Etwa ein halbes Jahr zuvor war nämlich beim Kentern eines Marinebootes ein verheiratheter Unterofficier ertrunken. Eine zu Gunſten der Wittwe veranſtaltete Sammlung hatte eine beträchtliche Summe ergeben und Graßfeld beſchloß, ſeiner Frau ein ähnliches Capital zu verſchaffen, indem er jene Scheintragödie in das Werk ſetzte, bei der er ſich auf ſeine Schwimmfertigkeit verließ. Aus Furcht vor einem Mißlingen des Planes theilte er keiner Seele außer einem Kameraden etwas davon mit und dieſer Eine war der an jenem Abende ſo räthſelhaft verſchwundene Bootsruderer. Auf der Rhede von Bremerhaven, etwa dreiviertel Meilen von der„Hanſa“ entfernt, lag damals ein ſpaniſcher Schooner ſegelfertig, dem jedoch zum Inſeegehen noch einige Leute fehlten. Dies war der Zauberer, der die beiden Verſchwundenen aufnahm und entführte. Ein von ihm geſchicktes kleines Boot hatte ſich in der Dunkelheit unbemerkt der „Hanſa“ nähern können, war am Bug des Schiffes angelegt und hatte den Matroſen aufgenommen, der vorſichtig aus ſeiner Hänge⸗ matte geſchlüpft, durch das dunkle Zwiſchendeck nach vorn gekrochen und durch die Bugpforte in das ihn erwartende Boot gelangt war, das ihn an Bord des Schooners brachte.
Graßfeld hatte mit ihm die Flucht verabredet, mußte jedoch, um ſeinen Zweck zu erreichen, einen andern gefährlicheren Weg einſchlagen.
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Frau, die ihn ſo lange für todt beweint hatte.
Der gewagte tollkühne Streich gelang. Im Waſſer entfernte er ſich ſeitwärts von der Rettungsboje, ließ das Boot an ſich vorüberfahren, befreite ſich von dem ihn behindernden Zeuge und ſchwamm bei dem ſchlechten Wetter und der dunkeln Nacht trotz der eiſigen Kälte des Waſſers in dem reißenden Strome dreiviertel Meilen weit an Bord des Schooners. Gllücklich erreichte er das Fahrzeug, das am andern Morgen in aller Frühe Anker lichtete und mit den beiden Deſerteuren in See ging. Graßfeld hatte früher auf ſpaniſchen Kriegsſchiffen gedient. Ihm hatte das Leben dort beſſer, als auf der deutſchen Flotte gefallen und er beſchloß, nach Spanien zurückzukehren, zuvor aber ſeine Frau durch einen Genieſtreich gegen Noth zu ſichern. Bald nach ſeiner Ankunft in Cadix glückte es ihm auch, eine gute Stellung zu erhalten; aber erſt, als er ſich von dem Gelingen ſeines Planes vollſtändige Gewißheit verſchafft, ſchrieb er an ſeine arme Mit welchem Rechte er jedoch dieſer im Punkte der Schweigſamkeit nicht zu viel traute, bewies ihre Erzählung des Briefinhalts, den ſie in der Freude ihres Herzens, unklug genug, Jedermann mittheilte.
Natürlich dachte niemand daran, ihr die geſammelte Summe zu mißgönnen, geſchweige denn anzutaſten; aber die originelle Art, ſich ein Capital zu verſchaffen, war an Bord noch oft der Gegenſtand allgemeiner Heiterkeit.
Bunderliche Begegnungen auf einem Spaziergange. Von Berthold Sigismund.)
So ruft ein römiſcher Dichter Nun wenn
„Wundre Dich über nichts!“ dem zu, der die Welt als Weltweiſer anſchauen wolle.
die Weisheit darin beſtände, da gäb'’ es Philoſophen in Fülle. Wer erſtaunt im Zeitalter des Dampfes noch über irgend etwas? Und
doch leben wir in einer Welt voll Wunder. Wenn ein deutſcher Spaziergänger in ſeiner Heimatflur einen
luns die Linden, und doch iſt die kleinblätterige, welche ſpäter aus⸗
Schwarm Kolibris über einem Kleefelde ſchweben oder ein Rudel
Tapire aus dem Schilfdickicht eines Teiches hervorbrechen ſähe, da würde er doch wohl über die ausländiſchen Gäſte ſtutzen und allerlei nachdenkliche Betrachtungen daran knüpfen. Nun begegnen wir aber in der That auf jedem Spaziergang einer Menge von blutfremden
Ausländern, die, wenn ſie auch nicht fliegen und rennen können, doch
durch ihre Anſäſſigmachung in unſrem Vaterland Aufmerkſamkeit verdienen und dem ſinnigen Menſchen eine erfreuliche Bewunderung abnöthigen. Dies ſind die Pflanzen, welche fernen Ländern entſtam⸗ mend nunmehr ſo gute Deutſche geworden ſind, daß ihnen niemand etwas Fremdartiges anmerkt. Wenden wir ihnen einmal auf einem Spaziergang einige Beachtung zu!
