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Gebäude, mit breiten Treppen, hohen Portalen und Spitzbogenfenſtern, mit weitumgittertem Hofraum und freundlichen Blumenbeeten darin. Der Fremde würde dieſe Gebäude für Paläſte halten: aber es ſind nur Waiſenhäuſer, Hoſpitäler und Aſyle für Idioten. Sie alle ſind das Werk eines Mannes. Ein armer Independentenpfarrer, der Sohn eines armen Uhrmachers, hat ſie alle gegründet. Sie repräſen⸗ tiren zuſammen ein Capital von 7 Millionen Thalern, durch Sub⸗ ſeription zuſammengebracht, zu welchem aber Reed allein, außer der unentgeltlichen Arbeit von 50 Jahren, aus eignen Mitteln eine Summe von 25,000 Thaler beigeſteunert hat. Wenn wir bedenken, daß er eine Familie mit fünf Kindern zu ernähren und außer einem ſpärlichen Gehalt kein weiteres Einkommen oder Vermögen beſaß, ſo werden wir uns ſagen können, welcher perſönlichen Entbeh⸗ rungen es bedurfte, ſich eine ſolche Summe abzuſparen, um ſie für die leidende Menſchheit zu verwenden! Kurz vor ſeinem Tode, im Jahre 1861, bei Gelegenheit ſeines 50 jährigen Amtsjubiläums machte ihm ſeine Gemeinde ein Ehrengeſchenk von 3000 Thaler, welche er aber ſofort einer ſeiner Stiftungen, dem Aſyl für vaterloſe Kinder, überwies; und in ſeinem Teſtament fand ſich folgender Paſſus, der beſſer als alles für die wahrhaft rührende Güte und Menſchenliebe dieſes Mannes ſpricht:„Dem Waiſenhaus von Wanſtead gebe ich 700 Thaler, damit die Zinſen davon für immer angewendet werden, um Spielzeug für die Kinder als Weihnachtsgeſchenke zu kaufen.“
In viel weiteren Kreiſen bekannt als der„Vater der Wittwen und Waiſen“, deſſen Leben und Wirken in ziemlich engen Grenzen geräuſchlos verlief, war Pater Mathew, der berühmte„Mäßig⸗ keitsapoſtel“. Sein Wirkungskreis war größer, und obgleich er von der Reform ſeines eigenen Volkes ausging, ſo machte ſich ſein Einfluß doch weit bemerklich und erweckte Nachfolger in allen Ländern Europas und Amerikas. Der Feind, den er bekämpfte mit ſeinem Wort, ſeinem Einfluß und ganzen Leben, war die Trunk— ſucht. Er iſt der Gründer der Mäßigkeitsbewegung und der Stifter des erſten Mäßigkeitsvereins. Theobald Mathew wurde im Jahr 1790 von engliſchen, in Irland anſäſſigen Eltern geboren. Seine Familie war katholiſch. Ein gelegentlicher Ausruf ſeiner Mutter entſchied über ſein Leben.„Iſt es nicht ein Unglück!“ rief ſie eines Tages,„ich habe neun Söhne und keiner von ihnen ſollte ein Prieſter werden?“ Theobald war immer ein guter Sohn geweſen, er brachte dem Wunſche der Mutter alles zum Opfer, was der katholiſche Prieſterſtand erheiſcht. Er wurde Kapuzinermönch. Nur Eines konnte er nicht aus ſeinem Weſen entfernen, weil es einen Grund⸗ zug deſſelben bildete: den gutmüthigen Hang zur Geſelligkeit, eine gewiſſe Vorliebe für glückliche und muntere Geſichter rund um ſich her. Das Kloſter war nicht ganz der Ort, um dieſe an ſich harm⸗ loſe Neigung zu befriedigen, und ſie brachte ihn in der That einigemale in Conflicte mit ſeinen geiſtlichen Obern. Indeſſen iſt er derſelben bis an ſein Ende treu geblieben und faſt das letzte, was ſein Biograph