Jahrgang 
1865
Seite
130
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deckte, hatte ſich eine ziemlich zahlreiche Geſellſchaft zuſammengefunden. Verſchiedene Herren vom Hofe, die Miniſter Wartenberg, Wittgen⸗ ſtein und Wartensleben, Herr von Beſſer, der Hofpoet und der Cabinets⸗Secretär Ilgen bildeten Gruppen, die ſich über das zu erwartende Wunder lebhaft unterhielten. In der Nähe des Kamins, der bereits mit Feuerung verſehen war, gleichgültig für alles, ſtand Graf Ruggiero. Er war in ſchwarzen Sammet ge⸗ gekleidet, die Hemdmanſchetten hatte er ein wenig zurückgeſchlagen, ein lederner Schurz bedeckte ſeinen Leib. von den Genannten, nicht weit von der Eingangsthür, gewahrte man noch mehrere Männer, die ſich halblaut beſprachen. Es waren zwei Wardeine der königlichen Münze, zwei Goldſchmiede und der be⸗ rühmte Medailleur Falz. Die Uhren der Kirchen von St. Marien, St. Nicolai und des Domes brummten die zehnte Stunde.Mich wun⸗ dert, ſagte Herr von Beſſer zu dem Adepten,daß Sie, mein Herr Graf, noch keine Vorbereitungen zu dem Experiment getroffen haben. Ich kann mir doch unmöglich denken, daß ohne alle Apparate ein Reſultat zu erzielen ſei.

Sämmtliche Geräthſchaften werden durch Se. Majeſtät höchſt⸗ eigenhändig controlirt und mir geliefert, damit jeder Anſchein von Täuſchung verſchwinde, ſagte Ruggiero.Ich habe ferner ſelbſt um Anweſenheit Sachverſtändiger erſucht. Die Herren ſind bereits zu⸗ gegen..

Der Herr von Kamcke trat ein.Nun, Herr Maitre de la Garderobe, ſagte Wartenberg,kommen Seine Majeſtät?Der König wird ſogleich hier ſein, entgegnete Kamcke,er bringt die Geräthe und Geſellſchaft mit.Geſellſchaft?Ja. Es wird den Herrſchaften nicht unintereſſant ſein zu erfahren, daß Se. könig⸗ liche Hoheit der Herr Kronprinz den Wunſch geäußert haben, dem Experimente beizuwohnen. Die drei Grafen fuhren zuſammen. Der Kronprinz war ihr Dämon. Sie fürchteten ihn. Weshalb wollte er kommen? es war kein Intereſſe für die Sache, es war Miß⸗ trauen.

Faſt unmittelbar nach Kamcke erſchienen zwei Lakaien, welche einen Tragekorb herbeiſchleppten. In demſelben befanden ſich alle zu chemiſchen Arbeiten nothwendige Requiſiten. Einige Retorten, Schmelztiegel, Helme und Recipienten, ein kleiner Blaſebalg ſowie verſchiedene Formen. Hinter ihnen kam der König in Begleitung eines jungen, militäriſch gekleideten Mannes. Dieſer junge Mann zeigte ein ſchön geformtes Geſicht. Er hatte prachtvolle, große blaue Augen, die aber nicht weibiſch blickten, ſondern trotzig jeden anſchau⸗ ten. Hände, Füße und Beine zeigten äußerſt elegante und doch kräf⸗ tige Formen. Sein Haupt bedeckte eine Allonge⸗Perrücke, jene Tracht, die er ſpäter vollſtändig verwarf. Dieſer Mann war der Kronprinz, nachmaliger König Friedrich Wilhelm I., der Vater Friedrichs des Großen.