Sobald wir aus dem Thore treten, empfängt uns die anmuthige Anlage, die ſtatt des mittelalterlichen Walles und Grabens die Stadt gefällig umgibt. Traulich und altbekannt grüßen uns die Sträuche, welche die Raſenplätze umrahmen und die Bäume, welche majeſtätiſche Schattengewölbe bilden! Hier fühlen wir uns ſo recht behaglich zu Hauſe. Und doch ſind wir von einer bunten Schar von Fremdlingen umringt, deren Ahnen ſelbſt kein Seher hätte prophezeihen können, daß ihre Nachkommen im Lande der Wälder und Sümpfe, wie Tacitus Germanien ſchildert, ſich niederlaſſen und wohlfühlen würden. Die prächtige Roßkaſtanie, die einem rieſigen kerzenvollen Kandelaber ähnelt, iſt eine Perſerin und hat ſich erſt ſeit dreihundert Jahren in Europa angeſiedelt; aus Perſien ſtammt auch der weit länger eingebürgerte Wallnußbaum, deſſen Name andeutet, daß er über die Alpen aus Wälſchland zu uns kam; jener immergrüne Lebensbaum iſt ein chineſiſches Landeskind, er macht auf unſer Gemüth noch immer einen gewiſſen Eindruck des Halbfremden. Dagegen betrachten wir ganz unbefangen die zierlichen Akazien, jenen Eſſigbaum, dieſe Platanen, jenen Negundo⸗Eſchhorn und die ſchlanke Weymouths⸗
ſchlägt und ſpäter und reichdoldiger blüht als die großblätterige, aus Südeuropa eingeführt.
In die Gebüſche, aus denen uns das Lied der Grasmücken entgegentönt, ſind eine Menge Fremdlinge eingereiht, denen wir faſt ſo wenig, wie den darin niſtenden Vögeln, etwas Fremdländiſches anmerken. Oder denken wir beim Goldregen und dem Blaſenſtrauche an Tyrol, bei der Pimpernuß an die Schweiz, beim Teufelszwirn und Jasmin an die Mittelmeerländer, bei der Goldſtachelbeere und dem rothblühenden Brombeerſtrauch an Amerika und endlich gar bei der Silberblüthe(Syringe), die auch die wilde Hecke mit duftigen Sträußen ſchmückt, an das Land des Xerxes und Hafis, wo die Bülbül(Nachtigall) ihre ergreifenden Strophen auf einem ſolchen Strauche ſitzend anſtimmt?
Welch eine fremde Welt hat ſich da zwiſchen unſre urdeutſchen Gewächſe eingeſchoben und der neuen Heimat angepaßt! Meint man uicht, die Natur habe dieſe Silberblüthe urſprünglich für eine
Laube geſchaffen, in der ein ſinniges deutſches Mägdlein ſich in holder
Träumerei wiegt, ſie habe das lichte Grün der Akazie von Anfang an zur Folie für das dunkle Grün jener andern Laubgruppen beſtimmt? Wie harmoniſch hat ſich da Einheimiſches und Fremdes zuſammen⸗ geſchart und in lieblicher Eintracht ein aus vielerlei Nationalitäten gemiſchtes Völkchen gebildet!
Wir wandern weiter, hinaus ins freie Feld.“ Und echt deutſch ſpricht uns die liebliche Landſchaft an, ſchlicht ſchön und ruhig gehalten, wie wir es für die wahre germaniſche Art halten! Wie vertraut grüßt uns die wogende Saat, das freudiggrüne Flachsfeld, der gold⸗ gelb blühende Raps! Ach, verſchont mich mit euren Lobpreiſungen fremder Landſchaften, mit den Palmenoaſen und Zuckerrohrdickichten der Tropen, der lombardiſchen Aue ſammt ihren Mais⸗ und Reis⸗ feldern; ich lobe mir die urſprünglich deutſche Feldmark, die heimelt mich an, die gibt mir die ſüße Zuverſicht, daß ich zu dieſer Natur
von Uranfang als Glied gehöre, daß dieſe Pflanzen meine trauten Heimatgenoſſen ſind!
kiefer als echte Landsleute und doch dehnt ſich zwiſchen ihrer Heimat
und der unſrigen der atlantiſche Ocean. Vollends urdeutſch erſcheinen
Ehre ſei dem innigen Heimatgefühle, der Werthſchätzung des vaterländiſchen Guten und Schönen, die den Deutſchen ſo oft abgeht! Aber ein wenig Phantaſie— das können wir nicht verſchweigen—
ſpielt bei dieſer Heimatſeligkeit ſo gut mit, wie bei dem Nationalſtolz
*) Wir bieten unſern Leſern hiermit die letzte Arbeit des am 31. Auguſt verſtorbenen Verfaſſers. Deutſchland hat an ihm einen ſeiner liebens⸗
würdigſten Schriftſteller, einen warmen Freund und tüchtigen Kenner der Natur verloren.
Die Redaction.


