mich unterhalten, als es der ſteile Weg geſtatten wollte. Beſonders gefiel mir der eine, Namens Luckmüller, deſſen herkuliſche Geſtalt ebenſo ſehr von ſeiner Leiſtungsfähigkeit zeugte, als ſein beſonnenes, gutmüthiges Geſicht Zutrauen erweckte. Unter allen Partien in der Umgebung des Monte Roſa rühmte er mir das ſogenannte neue Weißthor als die großartigſte. Es ſei dies ein Paß, der aus dem Saas⸗Thal hinüber nach Zermatt führe. Vor drei Jahren habe er ſelbſt zuerſt mit einem Genoſſen auf der Gemsjagd die Möglichkeit des Ueberganges ausfindig gemacht und ſeit der Zeit ſchon einige Male Fremde hinübergeführt, die ſtets ihre höchſte Zufriedenheit geäußert hätten. Allerdings müſſe man etwa zwölf Stunden faſt ununterbrochen auf Gletſchern marſchiren und dürfe an Schwindel nicht leiden, dafür erreiche man aber auch in unmittelbarſter Nach⸗ barſchaft des Monte Roſa eine Höhe von über 12000 Fuß, und werde einmal ganz in das Herz der Gletſcherwelt hineinverſetzt. Der Gedanke, dieſen Uebergang zu verſuchen, hatte ſofort für mich etwas ſehr Verlockendes. Die Anſtrengung brauchte ich nicht zu ſcheuen, und auch vor Schwindel fühlte ich mich ziemlich ſicher. Dagegen mußte ich, wenn ich die Gletſcherpartie nicht wagte, in weitem Bo⸗ gen die von dem Monte Roſa nach Norden entſendete Gruppe der Miſchabelhörner umgehen, und es drohte mir dann ein Marſch von 14 Stunden, zuerſt in dem ſonnigen Saas⸗Thal und ſodann in dem gleich ſchattenloſen Nicolai⸗Thal, den ich zum größten Theil auf dem Rückwege noch einmal hätte zurücklegen müſſen. Denn jedesfalls wollte ich nach Zermatt und auf den Gornergrat, von wo aus man das Nicolai⸗Thal nothwendiger Weiſe paſſiren muß, wenn man nach Norden zurückzukehren beabſichtigt. Aber es mußte erwogen werden, ob die Kaſſe am Ende einer langen Reiſe noch einen ſo unvorhergeſehenen Stoß ertragen könne? Luckmüller erklärte auf das Beſtimmteſte den Führer für unentbehrlich, von denen jeder bei der Gefahr, die immerhin mit der Partie verbunden ſei, anſtatt der Tagestaxe von 6 Fr., 25 Fr. erhalten müſſe. Dies war eine minder erfreuliche Zugabe zu der Ausſicht auf Genuß hoher Natur⸗ ſchönheiten. Als aber Nachmittags ſich der Himmel vollſtändig zu klären anfing, und Luckmüller, dem ich den Grund meines Zweifelns unverhohlen geſagt hatte, mir mit ſeltener Treuherzigkeit den Vor⸗ ſchlag machte, ich möchte ihnen den Lohn ſchuldig bleiben und von meiner Heimat aus ſchicken, da konnte ich nicht mehr widerſtehen. Ich überrechnete, daß ich auch ohne Benutzung dieſes ſo unerwartet an⸗ gebotenen Credites wohl noch nach Preußen zurückkommen könne, und ſo wurden wir handelseinig.
