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„Betrachten doch Excellence unſer altes, berühmtes Käſtchen; wo iſt die Kupferarbeit geblieben, die ſtets bewundert ward? die Arbeit des Brüſſeler Meiſters. Es ſtrahlt alles und funkelt wie Gold.“
Jetzt erſt richtete Wartenberg ſeine Augen auf das Küäſtchen. Die Anweſenden waren näher getreten.„Ciel!“ rief der Miniſter. „Wahrlich— ein merkwürdiges Changement! Sehen Sie, meine Verehrten, dieſe Henkel, dieſe Platten, dieſe Knäufe waren Kupfer. Sie ſind Gold. Ha, jetzt fällt es mir ein, dort im Saale ließ ich Ruggiero allein; er hat uns eine Probe ſeiner Kunſt gegeben. Mon dieu, welch ein Mann! er hat keine zehn Minuten zu der Verwand⸗ lung gebraucht.“
Das Staunen der Herren und Damen machte einem förmlichen Beifallsjauchzen Luft. Man hatte eine Probe der Zauberkunſt vor ſich— und der beſcheidene Künſtler war dem Beifalle der Menge ausgewichen. 1
In der That blitzten die ehemaligen Kupferbeläge im ſchönſten Goldſcheine. Das Kerzenlicht erhöhte den Glanz. Die herrliche Arbeit: ein Raub Ganymeds, eine Dianenjagd, an den Henkeln ge⸗ flügelte Schlangen, der Deckel in Form zierlich gerippter Muſcheln, die Knäufe kleine Meduſenhäupter,— trat durch die ſo eben er⸗ haltene Vergoldung aus ihrer Umrahmung und jetzt erſt ſah man die Schönheit der Formen an den Figuren der Bildwerke. Es war freilich nur eine Vergoldung— aber es genügte, um die Gold⸗ macherkunſt Ruggieros außer allen Zweifel zu ſtellen. Wer ſo ſchnell die Wandlung bewerkſtelligen konnte, über welche Mittel mußte der gebieten?
Spät erſt trennte man ſich, und zwar mit größter Befriedigung über den ebenſo ſeltenen als genußreichen Abend. Faſt bei allen Mitgliedern der Geſellſchaft war Ruggieros Ruf begründet.
Zwei Gäſte gingen, gegen die Herbſtluft in ihre Mäntel ge⸗ hüllt, ſchweigend die Königsſtraße entlang. Nach einigen Dutzend Schritten blieben ſie ſtehen und ſahen einander an.„Was iſt Ihre Meinung über die heute erlebte Comödie?“ fragte der Jüngere den Aelteren.„Rund heraus geſagt? ei nun, daß wir einen Betrüger mehr in Berlin haben,“ antwortete der Gefragte.„Das iſt meine Meinung. Geben Sie Acht, dieſer Graf oder Marquis iſt ein neues Werkzeug in den Händen der Wartenbergs. Wir werden bald mehr hören.“
„Was iſt zu thun? Der Miniſter hat das Ohr des Kö⸗ nigs.“„Wollen Sie mir folgen?“„Gewiß.“
„Sprechen wir morgen ſogleich mit dem Kronprinzen. Er
wird dem Goldmacher auf die Finger ſehen; er läßt ſich nicht dupiren.“
„Wenn Ruggiero aber wirklich Gold zu machen verſtünde?“ „Poſſen! Sie wiſſen ſo gut als ich, daß es Betrügerei iſt. Aber dieſer Betrüger iſt gefährlicher als die andern.“
„Sie haben Recht, wir müſſen eilen. Ruggieros Entlarvung iſt ein Mittel mehr zum Sturze des Grafen und ſeiner Clique.“ „Auf Morgen denn beim Kronprinzen.“
„Beim Kronprinzen! Gute Nacht, Herr von Kamcke.“ Nacht, lieber Ilgen.“
Die Männer trennten ſich an der Ecke der heiligen Geiſtſtraße.
„Gute
Mißmuthig ſchritt König Friedrich I. von Preußen in ſeinem Kabinete auf und nieder. Schweigend, die zahlreichen Papiere durchſehend, ſtanden in einiger Entfernung hinter dem Arbeits⸗ tiſche die drei Miniſter von Wartenberg, von Wittgenſtein und von Wartensleben. Der Volkswitz hatte ſie„das dreifache W“ getauft.
Die Audienz ſchien unangenehme Erörterungen herbeigeführt zu haben, denn der Monarch ſprach in heftigem Tone. Das war auch ganz natürlich.
Die neugeſchaffene Königskrone ſollte— mußte Glanz ver⸗ breiten. Woher die Mittel nehmen? Kopfſteuer, Beſteuerung von Perrücken, Wagen u. ſ. w Alles war verſucht, aber der König nicht allein, auch die Räthe, die drei Grafen bedurften zu gewalti⸗ ger Ausgaben; für das kleine Reich Preußen wollte die große Pracht ſeiner Verwalter andere Hilfsquellen haben.
