Jahrgang 
1865
Seite
202
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Der Proceß der Jungfrau von Orleans.

Von Dr. A. Vollert, Herausgeber des neuen Pitaval.

Die Dichter dreier Völker haben ſich mit Johanna d'Arc be⸗ Shakeſpeare, offenbar unter dem Einfluß der damals in England herrſchenden Volksmeinung, läßt ſie im erſten Theile ſeines Heinrich VI. die hölli⸗ ſchen Geiſter beſchwören und ihnen als Preis für ihren Beiſtand den Sein ſonſt ſo bewunderungswürdiger Genius hat kein Verſtändniß für das ſelt⸗ ſame Weſen, er ſtellt eine feile Dirne dar, die Geliebte des Königs Karl, des Herzogs von Alengon und des Königs von Neapel, die ihren Vater verleugnet und, um ihr Leben zu erkaufen, eine abgeſchmackte Voltaire macht gemüthlos aus ſeiner großen Landsmännin ein faſt widerliches Geſchöpf, ihre reine Geſtalt wird unter ſeiner Hand zur Trägerin platter, unſittlicher Erfin⸗

ſchäftigt, und ein jeder hat ſie anders aufgefaßt.

jungfräulichen Leib, das Leben und die Seele anbieten.

Unwahrheit vorbringt.

dungen und frivoler Witze.

Kunſtwerke hinterlaſſen.

war, hervorgezogen hat, iſt ein noch zarteres, noch edleres Gebilde.

Frankreich war ſeit dem Ende des 14. Jahrhunderts der Schau⸗ Das Ausland benützte die von England heirathete

die Tochter des wahnſinnigen Karl VI. von Frankreich, übernahm die Reggentſchaft für ihn und ſollte, laut des Vertrages von Troyes vom Karls Sohn, durch einen Parlamentsſpruch aller ſeiner Rechte verluſtig erklärt und aus dem Reiche verbannt, greift zu den Waffen, allein er unterliegt. Heinrich N entreißt ihm alles Land nördlich von der Loire, er wird zwar mitten in ſeinem Siegeslauf dahingerafft, aber die Engländer rufen ſeinen unmündigen Sohn zum König von Frankreich aus, und der tapfere Herzog von Bedford führt das ſieggewohnte Heer von neuem gegen

Er belagert Orleans, und Orleans iſt der Schlüſſel zum Wenn Orleans fällt, muß der Dauphin als heimatloſer

platz blutiger Fehden und Bürgerkriege. dort herrſchende Verwirrung. Heinrich V.

21. Mai 1420, ſein Nachfolger werden.

den Feind. Süden. Flüchtling in die Fremde ziehen.

Der letzte Sproſſe aus dem Hauſe Valois trauert einſam in

Chinon, er iſt ſeit kurzem durch den Tod ſeines Vaters König geworden, aber er iſt ein König ohne Heer, ohne Geld, ohne Freunde, verlaſſen von der ganzen Welt, ſchon denkt er daran, den nutzloſen Widerſtand aufzugeben und ſein letztes Bollwerk zu räumen, er ſchwankt noch, weeil ihn die ſtarke Seele der Königin hält. Siehe, da öffnen ſich mit einem Male die Tiefen des Volksgeiſtes und hervorſteigt eine ſeiner wunderbarſten Schöpfungen, ein Landmädchen, einfach und gering, aber voll Glauben an ihre göttliche Sendung und beſeelt von der in⸗ Mit dieſen beiden Mächten fällt die Jungfrau dem rollenden Rade in die Speichen, ſie wendet Frankreichs Geſchick, entſetzt Orleans und führt den König nach einem unvergleichlichen Waffengang triumphirend zur Krönung nach Rheims. V Im Frühjahr 1429 treffen in Chinon zwei Ritter ein und bringen ein Mädchen mit, welches in männlicher Tracht, gewaffnet wie ein Die Ritter melden dem Könige, ihre Begleiterin behaupte, der Erzengel Michael, die heilige Katharina und ddie heilige Margarethe ſeien ihr erſchienen und hätten ihr befohlen, zum Könige zu gehen, Gott wolle ihn durch ihre Hand retten, denn

V brünſtigſten Liebe zu ihrem Vaterlande.

Kriegsmann, einherſchreitet.

ſie ſolle Orleans befreien und den König gen Rheims geleiten. welches ſo Abenteuerliches ankündigte, zu empfangen. valieren ihrer mit großer Spannung harren.

ſprechenden Zügen.

Seinem Drama liegt die Idee zu Grunde, daß die Vaterlandsliebe nie wuchtigere und nachhaltigere Stöße führt, als wenn ſie zuvor hinabgetaucht iſt in das religiöſe Leben und dort ihr göttliches Recht, ihre ſittliche Verklärung und ihre höhere Weihe gefunden hat. So zart und ſo edel aber unſer deutſcher Dichter ſeine Jungfrau gezeichnet hat, die geſchichtliche Jungfrau, deren Bild die neuere Forſchung aus dem Schutt, unter dem es faſt vergraben

