Freund⸗
Dauer
Wien,
blos bei Mondenſchein das romantiſche Traumbild vergangener Größe und Herrlichkeit ſchemenartig geſtaltet, um bald darauf vom Nebelgewölk einer düſteren Melancholie in Nichts erdrückt zu werden.
Von Malghera wurde Heinrich nach der Inſel Murano, und nachdem er ſich hier ein wenig von der Aufregung eines berauſchen⸗ den Feſtzuges durch die blühenden und glücklichen Provinzen Vene⸗ digs erholt, nach dem Lido gebracht, wo heute noch das Kirchlein St. Nicolo, vom friſcheſten Grün umrahmt, idylliſch heiter über die Lagune ſchaut. Hunderte von Barken und Gondeln, alle mit dem bunteſten Zierrath, mit übermüthig in die Fluten niederwallenden Seidenſchärpen und Sammettroddeln behangen, gaben dem könig⸗ lichen Prachtſchiffe ein farbenprächtig lebendiges Geleite. Auf dem Lido ſtand ein Triumphbogen, ſchön griechiſch gedacht, Meiſter Palladio hatte ihn ausgeführt. Unter demſelben fand die erſte Be⸗ gegnung zwiſchen dem Könige und dem Dogen Mocenigo ſtatt, wo⸗ rauf beide, nach kurzer Andacht im Lidokirchlein, den Bucentoro be⸗ ſtiegen, den 350 Slavonen durch den Maſtenwald der Kriegs⸗ und Handelsflotte, umringt von einer Welt von Gondeln, unter dem Kanonendonner der Ehrenſalven und dem Jauchzen des auf Molo, Brücken, vor Fenſtern und auf Dächern dichtgedrängten Menſchen⸗ gewimmels am Dogenpalaſte vorbei zum Palazzo Foscari ruderten. Nun drängte ſich Feſt an Feſt: Serenaden ohne Zahl, Regatten auf Arſenalotten und rothen Nicolotten, Gaſtereien, Bälle und Luſt⸗ fahrten. Mit großem Selbſtbehagen erzählen die Chroniſten(Arno Benedetto, Sanſodino) wie die Nacht zum Tage umgeſchaffen und alles— Kirche, Palaſt und Hütte mit einem feenhaften Lichtermeer übergoſſen war, wie vor der Wohnung des Königs auf blumenge⸗ ſchmückten Schiffen die beſten Sänger ihre Lieder vorgetragen, wie der König endlich gar nicht zu ſich ſelbſt gekommen ſei vor Entzücken und Staunen, bald den, bald jenen umarmt und gar nicht müde ge⸗ worden, die Edlen Venedigs zu ſeinen Rittern zu ſchlagen. Man merkt den Erzählern ihr ſelbſtbefriedigtes Schmunzeln an, wenn ſie vom Beſuche des Königs im Arſenal berichten, von ſeinem Staunen über die gewaltige Stadt, über die regſame Thätigkeit der Arſena⸗ lotten, über die Schiffe, Waffen und Vorräthe. Ermüdet verlangt er nach einem Augenblick Raſt; in einen fürſtlich dekorirten Saal geführt, wird er mit Sorbet bewirthet, aber merkt nicht eher, daß Teller, Meſſer und alles Speiſezubehör gar künſtlich aus Zucker⸗ werk geformt geweſen, bis ihm die Serviette entfällt und zu ſüßem Pulver zerbricht. Und allerliebſt ſind dieſe Venetianer, wenn ſie von dem glänzenden Ballfeſte erzählen, das der Senat im Saale des Conſiglio grande veranſtaltet, und berichten, wie vor all der
Pracht, dem Glanze und gar der wundervollen Mädchenſchar, ſo lieblich blond wie Meiſter Palma eine davon in ſeiner heiligen Bar⸗ bara verewigt hat, der König dageſtanden und vergeſſen habe, daß er als König berechtigt geweſen, ſein Federbaret auf dem Kopfe zu behalten. Uebrigens hatte ſich Heinrich in dieſem Feſtſaale ſeiner Befangenheit wegen nicht zu ſchämen; ſtand er ja doch unter den Wunderwerken, die, ganz kürzlich aus den Werkſtätten der Tintoretto, Palma, Bellini und Veroneſe hervorgegangen, Zeugniß gaben von der Weltgröße der kleinen Republik! Es waren ja auch die bedeu⸗ tendſten Fürſten Italiens herbeigekommen, den jungen König zu be⸗ grüßen, von dem ſich Italien ſo gar viel mehr verſprochen, als er zu halten befähigt war. Unter dieſen befand ſich Alfonſo, der Duca von Ferrara, mit ihm Taſſo, ja man erzählt, daß auch die Prinzeſſin Leonore damals in Venedig geweilt habe.
