Jahrgang 
1865
Seite
133
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Er ſieht im ſanften, milden Licht

In Ruh und Frieden ſtill verblichen,

Der Mutter trautes Angeſicht,

Von dem jetzt Gram und Schmerz gewichen. Da will er ſeine Händlein recken

Die todte Mutter aufzuwecken;

Doch, ob er kindlich traut ihr ſchmeichelt Und ſanft die bleiche Wange ſtreichelt,

Auf die ſchon fällt des Morgens Licht Die todte Mutter weckt er nicht.

Dieſe tief ergreifende Scene hat Ludwig Richters Meiſterhand

in dem Bilde, das wir heute uſein; Leſern darbieten, unvergleichlich ſchön dargeſtellt. Der Künſtler hat dem Dichter aufmerkſam ge⸗

lauſcht und aus ſeiner Seele herausgezeichnet. Es gehörte freilich eines ſolchen Mannes Stift dazu; niemand hat ja, wie er, alle Pha⸗ ſen des häuslichen Lebens, insbeſondere den engen, trauten Verkehr zwiſchen Mutter und Kind, ſo verſtändnißinnig und tief erfaßt und ſo warm und anmuthig ſie miederdehehen. Darum haben wir auch dies Bild gerade für unſerDaheim ausgewählt; es erſchien uns als die ſchönſte und eigenthümlichſte Blüthe in demneuen Strauß fürs Haus*), der dieſes Jahr auf den Weihnachtstiſch kommt. Außer ihm enthält derſelbe noch vierzehn andere Blätter, alle voll Kindesſinn und ſchlichter Frömmigkeit, voll ſchalkhaften Humors und herzerwärmenden Frohſinns. Wie jauchzen und ſpringen die Kinder ſo munter umher beimJohannisfeſt, daß den Alten, die zuſchauen, ganz warm ums Herz wird und ſie ſchmunzelnd ſich mitfreuen. Auf einem anderen Bilde ſtiebt die Schuljugend auseinander, ſo laut und ſo ungeſtüm, man glaubt ſie ſchreien zu hören. Wie prachtvoll iſt die Scene aus Göthes Geſchwiſtern, wo die alte Käſefrau, mit der

*) Neuer Strauß fürs Haus von Ludwig Richter. Fünf⸗ zehn Zeichnungen in Holz geſchnitten von Profeſſor Bräa ner. Dres den, Verlag von J. Heinrich Richter.

Brille auf der Naſe, den Käſe bedächtig abwiegt und die Kinder ſo ernſt und weiſe zuſchauen! Welch unvergleichl icher Humor waltet in dem Uhlandſchen Recenſenten, der im lachenden Frühling und im hellen Sonnenſchein ſpazieren geht:

Nicht verſchmäh' ichs auszugehn Kleiſtens Frühling in der Taſche u. ſ. w.

Auf dem letzten Bilde glauben wir den Künſtler ſelbſt verjüngt zu ſehen, wie er, mit entblößtem Haupte, den droben ertönenden Engelchören lauſcht und an dem Kinderjubel zu ſeinen Füßen ſich erquickt. Die Worte, die er drunter deſaßriohon

Gott laß Dein Heil uns ſchauen, Auf nichts Vergänglichs trauen, Nicht Eitelkeit uns freun. Laß uns einfältig werden Und vor Dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich ſein! ſind tief bezeichnend für ſein Streben und ſeine Leiſtungen, aus denen durchweg uns ein echtes Kindesgemüth wohlthuend entgegentritt.

Ludwig Richters Augen haben, durch ſein langes, raſtloſes Schaffen, ſchon ſeit einiger Zeit ſehr gelitten, und faſt fürchteten wir, daß die Titelzeichnung zum Daheim des Altmeiſters letzte Arbeit für den Holzſchnitt ſein möchte. Um ſo mehr hat uns ſeine neueſte Gabe erfreut und erquickt; ein Strauß, ſo friſch, ſo voll, ſo ganz geeignet, Lenzesduft und Lenzesglanz unter dem Weihnachtsbaume zu verbrei⸗ ten. Wir haben keinen zweiten Künſtler in Deutſchland, deſſen Zeichnungen in ſolchem Maße Alt und Jung, Arm und Reich, Vor⸗ nehme und Geringe, gleichmäßig anzichen, als die Ludwig? Richters. Er iſt ein echter Volksdichter mit ſeinem Stifte; wie das Volks lied nur mit dem Volke, welches es ſingt, untergeht, werden auch ſeine Bilder leben, ſo lange es ein deutſches Volk gibt. Wir wün⸗ ſchen von Herzen, daß ſein Auge noch einmal recht erſtarken und daß ſeine Hand noch häufig zur Erhöhung unſerer Weihnachtsfreude bei tragen möge. R. K.

Aeber den Weißthorpaß.

