Jahrgang 
1865
Seite
128
Einzelbild herunterladen

heure Diamanten feſtigten die Achſelſchleifen, das Halstuch ſo wie die aus Perlen beſtehende Hutagraffe. Ebenſolche Steine zierten das Degengefäß und die Schuhſchnallen des Adepten.

Dieſe ſtrahlende Außenſeite ward nun aber durch eine ebenſo gewandte, als liebenswürdige Unterhaltung gehoben. Ruggiero verſtand alles, er war überall heimiſch, in allen Sätteln gerecht. Dabei wußte er ſeine Anſichten und Behauptungen mit ſolcher Be ſcheidenheit vorzutragen, daß ſein ganzes Weſen höchſt vortheilhaft gegen das marktſchreieriſche und prahleriſche Verfahren abſtach, welches nur zu häufig die Männer der geheimen Wiſſenſchaft in unangenehmer Weiſe kennzeichnete.

Wcoher er eigentlich kam, wußte niemand zu ſagen, indeſſen verrieth ſein Dialect deutlich den Italiener, wie er denn auch ſelbſt vorgab, in Neapel geboren zu ſein.

Sobald die Gräfin den Conte verabſchiedet hatte, war derſelbe Gemeingut der Geſellſchaft geworden und verſtand es mit großer Geduld, die albernſten oder dreiſteſten Fragen anzuhören und zu beantworten. Endlich hatte ſich der erſte Taumel gelegt und einer ruhigeren Betrachtung Platz gemacht. Ruggiero genoß von den herumgereichten Speiſen der Wundermann wie ein gewöhn⸗ licher Menſch.

Auf den Geſichtern verſchiedener Herren und Damen prägte ſich daher der lebhafte Wunſch aus, irgend etwas möge von Seiten des Adepten geſchehen, was ihm den Anſtrich des Uebernatürlichen ver⸗ leihen und die Beſucher der Salons recht aus dem Grunde erſchüt⸗ tern könne. Der Kammerjnnker von Dohna übernahm es endlich, dem Conte nicht undeutlich zu verſtehen zu geben, daß man ein Wunder erwarte. Dies fing er folgendermaßen an:Sie haben ausgezeich⸗ net ſchöne Steine, Herr Graf, ſagte er zu dem Adepten,ich muß geſtehen, daß ich nie dergleichen geſehen habe.Dieſe hier ſind ein Erbſtück meiner Familie; keineswegs durch mich erworben, ſagte beſcheiden Ruggiero,ſie ſtammen aus einer Beute, welche einer meiner Vorfahren in den Kreuzzügen machte. Urſprünglich haben ſie wohl Bruſt und Haupt eines Paſchas geziert. Die Faſſung iſt ſelbſtverſtändlich neu.

Prächtig gefaßt, warf der Herr von Beſſer ein,dieſe Enceinten der Steine ſind ſo leicht und geſchmackvoll arrangirt, daß man glauben möchte, ein Hauch könne ſie trennen.

Ich bewundre jetzt das Gold mehr als die Steine, meinte Herr von Dohna,ohne Zweifel iſt es.Von mir ſelbſt verfertigt, ſagte Ruggiero leichthin,wenn ich deſſen bedarf, ſo fabricire ich immer ein kleines Quantum. Die Geſellſchaft ver⸗ ſtummte.

Es iſt doch ein herrliches Ding um dieſe ſchöne Kunſt, be⸗ gann Dohna wieder.Leider gehört mehr denn ein Menſchenalter dazu, um ſie in der Praxis ausüben zu können.

Halten Sie mich für Methuſalem? fragte lächelnd der Adept.Das nicht, aber erſtens ſind Sie auf jeden Fall, Sie ver⸗ zeihen, Herr Graf, älter als Sie ausſehen, dann auch denke ich mir, Sie haben doch bereits von Ihren Vorfahren gewiſſe Anleitungen bekommen, denen Sie nachgegangen ſind, auf deren Grund und Boden Sie weiter bauten.

Allerdings habe ich nicht alles aus mir ſelber. Die Uran⸗ fänge der Alchymie ſind aus dunkler Vorzeit her nachzuweiſen. Allein was früher lange Zeit währte, erreichen wir, namentlich ſeit

Paracelſus, weit ſchneller und auf einfacherem Wege, als unſre

Vorfahren; ja ſelbſt jenes großen Meiſters Syſteme ſind heute ſchon Gegenſtände der Unterſuchung. Wir ſchwören nicht mehr blindlings auf ihn. Ich wenigſteus gehe meinen eignen Gang. Iſt dies Verfahren nun ſehr umſtändlich? ſelbſt? Keineswegs. einen Liquor, den ich in die Tiegel gieße. Dieſer Liquor ſelbſt iſt ſchwer zu gewinnen. Wer ihn bereiten kann, kann eben Gold machen. Im Augenblick verwandelt ſich das Metall durch ſeine Berührung. Ich trage ſtets ein Fläſchchen davon bei mir.

Der Adept griff unter ſeine Weſte und zog eine an goldener Kette befeſtigte Kapſel, welche er auf der Bruſt trug, hervor. Die Kapſel war mit goldnen Fäden netzartig umſtrickt und enthielt eine farbige Flüſſigkeit. Die Geſellſchaft erhob ſich auf die Fußſpitzen, reckte die Hälſe, und ein Schweigen der Erwartung lagerte auf ihr. Man hoffte nun die ſofortige Umwandlung irgend eines werth⸗ loſen Gegenſtandes in Gold mit anſehen zu können. Statt deſſen

Die Verwandlung ..: ſ Ich bewirke die Wandlung der Metalle durch

118

erfolgten nur verſchiedene, faſt wiſſenſchaftliche Mittheilungen über die Natur der Metalle ſeitens des Conte, und als er ſeine Rede beendigt hatte, verſchwand das geheimnißvolle Fläſchchen wieder unter der Weſte.

