Jahrgang 
1865
Seite
168
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168

Goethe daheim.

Von W. Freiherr v. Biedermann.

Ein Menſch, der allgemein als Genie anerkannt ſein ſoll, muß

8 durchaus lüderlich ſein und Schulden haben; er darf vom Gelde keinen andern Begriff ſich machen, als den, daß es eine hämiſche Erfindung iſt zu dem Zwecke, die Welt der Herrſchaft des Genies zu entziehen. Wer daran denkt, ſich Geld zu erwerben, wer ſich herabwürdigt, ſeinen Beſitz zu verwalten, der iſt, welche Beweiſe von Genialität er auch ſonſt gegeben haben mag, aus der Liſte der Genies zu ſtreichen und fällt in die der Philiſter.

Es iſt deshalb mehr als zweifelhaft, ob Goethe wirklich ein Genie geweſen iſt; denn obwohl er als junger Menſch bisweilen ſehr ausgelaſſen ſein konnte, ſo war er doch an rechter Stelle wieder ſehr geſetzt, machte nicht mehr Schulden, als er zu bezahlen hoffen konnte, hatte ein Auge auf alles, was in ſeinem Hauſe vorging, nahm bei großer Freigebigkeit und Wohlthätigkeit doch das Seinige zuſammen, und verſah nicht nur den Keller, was ſich noch hören ließe ſondern auch die eigentlich nur in Verbindung mit der Schürze zu denkende Küche mit der Sorgfalt eines Kellermeiſters und Kochs, und zwar nicht etwa, um ſich mit dem unübertragbaren Raffinement des blaſirten Gourmands ſeltne Leckerbiſſen aus fernen Welttheilen zu verſchaffen, ſondern nur zum Zwecke einer etwas veredelten Hausmannskoſt.

Soll nun nicht verkannt werden, daß ein Genie in des Worts verwegenſter Bedeutung wegen dieſer Aufmerkſamkeit auf gemeine Erbärmlichkeiten des Lebens mitleidig auf Goethe blicken muß, ſo iſt doch Schreiber dieſer Zeilen ein ſo verblendeter Verehrer des großen Mannes, daß er nicht allein dieſe Seite ſeines Weſens zu ſeinen Liebenswürdigkeiten zählt, ſondern ſogar als einen Ausfluß ſeines Genies betrachtet, welches auch das Gewöhnlichſte nicht ſtumpfſinnig hinzunehmen geſtattete, vielmehr ihn auch hierin mit Sinnen zu handeln nöthigte.

Faſſen wir dieſe Sorge Goethes für ſein Hausweſen näher ins Auge, ſo ſehen wir, daß er ſchon als junger Mann es liebte, wenn Frau von Stein ihm bisweilen etwas Eßbares ſchickte; dafür ließ er auch ihr häufig dergleichen zukommen, bald Früchte, bald Back werk, bald einen Braten, zu deſſen Genuß er ſich gleich mit einlud. Später, als die Freundſchaft zu Ende war, achtete freilich Frau von Stein dieſe Fürſorge für des Leibes Nahrung und Nothdurft nicht mehr eines Genies würdig und hielt ſich bitter darüber auf, daß Goethe ſo materiell geworden ſei; ſie fand indeſſen überhaupt, als er Anſprüche, die ſie an ihn machte, nicht mehr anerkennen wollte und er um ihrer Liebe willen ihre Launen nicht mehr tragen mochte, vieles an ihm auszuſetzen, was ihr früher ganz gehörig erſchienen war. Verzeihen wir das jedoch ihrem Schmerz, einen Goethe nicht mehr ganz den ihrigen nennen zu dürfen. 7 Das von der Stein gerügte Materielle Goethes beſtand aber eigentlich nur darin, daß er auf einen guten Tiſch hielt. Er war zwar weder ein Vieleſſer noch ein Feinſchmecker, aber was er genoß, ſollte gewählt, kräftig und ſchmackhaft ſein, weshalb er ſich Speiſen und Getränke, die damals in Weimar nicht zu haben waren, von ihren Urſprungsorten kommen ließ.

Schon in den achtziger Jahren ließ er ſich Wein, in den neun⸗ ziger Jahren geräucherte Fleiſchwaaren durch einen ſeiner älteſten Freunde, Friedrich Jacobi, aus Düſſeldorf beſorgen. Während er ſpäter im Briefwechſel mit Schiller bemüht war, in Verein mit dieſem die ſchwierigſten Fragen der Kunſtwiſſenſchaft zu löſen und die höchſten Aufgaben der Dichtkunſt zu ſuchen, beſtellte er da⸗ zwiſchen bei demſelben Zwieback und Schwämme aus Jena und nahm ſeine Vermittlung in Anſpruch, um von Wilhelm v. Humboldt aus Berlin Kaviar, oder von Körner aus Dresden Gries zu er⸗ halten. Zelter ſodann wurde von Goethe nicht bloß angegangen, ſeine muſikaliſchen Dichtungen zu componiren, ihm Aufſchlüſſe über die Tonkunſt zu geben, ihm über Berliner Zuſtände zu berichten, ſowie ſonſt in ſeiner derb launigen Weiſe ihn zu unterhalten, ſondern auch jährlich zu rechter Zeit Teltower Rübchen zu ſenden. Als ferner ſein weimariſcher Hausfreund Nicolaus Meyer ſich in Bremen aufhielt(1802 bis 1809), war er recht eigentlich der Küchen⸗ und Kellerfreund, der Auſtern, Hummern, Schellfiſche, Butten, Dorſche, Lachſe, Heringe, Bricken, Butter, Eingemachtes, dann Madeira,

Oas

Malaga, Port⸗ und Franzweine herbeizuſchaffen hatte. Außerdem und noch weiterhin verſorgten ihn bis gegen 1814 ſeine äſthetiſchen Ber⸗ liner Freundinnen, Frau von Eybenberg und nachher deren Schweſter Frau von Grothuß mit Zander, Dorſch, Kaviar und pommerſchen Gänſebrüſten. Wein ließ er ſich auch aus Böhmen kommen, wobei ihm Rath Grüner behilflich war. Ja, ſogar einem amtlichen Erlaß fügte Göthe eine Nachſchrift bei, worin er den unterſtellten Beamten um Zuſendung von Schwämmen und Schafkäſe erſuchte.

