Lippold.
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ziehen der Jagdgeſellſchaft mit anſehen. Galant ritt der Kurfürſt an die Sänfte und bot der Gattin einen guten Morgen, ihr die hagere elfenbeinfarbige Hand küſſend. Die Hofherren und Hof— damen bildeten ſofort wieder einen Kreis um die Sänfte und die kranke Fürſtin, deren Wangen die friſche Winterluft eine leichte Röthe
verlieh, ſchien außerordentlich heiter.
Plötzlich verfinſterte ſich das Antlitz Hedwigs. Ihre Augen hafteten auf einem Gegenſtand, der ihrer Sänfte gegenüber ſtehen mußte. Aller Blicke folgten denen der Fürſtin. Der Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit war eine ſchöne, hochgewachſene Dame. Ein braunes Reitkleid umſchloß den ſchönen Körper. Goldne Knöpfe, vom Halſe an bis unten an den Rand des Kleides ſich hinziehend, ſchloſſen das Gewand. Ein Federhut aus feinſtem Seidenhaare bedeckte das Köpfchen und koſtbare Spitzen umgaben den Hals. Die Dame war nicht mehr jung, aber ſie zeigte in ihrem ganzen Weſen ſo viel des Imponirenden, daß die jugendlichen Reize vollkommen dadurch erſetzt wurden. Leicht und anmuthig bewegte ſie ihren reichgeſchmückten Zelter.—„Die Sydow,“ murmelte alles.„Die Ginſterin.“ Es war Anna Sydow, des Kurfürſten Geliebte, die Witwe des Ginſters. Sie hatte den Muth, auf der Jagd zu erſcheinen. Sie forderte heraus. Sie machte ihre vermeintlichen Rechte auf das Herz des Churfürſten öffentlich geltend. Hinter der Sydow ritten ihre zwei Junker, der eine trug einen reichen Pelz, der andere hielt eine leichte Büchſe auf dem Sattel. Kurfürſt Joachim war in offenbarer Verlegenheit, er faßte ſich aber bald und begnügte ſich, die Sydow artig zu grüßen.
Die Jagd begann. Kaum ertönten die Hörner, ſo eilte alles in wilder Haſt hinein in den Wald. Unter den in vorderſter Reihe befindlichen Jägern konnte man auch die Vettern von Schliefen bemerken. Endlich ſahen die Reiter das Wild dicht vor ſich aus⸗ brechen, mit lautem Halloh ſetzte die Meute hinterher und Herren und Damen folgten wie Pfeile. Die Hufen der Pferde warfen und wirbelten den Schnee empor, die Nüſtern dampften und die Schweiß⸗ flocken flogen umher.
Henning Schliefen, der ſich faſt an der Spitze befand, ſchien in ſeinem Jagdeifer alles vergeſſen zu haben. Er kannte weder Lippold, noch deſſen Forderung, als er den ungeheuren Hirſch betrachtete, der vor ihm auf und ab raſte. Wenn er ſo glücklich war das Thier mit ſeinem Jagdſpieße abfangen zu können! denn ſo war die Jagd
befohlen. Man ſollte vom Pferde herab den Hirſch mit dem Speere treffen. Tief in den Wald hinein jagten die tollen Reiter. Der
