Höhe. Von einem Pfeile zwiſchen Hals und Schulter getroffen, ſtürzt ſie herab und wird fortgetragen. Graf Dunois findet ſie auf dem Raſen liegen und vor Schmerz weinend wie ein Kind. Nach wenig
Minuten verklärt ſich ihr Geſicht, ſie hat ſo eben eine Erſcheinung ihrer Heiligen gehabt, mit raſchem Griffe reißt ſie den Pfeil heraus und ſagt echt franzöſiſch:„Es iſt nicht Blut, was aus der Wunde qulllt, ſondern Ruhm.“ Einige Zeit darauf ſpricht ſie:„Wenn der Wind die Banner nach der Schanze zu weht, greift zu den Waffen!“ Sie betet, ein Luftzug erhebt ſich, die Fahnen flattern nach den Schanzen hin und Johanna ruft:„Zu den Waffen, die Schanze iſt Euer.“ Der Sturm gelingt, die Engländer fliehen auf die Brücke, aber die Brücke bricht und ſie ertrinken in der Loire. Am andern Tage heben die Feinde die Belagerung auf, und die Jungfrau hat den erſten Thei ihrer Sendung vollbracht, denn Orleans retten und den König nach Rheims zur Krönung führen, das ſind die zwei ihr von den Heiligen geſteckten Ziele.
Von Orleans eilt Johanna nach Tours, wo der König Hof hält, und fordert ihn auf zum Krönungszuge nach Rheims. Um dorthin zu gelangen, muß man ſich in einem weiten Halbkreiſe um Paris herumziehen, es iſt ein Weg von 50 deutſchen Meilen, alles Land iſt
in der Gewalt der Engländer, alle Städte auf dieſer Straße ſind von
ihnen beſetzt und der König gebietet über nicht mehr als 6 bis 7000 Mann. Vor der Tollkühnheit des Planes der Jungfrau erbeben die muthigſten Männerherzen, aber ſie ſetzt ihn durch.
Vor Jargeau, einem Städtchen unweit Orleaus, treffen die feindlichen Heere auf einander. Johanna kämpft in der vorderſten Reihe, ein gewichtiger Stein wird aus der Stadt geſchleudert, er fliegt gegen den Helm der Jungfrau, allein der Stein zerſpringt und nicht der Helm. Schon nahet Hilfe, die Oberſten rathen, von dem Unter⸗ nehmen abzulaſſen, indeß das Mädchen drängt zum Sturm und der Sturm glückt wieder, der tapfere Suffolk ergibt ſich, die Stadt iſt bezwungen. Da eilt der gewaltige Talbot, der erſte Kriegsheld Eng⸗ lands, herbei und bietet bei Patay eine Schlacht an. Die Schlacht wird angenommen, voll Begeiſterung werfen ſich die Franzoſen auf die engliſchen Linien und durchbrechen ſie, die Scharen Talbots ſuchen, von ſinnloſer Angſt befallen, ihr Heil in der Flucht, es beginnt ein raſendes Jagen, Talbot wird gefangen, ſein Heer löſt ſich auf, im Volksmunde lebt noch heute das Gedächtniß der blutigen Jagd von Patay. Von dieſem Tage an nahm man einen unermeßlichen Um⸗ ſchwung wahr, Tauſende ſtrömten zu den Fahnen des Königs, eine Stadt nach der andern überreichte dem rechtmäßigen Herrn ihre Schlüſſel. Nach kurzer Gegenwehr öffnete Troyes die Thore, bald darauf fiel das feſte Chalons und ſchon am 16. Juli 1429 zog Karl VII. in Rheims ein. Am 17. Juli war die Krönung. Johauna ſtand, ihre Fahne in der Hand, während der Feierlichkeit am Hoch⸗ altar. Sie kniete, die erſte von allen, vor dem Geſalbten nieder und ſprach:„Edler König! nun iſt das Wohlgefallen Gottes erfüllt, der da wollte, daß Ihr einzöget in Rheims, um Eure heilige Weihe zu empfangen. Erweiſet, daß Ihr der wahre König ſeid, dem Frank⸗ reich gehört.“
Die Jungfrau war in dieſem Augenblicke auf dem Höhepunkte ihres Lebens, ihre Prophezeihung war erfüllt, ihre Miſſion vollendet.
Blicken wir nun noch einmal auf das Weſen und das Betragen der Heldin während ihrer kriegeriſchen Laufbahn zurück. Sie hatte zu ihrer perſönlichen Verfügung 12 Pferde und erhielt als die Füh⸗ rerin einer beſonderen Schar eine Kriegskaſſe bis zu 12000 Livres. Sie gab mit vollen Händen und pflegte zu ſagen:„Ich bin zum Troſte der Armen und Hilfloſen geſandt.“ Sie trug beſtändig männliche, kriegeriſche Kleidung, ſaß ſicher und elegant zu Pferde und war geſchickt in der Handhabung der Waffen. In die Details der kriegeriſchen Operationen miſſchte ſie ſich nicht, ſie gab nur die leitenden Ideen an, und ſie that dies, wie ſie ausdrücklich verſicherte, auf Grund der Befehle ihrer Heiligen, die ihr fortdauernd erſchienen. Zwei ihrer Brüder begleiteten ſie als ihre Ehrenwächter im Felde. Ihr Quartier nahm ſie ſtets bei achtbaren und angeſehenen Frauen. In der Schlacht war ſie immer voran, zog aber niemals das Schwert, ſondern wehrte die Streiche der Feinde nur mit der Lanze ab. Niemals hat ſie einen Menſchen verwundet, geſchweige getödtet. Es iſt ſeltſam, daß Schiller in dieſem Punkte ſo auffallend von der Wahrheit abweicht und aus der Jungfrau eine mitleidloſe Kriegerin macht, die nicht einmal durch das Flehen des zarten, wehrloſen Knaben Montgomery gerührt wird, ſondern unbarmherzig jeden ihr vor die Klinge kommenden Engländer niederſtößt. Man darf wohl fragen, was iſt poetiſch ſchöner, die Jungfrau der Geſchichte, die nur der beſeelende Geiſt der materiellen Kräfte iſt, oder die bluttriefende Amazone des Dichters?
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