Die Gedanken der Grafen Wartenberg und ſeiner Genoſſen waren vollkommen richtig. Aufmerkſam gemacht durch ſeine Umgebung, kam Friedrich Wilhelm aus Mißtrauen gegen den Adepten, mehr noch aber, weil er eine neue Geldintrigue der Wartenbergs vermuthete, jener Leute, die er haßte und deren Treiben, wie er richtig ſchloß, den Untergang des Vaterlandes herbeiführen mußte. Friedrich Wil⸗ helm rettete factiſch das preußiſche Vaterland durch ſeine eiſerne Streuge, ſeine Sparſamkeit und weiſe Vorausſicht. Leider iſt, wie ſo vieles Große und Gute, dieſer bedeutende Mann bis heute noch nicht genügend anerkannt. Während alle Preußen dankbar ſeiner gedenken ſollten, finden ſich immer noch genug, die nur die Schwächen des Menſchen in den Vordergrund ſchieben, um effectvoll ſein ſollende Bilder zu liefern, welche oft leichtfertiger Weiſe hiſtoriſche genannt werden.

Der Kronprinz blieb in der Nähe der Geräthſchaften; unter⸗ deſſen hatte der König ſich dem Grafen Wartenberg genähert. Uebrigen ſtanden, den Rücken gegen die Wand gekehrt, im Kreiſe um⸗ her.Graf, ſagte leiſe der Monarch,ſind Sie Ihrer Sache gewiß?Ich glaube es ſein zu können, Majeſtät. Freilich ich bin ein Menſch und kann der Täuſchung unterliegen. Betrach⸗ ten aber Majeſtät doch nur den Grafen Ruggiero, wie unbefangen er ſich zeigt. Iſt das wohl die Haltung eines Betrügers?Sie haben Recht, ſagte der König.Sein Weſen iſt frei von jeder Aengſtlichkeit. Außerdem wollen wir haarſcharf unterſuchen. In⸗ deſſen will ich Ihnen nicht verſchweigen, daß mir Warnungen zuge⸗ gangen ſind.Sire! wäre es möglich?Ja, heute. Alſo faſt

Die

In einiger Entfernung

unmittelbar nach Ankunft Ihres Grafen Ruggiero.Wer iſt der Verläumder?Vorſichtig. Es iſt der Kurfürſt von Baiern. Wartenberg verſtummte.Der Kurfürſt hält Ruggiero für einen Betrüger, fuhr der König fort,er bittet mich, auf der Hut zu

ſein.Laſſen Majeſtät es auf die Probe ankommen.Es ſei. Während dieſer Unterredung hatten die Zuſchauer ſehen

können, wie der Adept ſeine Vorbereitungen traf, aber auch, wie jedes Stück erſt durch die Hände des Kronprinzen ging. Er nahm eigenhändig Tiegel, Retorten ꝛc. aus dem Korbe, klopfte, ſchüttelte und wendete beſichtigend alles hin und her. Erſt wenn er ſich von der Unverdächtigkeit überzeugt zu haben glaubte, reichte er es an Ruggiero.

Dieſer ſtellte ein Kohlenbecken über die Feuerung des Kamins, auf daſſelbe einen Tiegel, den er mit einer kleinen Lehmkruſte umgab. Ein zweiter Apparat beſtand in einer auf einem niederen Ofen liegenden Retorte.Beliebt es Ew. Majeſtät, ſo können wir begin⸗ nen, die Vorbereitungen ſind beendet, ſagte Ruggiero. Der König winkte bejahend.

