Jahrgang 
1865
Seite
167
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etliche

keneſſes

Ein ſchönes Wunder! warf die Greiſin verächtlich hin. Hört mich aus, erwiderte Siemering mit großer Sicherheit, Ihr ſollt mir wohl noch anders reden, Großtante! Vernehmt, der churſächſiſche Herr Geſandte blieb über Tiſch und hat uns gar herrlich unterhalten

Das heißt, fiel hier die kühne Juliane ein,er hat nehen Siemering geſeſſen, hat nur mit ihr geredet und nur Augen für ſie gehabt!

Einige Worte hat er auch uns geſchenkt, meinte die beſcheidene Ludovike,aber das muß wahr bleiben, daß er ein ausbündig ſchöner Mann iſt und ein feiner Cavalier.

Laßt Siemering erzählen, der ihr eigenen Derbheit.

Seitdem haben wir den Herrn Geſandten, fuhr das jüngſte Fräulein fort,noch vier Mal getroffen

Und überall hat er nur für Siemering zärtliche Blicke und galante Reden gehabt! ſchalteten die Schweſtern lachend und neckend ein.

Das jüngſte Fräulein von Reneſſe zeigte ſich darüber unwirſch, doch nicht allzuſehr und man konnte ihm wohl anſehen, ihm die Neckerei der Schweſtern gar ſanft that.

Geſtern ſind wir zum Tanz drüben

geweſen, erzählte Siemering weiter,da war der Hr rr Geſandte auch da und hat mit uns fleißig getanzt, nun ja, Ihr braucht nicht zu lachen, ich mache kein Hehl daraus, daß er mit mir am meiſten getanzt hat; Ihr tanzt ja nicht gern deutſch; darauf kommt es hier aber gar nicht an, ſondern die Hauptſache iſt, daß der Herr Geſandte bei Tiſch erzählte, wie er kein Churſächſiſcher von Abſtammung wäre, ſondern ein Märkiſcher; ſein Urahn aber ſei ſchon in dieſen Landen geweſen und liege ſogar hier am Rheinſtrom begraben, vor einigen Tagen erſt habe er das Grab beſucht, denn es wäre in der Familie wohl bekannt geweſen, daß er an ſeinen, ich weiß nicht gleich bei welcher Action er rhaltenen, Wunden zu Lorch geſtorben und daſelbſt begraben worden ſei. Zu ſeiner Verwunderung, erzählte der Herr Geſandte, habe er den Leichenſtein ſeines Aeltervaters noch ganz wohl erhalten gefunden. Er rühmte ſeinen Ahnherrn ganz gewaltig, wie das ein gar herrlicher Kriegsheld und ein ganz vollkommener Edel mann geweſen bis in den Dih Endlich ſagte der Herr Geſandte: Ich bin recht ſtolz darauf, daß ich meines edlen Ahnen Namen trage, denn ich heiße gleich ihm Auguſt Wilh elm von Waldow. So ſprach der Herr Geſandte geſtern und nun müßt Ihr doch bekennen, Groß⸗ tante, daß es ein Wunder iſt, daß Ihr uns gerade heute die Geſchichte von dem ſchwarzen Reiter erhü dit⸗ welcher der Ahnherr des Herrn Grſandten geweſen und gleich ihm Auguſt Wilhelm von Waldow geheißen!

Gänſe! befahl die Alte mit

zwar da ß

beim Ohm Breidbach

Ich bekenne das! entgegnete die Greiſin nachdenklich und hielt ihre geöffnete Doſe lange in der Hand, bevor ſie eine Priſe nahm. Als ſie aber geſchnupft und die Doſe geſchloſſen hatte, da ſprach ſie:Nun könnt Ihr drei Fräulein von Reneſſe in dieſem Jahrhundert wieder gut machen an dem Enkel, was die drei Fräu⸗ lein von Reneſſe im vorigen Jahrhundert verſäumt haben an dem Ahnen. Ihr, Ludovike, geht und gebt ihm Handſchlag und Schön⸗ dank, Ihr, Juliane, fallt ihm um den Hals und gebt ihm einen herzigen Kuß und Ihr, Siemering, fragt ihn kurz und gut, ob er Euch zu ſeinem Weibe haben will oder nicht, dazu habt Ihr Euch erboten!

An mir und an Ludovike 111 l's nicht fehlen, rief die kühne Juliane,obwohl ich denke, daß dem Herrn Geſand ten ebenſo wenig an der Ludovike ihrem Schöndank, als an meinem Kuß gelegen ſein wird; Siemering aber muß ſich eilen, ihn zu fragen, ob er ſie zum Weibe haben will, denn ſonſt kommt er ihr zuvor und fragt ſie, ob ſie ihn zum Manne haben will!

Was ſich auch beſſer ſchickt! meinte Siemering ernſthaft, ſtimmte aber ſofort in das fröͤhliche Gelächter der Schweſtern ein.

Ich will den zweiten Auguſt Wilhelm von Waldow ſehen, den Enkel des ſchwarzen Reiters! ſprach das alte Fräulein.

Er ſoll zu Euch kommen, Großtante, entgegnete Siemering mit der größten Beſtimmtheit.Er ſoll Euch morgen ſeine Auf⸗

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wartung machen, dabei könnt Ihr ihm dann alles erzählen, was ſeinem Ahnherrn am ſchwarzen Bildchen begegnet iſt!

