menſchlichen Erkenntniß für ſein Theil zu documentiren beiträgt. Spotten wir daher nicht jener Männer, die oft ein beträchtliches Vermögen beim Sammeln dieſer typographiſchen und literariſchen Seltenheiten aufgewendet haben; in unſerm deutſchen Vaterlande ſind dieſelben ohnehin dünn genug geſäet; während man in England gewohnt iſt, eine wohl ausgeſtattete Bibliothek als ein nothwendiges Erforderniß eines reichen Hauſes zu betrachten, wird man in den Schlöſſern unſeres Adels dergleichen Bücherſammlungen nur ſelten, in den Paläſten unſerer Kaufherren faſt gar nicht finden; der deutſche Antiquar kann es beſtätigen, daß bei weitem die meiſten ſeiner literariſchen Koſtbarkeiten ins Ausland verkauft werden.
Doch kehren wir zu unſeren Folianten zurück und betrachten wir uns einige derſelben näher. Dieſe ſieben gewaltigen Bände in größtem Formate, mit ſchweren Deckeln von Eichenholz, können wir nur mit Aufbietung der ganzen Kraft unſerer Arme von der Stelle bewegen; es iſt das Speculum(der Spiegel) des Vincenz von Beauvais(Straßburg bei Mentelin gedruckt 1573— 76), eine Encyclopädie, welche die Summe aller menſchlichen Kenntniſſe im Mittelalter umfaßt— das Brockhausſche Converſationslexicon jener Zeit, freilich in etwas minder beqguemem Format. An dieſem mit feinen Miniaturmalereien geſchmückten Meßbuch ſehen wir noch Bruchſtücke der Kette, mit der es als ein koſtbares Beſitzthum an den Chorpult geſchloſſen war, zum Schutz gegen frommen Diebſtahl. Jener ſtattliche Band enthält das bekannte und wegen ſeiner Tauſende von Holzſchnitten geſchätzte Liber chronicarum, eine allgemeine Weltgeſchichte, in Nürnberg 1493 gedruckt. Das Exemplar iſt früher jedenfalls im Beſitz eines ſtrenggläubigen Katholiken geweſen, denn wir finden zufällig beim Aufſchlagen des Buches auf Blatt 159 die Stelle mit der Erzählung von der Niederkunft der Päpſtin Johanna mit Dinte überſtrichen, die jedoch ihren Zweck nicht erreicht hat, indem die Schrift darunter noch lesbar hervorſchimmert. praktiſche ruſſiſche Cenſur bedient ſich heute zu gleichem Zwecke der gründlich zudeckenden Druckerſchwärze.
Ein gleichalteriger Band daneben zeigt uns einen deutſchen Pracht⸗ druck: den berühmten Theuerdanck(Augsburg 1517), eine Erzählung der Thaten(oder wie der Titel ſagt: Geverlichkeiten) des ritterlichen Kaiſers Maximilians I. In ſchön geſchnittenen, großen, gothiſchen Lettern, mit kühnen Schreiberzügen untermiſcht und mit zahlreichen Holzſchnitten von Haus Schäufelein geziert, auf feines Pergament gedruckt, gibt dieſes ſeltene Werk ein glänzendes Zeugniß der Tüchtig⸗ keit und dem Geſchmacke der ehrenwerthen Buchdruckerzunft jener Zeit. Das trefflich erhaltene Exemplar, dem ein feinfühlender früherer Beſitzer einen koſtbaren Einband von rothem Maroquin mit reicher Goldprägung gegeben hat, könnte auch den Nichtſammler nach ſeinem Beſitz begehrlich machen, doch ziehen wir uns vor dem geforderten Preis von 150 Thaler ſcheu zurück.