Goethe kümmerte ſich aber nicht bloß da ums Hausweſen, wo es ſich ums Aufſuchen vortheilhafter Bezugsquellen von Lebensbe⸗ dürfniſſen handelte, und er einen rein ſelbſtiſchen Genuß als Zweck verfolgt haben könnte, ſondern auch wo es galt, als Wirth ſeinen Gäſten angenehme Stunden zu bereiten. Wie überaus gaſtlich war ſein Haus, das über alle Verhältniſſe und Gebräuche des Orts hinaus für Morgen⸗, Mittag- und Abendgeſellſchaften Einheimiſchen und Fremden geöffnet war! und zwar ſchon zu den Zeiten ſeines Junggeſellenlebens, wie noch ſpäter, da er Wittwer war. Wie wußte er ſeine Gäſte je nach ihrem Geſchmack bald durch Vorträge über wiſſenſchaftliche Gegenſtände, bald durch Vorzeigen ſeiner Kunſt ſammlungen, bald durch die liebenswürdigſten und geiſtreichſten Ge⸗ ſpräche zu unterhalten! Wie wählte er mit rührender Aufmerkſam⸗ keit die Speiſen aus, mit denen er liebe Gäſte bewirthen wollte! Wie ſorglich war er darauf bedacht, jeden in ſein Behagen zu verſetzen!

Endlich entzog ſich Goethe auch nicht den minder erfreulichen Geſchäften eines Hausvaters in der gewöhnlichen Weiſe der Männer, die in ihren Geſchäften einen Vorwand ſuchen, ſich Verdrüßlichkeiten vom Halſe zu ſchaffen, wie namentlich diejenigen ſind, welche durch Dienſtboten herbeigeführt werden. Nachſtehende Eingabe an den Polizeidirector, Freiherrn von Fritſch, gibt einen Beweis davon. Sie zeigt zugleich, wie vorſichtig Goethe einem Zwieſpalt mit der Polizeidirection vorzubeugen beſtrebt war; denn daß die weimariſche Polizei keinen Spaß verſtand, hatte er ſchon an ſich erfahren, da er einſt um 8(gute) Groſchen geſtraft wurde, weil er die nächtliche Be⸗ herbergung eines auswärtigen Freundes anzuzeigen verabſäumt hatte.

Nun folgt Goethes Schreiben, das, wie gewöhnlich, dictirt, und nur in den geſperrt gedruckten Worten eigenhändig iſt:

Fürſtliche General⸗Polizei⸗Direction erwirbt ſich um ſämmtliche hieſige Haushaltungen durch die neuen Einrichtungen, das Geſinde betreffend, ein unſchätzbares Verdienſt, wobei ſie, beſonders anfänglich, manche außerordentliche Bemühungen gefällig übernimmt, welche zu vermehren ich ſo eben genöthigt bin. Ew. Hochwohlgeboren erlauben folgenden Vortrag.

Johanna Höpfnerin von Eiſenach hat als Hausmagd ein halbes Jahr, ſodann als Köchin ein Jahr bei mir gedient und man konnte mit ihrer Treue und Thätigkeit zufrieden ſein, nur ward ihr übriges,*) gutes Betragen durch leidenſchaftliche Ausfälle unter⸗ brochen, dergleichen vor Kurzem ſich einer zeigte, weshalb ſie aus dem Dienſte entlaſſen werden mußte. 6

Sie fühlt nun wohl gegenwärtig, welche gute Stelle ſie ver⸗ ſcherzt hat, und wünſcht wieder aufgenommen zu werden, wozu ich auch nicht abgeneigt wäre, wenn es unter den Auſpicien Fürſtlicher G.⸗Polizei Direction geſchehen könnte, und zwar dergeſtalt, daß ich gedachte Köchin abermals bis Oſtern miethete, mir jedoch aus⸗ drücklich vorbehielte, ſie, wenn ſich wieder ein ſolcher Ausbruch von Heftigkeit und Unſinn ereignete, ſogleich aus dem Dienſte zu entlaſſen und ihr an Lohn nicht mehr, als ſo viel ſie bis zu einem ſolchen Augenblick verdiente, zu verabreichen.

Genehmigt Fürſtliche General⸗Polizei⸗Direction dieſen An⸗ trag, ſo bin ich bereit, mehrgedachte Perſon ſogleich wieder aufzu⸗ nehmen und verfehle nicht, meinen Dank für die übernommenen Be⸗ mühungen Fürſtlicher General⸗Polizei-Direction für meine Perſon auf das lebhafteſte abzuſtatten.

Der iheut vorzüglichſter Pochaden Alerzelühne 8 den 10. September 1805 e Hachwohlgeboren

5. ganz gehorſamſter Diener

J. W. v. Goethe.

*) Uebrigens?