uns von ihm erzählt, iſt— ein Diner, das er den Freunden des jungen Menſchen gab, welcher ihn in ſeiner letzten Krankheit pflegte. Ein Wort ſeiner Mutter hatte ihn zum katholiſchen Prieſter gemacht; das Wort eines Freundes, eines Quäkers, wies ihn auf die ſegens⸗ reiche Bahn, welche, frei von allen confeſſionellen Unterſchieden, nur die Menſchheit im Auge hatte. Sein prieſterlicher Stand hatte ihn faſt nur mit den niedrigſten Klaſſen des Volkes, mit den Armen und Elenden in Verkehr gebracht. Er lernte nicht blos die traurige Lage derſelben aus täglicher Anſchauung kennen, ſondern ſein Blick unter⸗ ſchied auch bald den tieferen Grund, der ſich ebenſo der polizeilichen Controlle als der Philantropie des Klingelbeutels entzieht. Denn die Armuth an ſich iſt kein Uebel, ſie wird es erſt, wenn ſie die That⸗ kraft lähmt und durch den Zweifel an ſich zur Verzweiflung führt. Nichts aber iſt ſo ſehr geeignet, dieſen Proceß abwärts zu beſchleunigen, als die Trunkſucht. Das Getränk, aus welchem der Arme ſich anfangs vielleicht nur Muth und Tröſtung, mag ſein auch Vergeſſenheit, zu holen gedachte, wird allmälig die Quelle des Unglücks, von dem er ſich nicht mehr zu befreien weiß, der Sünde, des Verbrechens. Dieſes iſt das wahre Elend, nicht die Armuth, mit der es Pater Mathew ſo oft gepaart ſah. Könnte man dieſe unnatürliche Verbindung nicht wieder auflöſen? Könnte man der Armuth nicht ihr beſcheidenes Maß von häuslicher Zufriedenheit und irdiſchem Wohlergehn zurück⸗ geben? Könnte man die Hütte des Armen nicht ſäubern und ihn deſſen theilhaftig machen, was das gemeinſame Gute aller iſt: der
Luft, des Lichtes, der Schönheit der Natur und der Freude daran? Alle dieſe Gedanken bewegten den Pater, als folgendes Wort des Quäkers ihn weckte:„O Theobald Mathew, wenn Du nur das Werk in die Hand nehmen wollteſt!“— Und da nahm er das Werk in die Hand und vollführte es. Sein ganzes Leben gehörte fortan dieſer einzigen Arbeit. Es iſt faſt unglaublich, was dieſer Mann alles that und wie er es that. Seine Briefe, ſeine Predigten, ſeine Beſuche, ſeine Reiſen von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Welttheil zu Welttheil geben uns das Bild einer Thätigkeit, welche die Kraft eines Menſchen überſteigen würde, wenn nicht ein heroiſcher Wille ſie geſtählt und über ſich ſelbſt geſteigert hätte. Mit eigenem Munde hat er zwei Millionen dem Trunke verfallener Menſchen gerettet, mit eigener Hand zwei Millionen Mäßigkeitsmedaillen vertheilt. Seine Schüler durchwanderten die Welt. Da das Uebel, gegen das er ausgegangen, überall war, ſo half man ihm auch überall. Die katholiſche Geiſtlichkeit ſtand ihm bei. Die proteſtantiſche Geiſtlichkeit nahm keinen Anſtoß daran, daß er ein Mönch war. Die Königin von England ſetzte ihm ein Jahrgeld aus. Aber ſeinen Erfolg und ſeine immenſe Popularität hatte er nur ſeiner Opferwilligkeit und der Ueberzeugung des Volkes zu danken, daß er es gut mit ihnen meine.„Es gibt einen Schlüſſel zu Jedermanns Herzen, man muß ihn nur finden können!