Glänzend hatte ſich die Republik gezeigt, fürſtlich aber waren auch von Heinrichs Seite die Dankäußerungen. Dem Dogenſtolze ſtand es prächtig an, daß Mocenigo den koſtbaren Diamant, den der König ihn bat zum Andenken ſeiner Liebe für Venedig zu tragen, zu⸗ rückweiſen wollte. Als jedoch Heinrich drängte, gab er Befehl, den Diamant in einer goldenen Lilie zu faſſen und als franzöſiſches Wahrzeichen im Schatze der Baſilica St. Marco aufzubewahren. Was ein franzöſiſcher König gegeben, hat ein franzöſiſcher Kaiſer in ſpäterer Zeit wieder nach Paris gebracht.
Ungefähr 15,000 Dukaten hatte der leichtlebige Jüngling in Geſchenken zurückgelaſſen, und es überraſcht uns nicht im Geringſten, wenn wir von ſeinem Beſuche bei dem reichen Fugger leſen, der ihn in ſeinem im Fondaco dei tedeſchi eingerichteten Palaſte mit fürſt⸗ lichem Glanze und dem Stolze des reichſten Handelsherrn der da⸗ maligen Welt empfing und vielleicht unbeſchränkten Credit anbot, oder ihm gar, wie ſein Vater dem Kaiſer, in deſſen Reiche die Sonne nie unterging, eine runde Million Goldgulden ſchenkte, eine ähnliche Augsburger Aufmerkſamkeit erwies.
Aber ſo berauſchend die Reihe aller dieſer bunten Eindrücke auf Heinrich geweſen, hatte er doch keinen Augenblick aufgehört Franzoſe zu ſein, und waren die offiziellen, öffentlich dargebotenen Genüſſe durchkoſtet, ſo lockte es doch auch den Jüngling, bei Nacht und bei Mondenſchein durch die Kanäle Venedigs zu fahren und roman⸗ tiſche Abenteuer aufzuſuchen.
Als Heinrich nach einer Abſchiedswoche voll Feſten, Luſt und Freuden abgereiſt war,— ahnte wohl niemand in Venedig, daß ein Jahr darauf ein neuer Gaſt kommen würde, der ſtatt Freude— Verzweiflung, ſtatt Jubel— Tod, und ſtatt eitler Pracht— Ver⸗ nichtung bringen ſollte.— Und der Gaſt kam, und gräßlich wüthete die Städteverwüſterin: die Peſt.
Am Janilientiſche.
Der letzte däniſche Kriegsgefangene.
Graf R., Lieutenant im erſten däniſchen Infanterie⸗Regiment, ein leidenſchaftlicher Jäger, beſaß einen Jagdhund von ausgezeichneter Race, der ihm ſehr werth war. Beim Beginn des Krieges mit Preußen und Oeſtreich ſtand er mit ſeinem Regiment in den Dannewerken; ſein treuer Hund war ihm dahin gefolgt. Am 3. Januar kam er zum erſten Male bei Jagel ins Gefecht. Das Regiment zog ſich, von der Brigade Noſtiz ge⸗ worfen, zurück und nur die Compagnie, bei welcher Graf R. focht, wehrte ſich noch längere Zeit.
Aus dem hohen Geſtrüpp am Eiſenbahndamme aufkeuchend, bekam er, als einer der letzten, Feuer aus dem dort befindlichen Bahnwärter⸗ häuschen. Die erſten Schüſſe gingen zwar fehl, aber endlich fühlte er ſich durch einen Schuß im Rücken verwundet, ſtürzte nieder und verlor die Beſinnung.