„Nun ſehen Sie, meine Herren,“ rief Friedrich,„da halten Sie die Beweiſe in Händen. Heute noch Liquidirungen von der Hochzeit des Kronprinzen her. C'est un scandale. In welchen
Händen bin ich? Ich muß Sie anhalten, das alles abzumachen. Es I1. 10. 2——
ſoll keiner meiner Unterthanen mit gerechten Anſprüchen auf Be⸗ friedigung warten. Suum cuique! Sie wiſſen, was das ſagen will.“
„Majeſtät,“ nahm Wartenberg das Wort,„wir fühlen mit Hochdemſelben, aber es iſt thatſächlich eine böſe Zeit. Wie ſoll es bewerkſtelligt werden? Die Erhöhung der Kopfſteuer hat im ver⸗ gangenen Jahre ſtattgefunden, kann man es wagen, einen neuen Aufſchlag zu decretiren?“
„Die Domainen ſollten beſſer verwaltet ſein— beſſer ſage ich. Ich will niemanden beſchuldigen, aber es ſcheint mir, daß da allerlei vorgeht. Wenn nicht ſo viel Geld über den Rand flöſſe, ſo würde für Uns ſchon noch einiges bleiben.“
„Der Kronprinz,“ flüſterte leiſe der Graf Wittgenſtein dem Grafen Wartenberg ins Ohr.„Es kommt vom Kronprinzen.“„Ma⸗ jeſtät thun wider Ihren Willen den treuen Dienern Unrecht,“ ſagte Wartensleben.„Es wird alles geſchehen, um die Wünſche unſres königlichen Herrn zu befriedigen, die Ausgaben für den Staat ſind auch ſtets zu decken. Anders verhält es ſich mit Ew. Majeſtät Haus⸗ ſtaat. Zu dieſem ohne Zweifel nothwendigen Aufwande und der Entfaltung königlicher Pracht bedarf es größerer Mittel oder man muß in Unterthänigkeit beantragen, daß——“„Nun?“ rief der König,„daß was? weshalb zaudern Sie?“„Daß Einſchränkungen ſtattfinden.“
Der Miniſter hatte den wunden Fleck getroffen. Der König, voll Eifer, ſeiner jungen Krone nichts zu vergeben, haßte das Wort „Einſchränkung“.„Ha,“ rief er,„Sie ſind dreiſt, Wartensleben. Sie kennen auch meine Antipathie gegen Knickerei. Nicht wahr? damit ſich meine Gegner über das papierne Diadem fein luſtig machen können? Königskronen ohne Diamanten, Hermeline ohne Schleppen? Nichts da;— Es ſoll mir ein neuer Entwurf vorgelegt werden. Ausarbeiten, Wittgenſtein! ausarbeiten.“
Die Drei verneigten ſich ſtumm. Sie hatten ihren Zweck er⸗ reicht, wieder ein Mal war der Geldſturm vorüber. Nach kurzer Pauſe winkte Wartensleben dem Grafen Wittgenſtein mit den Augen; dieſer ſah Wartenberg fragend an und der Graf gab ein zuſtimmendes Zeichen.
„Majeſtät,“ begann der Miniſter,„inmitten der Geſchäfts⸗
ſorgen taucht eine Hilfe aus dem Boden, ſo zu ſagen, herauf. Wir glauben mit gutem Gewiſſen dieſelbe empfehlen zu können.“„Welche
iſt es?“ fragte erſtaunt der Monarch.„Ein Mann, der die Kunſt des Goldmachens verſteht und bereits Proben abgelegt hat.“„Das wäre? wo weilt er? kann man ihn ſehen?“„Er iſt ſeit vorgeſtern in Berlin.“
„Und nennt ſich?“„Conte de Ruggiero.“„Ich habe nur eine gewiſſe Scheu vor ſolchen Leuten,“ ſagte der König mißtrauiſch, „wie oft wurde man ſchon hintergangen! Kennen Sie den Mann, Wartenberg?“„Er hat meinen Cercle beehrt, Majeſtät, und eine ſtaunenswerthe Probe ſeiner Kunſt abgelegt.“„Hm, hm,“ mur⸗ melte der König.„Würde er ſich zu einer Probe vor mir verſtehen?“ „Ew. Majeſtät haben zu befehlen.“„Es ſei. Wenn er beſteht, ſo wäre das freilich ein Geſchenk des Himmels.“„Es iſt ſelbſt⸗ verſtändlich, daß ohne Proben, die keinen Zweifel gegen des Mannes Geſchick aufkommmen laſſen, wir Ew. Majeſtät nie zur Anſtellung des Adepten rathen würden,“ ſagte Wartenberg.„Berufen Sie den Mann auf das Schloß,“ befahl der König.„Ich will ihn vorher ſprechen.“„Er wird pünktlich erſcheinen.“— Am Nachmittage deſſelben Tages hatte Ruggiero, eingeführt durch den Miniſter, eine geheime Unterredung mit dem Könige. Als er aus dem Cabinet des Monarchen trat, ſagte er zu dem harrenden Grafen:„Alles in Ordnung! meine Sachen— Ihre Sachen ſtehen gut, der König hat morgen Nacht auserſehen, um einer Probe meiner Kunſt in Per⸗
ſon beizuwohnen. Laſſen Sie alles herrichten, Graf, wir werden triumphiren.“
Die Zimmer des königlichen Schloſſes zu Berlin, welche nach der Burgſtraße hinausgehen, waren feſt geſchloſſen und dicht ver⸗ hängt. Ein matter Lichtſchein verrieth indeſſen, daß hinter den herab⸗ gelaſſenen Gardinen irgend etwas vorgehe, denn zuweilen huſchten Schatten vorüber und bald ward der Lichtſchein ſtärker, dann wieder ſchwächer.
In einem der gewölbten Gemächer, deſſen Hinterwand ein mächtiger Kamin, mit koloſſalem Rauchfange verſehen, faſt ganz be⸗


