Jahrgang 
1865
Seite
170
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Conſtantinopels Poeſie und Proſa.

Von Frank Lorenz.

Das ſchwarze Meer, das falſche, gefährliche lag nach einer etwas bewegten Fahrt ruhig und ſpiegelglatt hinter uns, und der Himmel war blau und wolkenleer. In der Nähe und Ferne, bis unter den Horizont hinab, zählten wir viele weiße Segel, die wie weiße Möven auf ihren Kurſen gen Odeſſa, Trapezunt und das Meer von Aſow dahinflogen. Unſre Geſellſchaft verweilte fröhlich ſchwatzend bis ſpät in die ſchöne mondhelle Nacht hinein auf dem Verdeck; denn die Seekrankheit lag wie ein böſer Traum hinter uns, und vor uns die Ausſicht, mit Tagesanbruch in den Bosporus ein⸗ zufahren. Nur die Beſorgniß ward allſeitig laut, daß man nur ja nicht das Frühaufſtehen verſäume; indeſſen der liebenswürdige Capitain P... é verſprach uns zur rechten Zeit wecken zu laſſen, und er hielt Wort. Noch vor 4 Uhr erſcholl Pietros, des Camme⸗ riere, Ruf:arrivato!(angekommen!) durch die Kajüte, und alles eilte auf Deck, aber oh weh! welch eine Täuſchung wartete unſer! Ein dichter Nebel umhüllte das Schiff, ſo daß wir den Rauchfang kaum ſahen, geſchweige denn irgend etwas von der verheißenen Wunderſcenerie des Bosporus. Die Damen beſonders erhoben laute Klagen, und wollten aus dem feuchten Morgennebel ſchon wie der in die Kajüte zurückflüchten, als ſich hinter uns im Oſten der Nebel heller färbte dann langſam eine röthliche Scheibe über den Horizont emporſtieg, und plötzlich tauſend blitzende Strahlen daraus hervorſchoſſen!

Das geblendete Auge muß ſich abwenden von dieſem Glanze und ſucht Schutz unter der bedeckenden Hand; aber kaum iſt es et was zur Ruhe gekommen, ſo glaubt es ſchon wieder an eine neue Täuſchung denn, wie mit einem Zauberſchlage liegt die Einfahrt des Bosporus vor uns: zwei Welttheile erblickt man mit einem Aufſchauen!

Seit tauſenden von Jahren knüpft die Weltgeſchichte an dieſe Ufer ihre denkwürdigſten Epochen: Hier fuhren die Argonauten; dieſe aus den Fluthen ſchwarz aufragenden Felſen wurden durch Orpheus Leier gebannt; hier führten Darius und Xerxes ihre Scharen; über dieſe Meerenge zogen die gläubigen Heere der Kreuz⸗

fahrer, über ſie drangen die verwüſtenden Beherrſcher dieſes blühenden Landes; an dieſer Stelle ſind wohl noch große Fragen

der Zukunft beſtimmt, ihre blutige Entſcheidung zu finden!

Die Einleitung des unausbleiblichen Dramas ſahen wir in nächſter Nachbarſchaft dieſer verhängnißvollen Geſtade ſich ent⸗ wickeln!

Welch mächtige Kataſtrophen der Vergangenheit und der Zu⸗ kunft ſtehen den zauberiſchen Eindrücken zur Seite, an denen das entzückte Auge ſich weidet! Ueberraſchender, plötzlicher konnte dieſes Bild aber auch nicht vorgeführt werden, als aus der grauen Nebel umhüllung von der großen Erleuchterin des Tages, dem wunder⸗ thätigen Gottesauge, ſelbſt entſchleiert!

Was ſind zwei Augen, um dieſes Wunderſtaunen von Schönheit zu erfaſſen!? Wie im Traume wird man auf dem ſchnellen Dampfer dahingetragen, kaum begreift man, was man ſieht Aſien und Eu⸗ ropa, wetteifernd in märchenhafter Schönheit der Landſchaft, mächtiger Felſen, lieblicher Baien, grünumkränzter Thäler und hochragender Schlöſſer! Was iſt die Sprache, um mit dieſem Aufeinanderdrängen von Zauber Schritt zu halten! Lobgeſänge wollen dem Munde ent⸗ ſtrömen, und der blödeſte Geiſt fühlt ſich zum Dichter werden; aber in den erſten Minuten hat er ſich erſchöpft, und in ſtummem Schweigen wird er dahingetragen durch das immer wechſelnde Panorama!