Unter dieſen Umſtänden wurde der Weg nach Saas nicht fort⸗ geſetzt. In ödem, wildem Hochgebirgsthal, in das von allen Seiten die Gletſcher hinabragen, liegt der einſame Mattmarkſee, deſſen Abfluß ſich durch den das Thal abſchließenden Allelin⸗Gletſcher hin⸗ durch wühlen muß. An ſeinem Ufer iſt ſeit einigen Jahren von dem Geiſtlichen zu Saas ein Bergwirthshaus angelegt, das in den Som⸗ mermonaten den Beſuchern des Monte Moro eine willkommene freundliche Ruheſtätte bietet. Für mich diente es an jenem Tage zur Nachtherberge. Von hier aus nahmen wir auch den zweiten Führer mit, da die Begleiter von Luckmüller es vorzogen, nach Saas zurück⸗ zukehren. Amſing, ſo war ſein Name, mochte um etwa 15 Jahr jünger ſein als ſein College Luckmüller. Er war bedeutend kleiner und ſchlanker, doch verrieth jede Bewegung ſichere Kraft und elaſtiſche Gewandtheit, auch hatte ſein Geſicht bei aller Freundlichkeit den Aus⸗ druck eines ruhigen Ernſtes.
Am Abend ſuchte ich früh mein Nachtlager auf. Gäſte gab es außer mir nicht, auch war der Aufbruch für den nächſten Tag auf 3 Uhr angeſetzt. Um 2 ½ Uhr wurde ich geweckt. Ein wolkenlos klarer Sternenhimmel ließ das Beſte hoffen, und in freudiger Haſt kleidete ich mich an. Aber wie groß war mein Erſtaunen, als ich nach Beendigung meines Anzuges noch einmal zum Fenſter hinaus⸗ ſchaute, und dicker Nebel mir die nächſten Gegenſtände verbarg. Meine Führer tröſteten mich zwar durch ihre Verſicherung, daß ein ſolcher Bergnebel kein ſchlimmes Zeichen ſei, vielmehr meiſtens einen beſonders guten Tag ankünde. Aber ſein Eintreffen hatte doch die Folge, daß der Beginn unſeres Marſches um eine Stunde verzögert werden mußte. Die Dunkelheit war ſo groß geworden, daß man keinen ſichern Schritt thun konnte. Erſt gegen 4 Uhr ließ ſich der Weg einigermaßen erkennen, ſo daß wir mit Vorſicht auf⸗ brechen konnten. Der eine Führer trug einen leichten Reiſetorniſter und einen Strick von etwa 20 Ellen Länge, der andere eine Taſche
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mit einigen Flaſchen Wein, Eiern, Fleiſch und Brot. Außerdem war ein jeder von uns mit einer wohlgefüllten Reiſeflaſche und einem tüchtigen Alpenſtock bewaffnet. Amſings Stock, der ſich durch beſondere Feſtigkeit auszeichuete, endete oben in einer Doppelhacke, die auf der einen Seite breit, auf der anderen ſcharf zugeſpitzt war. In ſchneidender Kälte hatten wir die erſten 1 ½ Stunden noch durch dicken Nebel zu wandern. Sehr bald ging der Weg ſteil bergan, immer an dem Rande des Schwarzberggletſchers entlang. Allmälig wurde der Himmel heller, und bald lagen die dichten Nebelmaſſen, welche die Thäler ausfüllten, unter uns. Dunkelblau wölbte ſich das Fir⸗ mament. Rechts über uns ragte das ſcharf zugeſpitzte Strahlhorn empor, und ließ bald hinter ſich ſeinen Zwillingsbruder, das Rim— pfiſchhorn, hervorſehen. Vor uns dehnte ſich langſam emporſteigend eine ungeheure Gletſchermaſſe aus, über welche in prachtvoller Mor⸗ genglut die Noſakette herüberleuchtete. Zu unſerer Linken ſchloſſen die zackigen Felsmaſſen und breiten Schneefelder des Pfadhorus, an das ſich im Oſten der Monte Moro anlehnt, die Scene. Nun betraten wir den Gletſcher. Die kleine Karavane wurde zur größeren Sicherheit durch das Seil in Verbindung geſetzt. An der Spitze ging der leichtfüßige Amſing, das eine Ende des Seiles um den Leib gebunden. Den Schluß bildete