Hirſch verwirrt ſich— er ſtockt in dem Gehölz— die Hunde ſind hinter ihm— ein weiter Kreis von Reitern umgibt ihn. Hart vor einer Lichtung ſtockt der Zug, Henning will ſich hineinwerfen. „Zurück da,“ donnert eine Stimme hinter ihm. Der Edelmann wendete betroffen das Haupt. Er ſah ſich einem der Junker der Sydow gegenüber und dicht hinter demſelben trabte ſchon die ſchöne Reiterin heran.„Weshalb zurück?“ fragte trotzig Henning Schliefen. „Die Dame will an den Hirſch.“ „Welche Dame?“ fragte Henning.„Ich, mein Freund,“ rief die Sydow, dicht an den Edelmann heranreitend.„Das iſt ein ſonderbar Verlangen, Frau. Die Jagd iſt für Jedermann frei. Einer Bitte hätte ich gern nachgegeben, dem Befehle nie.“ Ohne ſich weiter zu kümmern, ſetzte er ſein Roß in Bewegung und eilte dem Wilde nach. Erſtaunt und betroffen blieben die Sydow und ihre Begleiter zurück.„Wer iſt der Thor, wer iſt der Lümmel?“ rief die Sydow.„Es iſt ein Schliefen,“ entgegnete der Junker.„Ich will mir den Namen merken.“ Längſt hatte die Jagdluſt nachgelaſſen. Im Saale des Schloſſes ſaßen ſie alle beim Mahle und der Becher kreiſte. Der Kurfürſt ging um die Tafel und munterte die Gäſte zum Trinken auf. Nach der Tafel zog der Fürſt ſich in ein Seitengemach zurück. Die heitre Laune, welche Joachim zur Schau trug, machte den Vettern Schliefen Muth und da nun ein Jeder zum Schluß einen Jagdwunſch herſagen mußte, dem Kurfürſten zu Ehren, ſo ergriff Traugott die Gelegenheit. Er nahete ſich mit ſeinem Vetter dem Kurfürſten und begann eine Art Improviſation, durch welche er ſich als Lippolds Schuldner bekaunte, den er mit einem Jäger verglich. Obgleich der Kurfürſt ſehr viel auf den Juden hielt, ſah er es doch nie ungern, wenn Witze über Lippold gemacht wurden. Die Vettern glaubten nun ihrer Sache gewiß zu ſein, waren aber nicht wenig erſtaunt, als der Fürſt ihnen ein finſtres Geſicht zog und ſie mit ſehr böſen Blicken I. 14
muſterte.„Das ſoll ein Anrufen meiner Hilfe ſein? Ich glaub's wohl. Ich habe aber keine Luſt zu helfen.“„Durchlauchtiger Fürſt,“ ſtammelte Henning.„Wenn man mir treu und ergeben ſein will, ſoll man es auch gegen die Leute ſein, die mir nahe ſtehen. Man verweigert Damen keinen Durchzug, wenn es gilt, einen Hirſch zu ſtellen. Gott befohlen.“
Die Vettern wußten nun, woran ſie waren. Geſenkten Hauptes gingen ſie aus dem Gemache und beſtiegen ihre Roſſe. Schweigend ritten ſie nach Berlin zurück.„Der Jude hat uns ſicher,“ ſagte endlich Traugott,„und der Kurfürſt wird ſich unſrer nicht annehmen. Warum haſt Du der Sydow auch den Durchritt verweigert.“
Eine ſtille Mondnacht lag auf Berlin und der ganzen Umgegend. die Glocken der Kirchen waren in voller Bewegung, ſie läuteten am erſten Neujahrstage des Jahres 1571. Zwei Männer ritten den Weg entlang, der von dem Dorfe Tempelhof nach Berlin führte. Es waren unſere beiden Vettern, die ſich wieder einmal vergeblich bemüht hatten, die fällige Summe aufzutreiben. Es war ein harter Tag, der den Edelleuten bevorſtand. Ihre Ehre verbot es, ſich flüchtig zu machen. Sie mußten und wollten einſtehen mit ihrem Leibe und ſich ausliefern dem Gerichte, wenn der Jude es anrief.„Wer weiß, was morgen um dieſe Zeit mit uns geſchehen iſt,“ ſagte Henning traurig. „Die Allmacht des Juden iſt gar zu groß.“„Er weiß gewiß Dein Begegniß mit der Sydow“, meinte Traugott.