3. 2 Schiller hat uns in ſeiner Jungfrau eins ſeiner beſten

Nach langen Berathungen entſchloß ſich der König, das Mädchen, Die Jungfrau wird in eine Halle geführt, wo Karl und mehrere Hunderte von Ca⸗ . Sie tritt ein, ein 1 7ähriges, ſchlankgewachſenes kräftiges Mädchen mit feinen, an⸗ Ihr Teint iſt weiß, die kaſtanienbraunen Haare trrägt ſie nach Reiterart rund geſchnitten, ihre Stimme iſt zart und

wohlklingend, ihre ſchönen, mandelförmig geſchlitzten Augen haben einen melancholiſchen Ausdruck. Sie geht wit edlem Anſtand auf den König zu, beugt vor ihm das Knie und hebt an:Gott verleihe Euch ein glückliches Leben, edler Dauphin! Karl weiſt, um ſie auf die Probe zu ſtellen, ablehnend auf einen neben ihm ſtehenden Ritter mit den Worten:Das iſt der König. Johanna antwortet ſchnell: Bei meinem Gott, Ihr ſeid es, edler Prinz, und kein andrer. Der König frägt ſie nun nach Namen und Herkunft. Sie erwiedert: Ich heiße Johanna, die Jungfrau, und Euch entbietet der Herr des Himmels durch mich, daß Ihr ſollt gekrönt werden in der Stadt Rheims und ein Statthalter des Königs des Himmels ſein, welcher iſt der wahrhafte König von Frankreich. Gott hat Mitleid mit Euch und mit Eurem Volke, denn der heilige Ludwig und Karl der Große liegen auf den Knien vor ihm und bitten für Euch.

Der König ſandte die Jungfrau, die ſein Vertrauen gewonnen hatte, nach Poitiers und befahl, daß die angeſehenſten Männer geiſt⸗ lichen und weltlichen Standes die Sitten und den Glauben Johannas ſtreng unterſuchen ſollten. Unter dem Vorſitz des Kanzlers von Frankreich prüfte die Kommiſſion drei Wochen lang; ſie kam zu fol⸗ genden Reſultaten: Johanna iſt die Tochter des Bauers Jaeob d'Arc und ſeiner Ehefrau Iſabella, geboren um das Jahr 1411 zu Dom⸗ remy, einem lothringiſchen Dorfe an der Moſel. Sie hat mit vier Brüdern und einigen Schweſtern ſtets im Hauſe ihrer Eltern gelebt und von früher Kindheit an einen tiefreligiöſen Sinn, ein weiches Gemüth und einen leidenſchaftlichen Drang zur Wohlthätigkeit an den Tag gelegt. Sie kennt die zehn Gebote, den Glauben, das Vaterunſer und das Ave Maria, leſen und ſchreiben kann ſie nicht, ſie hat willig die ihr obliegenden häuslichen Geſchäfte verrichtet. In ihrem 13. Jahre ſteht ſie eines Sonntags um Mittag im Garten, als ſich plötz⸗ lich um ſie herum eine wunderbare Klarheit verbreitet, ſie hört eine Stimme reden, die ſich ihr als die Stimme des Erzengels Michael zu erkennen gibt, bald geſellen ſich zu ihm zwei weibliche Heilige, deren Bilder in ihrer Dorfkirche hängen: St. Katharina und St. Marga⸗ rethe. Die Stimmen ermahnen ſie, gut und fromm zu ſein. Die Erſcheinung wiederholt ſich, Johanna wird von ihr jedes Mal tief bewegt, ſie fällt auf die Knie, faltet betend die Hände, umſchlingt die himmliſchen Geſtalten, küßt den Boden, wo ſie geſtanden und weint bitterlich, wenn ſie verſchwinden. Fortan entzieht ſie ſich allen kind⸗ lichen Spielen und weiſt viele Bewerber um ihre Hand hartnäckig ab, weil ſie den Heiligen ewige Jungfräulichkeit gelobt hat.

Zwei Jahre darauf berührt der Kriegslärm auch ihre ſtille Heimat. Die dynaſtiſch geſinnten Bewohner von Domremy müſſen fliehen, ſo oft burgundiſches Kriegsvolk naht. Um dieſe Zeit, wo die politiſchen Stürme in das eigene Leben Johannas eingreifen, erhält ſie von ihren überirdiſchen Erſcheinungen den Befehl, für ihren König in den Kampf zu ziehen. Sie ſträubt ſich, zu gehorchen, indeß der Befehl wird wiederholt. Ohne Vorwiſſen ihrer Eltern verläßt ſie das Vaterhaus und ſetzt es endlich durch, daß der Ritter Baudricour ſie von Vaucouleurs nach Chinon zum König geleiten läßt.

Die würdigen mit der Prüfung betrauten Männer in Poitiers gingen äußerſt mißtrauiſch an die Sache. Die Meiſten hielten Jo⸗ hanna für eine Phantaſtin oder für beſeſſen, an ihre göttliche Sendung glaubten nur Einzelne, indeß allmählig wechſelte die Stimmung. Die edle und ſchwungvolle Redeweiſe, die reine Erſcheinung und das ſichere Auftreten der Jungfrau, die alte Weiſſagung, daß Frankreich durch ein Mädchen aus großer Noth errettet werden ſollte und der feſte Glaube des leicht entzündlichen Volkes, welches für die Jungfrau ſchnell und entſchieden Partei genommen hatte, dies alles wirkte zu⸗ ſammen, ſo daß das Gutachten ſchließlich dahin ausfiel: Die Kom⸗ miſſion habe an Johanna nichts gefunden, was dem katholiſchen Glauben und dem chriſtlichen Leben zuwider ſei, nichts als Demuth, Frömmigkeit, Chrbarkeit und Einfalt, daher in Betracht eines Noth⸗ ſtandes, der keine Hoffnung übrig laſſe als auf Gott, der König die Dienſte dieſes jungen Mädchens wohl annehmen dürfe, auf daß man nicht, ſie zurückweiſend, ſich der Gotteshilfe unwerth mache. Johanna erhielt vom König eine nach der Geſtalt ihres Körpers gearbeitete Rüſtung. Mit Beinſchienen bekleidet, darüber den purpurnen, gold⸗

geſticten tinen a holten S neiſter, Fahnen) in der Fraukte⸗ Kathari ſagt: 7

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