Luckmüller, und von beiden gleich weit entfernt war ich befeſtigt. Das Seil war lang genug, um einem jeden freie Bewegung zu geſtatten, was namentlich dann wichtig war, wenn ein Sprung über eine Gletſcherſpalte gemacht werden mußte. Anfangs war der Gletſcher ſo zerklüftet, daß die in der Tiefe dunkelblau ſchimmernden Spalten ohne Mühe geſehen werden konnten, ja meiſtens waren dieſe ſo weit, daß ſich an ein Ueberſpringen nicht denken ließ. Es mußte dann wohl ein weiter Umweg gemacht werden, bis auf der einen oder der anderen Seite der
eiß ſich verengte oder ganz verlor, und nicht ſelten irrten wir einige 2 auf den zuſammenhangloſen Eisinſeln umher, bevor der Weg ausfindig gemacht war, auf dem wir weiter vorwärts konnten. Je höher wir kamen, um ſo enger wurden die Spalten, und bald be⸗ durfte es großer Vorſicht, um die durch den friſch gefallenen Schnee leicht ausgefüllten Schlünde zu ermitteln. Sorgſam mit dem Alpen⸗ ſtock vortaſtend ging Amſing voran, und möglichſt in ſeine Fuß⸗ tapfen tretend folgten wir nach. Gegen den blendenden Schnee ſicherten wir uns durch grüne Schleier, die wir von den Hüten herab luſtig über das Geſicht flattern ließen. Die eigentliche Schwierig⸗ keit begann aber erſt, als wir nach mehrſtündigem Marſch über den Gletſcher auf den ſ. g. Firn kamen, d. h. die feſte Schnee⸗ oder vielmehr Eismaſſe, welche bereits ſo hoch liegt, daß die Sonne nur noch einen geringen Einfluß auszuüben vermag. Sie iſt deßhalb durch Spalten nur wenig durchbrochen, da dieſe einen Abfluß für geſchmolzenes Waſſer nicht zu gewähren brauchen. Hier wurde die Steigung eine bedeutendere. Wir konnten uns nicht mehr in gerader Linie vor⸗
wärts bewegen, ſondern mußten uns zu einem vielgewundenen Zick⸗
zack begnemen. Dabei war die Beſchaffenheit des Bodens möglichſt ungünſtig. Auf dem feſten Eiſe hatte ſich bei dem Unwetter der letz⸗ ten Tage eine Schicht loſen Schnees in einer Tiefe von durchgängig ein bis zwei Fuß gebildet, die aber an einigen dem Winde beſonders ausgeſetzten Stellen weniger mächtig war. An dieſen drang der Fuß durch bis auf das Eis, das nur bei dem kräftigen Tritt eines mit Eiſen ſtark beſchlagenen Schuhes einen Eindruck annahm. Da aber bei meinen Stiefeln die Nägel bereits ſehr glatt gelaufen waren, ſo glitten ſie an dem harten Eis machtlos ab, und die Folge war, daß ich, dem Geſetz der Schwere folgend, einem verzweifelten Zuge nach der Tiefe nachgab. Häufig faßte mich Luckmüller, noch ehe ich ins Gleiten kam mit kräftiger Fauſt und ſtützte mich, bis ich mit Hilfe meines Alpenſtockes wieder feſten Boden errungen hatte. Häufig aber auch war der Strick die einzige Rettung, indem er dem Rutſchen ein Ziel ſetzte und mich wieder zu meinen beiden Führern zurück⸗ beförderte. So kamen wir gegen 11 Uhr nach großen Anſtrengungen unmittelbar unter der Höhe des Paſſes an. Wir befanden uns auf einem kleinen Plateau. Vor uns dehute ſich ſcharf gezeichnet der weiße Kamm des Bergrückens, den wir noch zu überwinden hatten, und der uns in dieſer Nähe die Kette des Monte Roſa verdeckte. An einer Stelle ſenkte er ſich ſo ſehr, daß er nur noch etwa zehn Fuß über unſerm Standpunkt ſich erhob. Hier ſollte der Uebergang be⸗ werkſtelligt werden. Aber dieſe zehn Fuß waren die Höhe einer ſenk⸗ rechten Eiswand, und zwiſchen uns und der Eiswand befand ſich
eine Kluft in einer Breite von gleichfalls etwa zehn Fuß, die nur mit