Den ganzen Tag hatte der Bergwind einen unentſchiedenen Kampf mit den Wolken gekämpft, die ſchon ſeit Wochen mit einer für den Reiſenden wenig erfreulichen Ausdauer in den ſüdlichen Thälern des Monte Roſa heimiſch geworden waren. Ermüdet und verſtimmt über mein Mißgeſchick kam ich zu der Zeit, als die Sonne hätte untergehen können, im Hotel Monte Moro zu Macugnaga an. Zuweilen hatte ich wohl den blauen Himmel über mir geſehen und die Form einer der geringeren Bergſpitzen zu meinen Seiten beobach⸗ ten können. Aber auch nicht für einen Augenblick waren die dichten Nebelmaſſen von dem gezackten Haupte des Monte Roſa gewichen und hatten mir einen Blick auf den Bergrieſen geſtattet, deſſen ſenk⸗ recht ſteile Abgründe in wilder Pracht das Anzasca⸗Thal gegen Weſten abſchließen. Das Hotel war nur ſparſam von Engländern beſucht, von denen einige nach inhem echaihen Harren auf klares Wetter den Beſchluß gefaßt hatten, am folgenden Tage in die Ebenen Italiens zurückzukehren. Eie Familie, beſtehend aus zwei Herren und zwei Damen, war vor einigen Stunden über den Monte Moro aus dem Saas⸗Thal herübergekommen. Sie hatten viel zu erzählen von den Schwierigkeiten, welche ihnen durch friſch gefallenen Schnee und riadjch wellte Bergwaſſer bereitet ſeien, und rühmten die dabei von ihren Führern bewieſene Umſicht und Ausdauer. Mit dieſen Führern ſetzte ich mich in Verbindung. Sie hatten die Abſicht, am folgenden Tage nach Saas zurückzukehren, und da ich um jeden Preis den Uebergang über den Monte Moro durchſetzen wollte, ſo vereinigten wir uns leicht über die Bedingun⸗ gen, unter denen ſie den Transport meiner Sachen und die Leitung meiner Perſon übernahmen. Um 4 Uhr ſollte aufgebrochen werden und bis 8 Uhr ſtrömte der Regen, ſo daß an eine Wanderung über Gletſcher und weite Schneefelder nicht zu denken war. Gegen 9 Uhr klärte ſich der Himmel auf. Durch die Wolken ſchimmerte es hie und da blau hindurch und die jagenden Nebel ließen zuweilen den

Umriß einer Bergform ahnen. Meine Führer fragten an, ob ich den Uebergang über den Paß wagen wolle! Ein unbedingtes Ja war die Antwort, da es mich drängte, die Südſeite der Alpen, die ſich mir faſt nur in Regen und Nebel gezeigt hatte, wieder zu ver

laſſen. Und herrlich wurde unſer Muth belohnt. Wir waren kaum eine Stunde geſtiegen, als der Monte Roſa ſich zu entſchleiern an fing. Bald lag er in voller Pracht vor den ſtaunenden Augen und

hell ſtrahlte der friſch gefallene Schnee im Glanze der Sonne. Von keiner Seite gewährt dieſer Fürſt des Wallis einen großartigeren Anblick als an dem Südabhang des Monte Moro. Man iſt von ſeinem Fuße nur durch das Thal von Macugnaga getrennt, über dem er 14000 Fuß hoch ſeine vier Gipfel in der Richtung von Süden nach Norden emporthürmt. Ein großer Gletſcher umgibt ſeine ſüd⸗ lichſte Spitze und zieht ſich hinab in das Anzasca⸗Thal. Gegen O ſten aber iſt der Abſturz ſo ſäh, d daß für Schnee und Eis wenig Raum ſich findet. Nackte Felſen in einer Höhe von 8 10000 Fuß ſteigen hier faſt ſenkrecht aus dem Thale empor, und da die an den Monte Noſt nach Oſten ſich anſchließenden, nicht minder ſteil abfallenden Berge einen Halbkreis bilden, deſſen offene Seite nach Süden ge richtet iſt, ſo entſteht hier ein Felſenkeſſel von unbeſchreiblicher Wild⸗ heit, in dem ſich die Drünen Matten der Flur von Macugnaga verwegen hineindrängen. Lange jedoch ſollte mir der Genuß dieſes Aublickes nicht vergönnt ſein. Noch bevor wir die Höhe des müh ſam zu erklimmenden Paſſes erreicht hatten, waren wir wieder in Nebel eingehüllt, der uns nicht eher verließ, als bis wir auf der anderen Seite ein gut Stück hinabgeſtiegen waren. So ſchien ſich mir der Monte Roſa nur gezeigt zu haben, um mich fühlen zu laſſen, wie grauſam die Wolken gegen mich geweſen ſeien, die mir ſo lange Tage die Pracht des königlichen Berges verborgen hatten. Inzwiſchen hatte ich mit meinen Fühxarn, deren Franzöſiſch allerdings nicht leicht zu verſtehen war, über Land und Leute ſoweit