Eine Reihe von Bibel⸗Ausgaben der vorlutheriſchen Zeit, darunter die ſchöne neunte deutſche Bibel(Nürnberg, bei Koburger 1483) und die berühmte niederdeutſche Bibel(Cöln um 1480), beide mit zahlreichen naiven Holzſchnitten, leitet uns hinüber zu den Fächern, welche die Werke Luthers und ſeiner Genoſſen beherbergen. Staunen und Verehrung erfüllt uns, wenn wir hier die lange Reihe der Schriften des raſtlos kämpfenden Reformators erblicken, die der Beſitzer mit beſonderer Vorliebe ſammelt und ergänzt, kauft und verkauft. Von 1517 bis zu ſeinem Tode im Jahre 1546 iſt wohl kaum ein Jahr vergangen, in welchem Luther nicht eine oder mehrere Schriften an die tief und mächtig bewegten Geiſter ſeiner Zeitgenoſſen richtete, die meiſt in tauſenden von Exemplaren gedruckt, wieder gedruckt und nachgedruckt wurden. Sein unſterbliches Hauptwerk, die Bibelüberſetzung, an der er von der erſten Ausgabe 1523 bis zur letzten Reviſion im Jahre 1541 unabläſſig beſſerte und feilte, finden wir in mehreren Ausgaben in Folio vertreten, während die zahlreichen eigentlich reformatoriſchen und Streit-Schriften— meiſt aus wenigen Bogen beſtehend, auf dem Titel mit einer Randleiſte in Holzſchnitt verziert— ſchon das handlichere Quart⸗Format angenommen haben.
Die durch die Reformation und den aus ihr erwachſenen dreißig⸗ jährigen Krieg auf kirchlichem und politiſchem Gebiet hervorgerufenen Kämpfe ſpiegeln ſich in vielen hunderten kleiner Schriften, die in unſcheinbarem Gewande ſich weit im Volke des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts verbreiteten und den Geiſtesacker langſam, aber nachhaltig bearbeiteten, daß er fähig ward, den Samen, den unſere großen Denker und Dichter im 18. Jahrhundert ausſtreuten, in ſich aufzu⸗
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nehmen und zu der Blüthe gedeihen zu laſſen, deren ſich das heutige Geſchlecht erfreut.. Während deſſen bebaute unſer Nachbar Mijnheer, in den reichen und aus dem ſpaniſchen Unabhängigkeitskampf ſtolz und ſelbſt⸗ bewußt hervorgegangenen Niederlanden, das eigentliche Feld der Wiſſenſchaften mit großen und dankenswerthen Erfolgen, unterſtützt von einer Anzahl angeſehener Buchhändler⸗Firmen, unter denen die länger als ein Jahrhundert blühende Familie der Elzeviere den unbeſtrittenen erſten Rang einnimmt. Jene lange Reihe aus ihrer Officin hervorgegangener, kleiner niedlicher Duodez⸗Bändchen, meiſt in weißes Pergament gebunden, auf ſchönes, feſtes Papier mit den zierlichſten Lettern gedruckt, beurkundet ſchon in jener Zeit(17. Jahrh.) den dem Holländer eigenthümlichen Sinn für Sauberkeit. In ſchönen Exemplaren werden ſie ſeit langer Zeit von den Sammlern eifrig geſucht und gut bezahlt, und wir begegnen hier einer jener harmloſen Excentricitäten, wie ſie ſo häufig bei dem Vollblut⸗Sammler ſich finden: der Werth dieſer allerliebſten Bändchen ſteigt nämlich in raſchem Verhältniß mit dem mehr oder weniger breiten weißen Rande der Exemplare, und gar ein von dem Meſſer des Buchbinders an den Rändern nicht berührtes, d. h.