Seid Ihr denn Eurer Sache ſchon ſo gewiß, fragte die Alte trocken,daß Ihr ſagen dürft: Er ſoll!

Die Schweſtern lachten, Siemering erröthete, nickte aber gar ernſthaft.

Der churſächſiſche Herr Geſandte hat wirklich am andern Tage, nachdem er ſeinen Morgenbeſuch bei den Reneſſes abgelegt, ſeinen Weg in den Bürresheimer Hof genommen und iſt bei drei Stunden mit dem ſteinalten Fräulein allein geweſen. Siemering hatte alſo ihren Einfluß auf ihn nicht überſchätzt. Nachgehends, und zwar noch in demſelben Jahre, iſt das jüngſte Fräulein von Reneſſe die Gemahlin des churſächſiſchen Geſandten am churtrierſchen Hofe geworden; uns iſt aber nicht kund geworden, ob Siemering ihn gefragt, ob er ſie zum Gemahl wolle, oder ob die Anfrage von ihm ausgegangen, doch vermuthen wir das letztere. Im Jahre darauf iſt Fräulein Ludovike mit einem Niederländiſchen von Adel, dem Baron von Pallandt, vermählt worden, deſſen angeborene Nuhe und unerſchütterliches Phlegma ſie niemals durch ihre Lebhaftigkeit in Gefahr gebracht hat; die kühne Juliane aber hat einen Röder von Diersburg zum Ehemann bekommen, mit welchem ſie eine zahlreiche Nachkommenſchaft erzielt und bis ins höchſte Alter in einer ver⸗ gnügten Ehe gelebt hat.

Das alte Fräulein Juliane Ludovike von Reneſſe hat noch die Hochzeiten ihrer drei Großnichten erlebt und als ſie endlich verſchie den war, da hat ſich's gefunden, daß ſie hundert und zwei Jahre weniger drei Tage alt geworden. Sie iſt auf ihren beſondern Wunſch auf dem Feldkirchhof bei Lorch beerdigt worden. Alles, was ſie beſeſſen, eine große Anzahl von koſtbaren Ringen namentlich, alterthümlichen Schmuck und eine Unmaſſe von intereſſanten Kleinig⸗ keiten und Spielereien, hat ſie der Generalin von Waldow vermacht, denn Siemering iſt doch immer ihr Liebling geweſen, obwohl ſie's niemals geſagt hat. Ihren eigenthümlichen Humor aber hat Alte auch noch in den Vermächtniſſen gezeigt, die ſie für die beiden andern Nichten beſtimmt. Die bequeme Ludovike erhielt nämlich nichts als der Tante alten Stuhl mit der ſteifen Lehne und der Biſchofsmütze darüber und zwar, weil er ſich bei der am längſten halten werde, denn die ſei viel zu weichlich, um ſich in den unbe⸗ quemen Stuhl zu ſetzen. Die kühne Juliaue erhielt ein großes Porcellangefäß voll wohlriechender Kräuter in der Form eines Schwanes. Dazu hatte die Alte nichts bemerkt, aber die Verwandt⸗ ſchaft erkannte bald den Sinn der Gabe und lachte entſetzlich, denn der Hals des Schwanes war von bedenklicher Kürze und das Gebilde ſah einer Gaus überhaupt viel ähnlicher als einem Schwan. Der etwas derbe Gemahl der glücklichen Erhin pflegte das koſtbare Erb⸗ ſtück auch niemals anders alsdie ſtinkende Gans zu nenuen. Dieſer unfeine Spott aber hielt die kühne Juliane nicht ab, das Erbſtück in ihrem Prachtzimmer aufzuſtellen, es jedem Beſuch mit hohem Stolz zu zeigen und dabei zu verſichern, daß ſie ſtets der Liebling der ſeligen Großtante geweſen, mit der ſie auch viel Aehn⸗ lichkeit gehabt habe.

Im Anfang dieſes Jahrhunderts noch waren auf dem Feldkirch⸗ hofe zu Lorch die Grabſteine des Obriſten Auguſt Wilhelm von Waldow und des Fräuleins Juliane Ludovike von Reneſſe wohl erhalten zu ſchauen. Die Pietät der Nachkommen ehrte noch lange die Gräber durch liebevolle Pflege. Das Kirchlein aber mit dem ſchwarzen Bildchen, das die Dankbarkeit der Frau von Reneſſe einſt von Grund auf neu erbauen ließ, es iſt nicht mehr vorhanden. Es war noch im vorigen Jahrhundert ein ſo beſuchter Wallfahrtsort geweſen, daß man es in der Umgegend mit höchſtem StolzKlein⸗ Maria⸗Einſiedeln nannte. Im Jahr 1794 lag das Regiment Ansbach in Moſelweiß im Quartier. Soldaten von dieſem Regi⸗ ment bunchen; in das Kirchlein, verwüſteten es und verbrannten das ſchwarze Bildchen; dann kamen die Franzoſen, welche den Ruin vollendeten. Längere Zeit bezeichnete noch ein wüſter Trümmerhaufe die Stätte, da das ſchwarze Bildchen geſtanden, d dann verſchwanden auch die Trümmer und nun ſchon lange iſt kein Stein mehr davon übrig. So vergehen die Werke von Menſchenhand, in treuem Gedächtniß aber bleibt doch, was von der Erde verſchwindet.

Siemering, Wie?