Ruggiero näherte ſich dem Monarchen.Welche Subſtanz be⸗ fehlen Majeſtät in Gold verwandelt zu ſehen? fragte der Adept. Dieſe hier, fiel ſchnell der Kronprinz ein, aus ſeiner Rocktaſche eine große Düte hervorziehend. Sie enthielt Bleiſchnitzel, Stückchen alten Kupfers, einige Glasſcherben und Feilſpäne.Verwandelu Sie dieſen Schmutz in Gold, ſagte der Kronprinz mit ſarkaſtiſchem Lächeln.Ich bin bereit, antwortete Ruggiero kaltblütig.Wollen Königliche Hoheit zu Ihrer eigenen Beruhigung ſelbſt die Stoffe in den Tiegel werfen? Der Prinz näherte ſich ſchnell dem Kamine und ſchüttete den Inhalt der Düte in den Tiegel. Ruggiero zeigte nun ſein Fläſchchen.Hierin iſt das Geheimniß, ſagte er;ich bitte Ew. Majeſtät, es zu prüfen. Einige Tropfen von dieſer Flüſſigkeit gieße ich in die Retorte, laſſe ſie deſtilliren und vereinige ſie dann mit dem Inhalte des Tiegels. Dieſe Verbindung gibt Gold. Er reichte dem Könige mit einer Verbeugung das Flacon, der es dem Kronprinzen gab. Dieſer hielt es gegen das Licht; die Flüſſigkeit glich durch Blut gefärbtem Waſſer.Erlauben Sie gnädigſt, bat Ruggiero die Flaſche zurücknehmend und ſie öffnend. Er ſetzte ſie an den Mund und trank einen Schluck.Ich will nur dadurch be⸗ weiſen, wie ſchuldlos mein Elixir iſt. Nun zur Sache.

Der Adept goß einen Theil ſeines Geheimmittels in die Re⸗

torte, machte ein gelindes Feuer darunter und trat zurück.

Lautloſe Stille herrſchte in dem Gemache. Man hörte die Athemzüge der Anweſenden. Draußen pfiff und heulte der Wind um die Giebel und Thürme des Schloſſes, fuhr auf und nieder in dem großen Rauchfange und bewegte die Klappen des Kamins, daß ſie unheimlich kreiſchten. Aller Augen bohrten ſich an dem Tiegel feſt. Der König und der Kronprinz hatten die Arme über die Bruſt gekreuzt. Lauernd blinzelte Friedrich Wilhelm zu Ruggiero hinüber, der Adept ſtand unbeweglich. Wartenberg verrieth eben⸗ falls keine Uuruhe, obwohl es in ſeinem Innern gar ſtürmiſch aus⸗ ſah. Weun der Adept mit ſeiner Probe verunglückte, ſo war es mindeſtens eine ungeheure Blamage für den Grafen, ein Schritt näher zum Sturze, den der Kronprinz ihm vorbereitete. Der erſte Miniſter, der ſeinem Könige einen Betrüger empfahl das wäre ein Stoß, der den Grafen in den Sand ſtrecken mußte.

Da ziſchte es laut auf! Die Maſſen im Tiegel wallten, eine Bewegung in der Retorte ward ſichtbar: die geheimnißvolle Flüſſig⸗ keit hatte ſich mit den gemeinen Stoffen des Tiegels verbunden. Eine feine, weiße, wohlriechende Dampfwolke ſtieg auf und kräuſelte ſich bis zur Decke empor.Es iſt geſchehen, ſagte Ruggiero. Wollen Majeſtät und königliche Hoheit die Gnade haben, näher zu treten? Die hohen Herreu ſchritten zum Ofen.

Noch fließt die Materie, belehrte Ruggiero;aber ſchon ſtockt der Fluß. Ich muß ihn wieder in Gang bringen. kupfernes Stäbchen und rührte in der Maſſe. Sdie quoll in Blaſen bis zum Rande des Tiegels, eine Dunſt⸗ ſchicht lagerte auf ihr und hin und wieder zuckten kleine Blitze gleich feurigen Schlänglein darin; dann ſenkte ſie ſich bis auf den Boden des Schmelzgefäßes.Noch zehn Minuten und wir können das edle Metall haben, ſagte der Adept. Als man einige Zeit gewartet hatte, befühlte er den Tiegel.Nehmen Sie es heraus, ſagte er

Er nahm ein

dann. Nun traten Falz, die Münzwardeine und die Goldſchmiede herzu. Die Aſchenlage, welche man zuerſt gewahrte, wurde vorſich⸗

ff