Nach einiger Zeit kam er ſoweit wieder zu ſich, daß er ſich ſeiner Lage bewußt wurde. Matt von Blutverluſt band er ſich ein ſeidenes Taſchentuch feſt um den Leib, that einen tiefen Zug aus ſeiner Feldflaſche und halb kriechend, halb gehend kam er nach furchtbaren Anſtrengungen und halb⸗ todt nach Jagel. Hier fand er Hilfe; ein preußiſch perband ihm ſeine Wunde. Auf einem Stuhle ſitzend verbrachte der Arre unter Qualen und im Wundfieber die nächſte Nacht. 7
Am folgenden Tage wurde er nach Rendsburg ins Lazareth gebracht, dort geheilt, und kam ſpäter als Kriegsgefangener in die Feſtung Magdeburg. Von ſeinem Hunde hatte er ſeit ſeiner Verwundung nichts geſehen und dies ſchmerzte ihn mehr als ſeine Wunde. Sobald er die Feder zu führen im Stande war, ſchrieb er an die Cameraden ſeines Regiments und bat ſie um Nachricht über denſelben.
Nach langer Zeit ſchrieb ihm ein Camerad, daß der Hund bei Oberſelk
noch beim Regiment geſehen worden, aber von niemanden Futter ge⸗ nommen habe und dann verſchwunden ſei.
Graf R. wurde nach dem Frieden entlaſſen und kam in ſeine Heimat zurück. Hier begannen ſeine Nachforſchungen von neuem, aber vergeblich. Bei ſeinen Kreuz⸗ und Querfahrten im Lande machte er zufällig auch die Bekanntſchaft eines Unteroffiziers vom 4. Garde⸗Grenadier⸗Regiment Auguſta, das bei Jagel mit ins Gefecht gekommen war. Ohne an einen Erfolg zu glauben, frug er auch dieſen, ob ihm nicht auf ſeinem Kriegszuge ein weißer langhaariger Hühnerhund mit braunen Flecken zu Geſicht gekommen ſei.
Anfangs wollte ſich der Kriegsmann auf nichts beſinnen, endlich jedoch erwiderte er, er hätte einen ſolchen Hund geſehen, der einem Hauptmann v. G. vom 4. Garde⸗Grenadier⸗Regiment gehöre.
Dieſen Fingerzeig benutzend, ſuchte Graf R. den Hauptmann v. G. auf, theilte ihm ſein Anliegen mit und bat ihn, ihm den Hund zurück zu geben, indem er gern bereit ſei, jeden geforderten Preis für das Thier zu erſtatten,
v. G. erwiderte verbindlich, daß er nicht anſtehen würde, den Hund zurückzugeben, daß dieſer ſich aber leider zur Zeit in Breslau befinde, wohin eer ihn zu Verwandten geſchickt habe und daß er jede Bezahlung ſelbſt⸗ verſtändlich von der Hand weiſe. Dann erzählte er ihm noch Folgendes:
„Als wir in Kolding ſtanden, kam eines Tages ein wunderſchöner, aber ganz ermatteter und verhungerter Hühnerhund an mich heran, beroch mich und wollte weiter laufen. Es glückte mir, ihn am Halsband zu erwiſchen und ich nahm ihn mit in meine Wohnung. Nach vielen Bemü⸗ hungen gelang es mir, ihn zur Annahme von Speiſe zu bewegen und nur ſehr langſam gewöhnte ſich das edle Thier an mich und meinen Burſchen. In den darauf folgenden Gefechten führte ich meinen Gefangenen immer an⸗ der Leine mit, und wurde dadurch oft in arge Gefahr verſetzt, denn die Dänen ſchoſſen nach mir mehr wie nach jedem andern, da ich durch den Hund be⸗ ſonders kenntlich war. Die Vorſehung bewahrte mich indeſſen und ich blieb unverſehrt. Da ich den Hund aber niemals von der Leine laſſen