„Glaubſt Du?“ „Sicherlich. Sie ſpielen ſich beide in die Hände. Er macht die Rechnungen für die Kinder der Sydow und er ſetzt dem Kurfürſten aufs Papier, was ſie ihm dictirt.“„Der Kurfürſt ſollte doch noch günſtig zu ſtimmen ſein, wenn er nicht uns abwendig gemacht worden wäre. Ich wünſchte ihn nur ein Mal noch ſprechen zu können, um“— „Hollah, was iſt das— ſieh dort,“ ſchrie Henning, in die Ferne weiſend. Sie blickten auf und ſahen über Berlin eine feurige, in rothen Strahlen zuckende Kugel ſchwebend. Sie fuhr aus den Lüften hernieder und ſenkte ſich mit leiſem Gepraſſel auf das kurfürſtliche Schloß, wo ſie in tauſenden von Funken auseinanderbarſt.„Ein gräulich Himmelszeichen,“ riefen die Vettern.„Das hat eine ſchwere Bedeutung,“ ſagte Henning ſeufzend.„Gott ſchütze vor Unheil!“
D
Das Jagdhaus zu Köpenick war am 2. Januar des Jahres 1571. ſehr belebt. Es war eine Jagd veranſtaltet worden, an welcher der Kurfürſt Theil genommen hatte. Hell flackerten die Kaminfeuer, eine behagliche Wärme durchzog die hohen Gemächer und im Speiſezimmer wartete eine reichbeſetzte Tafel der Gäſte, welche von der Jagd zurück⸗ kommen ſollten. Lautes Hundegebell, klingendes Reitzeug, Rufen und Scharren verkündete die Ankunft der Jäger. Der Reitknecht hob den Kurfürſten vom Roſſe. Geſtiefelt und geſpornt trat Joachim in den Saal. Die Pagen zogen ihm ſchnell die ſchweren Reitſtiefel von den Füßen und bekleideten ihn mit warmen Socken. Bald ſaßen alle um den Tiſch beim Glaſe und zur Erheiterung des Kurfürſten wurde eine jener launigen Tiſchreden Luthers geleſen, die ſo wunder⸗ bare Miſchung von Ernſt und Humor in ſich tragen.
Da plötzlich ſenkt der Kurfürſt das Haupt. Allgemeine Stille tritt ein. Beſorgt blickt alles auf den Herrn. Er ſitzt ſchweigend da. Endlich hebt er ſein Haupt, er ſieht auffallend bleich aus. Mühſam öffnet er den Mund.„Wo iſt ein Maler, der mir das Bildniß des Gekreuzigten ſchnell und gut auf die Wand zeichnen kann?“ Alles ſtaunt, und der Schrecken, den dieſe unerwartete Rede hervor⸗ bringt, läßt ſich nicht beſchreiben.„Iſt kein Maler da?“ ruft der Kurfürſt. Man verneint es.„Dann ſchnell eine Kohle, Kreide oder was ſonſt.“ Man ſchafft eilig Kreide herbei. Der Kurfürſt erhebt ſich von dem Seſſel und tritt zur Wand. Langſam beginnt er einen gekreuzigten Chriſtus auf die Wand zu zeichnen. Eine tiefe Stille herrſchte im Saale. Es waren viel Gäſte anweſend, aber niemand ſprach ein Wort und jedes Auge folgte den Handbewegungen des Kurfürſten. Als er die Zeichnung vollendet, ſagte er ruhig: „Jetzt gehe ich zu Bette. Gute Nacht allerſeits.“ 1
Ein Stöhnen des Kurfürſten. Eine mächtige, furchtbare Con⸗ vulſion. Sein Herz ſchlägt gewaltig. Seine Hände greifen hinaus in die Luft. Er ruft um Hilfe, während ein erſtickender Huſten ihn anfällt. Der Leibarzt eilt herbei, ein Aderlaß wird vorgenommen, nur ſpärlich rinnt das Blut. Nacht umflort des Kurfürſten Augen. Er ruft: man ſolle beten.„Es iſt ein wahres, theures Wort, daß