Um den wichtigen Gaſt eine Zeitlang der allgemeinen Neu⸗ gierde und Zudringlichkeit entreißen zu können, lud Graf Warten⸗ berg ihn ein, die Bildergallerie des Hotels in Augenſchein zu nehmen. Beide Herren betraten den Saal, woſelbſt der Graf mancherlei werth⸗ volle Gemälde aufgeſpeichert hatte. Ruggiero verbreitete ſich mit großer Sachkenntniß über die verſchiedenen Schulen und Meiſter zur großen Verwunderung des Grafen, der den Gaſt einige Minu⸗ ten allein laſſen mußte, da ihm der Graf Wittgenſtein gemeldet ward.

Ruggiero blieb in der Gallerie zurück. Sobald der Italiener ſich ohne Zeugen ſah, warf er ſeine Blicke umher. Nachdem ſie die Räumlichkeit durchſchweift hatten, blieben ſie auf einem zierlichen, im Geſchmacke Ludwigs XIII. gefertigten Käſtchen haften.

Ruggiero ſah ſich vorſichtig um die Geſellſchaft war in den von der Gallerie durch einen Corridor getrennten Zimmern, er konnte durch die geöffneten Thüren jede Perſon und jede Bewegung der Verſammelten bemerken. Das Käſtchen ſtand auf einem Trink⸗ tiſche, einer Art von Buffet; dies gehörte zu den nothwendigen Ge⸗ genſtänden einer comfortablen Zimmereinrichtung jener Zeit: ſolche Tiſche trugen die Diener am Schluſſe jedes Beiſammenſeins einer großen Geſellſchaft in die Mitte des Zimmers. Das Käſtchen ward auseinandergeſchlagen und zeigte nun ſeinen Inhalt, der in einer Anzahl ſchön geformter Glasflaſchen, gefüllt mit Liqueuren, ſüßen Pflanzenſäften und anderen Näſchereien beſtand. Der Wirth oder die Wirthin kredenzte den Gäſten einen Abſchiedstrunk und ver⸗ ſah die Damen mit Süßigkeiten für den Heimweg.

Ruggiero näherte ſich dem Tiſche, deſſen Benutzung am heuti⸗ gen Abende keinem Zweifel unterlag. Die Vorderſeite, die Henkel und der Deckel des Flaſchenkäſtchens zeigten ſehr ſchön eiſelirte Kupferarbeit. Die rothen Kupferplatten traten in effectvoller Weiſe gegen die Ebenholzfaſſung und das Effenbeinſchnitzwerk hervor, welche ſie einrahmten.

Der Adept betrachte noch einmal die entfernte Geſellſchaft. Man war in allgemeiner Unterhaltung begriffen. Schnell öffnete er nun ſeine Weſte und zog das Fläſchchen hervor, deſſen goldnen Ver⸗ ſchluß er löſte. Nachdem er eine Zeitlang an dem Kaſten be⸗ ſchäftigt geweſen, entfernte er ſich und trat vor ein Bild, in deſſen Betrachtung er ganz verſunken ſchien, als der Miniſter mit dem Grafen Wittgenſtein eintrat, dem er den Conte vorſtellte.

Bereits ſeit einer Stunde hatte Ruggiero ſchon das Hotel Wartenberg verlaſſen. Die zurückgebliebene Geſſellſchaft unterhielt ſich lebhaft über den Wundermann, ſein ganzes Weſen ſprach zu ſeinen Gunſten, er zeigte nicht die geringſte Färbung des Charlatans, ſondern glich nur einem Gelehrten im Kleide des Weltmannes. Jeder andre würde die Geſellſchaft durch irgend welche marktſchreie⸗ riſchen Kunſtſtücke unterhalten haben, er zog es vor, beſcheiden den glänzenden Kreis zu verlaſſen, in welchem er ſo leicht den Mittel⸗ punkt bilden konnte.

Die Pendulen der Salons ſchlugen die Mitternachtsſtunde.

Die Gräfin gab das Zeichen, den Tiſch mit dem Käſtchen her⸗ beizubringen, um den Scheidetrunk zu kredenzen. Vier Diener ſetz⸗ ten das Möbel in die Mitte des Empfangſaales. Der Haushof⸗ meiſter trat hinzu, um die Flaſchen herauszunehmen, während neben ihm Diener mit ſchweren ſilbernen Tablets, auf welchen Gläſer be reit ſtanden, ſeines Winkes harrten. Zur Verwunderung des Gra⸗ fen von Wartenberg blieb der alte Diener ganz betroffen vor dem Käſtchen ſtehen, er betrachtete es von allen Seiten, ſchüttelte ſein graues Haupt und wagte kaum den Deckel zu berühren.

Eh bien, Valentin! rief der Miniſter laut in den Saal hinein,was ſoll das Zaudern? vite! die Gläſer.

Excellence, ich bin ſo betroffen geweſen.Warum? fragte Wartenberg an den Kredenztiſch tretend.Ich weiß nicht Ex- cellence haben wohl die Aenderung beliebt. Aber ich habe doch noch vor einer Stunde das Käſtchen des bouteilles et des caraffes in der Hand gehabt, und daher war mir deſſen Verwandlung ſo merkwürdig.

Welche Verwandlung? Mein alter maitre d'hötel ſcheint ni bei ſich. g ma el ſcheint nicht

A