“ war eines von Pater Mathews Worten; und er fand dieſen Schlüſſel zu mehr Herzen, als irgend einer, vielleicht für Menſchenalter. Dabei aber, volksthümlicher Prediger der er war, verleugnete er doch niemals ſeine gute Erziehung und feine, weltmänniſche Bildung. Mitten zwiſchen ſeiner Berufsthätig⸗ keit, die ihn abwechſelnd auf die Straßentribüne und in die Spelunken führte, bewegte er ſich in den höchſten Cirkeln der Londoner Ariſtokratie. Die Salons der Großen ſtanden ihm offen, wie die Hütten der Armen; die Wortführer im Parlament waren ſeine Freunde. Nur zweierlei gab es auf der Welt, was ihm vorübergehenden Kummer bereitet hat. Der eine Grund davon war ſein Diener John. Es war ein unan⸗ genehmer kleiner Kerl, welcher die Kinder und die armen Leute haßte, und nichts auf der Welt liebte, als ſeinen Herrn und— den Schnaps! Dieſer Menſch hat dem Mäßigkeitsapoſtel manche Stunde verbittert. „Wenn das ſo fortgeht, John,“ ſagte er ihm oft,„ſo muß ich wahr⸗ haftig das Haus verlaſſen!“ Daß John das Haus verlaſſen könne, daran dachte der gute Pater nie.
Der andere Umſtand war von mehr ernſthafter Natur.„Wenn Cork mit Gold gepflaſtert wäre und Pater Mathew hätte die Ver⸗ waltung der Straßen, ſo würde nach Verlauf eines Jahres kein Pflaſterſtein mehr da ſein.“ So ſagte man von ihm in ſeiner Jugend, als er noch der Mönch war, von dem die Welt nichts wußte. Aber er hat ſich in dieſem Punkte nie gebeſſert. So lange er Geld hatte oder irgendwo Geld bekommen konnte, gab er es mit vollen Händen weg. Er konnte nicht leben, ohne Gutes zu thun, und er that es zuweilen auf Koſten ſeines Namens. Er verbrauchte jährlich Tauſende für das Drucken ſeiner Aufrufe, Tauſende für ſeine Mäßigkeitsmedaillen, Tauſende für ſeine Reiſen. Er half jedem der von ihm Bekehrten, wenn er der Hilfe bedürftig ſchien; und er predigte für keine Kirche oder Wohlthätigkeitsanſtalt, ohne den größten Beitrag dazu ſelber beizuſteuern. Kurz, in ſeinem Drange wohl zu thun, kannte er kein Maß, keine Vorſicht, keine Selbſtbeherrſchung. Dieſer Drang ward in ihm zu einer wirklichen Krankheit— einer ſeltenen zwar, und einer, die beſſer iſt, als die robuſte Geſundheit, der ſich die meiſten Menſchen in dieſem Punkt erfreuen; aber doch führte ſie am Ende zu einem nicht ſo wünſchenswerthen Reſultat für den armen Pater— nämlich zu der Erklärung ſeines Concurſes! Durch die Vermittlung und Dazwiſchenkunft der Regierung wurde die unangenehme Angelegenheit zwar geordnet, aber doch blieb ein Reſt von Verſtimmung davon für Pater Mathew bis an ſein Lebensende übrig.
Das Heldenthum ſolcher Männer, wie Doctor Reed und Pater Mathew geweſen, welche, um einen Theil ihrer unglücklichen Mit⸗ menſchen zu retten, gleichſam ihr eigenes Selbſt zum Opfer brachten, der Weg, den ſie unter Entbehrungen gewandelt, das Leben, das ſie nur für andere gelebt: dies geht wie ein heller, erquickender Sonnen⸗ ſchein durch das Elend des niedrigen engliſchen Volkes, und noch an
ihren Gräbern ſtrahlt eine ſanfte Wärme, die, inmitten des Nebels,
der ſie umgibt, das Herz jedes Menſchenfreundes mit Dank und Zuverſicht erfüllt.
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