Rechts links wendet ſich das Schiff, umkreiſt neue Felſen⸗ ſpitzen, durchzieht in zirkelnden Linien blaue Seen; hier das ruinenhafte Genueſerſchloß am Abhange des Juſchah(Joſua) Berges, dort drüben Büyükderé*) mit ſeinen freundlichen Villen und bunten Köſchks; in dem breiten grünen Thale die mächtigen Platanen, unter denen Gottfried von Bouillon geraſtet, und fern, hoch darüber, wie ein Luftgeſpinnſt, die kühnen Bogen der weltberühmten Waſſerlei⸗ tung von Beligrad. Hier wieder Therapia, ſeit Alters her durch ſeine geſunde Lage ausgezeichnet; und auf jener Seite das pracht⸗

*) Der Sommeraufenthalt der meiſten Geſandten.

volle Marmorpalais von Hünkiar Iskeleſſi neben dem ſchönen Thale gleiches Namens, das von rieſenhaften Platanen beſchattet wird⸗

Jetzt öffnet ſich die Ausſicht mehr; Paläſte, Villen und Land⸗ häuſer rahmen die Waſſerſtraße ohne Unterbrechung ein; von beiden Seiten ſchieben ſich hohe Vorgebirge mit Thürmen und Pavillons couliſſenartig hinter einander; das Auge verliert in dieſer Fülle von Bildern die Ruhe, auf dem Einzelnen zu haften, und ſchweift im Fluge von einem zum andern, bis endlich hundert Zungen haben ſchon gefragt:iſt es das? iſt es das? Stambul mit all ſeinen goldſchimmernden Kuppeln und Paläſten und ſchlanken Mina⸗ rets vor uns liegt!

Sehen, Erſchauen kann niemand das alles; man muß das Wunderbare, das Niegeſehene einathmen, man muß ſich darin aufgehen fühlen wie in dem erſten, linden Frühlingshauche, und dann fällt der Anker mit donnerndem Geraſſel, und mit ihm unſre Verzückung!

Plötzlich ſind wir aus dem Himmel der Ideale wieder auf die Erde verſetzt, und zwar mitten in ihre unerquicklichſten, phantaſie⸗ loſeſten Erſcheinungen: Lohndiener und Zollwächter!

Es bedarf der Faſſung, um den Uebergang ruhig zu ertragen. Hier berühren ſich die Extreme fühlbarer denn je, und das gerade Herrſchende weiß das Verdrängte aber auch gänzlich zu verwiſchen!

Nur fort! Gezerrt nach allen Seiten, angeſchrieen in allen Sprachen, beraubt auf alle Arten, umhergeſtoßen und geworfen wie ein Mantelſack, und zum Dank dafür noch ausgezankt, wird man endlich unter Koffern, Ballen und Schachteln an der Douane ausge⸗ laden hier denn endlich iſt Proſa aber die Sprache hat man darum doch nicht wiedergewonnen, wenigſtens keine die einem nützen könnte; alle Zungen rollen und gurren und ziſchen umher, und das einzige Verſtändigungsmittel bleibt zuletzt die Hand in der Taſche. Kaum ſind die Douaniers durch ein unzweifelhaft viel zu hohes Geld⸗ geſchenk überzeugt, daß wir nichts Steuerpflichtiges einführen[ſie wiſſen ſelbſt nicht, was ſteuerpflichtig iſt!]l, ſo hat auch ſchon eine Bande von wild ausſehenden Kerlen in den widerlich ſchmutzigſten Lumpen unſer Gepäck ergriffen, zuſammen geſchnürt und wegge⸗ ſchleppt, wir haben Noth, hinterher zu taumeln.

Noch ſchneller und überraſchender folgen hier die Eindrücke einander. In den engen, dunkeln Gaſſen, in welchen Ströme von Schmutz und Unrath fließen, auf dem halsbrecheriſchen, ſchlüpfrigen Pflaſter vermögen wir uns kaum fort zu bewegen durch das Gewühl von Menſchen, die gekleidet ſind wie zum Maskenball, aber vor Schmutz ſtarren; wüſtes Geſchrei tobt durch die Menge; jeden Augenblick iſt man in Gefahr, von brüllenden Laſtträgern umgerannt zu werden, und der widerliche Geſtank droht uns zu erſticken, wäh⸗ rend kein Sonnenſtrahl in dieſe Betäubung dringt. Wo ſind die goldenen Kuppeln und hohen Paläſte, die ſchlanken Minarets, wo? Man glaubt behext zu ſein! Ein ſolches Bild des regen Handelslebens mag für den Kaufmann, der darin ſeine Speicher füllt, ungemein intereſſant ſein, indeſſen der Reiſende fühlt ſich aus dem Himmel des Entzückens in eine Kloake geſtürzt!

Wir lenken nun in eine andere Straße ein und beginnen berg⸗ an zu ſteigen. Dieſes hohe, verfallne Thor von ſchwarzen feuchten Steinen führt aus Galata nach der Türkenſtadt Tophana, und durch dieſe geht unſer Weg. Wieder ein anderes Bild. Die Straße iſt breiter, trocken, ſtaubig; die Sonne brennt mit unver⸗ hältnißmäßiger Gewalt, denn kaum iſt es 7 Uhr Morgens. Lang ſam geht es aufwärts. Kaum ein lebendes Weſen zu ſehen; nur hier und da ſchleicht eine verhüllte Geſtalt, Frau oder Kind, lang⸗ ſam an den Häuſern entlang; Hunde in großer Anzahl liegen über⸗ all, und machen keine Bewegung, um uns auszuweichen. Die Ge⸗ bäude ohne Ausnahme ſind ſchlechte, kleine Holzhäuschen, meiſt roth angeſtrichen, charakteriſirt durch unzählige Erkerchen und vergitterte Fenſter. Vor und in jenem großen, offnen Raum, im Caffee- Haus, aber einer Scheuertenne auf das Sprechendſte ähnlich ſitzen auf ganz niederen Schemeln eine Anzahl von Türken, viele in

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