„unbeſchnittenes“ Exemplar wird den Puls ſelbſt des nüchternſten Bibliophilen in raſcheſte Wallung verſetzen; er legt einen kleinen, elfenbeinernen, eigens zu dieſem Zwecke conſtruirten Maßſtab, den ſ. g. Elzevirométre, an, und ſtolze Freude erfüllt ihn, wenn er findet, daß ſein Exemplar eine oder zwei Linien mehr Papierhöhe hat, als die übrigen bekannten Exemplare! Einer der ſeltenſten Drucke iſt der Patissier françois, eine Anweiſung zum Paſteten⸗Backen. Der ungenannte Kochkünſtler, der dies Werkchen vor mehr als 200 Jahren(1655) verfaßte, hat ſich's ſicherlich damals nicht träumen laſſen, daß man daſſelbe einſt mit mehreren hundert Frauken bezahlen werde. Vermuthlich fand es zur Zeit ſeines Erſcheinens wenig Käufer und der Verleger hat aus Verdruß darüber den Vorrath zu Maculatur gemacht— ein Grund der Seltenheit, der ſich öfter in der Geſchichte der Bücher wiederholt. Die Eigenſchaft der„Seltenheit“ übt überhaupt eine mächtige Anziehungskraft im Verkehr mit alten Büchern. Es iſt in der Eitelkeit der menſchlichen Natur begründet, daß man vorzugsweiſe nach dem ſtrebt, wovon man weiß, daß es außer uns nur wenige andere Perſonen beſitzen. Im Allgemeinen gelten als ſelten: alle vor 1470 gedruckten Bücher(die erſten Buchdrucker zogen nur wenige Exemplare ab, um ſie gleichſam als Manuſcripte zu verkaufen), ferner ſolche Schriften, welche wegen ihres anſtößigen Inhalts von geiſtlicher oder weltlicher Obrigkeit confiscirt und vernichtet wurden ,„bisweilen durch Verbrennung von Henkershand, wie bei einer Schrift des Genfer Servetus, von der das einzige gerettete Exemplar mit 100 Ducaten bezahlt wurde; hierher gehört auch jene Bibel, von welcher die Wolfenbüttler Bibliothek ein Exemplar beſitzt; dieſelbe hat 1. Moſ. 3. 16. anſtatt„er ſoll Dein Herr ſein“ den Text„er ſoll Dein Narr ſein“; dieſe Umänderung hatte die Frau des Buchdruckers während der Nacht vorgenommen; man entdeckte die Fälſchung erſt, nachdem ſchon einige Exemplare ausgegeben worden waren; alle übrigen Exemplare wurden vernichtet und die Frau wurde für ihren übel angebrachten Humor mit dem Staupbeſen und ewigem Zuchthaus beſtraft. Wieder andere— namentlich neuere— Bücher werden gleich als ſelten geboren, indem nur eine ſehr geringe Anzahl von Abdrücken davon gemacht wird, die meiſt gar nicht in den Buchhandel kommen, ſondern nur an Freunde und Gönner verſchenkt werden (wie dies beſonders in England und Frankreich oft vorkommt). Zu den ſelteneren Büchern gehören in gewiſſem Sinne auch die großen koſtbaren Prachtwerke, deren hoher Preis ihre Erwerbung nur wenigen reichen Perſonen oder öffentlichen Bibliotheken möglich macht(z. B. ein vollſtändiges Exemplar der berühmten Reiſe Alexanders von Humboldt in die Aequinoctialgegenden koſtet gegen 1000 Thaler) oder ſolche bändereiche Werke, die während einer langen Reihe von Jahren erſchienen ſind(die Krünitzſche bconomiſch⸗technologiſche Encyelopädie in 242 Bänden begann 1782 und wurde erſt 1856 ui wentt dſedene deeneſehen Lnfdr Seltenheit ſind einzelne Beſth eines beriihnnlen Kean 19 whinſals efe ennn ſi rhüntals in Beſitz Mannes waren und deſſen Namenseinzeichnung
oder Wappen tragen— durch ihren koſtbaren oder ſeltſamen Ein⸗ band— der engliſche Bücherliebhaber Askew ließ ein Werk in Men⸗
ſchenhaut binden!— durch den Umſt
3 and, daß ſie auf Pergament ſtatt auf Papier gedruckt ſind, u. ſ. w. 1nias 3
M. ſ. w.
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