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Lin Blatt aus Ludwig Richters neuem Strauß.
Vor zehn Jahren hat ein deutſcher Dichter, Auguſt Becker,„Mein Kind, wer wird wohl Deine Mutter ſein?“ in halb epiſchem, halb lyriſchem Tone und in mannigfach wechſelnden Da glänzt ihr Lächeln wie der Sonne Schein, Verſen uns ein friſches, reiches Bild aus dem Volksleben des ſechs⸗ Als ſie in ihre Arme nahm den Kleinen, zehnten Jahrhunderts entworfen. Sein Gegenſtand und ſein Held Der ſchlafend noch der Todten Leib umfangen V war: Jung Friedel, der Spielmann. Friedels Jugendleben Und an ihr kaltes Haupt drückt ſeine Wangen, unnd Wanderzeit, ſeine Liebesluſt und ſein Liebesleid, ſeine Krieges⸗ Daß ſie wie Roſen bei den Lilien blühn. abenteuer und ſeine Heimkehr bis zu ſeiner letzten Heimfahrt, alles„Die Mutterliebe ſollſt Du nie beweinen, durchtönt von Liedern und Fiedelklang, ſehen wir entſtehen und Als Waiſe nie Dein Auge thränend glühn! vergehen in dieſem anmuthigen Gedichte. Jung Friedel iſt ein Ich will Dir Mutter ſein! An meiner Bruſt
Grafenſohn, aber ſeine Mutter entſtammt den niedern Schichten des Magſt Du Dir trinken lichte Lebensflamme,
Volkes, drum als der Vater ſtirbt, werden Mutter und Kind hinaus⸗ Die ewig Dir Dein Herz nicht läßt erkalten.
geſtoßen in die Fremde. Vor Gram und Kummer ſiecht das arme Ich will Dir Mutter ſein und treue Amme’ Weib einem frühen Ende entgegen, ihr Herz bricht ob dem Leide, das Und liebend Dich in meinen Armen halten.
ihr junges Leben ergriffen. Mit ſüßen Weiſen hat ſie ihr Kindlein In Dir, mein Kind, will ich mich offenbaren,
in Schlummer geſungen, da naht ihr der Tod. Zu meinem Prieſter will ich einſt Dich weihen,
b V . V V V Der Knabe ſchläft in ſüßer Ruh Die heilige Kraft des Liedes Dir verleihen, Sich ſchmiegend an ihr brechend Herz, Die noch allein der Welt kann Kunde geben Und noch ein Blick voll Mutterſchmerz, Von einem ſchönen reichen Geiſterleben. Dann fällt ihr ſelbſt das Auge zu. Drum magſt Du ruhig ſchlafen, Stille, Bleiche! —. Du biſt erwartet längſt im Geiſterreiche! Und draußen bebt und ſchwirrt es durch die Linde N ſt. 6 zſei 3 ngſ. i exrerche 1 2. 4 1 Von Deines Gleichen hab' ich ſchon ein Weſen Und flüſtert heimlich durch die ſchwanken Reben, Qur Jfſeaerin dos GE ir fon 14 Zur Pflegerin des Kindes mir erleſen! Und hörbar lauter ſpricht das Laub im Winde: 2 Man ſtir ier zeitli wi et zu leben!... V Man ſtirbt hier zeitlich, ewig dort zu leben! Und wieder legt das Kind ſie in die Wiege, Das ſüß ſchlummernde Knäblein iſt eine Waiſe, aber es ſoll Uas s zur kalten Mutterbruſt ſich ſchmiege; V eine andere Mutter haben die Tonkunſt ſoll ſeine Mutter werden, Und isetenhnacht ſir ſich lüſſend nieder, zum Spielmann wird er in der Wiege geweiht. Dr ſchweben ringsum leiſe Weihelieder, 1. Daß gleichſam jetzt der Todten Antlitz lächelt, Da ſteht urplötzlich dort ein Frauenbild Noch einmal ſelig, leiſe angefächelt In ſtiller Kammer, hehr, von Licht umfloſſen, Vom Hauch der Liebe, der durchs Zimmer weht, Das aus des Himmels blauendem Gefild So lang die holde Göttin drinnen ſteht. Nachtwandler Mond zur Erde hat gegoſſen. Und zärtlich beugt das fremde, hohe Weib Der Knabe ſelber lacht im Traum Aufs Lager hin den holden Götterleib, Und iſt alsbald vom Schlaf erwacht, E Wo Kind und Mutter ruhen, ſtill vereint. Er ſchaut umher, er faßt es kaum, Ob auch der Mutter Auge nicht mehr weint, Es iſt auf einmal ſtille Nacht. Mag ſie die Frage doch im Antlitz leſen, Die Göttin weilt nicht mehr im Zimmer, Die Frage, die ihr letztes Wort geweſen: Das noch erhellt des Mondes Schimmer.


